Theophobie

Rezension von Markus Till
29. April 2026 — 10 Min Lesedauer

Als ich gebeten wurde, das Buch Theophobie: Warum Gott nicht sicher, aber gut ist zu rezensieren, war mein Interesse gleich geweckt. Schließlich durfte ich den Autor Dr. Manuel Gräßlin schon persönlich kennenlernen – ebenso wie seinen Doktorvater Prof. Stefan Schweyer von der STH Basel. Letzterer hat das Anliegen des Buchs aus meiner Sicht sehr treffend wie folgt zusammengefasst[1]:

„Gott ist größer als unsere Vorstellungen, die wir von ihm haben. Diese tiefe Wahrheit erfordert, dass man sich immer wieder von den eigenen Glaubensvorstellungen befreien muss. Das kann ‚Theophobie‘ auslösen – nämlich die Angst, dass Gott anders sein könnte, als man ihn sich wünscht. Manuel Gräßlin macht mit seinem Buch Mut, sich diesen Ängsten zu stellen. Denn wenn es stimmt, dass Gott sich uns liebevoll zuwendet, dann lohnt es sich, ihm zu vertrauen und die eigenen Gottesvorstellungen aufbrechen zu lassen.“

Das Buch will also ermutigen, die Angst vor einer gottgewollten Glaubensdekonstruktion zu überwinden. Dabei soll die Bibel der leitende Maßstab sein: „Im Letzten darf, soll und muss die Bibel mein Glaubenssystem dekonstruieren und nicht mein Glaubenssystem die Bibel“ (S. 44). „Dekonstruktion darf nicht bedeuten, dass ich … mir mein eigenes Glaubenssystem zusammenbastle“ (S. 46), sondern sie soll „vor Gott, unter seiner Autorität und zu seiner Ehre“ geschehen (S. 47). Sie muss Hand in Hand gehen mit einer Rekonstruktion in der Erwartung, „dass mir jemand, wie Mose vom Berg Sinai, Gottes Wort bringt“ (S. 46). Entsprechend empfiehlt Gräßlin, „dass man es sich angewöhnen muss, Bibel zu lesen; dass man es sich antrainieren muss, seine Sorgen im Gebet auf Gott zu werfen; dass man es einüben darf, seine geistlichen Sinne zu trainieren, um Gott im Alltag wahrzunehmen“ (S. 133).

Das kann ich nur unterstützen. Eine bibelzentrierte De- und Rekonstruktion bzw. Reformation falscher Glaubensvorstellungen muss in der Tat ein lebenslanges Anliegen jedes Jesus-Nachfolgers sein. Umso überraschender ist es, dass Manuel Gräßlin neben konservativen Stimmen wie Timothy Keller, C.S. Lewis oder Dallas Willard häufig auch bibelkritischen Theologen Raum gibt. In den von Gräßlin empfohlenen Werken von Paul Tillich, Dorothee Sölle, Thorsten Dietz, Tomáš Halík, Kurt Marti oder Martin Thoms werden teils auch zentralste biblische Botschaften dekonstruiert.

Narrative aus dem bibelkritischen, postevangelikalen und progressiven Umfeld

Trotzdem übernimmt Gräßlin viele Narrative, die mir im bibelkritischen, postevangelikalen und progressiven Umfeld häufig begegnet sind:

Eine hohe Wertschätzung des Zweifels

Mit Paul Tillich ist Gräßlin überzeugt, dass „es keinen Glauben ohne Zweifel gibt“ (S. 33).

„Ich kann und ich muss nicht alles verstehen, was in der Bibel steht. Ja, ich darf auch an manchen Dingen zweifeln. Denn Jesus ist nicht nur für meine Sünde gestorben, er ist auch für meinen Zweifel ans Kreuz gegangen. Jesus rechtfertigt mich nicht nur als Sünder, er macht mich auch als Zweifler gerecht.“ (S. 32)

Die Vorstellung, dass Gott sich progressiv weiterentwickelt

„Niemand bleibt, wie er war – auch Gott verändert sich“. (S.76)
„Die Sintflut hat nicht das Herz des Menschen, sondern das Herz Gottes weich gemacht und verändert.“ (S. 82)

Auch Menschen, die Christus nicht kennen, könnten zu Gottes Volk gehören

„Ist die Hölle schlussendlich viel kleiner und der Himmel viel größer als allgemein angenommen …? Oder haben auch andere Religionen Anteil an Gottes Wahrheit und führen deshalb ebenfalls zum ewigen Heil …? Diese Fragen möchte ich hier nicht beantworten … Allerdings ist für mich an dieser Stelle eine Tatsache entscheidend …: Gott handelt … in dieser Welt an vielen Stellen inkognito. Und weil Gott inkognito handelt und anonym agiert, gibt es vielleicht auch so etwas wie … ‚anonyme Christen‘. Also Christinnen und Christen, denen gar nicht bewusst ist, dass sie diesem Jesus angehören.“ (S. 199)

