Bibel und Theologie

Kirche braucht Erneuerung

Rezension von Klaus Giebel
7. Mai 2026 — 7 Min Lesedauer

Vorbemerkungen

Bei dem deutschen Buchtitel könnte man erwarten, dass es um ein Plädoyer für die Erneuerung der Kirche geht. Doch verfolgt das Buch eine andere Absicht. Professor Frank Hinkelmann bringt in seinen einleitenden Worten die Stoßrichtung treffend auf den Punkt:

„Ortlund gelingt es, die zentralen theologischen Überzeugungen der Reformation in den Zusammenhang der größeren kirchen- und theologiegeschichtlichen Entwicklung einzuordnen. … Evangelische Christen werden durch dieses Buch ermutigt, das Protestantische ihres Glaubens neu zu entdecken, es als Bereicherung wahrzunehmen und mit Überzeugung zu vertreten.“ (Vorwort, S. 12f.)

Diesem Urteil schließe ich mich nach der Lektüre gerne an! Aber beginnen wir von vorn.

Ortlunds Motiv: Entdecke deine Wurzeln!

Gavin Ortlund selbst erklärt im Vorwort seines Buches das Anliegen, das er verfolgt, und er benennt die Adressaten, um die es ihm geht. Wir lesen:

„Ich wende mich in erster Linie an Protestanten, die ihre eigene Tradition besser verstehen wollen, hoffe aber auch, dass mein Buch für Christen in anderen Traditionen, die offen für protestantische Argumente sind, eine Hilfe ist (und vielleicht sogar für diejenigen, die von außen auf diese Debatte blicken).“  (S. 24)

Der Autor nimmt also eine entschiedene Position für den Protestantismus ein, sucht aber gleichzeitig argumentativ das Gespräch vor allem zwischen den großen Linien der Kirchengeschichte, also innerhalb der römisch-katholischen, orthodoxen und protestantischen Tradition. Sein Ziel ist es, einerseits für alle Seiten Verständnis für die jeweils andere Seite zu schaffen, anderseits aber auch zu verdeutlichen, dass die protestantische Bewegung keineswegs eine antitraditionelle Neuerung ist, was ihr gern von römisch-katholischer oder orthodoxer Seite vorgehalten wird. Ortlund ist sich bewusst, dass es aufgrund einseitiger Erfahrungen mit modernen protestantischen Gemeinden zahlreiche Missverständnisse und Fehlinterpretationen gegeben hat, was auch mit verkürzten Selbstdarstellungen der vielschichtigen Bewegungen der protestantischen Kirchen zusammenhängt.

Deshalb übernimmt Ortlund eine klare und für ihn unstrittige Beschreibung des historischen Protestantismus, wie ihn der schweizerisch-deutsch-amerikanische Kirchenhistoriker Philip Schaff in seiner 1845 gehaltenen Vorlesung Das Prinzip des Protestantismus vortrug. Die wesentlichen Elemente des Protestantismus schließen nach Schaff und seinem Kollegen John Nevin sowohl die „Weite … der Katholizität“ ein, „ohne dabei  die Grundprinzipien des Protestantismus zu gefährden“ (S. 35).

Kirchengeschichte praktisch

Das Buch hat eine klare Struktur und ist in drei Blöcke und einen Schlussappell gegliedert.

Im ersten Teil wird unter der Überschrift „Protestantismus und Katholizität“ (S. 31–110) das Kernanliegen des Protestantismus dargestellt. Ortlund erörtert vor allem die Kurzformel „sola fide“, um zu zeigen, dass es sich hier um das biblische Evangelium handelt, das die eine wahre Kirche begründet.

Im zweiten Teil, „Protestantismus und Autorität“ (S. 111–184), wird dann anhand des Sola-scriptura-Prinzips die Frage nach der Autorität erörtert.

Im dritten Teil, „Protestantismus und Geschichte“ (S. 185–284), wird anhand zweier Beispiele der Dogmenbildung die Argumentation der ersten beiden Teile exemplarisch unterstrichen. Die Beispiele betreffen das Dogma von der Himmelfahrt Marias und die Verehrung von Ikonen. Ortlund widerlegt mit kirchengeschichtlichen Argumenten, dass diese beiden Dogmen dem Anliegen einer universalen Kirche gerecht werden.

In seinem Schlussappell (S. 285–292) richtet sich der Autor in erster Linie an die Protestanten, damit sie bei aller Sehnsucht nach zeitgenössischer Anpassung nicht übersehen, dass sie als identitätsstiftendes Merkmal das Erbe des historischen Christentums und nicht eine spätere Entwicklung der Christentumsgeschichte repräsentieren. Er ist dabei aber auch Apologet, der zu den anderen Konfessionen spricht, und lädt dazu ein, seine Argumente zu prüfen. Konversionswilligen protestantischen Christen, die aus Sorge, das ursprüngliche Christentum verlassen zu haben (was aus den vielfältigen und verwirrenden protestantischen Verzweigungen resultieren mag), legt er nahe, das ursprüngliche Anliegen des Protestantismus aufzugreifen, um dann innerhalb der eigenen Denomination zwischen wesentlichen Kernanliegen und den zeitbedingten Eigenheiten zu unterscheiden.

Kirchengeschichtliche Einsicht als Apologetik

In seinem Buch möchte Ortlund begründen, dass der Protestantismus als Bewegung das Anliegen, für die Christenheit universal gültig, also im ureigentlichen Sinne des Wortes katholisch zu sein, am besten erfüllt. Dieses Anliegen ist nach Ortlund mit dem Leitspruch der protestantischen Bewegung verbunden, nach dem die christliche Kirche per se eine Reformbewegung ist (lat. „ecclesia reformata ecclesia reformanda est“), die sich anhand ihrer eigentlichen Grundlage, dem geoffenbarten Wort Gottes, permanent reformiert.

