The Reason for Church
Zu Beginn seines pastoralen Dienstes ging Brad Edwards davon aus, dass es nichts Herausfordernderes geben würde, als Nichtchristen davon zu überzeugen, dass Gott wirklich da ist. Mit der Zeit – so der Autor – habe sich jedoch gezeigt, dass es noch schwieriger ist, Menschen davon zu überzeugen, dass die Ortsgemeinde etwas Gutes und Schönes ist.
Verantwortlich dafür sei einmal der Vertrauensverlust gegenüber Institutionen wie der Ehe oder der Kirche, der für die Postmoderne so bezeichnend ist. Hinzu komme noch ein radikaler Individualismus, der sich in den westlichen Gesellschaften ausgebreitet habe. „In der heutigen Kultur, die Charles Taylor als ‚säkulares Zeitalter‘ bezeichnet, drängen uns viele der gängigsten Narrative in Richtung eines radikalen Individualismus, wodurch wir uns leer, einsam und ausgebrannt fühlen und nach einem Gefühl der Zugehörigkeit suchen“, schreibt Michael Keller, der Sohn des im Jahr 2023 verstorbenen Tim Keller, in seinem Vorwort (S. xi).
Laut Edwards braucht es daher nicht nur eine Apologetik, die den christlichen Glauben an Gott mit guten Argumenten verteidigt. Es braucht auch eine Wiederentdeckung und vernünftige Rechtfertigung von Institutionen wie Familie, Universitäten oder Parlamenten. Vor allem aber brauchen wir eine Wiederentdeckung der Ortsgemeinde. Edwards These lautet:
„Als unser gewöhnliches Mittel der Gnade ist jede Ortsgemeinde eine heilbringende Institution. Sie ist ein von Gott eingesetztes Mittel, um sich unseren Nächsten bekannt und alle Völker zu Jüngern zu machen. In und durch den Leib Christi wendet Gott Gnade auf die Probleme der Sünde, der Gebrochenheit und der Entfremdung an, die keiner von uns allein lösen kann.“ (S. xxiii)
Was geistliches Leben in unseren Gemeinden dämpft
In Anlehnung an Tim Kellers Warum Gott? (engl. 2008, dt. 2009), gliedert Edwards sein Buch in zwei Teile. Im ersten Teil beschreibt er vergebliche Versuche, geistliches und kirchliches Leben aus eigener Kraft und zur eigenen Ehre herzustellen. Erörtert werden konsumorientierter Pragmatismus, therapeutischer Individualismus, Verzerrung der Wirklichkeit durch die Sozialen Medien, Zivilreligion mit ihrer Konzentration auf Macht sowie der „Opferkult“. Da wir hier nicht den Raum haben, alles vorzustellen, greife ich nur den Pragmatismus und den Individualismus heraus.
Pragmatismus: In die Praktische Theologie und den Gemeindebau ist laut Edwards eine konsumorientierte Pragmatik eingezogen, die mit dem ursprünglichen Ruf in die Nachfolge und Anbetung nur noch wenig gemein hat. So wird bedenkenlos vorausgesetzt, „dass Kirchen dazu da sind, unsere spirituellen Bedürfnisse zu erfüllen und uns dabei zu helfen, unser volles Potential zu entfalten“ (S. 8). Haben sich Gemeinden mit dieser Grundannahme erst einmal angefreundet, entwickeln sie sich zu Orten, in denen Menschen danach streben, sich selbst zu verwirklichen.
Anhand der Seeker-Sensitive-Bewegung zeigt Edwards auf, was schiefläuft, wenn sich die Praxis der Gemeinde an marktwirtschaftlichen Logiken orientiert. Auch wenn die Absichten hinter der Bewegung edel waren, erwies sich ein Pragmatismus nach dem Motto „Was auch immer nötig ist“ als trojanisches Pferd. Wenn Kirchen kulturelle Normen und Modeerscheinungen naiv übernehmen, schleusen sie unbeabsichtigt fremde Denkvoraussetzungen ein. Diese mögen zunächst harmlos erscheinen. Aber mittelfristig treiben sie das „Schiff Gemeinde“ auf einen falschen Kurs. Als Beispiel führt Edwards die Willow-Creek-Bewegung an.[1] Deren Gründer und langjähriger Leiter, Bill Hybels, soll direkt vor seinem Büro ein Zitat des Management-Gurus Peter Drucker aufgehängt haben. Darauf stand: „Was ist unser Geschäft? Wer ist unser Kunde? Was schätzt der Kunde?“ Eine solche Marktlogik mag für eine gewinnorientierte Unternehmung angemessen sein. Kirchen sollten jedoch die Logik des Reiches Gottes annehmen. „Die Fragen, die vor Hybels Büro hingen, hätten lauten müssen: ‚Wer ist unser König? Was schätzt er? Wer müssen wir werden, um unseren Nächsten zu lieben?‘“ (S. 14).