Gott spricht auch durch Zeitgeist und Säkularisierung

„Wenn der Zeitgeist tanzt – tanzt Gottes Geist mit“. (S. 196)
„Auch dieser [Zeitgeist] muss wieder-gelesen werden, vielleicht sogar als eine Art Text, an den sich Gott bindet, in dem Gott anwesend ist.“ (S. 203)
„Die Heilige Geistkraft wirkt … vermutlich auch in Zeitgeistströmungen wie Fridays for Future, Black Lives Matter oder #MeToo … Denn was wäre eigentlich, wenn diese zeitgeistigen Bewegungen … moderne Geschichten Gottes sind oder Gleichnisse seiner geisterfüllten Gegenwart – und damit eben Offenbarung, Reden und Handeln Gottes in der gegenwärtigen Geschichte? In Fridays for Future etwa klingt der Schöpfungsauftrag an, dass der Mensch die Erde bewahren soll (Genesis 2,15) – prophetisch gerufen von jungen Menschen (Joel 3,1), die der Kirche oft fremd gegenüberstehen, aber möglicherweise in Gottes Namen handeln, ohne es zu wissen.“ (S. 202)
„Vielleicht verwandelt die Säkularisierung unsere Glaubensvorstellungen und Kirchenbilder, damit Glaube und Kirche wieder neu erlebbar werden und an Relevanz gewinnen. … ich möchte einfach mal die Behauptung in den Raum stellen, dass in der Säkularisierung eine prophetische Stimme Gottes gehört werden kann.“ (S. 191)

Hilft der Postevangelikalismus, das Christentum anschlussfähiger zu machen?

Manuel Gräßlin kritisiert zwar Auswüchse postevangelikaler Dekonstruktion, würdigt sie aber doch in Teilen. Denn dort werde

„korrekt erkannt und aufgearbeitet, dass evangelikale Überzeugungen und Handlungen in einer nach-christentümlichen Gesellschaft kaum noch gesellschaftlich anschlussfähig sind. Der postevangelikale Versuch, dem entgegenzuwirken, ist wichtig und richtig. … Mit Fug und Recht behauptet die postevangelikale Bewegung, dass die (evangelikale) Theologie ohne Dekonstruktion verloren gehe oder sogar bereits verloren sei.“ (S. 43)

Verhilft ein postevangelikaler Einfluss der Kirche Jesu also zu mehr gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit? Genau das hat liberale Theologie ja schon immer versprochen, aber noch nie eingelöst. Trotzdem scheint Manuel Gräßlin auf einen solchen Effekt zu hoffen.

Konkret wird das beim Thema Sünde. Laut Gräßlin

„braucht es, wie Bonhoeffer es selbst einforderte, eine ‚nicht-religiöse Interpretation‘ des christlichen Glaubens, allen voran des Sündenbegriffs, für eine postchristliche Zeit. Es erfordert … das Wagnis, Sünde neu zu denken und für unsere Zeit verständlich zu kommunizieren. Nur dann kann sich der Glaube aus dem Hören überhaupt einstellen.“ (S. 112)

Gräßlin übernimmt dafür die im postevangelikalen Umfeld verbreitete Sichtweise, Scham und Angst seien im Sündenfallbericht nicht etwa die Folge von Schuld, sondern sie stünden gleichrangig daneben: „Neben Scham und Angst tritt im Sündenfall auch das Thema Schuld hervor: Adam und Eva haben Gottes Gebot übertreten und fühlen sich ertappt“ (S. 115). Das Thema Schuld wird also zur „Neben-Sache“ einer Evangeliumsbotschaft, in der die (heutzutage angeblich besser vermittelbare) Erlösung von Scham und Angst gleichberechtigt mit im Zentrum steht. Im Artikel „Ist Jesus für unsere Scham gestorben?“ habe ich begründet, warum ich diesen (u.a. von Andreas Boppart populär gemachten) Ansatz für hochproblematisch halte. Aus biblischer Sicht kann es keine Entschämung ohne Entschuldung geben.

Postevangelikale Perspektiven in der Kreuzestheologie

Am meisten schmerzt mich im Buch Theophobie aber das Kapitel zur Kreuzestheologie. Mit dem Theologen Kurt Marti ist Gräßlin überzeugt: Letztlich seien sämtliche „Deutungsversuche oder (Sühne-)Theorien“ der Kirchengeschichte nur „Annäherungen“ und „hilflose Versuche, Gottes unendliche Leidenschaft, mit der Er sich selber aufs Spiel setzt (ein mögliches Scheitern nicht scheuend) in Begriffe … zu fassen“ (S. 103/106). Zur Theologie des Anselm von Canterbury stellt er die im postevangelikalen Milieu häufig gestellte Frage:

„Warum kann Gott dem Menschen seine Schulden nicht einfach so, ohne den gewaltvollen Tod von Jesus, erlassen – wie er es auch im Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht tut? Und wer muss eigentlich am Kreuz und durch das Kreuz versöhnt werden: die Menschen oder Gott?“ (S. 105)

Zu Luthers Stellvertretungstheologie schreibt er:

„Hier wird Gott ... als Sündenkrämer dargestellt: Als ob Gott so lange nach Sünden suchen würde, bis er welche findet, und dann jemand anderes für sich sterben lässt. Die Beschreibung erweckt den Eindruck, Gott bräuchte ‚Genugtuung‘ für sich selbst und seinen Zorn.“ (S. 105)

Wäre das Kreuz also gar nicht unbedingt notwendig für Gottes Vergebung? Geht es am Kreuz nur um die Versöhnung der Menschen mit Gott und nicht auch umgekehrt? Hat das Kreuz nicht sehr wohl etwas mit göttlicher Genugtuung und mit seinem Zorn zu tun? In meinem Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ und im Buch Zeit des Umbruchs habe ich versucht herauszuarbeiten, dass es dabei um absolute „Knackpunktfragen“ des christlichen Glaubens handelt! Hier steht der innerste Kern des Evangeliums auf dem Spiel. Nicht umsonst hat sich der große evangelikale Theologe John Stott im letzten Jahrhundert gründlich damit befasst. In seinem wegweisenden Buch Das Kreuz, das auch von Manuel Gräßlin empfohlen wird, gibt er auf diese Fragen sehr klare Antworten:

„Im paulinischen Denken ist der Mensch durch die Sünde von Gott und Gott durch den Zorn vom Menschen entfremdet.“ (S. 223)
„Stellvertretung ist keine ‚Sühnetheorie‘. … Sondern sie ist die Essenz jedes Bildes und das Herz des Sühnegeschehens selbst.“ (S. 260)
„Die theologischen Begriffe ‚Genugtuung‘ und ‚Stellvertretung‘ müssen sorgfältig definiert und gehütet werden, denn sie können unter keinen Umständen aufgegeben werden.“ (S. 204)
„Weil Gott sich niemals widerspricht, muss er er selbst sein und sich selbst ‚Genüge tun‘, indem er in absoluter Übereinstimmung mit der Vollkommenheit seines Charakters handelt. Es ist die Erkenntnis dieser göttlichen Notwendigkeit, oder das Versäumnis, sie zu erkennen, welche die Ausleger des Christentums letzten Endes in Evangelikale und Nichtevangelikale scheidet, solche die dem Neuen Testament treu sind, und solche die es nicht verdauen können.“ (S. 169)

Welche „Theophobie“ sollten wir im Fokus haben?

Manuel Gräßlin will mit Theophobie einerseits bei seinen evangelikalen Wurzeln bleiben. Einige Passagen wie das Kapitel über Heiligung kann man auch als Evangelikaler mit Gewinn lesen. Zugleich will Gräßlin aber Impulse aus der weiten Welt progressiver, postevangelikaler und liberaler Theologie aufnehmen. Dabei leitet ihn offenbar seine Befürchtung, „dass Gottes Theologie – also sein Denken, Reden, Handeln und Fühlen – viel weiter, offener und inklusiver ist als die meine“ (S. 10). Ich glaube, dass eher das Gegenteil zutrifft. Denn für die oben genannten Narrative kann ich auch im „Kleingedruckten der Bibel“ (wie Gräßlin es des Öfteren bezeichnet) keine wirklich solide Basis finden. Zugleich nehme ich ganz andere „Theophobien“ wahr, unter denen die heutige Kirche Jesu leidet und die sich nicht ohne Weiteres in das Bild eines unendlich inklusiven Gottes einfügen lassen: der Zorn Gottes; seine Intoleranz gegenüber falscher Lehre (das häufigste Thema in den Sendschreiben!); sein Gericht über sein Volk, wenn es seine Gebote verwirft; die Realität eines doppelten Ausgangs und einer ewigen Trennung von Gott, von der vor allem Jesus immer wieder spricht. All das wird in der Bibel breit bezeugt. Trotzdem reden wir kaum darüber. Dabei zeigen viele historische Erweckungsbewegungen: Die Kirche gewinnt gerade dann an Relevanz, wenn sie es wagt, auch diese unangenehmen biblischen Wahrheiten offen anzusprechen.

Als evangelischer Christ ist zudem meine Erfahrung: Kirchen, die sich auf den Zeitgeist einlassen, werden nicht anschlussfähiger, im Gegenteil: Sie schrumpfen weltweit. So viele kirchliche Vertreter wollten die Relevanz der Kirche steigern, indem sie Greta Thunberg zur Prophetin hochstilisierten. Jetzt, da Thunberg immer mehr durch Antisemitismus von sich reden macht, fällt ihnen das auf die Füße. Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird am Ende eben doch zum Witwer. Deshalb empfehle ich uns gerade im Umgang mit dem Zeitgeist, die folgende (auch von Manuel Gräßlin erwähnte) „Theophobie“ immer im Blick zu behalten: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis“ (Spr 1,7).

Buch

Manuel Gräßlin, Theophobie: Warum Gott nicht sicher, aber gut ist, Witten: R. Brockhaus 2026, 224 Seiten, 20,00 €.


1 Online unter: https://www.scm-shop.de/theophobie.html (Stand: 14.04.2026).