Das Anliegen, dass Kirche stets reformbedürftig ist, wurde laut Ortlund von den Reformationskirchen erneut entdeckt, also nicht etwa als Neuheit hinzugefügt. Dazu zitiert er den reformierten Theologen François Turrettini (1623–1687):

„Die Reformation ist in der Tat neu (das heißt, kürzlich erfolgt …), nicht aber wurde durch diese Reformation eine neue Religion oder Kirche eingeführt, die zuvor nicht existierte. Vielmehr wurde das, was bereits existierte, durch die alte Regel (nämlich das Wort Gottes) besser gemacht“. (S. 200)

Gleichzeitig darf und muss sich die Kirche aber auf eine fehlerfreie Autorität stützen und ist nicht einer Beliebigkeit oder einem Relativismus ausgeliefert: Kirchenhierarchien, Konzilsbeschlüsse, Glaubensbekenntnisse haben als Autorität eine Berechtigung, ja, sind stets für eine Verortung notwendig, aber sie können keine gleichwertige (fehlerfreie) Autorität neben der apostolischen Tradition bzw. dem biblischen Kanon beanspruchen. Ortlund macht deshalb deutlich, dass der ursprüngliche Protestantismus nicht dazu angetreten ist, dieses Erbe durch einseitige Individualisierung und Zerstückelung der Einheit zu verraten, sondern dieses Anliegen wieder aus seiner Verzerrung zu lösen, um es neu zu unterstreichen.

Man merkt dem Buch an, dass Ortlund es auf Dialog angelegt hat: Er sucht das offene Gespräch, versucht die beiden großen kirchengeschichtlichen Traditionen, die römisch-katholische und die orthodoxe, sachgerecht und fair zu beschreiben.

Dabei gelingt es ihm meisterhaft, stichhaltige Argumente anzuführen, die zeigen, dass der Versuch, den Protestantismus als späte Neuerung der Kirchengeschichte auszuweisen, zum Scheitern verurteilt ist.

Kritiker mögen ihm vorhalten, dass er all die Varianten des modernen Protestantismus mit seinen unübersehbaren Facetten einfach übergeht. Doch das tut er bewusst. Es geht ihm nicht darum, die Fehleranfälligkeit der Reformationskirchen und ihrer aktuellen Ausprägungen und vielschichtig verwirrenden Varianten zu leugnen. Vielmehr geht es ihm darum, die Kernanliegen der protestantischen Bewegung seit der Reformation mit der Geschichte der Alten Kirche und auch der mittelalterlichen Traditionen so zu verbinden, dass erkennbar ist, dass Kirche dann im besten Sinne des Wortes universal ist, wenn sie an die Heilige Schrift als führende Autoritätsquelle gebunden ist.

Kritisch könnte man anmerken, dass Ortlund in seiner Argumentation einiges voraussetzt, was den Hintergrund bestimmter kirchlicher Lehrentscheidungen ausmacht. Beispielsweise wäre es hilfreich, das im Ersten Vatikanischen Konzil (1870) festgelegte Unfehlbarkeitsdogma zu erläutern: Der Papst ist unfehlbar, wenn er etwas „ex cathedra” verkündet. Auf dieser Grundlage wurde 1950 das Mariendogma (Himmelfahrt) fixiert, das einzige Dogma, das direkt auf dem Unfehlbarkeitsbeschluss beruht.

Fazit

Das Buch von Orlund ist gut lesbar, die Quellenbelege sind gut dokumentiert und die Argumentationslinie ist nachvollziehbar. Einige Anmerkungen hätten dem Leser die Möglichkeit eröffnet, die Hintergründe besser zu verstehen. Der Autor wollte jedoch den Lesefluss nicht stören. Er hat keine akademische Abhandlung geschrieben, ist aber zugleich nicht oberflächlich geblieben.

Mit dem Schlussappell, sich anhand kirchengeschichtlicher Quellen ein eigenes Urteil zu bilden, könnten manche Leser überfordert sein. Es gelingt Orlund jedoch, sowohl protestantische Leser als auch Leser anderer Traditionen mitzunehmen, wenngleich er seine eigenen Wurzeln als überzeugter Protestant nicht verhehlt. Insofern wirkt der Schlussappell, jeder möge sich ein eigenes Urteil bilden, etwas abschwächend gegenüber der Stärke seiner Argumente, lädt aber gleichzeitig zum Gespräch und weiteren Nachdenken ein.

Das Buch ist ein empfehlenswerter Beitrag darüber, wie es gelingen kann, eine Position klar argumentativ zu beschreiben und dennoch zu einem offenen Dialog einzuladen.

Für  alle, die sich mit der Frage beschäftigen, welche der großen Richtungen innerhalb des Christentums denn im Wesentlichen dem Hauptanliegen der göttlichen Offenbarung entsprechen, gibt das Buch nachhaltige Orientierung und bringt reichhaltig Diskussionsstoff und Argumente im Reigen konfessioneller Orientierung.

Nebenbei ist das Buch ein wichtiger Beitrag, um der Tendenz zur Geschichtslosigkeit in den heutigen Gemeinden entgegenzuwirken. Es ist nicht nur für kirchengeschichtlich Interessierte, sondern für alle Christen, die ihre Wurzeln verstehen und zu ihnen zurückfinden wollen, ein wertvoller Beitrag!

Buch

Gavin Ortlund, Kirche braucht Erneuerung: Plädoyer für den Protestantismus, Bad Oeynhausen: Verbum Medium, 2026, 323 Seiten, 22,90 €. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.