Auch der Versuch, das Gemeindeleben auf die Erwartungen bestimmter Generationen oder Milieus zuzuschneiden, führe dazu, dass attraktive Gemeinden schon in der nächsten Generation ihre Relevanz verlieren. Andy Crouch habe das früh durchschaut, als er sagte: „Eine der größten Tragödien der Kirche in Amerika ist, dass viele unserer kreativsten Leiter ihre Energie darauf verwendet haben, Formen des kirchlichen Lebens zu schaffen, die nur einer einzigen Generation dienten. Selbst wenn diese Bemühungen auf etwas Größerem als einer einzelnen Persönlichkeit beruhten, waren sie dazu verdammt, selbst für die Kinder ihrer Gründer veraltet und ‚irrelevant‘ zu wirken“ (S. 16–17).
Individualismus: Die Übernahme der therapeutischen Kultur mit ihrem radikalen Individualismus kritisiert Edwards ebenfalls scharf. Ortsgemeinden attraktiv zu machen, indem man eine „Wohlfühlatmosphäre“ generiert, sei im Prinzip nichts anderes als das Andocken an gesellschaftliche Trends. Heiliggesprochen werde dann das „Selbst“ oder „Ich“, an dem sich die Gemeindearbeit zu orientieren habe. Edwards zitiert den jüdischen Soziologen Philip Rieff, der einmal sagte: „Der gläubige Mensch wurde geboren, um erlöst zu werden; der psychologisch orientierte Mensch wurde geboren, um sich wohlzufühlen. Diese Unterscheidung wurde schon vor langer Zeit fixiert, als nämlich das ‚Ich glaube‘ durch das ‚Ich fühle‘ – ein therapeutisches Leitprinzip – eingeholt wurde“ (S. 25).
Der australische Pastor Mark Sayers hat sich die Mühe gemacht, katechismusartig Fragen & Antworten zusammenzustellen, um zu unterstreichen, wie tief der therapeutische Individualismus in die Kirche eingedrungen ist. Hier drei von fünf Beispielen, die Edwards anführt:
„Frage: Was ist der Sinn des Lebens und/oder des Glaubens? Antwort: Das Erreichen des inneren Friedens.
Frage: Was ist Sünde? Antwort: Alles, was geistiges oder emotionales Unbehagen oder Leid verursacht.
Frage: Was ist die Kirche? Antwort: Im Idealfall ist die Kirche ein Zufluchtsort. Aber angesichts der bisherigen Bilanz der Kirche ist alles, was über eine oberflächliche Bindung an die Kirche hinausgeht, mit hohem Risiko und geringem Gewinn verbunden. Wenn ich es doch riskiere, werde ich äußerst zögerlich und zurückhaltend sein, bis ich weiß, dass es sicher ist (falls es das jemals sein wird).“ (S. 35–36)
Die Antworten zeigen, wie sehr der Mensch hier im Mittelpunkt steht. Der Glaube soll persönlichen Frieden garantieren. Als Sünde gilt, was die Seele belastet oder Leid verursacht. Da die Kirche kein sicherer Ort ist, öffnet und bindet sich der spätmoderne Mensch nur zögerlich, um das Verletzungsrisiko möglichst klein zu halten.[2] Es geht also vor allem um Antworten auf die Frage: „Was bringt es mir?“ Der Bezug zu Gott fehlt gänzlich.
Was Lebendigkeit und Leuchtkraft in unseren Gemeinden fördert
Im zweiten Teil beschreibt Edwards, wie Kirchengemeinden tief prägende gegenkulturelle Institutionen sein können: Orte, an denen Jünger gemeinsam Jesus nachfolgen und so in sein Bild verwandelt werden (vgl. S. 17). Er stellt diesen Teil unter ein Zitat von Dennis Johnson, das ich wegen seiner Treffgenauigkeit hier vollständig wiedergeben möchte. Johnson, emeritierter US-amerikanischer Professor für praktische Theologie am Westminster Seminary in Kalifornien, sagte einmal:
„Im ersten Jahrhundert war es nicht einfacher als im 20. Jahrhundert, in einer echten christlichen Gemeinschaft zusammenzukommen und zusammenzubleiben. Es gab nicht weniger Ablenkungen und nicht weniger Versuchungen zu einem egoistischen, distanzierten Individualismus, der die eigene Privatsphäre schützte. Dennoch war die Urkirche eine Gemeinschaft von Menschen, die sich freuten, beständig zusammen zu sein, gemeinsam zu essen, zu teilen und zu dienen. ... Das familiäre Band, das die Gläubigen miteinander verbindet, ist von größter Bedeutung für die Identität der Kirche Christi und für unsere Identität als einzelne Mitglieder. Die Freude darüber, zur Familie Gottes zu gehören, weckt eine herzliche Bereitschaft, mit neuen Geschwistern zusammen zu sein und mit ihnen zu teilen.“ (S. 109)
Was ist die Hauptbotschaft im zweiten Teil des Buches?
Um es klar zu sagen: Brad Edwards liefert weder eine Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) noch ein neues Konzept für den Gemeindebau. Vielmehr zieht er Beispiele aus der Heiligen Schrift, der Kirchengeschichte und seinem eigenen Leben heran, um zu verdeutlichen, dass Ortsgemeinden eine echte Alternative zum allgegenwärtigen Individualismus bieten. Er plädiert dafür, die Gemeinde von Herzen anzunehmen und zu lieben. Und zwar nicht irgendeine erträumte Kirche, sondern genau die, in die Gott uns hineingestellt hat. Edwards betont, dass die Kirchengemeinde der Ort ist, den Gott dazu auserwählt hat, Menschen in die Nachfolge zu rufen und sie im Bild Christi zu erneuern.
Der zweite Teil erörtert fünf starke Gründe dafür, dass die Kirche im Vergleich zur Welt der viel tragfähigere Zufluchtsort ist. Die Ortsgemeinde bietet laut Edwards so viel Wahres und Gutes, dass weder der Individualismus noch dessen Gegner mithalten können. Auf die Details möchte ich nicht näher eingehen. Vielmehr will ich versuchen, sein Hauptanliegen vor Augen zu führen. Ein Vergleich mit Entwicklungen in der jüngeren christlichen Philosophie kann dabei hoffentlich helfen.
Der Philosoph Alvin Plantinga hat seinen gläubigen Kollegen vor etlichen Jahren den Rat gegeben, die säkularen Zugänge zur Philosophie weniger ernst zu nehmen. Wir Christen, so sagte er, seien „stark von der Praxis und den Methoden unserer nicht-christlichen Kollegen beeinflusst“. „Aber in vielen Fällen“, so Plantinga weiter, „passen diese Annahmen und Vermutungen nicht so leicht mit der christlichen oder theistischen Weltsicht zusammen.“ Christliche Denker sollten deshalb nicht so viel hierhin und dahin schauen und säkulare Ansätze christlich vereinnahmen, sondern sich mehr mit ihren eigenen Quellen, Themen und Aufgaben auseinandersetzen.[3]
Brad Edwards fordert ein ähnliches Manöver für den Gemeindebau. Anstatt ständig nach außen zu schauen und zu fragen, was die Welt attraktiv findet, sollen wir uns genau anschauen, was Gott über seine Gemeinde offenbart hat, und die Gemeindepraxis an dieser Offenbarung ausrichten. Wenn wir unsere Augen und Ohren für das öffnen, was Gott uns als Leib des lebendigen Christus geschenkt hat, entwickeln sich Ortsgemeinden zu „geistlichen Gewächshäusern“. In ihnen werden seelisch erschöpfte Reisende gestärkt, damit sie für das Leben in Gemeinde und Welt gerüstet sind. So kann die Braut Christi eine Gegenkultur entwickeln, von der letztlich sogar die Welt profitiert.
Das bedeutet übrigens nicht, dass Edwards die Gefühle und Gedanken von Menschen außerhalb der Kirche nicht ernst nimmt. Im Gegenteil. So, wie Alvin Plantinga sich genau angeschaut hat, was nicht-christliche Philosophen behaupten[4], so will auch Edwards wissen, was unsere Kultur maßgeblich antreibt. Allerdings suchen beide die Antworten auf die Fragen und Zweifel der Menschen in dem, was der christliche Glaube sagt. Beide sind davon überzeugt, dass christlich begründete Antworten tragfähiger sind als das, was die Welt sagt, weil der Glaube wahr ist.
Ich will kurz skizzieren, was für Antworten der christliche Glaube laut Edwards auf die moderne Identitätskrise zu geben hat: Wir leben in einer Kultur der Selbstdefinition. Wir entscheiden selbst, wer wir sind und sein wollen. Und wenn uns morgen unsere Selbstdefinition nicht mehr behagt, dann legen wir uns ein neues „Selbst“ zu. Diese spätmoderne Sicht auf unsere Identität klingt erst einmal befreiend und verlockend.[5] Allerdings können diese verflüssigten Identitäten auch verunsichern und mit der Zeit zu Erschöpfung führen. „Fluide Identitäten sind unsicher und formbar, anfällig sowohl für äußere Einflüsse als auch für Selbsttäuschung“ (S. 120). Und das umso mehr, da es gar nicht stimmt, dass wir alles selbst in der Hand haben und bestimmen können. „Egal, wie sehr wir uns selbst optimieren, und egal, wie viele Möglichkeiten wir zur Selbstentfaltung haben, wir können unsere Natur nicht ändern. Als Ebenbilder Gottes sind wir dazu geschaffen, unsere Identität durch Beziehungen zu empfangen. Der Versuch, uns selbst zu erschaffen, indem wir diese Realität leugnen, oder sie aus unserem Inneren hervorzubringen, hat uns dorthin gebracht, wo wir jetzt stehen“ (S. 120). So weist Edwards darauf hin, dass wir Menschen dazu eingeladen sind, unsere Identität, unseren Wert und unsere Herrlichkeit in Christus zu empfangen. Wenn wir wissen, wer wir in Christus für Gott den Vater sind, verleiht uns das die Lebendigkeit und Sicherheit, die wir suchen, uns aber nie selbst zuschreiben und auch sonst im Endlichen nicht finden können.
Diese gefestigte christliche Identität bildet sich im Bezugsrahmen der Ortsgemeinde heraus. Um zu betonen, wie wichtig die Gemeinde für die christliche Identitätsfindung und -stärkung ist, zitiert Edwards Richard Lints aus dessen Buch Identity and Idolatry[6]:
„Die Kirche ist der Kontext unserer Identität, aber in einer Zeit, in der die Kirche in den Köpfen und Herzen vieler Christen im Westen nur noch wenig Gewicht hat, ist es keine Überraschung, dass die christliche Identität so brüchig geworden ist. Was ist es, das unsere Identität in und durch die Kirche zusammenhält? Die Gegenwart des auferstandenen Herrn in der Verkündigung des Wortes und der Feier der Sakramente, durch die der Geist diese Gegenwart offenbar machen wollte. Diese Gegenwart ist tief in der Heilsgeschichte verwurzelt, und es ist diese Geschichte, die die Kirche in ihrem Gottesdienst immer wieder nacherzählt. Es ist die Geschichte der Kirche, die die umfassendere Geschichte jedes einzelnen Christen ist.“ (S. 131)
Schlussbemerkungen
The Reason for Church ist eine erfrischende Verteidigungsschrift für die Institution Kirche. Solche Bücher sind wieder notwendig geworden, da nicht nur Skeptiker die Kirche von außen kritisch unter die Lupe nehmen, sondern auch innerhalb der christlichen Gemeinschaft das Ansehen von Kirchengemeinden stark gelitten hat. Nicht wenige meinen, Glaube ließe sich auch ohne Gemeindeanschluss ausleben. Sie nehmen mit, was zu ihnen passt und möglichst wenig kostet. Damit wird Gott klein gemacht. Ein spiritueller Patchworkpragmatismus betrachtet „die Anbetung durch ein Fernglas rückwärts: Er minimiert Gott, indem er unser Wohl statt seiner Herrlichkeit zum Maßstab für unsere wöchentliche Anbetung macht“ (S. 22).
Edwards Ausführungen gehen über das hinaus, was wir in anderen Büchern über die Bedeutung von lokalen Gemeinden finden. Im ersten Teil liefert er aufschlussreiche soziologische und geistliche Analysen zu den Faktoren, die das geistliche Leben zurückdrängen. Nach der Lektüre wurde mir deutlich, wie sehr ich selbst durch den radikalen Individualismus beeinflusst bin. Die Kultur, mit der ich groß geworden bin, hat sich tief in meine Seele eingeprägt. Und die Gemeinde ist der Ort, an dem Gott mich mit seinem Evangelium umprägen möchte.
Im zweiten Teil lenkt Edwards unseren Blick auf die Schönheit und Transformationskraft lokaler Gemeinden. Dabei nimmt er die Zweifel und Ängste, die viele Menschen im Hinblick auf das Gemeindeleben hegen, ernst. Manche von uns haben erlebt, wie Machtkämpfe, unheilsame Lehren, Lieblosigkeit oder eine evangeliumsarme Verkündigung das geistliche Leben dämpfen oder gar zum Erliegen bringen können. Solche Erfahrungen müssen wir jedoch nicht mit Rückzug, Einsamkeit oder Zynismus quittieren. Edwards liefert Entmutigten und Verunsicherten überzeugende Argumente, die Ortsgemeinde als Gottes Geschenk zu schätzen und zu lieben.
Ich bin nicht mit allem in gleicher Weise glücklich, was Brad Edwards schreibt. Und es ist für mich als Europäer zu sehr auf die Gegebenheiten in Nordamerika zugeschnitten. Aber insgesamt handelt es sich bei The Reason for Church um ein exzellentes Buch, das ich sehr gern empfehle.
Buch
Brad Edwards, The Reason for Church: Why the Body of Christ Still Matters in an Age of Anxiety, Division, and Radical Individualism, Grand Rapids, MI: Zondervan Reflective, 2025.
1 Die Willow-Creek-Bewegung ist eine Gemeindebewegung aus den USA, die stark auf sucherorientierte (seeker-sensitive) Gemeindearbeit setzt. Sie steht für den Versuch, Kirche niederschwellig so zu gestalten, dass Außenstehende sich angesprochen fühlen. Sie geht zurück auf die Willow Creek Community Church bei Chicago (USA), gegründet von Bill Hybels in den 1970er Jahren.
2 Eine Nebenbemerkung: Mia Staub hat in dem Artikel „Be Quick to Listen, Slow to ‚Therapy Speak‘“ (Christianity Today, 22.05.2024) aufgedeckt, dass auch in christlichen Kreisen die Sprache intensiv vom therapeutischen Jargon imprägniert ist und das mit allerlei Nachteilen verbunden ist. Zitat: „Der übermäßige Gebrauch von Therapiejargon kann uns daran hindern, einander zuzuhören. Er kann uns auch als Vorwand dienen, gar nicht mehr zuzuhören. Es ist schwer, für eine Versöhnung einzutreten, wenn ein Freund eure Beziehung als ‚toxisch‘ oder ‚problematisch‘ bezeichnet. Niemand kann sich gegen Pläne wehren, die unter dem Vorwand der ‚Selbstfürsorge‘ abgesagt werden. Und ‚emotionale Grenzen‘ dürfen einfach nicht überschritten werden. Wenn wir Therapiejargon nutzen, um Gespräche zu beenden, werden Beziehungen zu Diktaturen, in denen eine Person Begriffe über eine andere ausspricht. Eine ‚Ich-gegen-die-anderen‘-Dynamik stellt uns selbst in den Mittelpunkt statt andere. Ich fühle mich durch etwas, das du tust, verunsichert; deshalb brauche ich Freiraum. Wir versuchen, jeden Konflikt, jedes Unbehagen oder jede Unannehmlichkeit zu minimieren.“ Online unter: https://www.christianitytoday.com/2024/05/quick-to-listen-slow-to-therapy-speak-toxic-trauma-abuse/ (Stand: 30.03.2026).
3 Plantinga sagt: „Christliche Philosophen sind jedoch die Philosophen der christlichen Gemeinschaft; und es ist Teil ihrer Aufgabe als christliche Philosophen, der christlichen Gemeinschaft zu dienen. Die christliche Gemeinschaft jedoch hat ihre eigenen Fragen, ihre eigenen Anliegen, ihre eigenen zu untersuchenden Themen, ihre eigenen Interessen und ihr eigenes Forschungsprogramm. Christliche Philosophen sollten ihre Inspiration nicht einfach aus dem beziehen, was gerade in Princeton, Berkeley oder Harvard läuft, so attraktiv und schillernd das auch sein mag; denn vielleicht sind diese Fragen nicht diejenigen – oder nicht die einzigen –, über die sie als Philosophen der christlichen Gemeinschaft nachdenken sollten. Es gibt andere philosophische Themen, denen sich die christliche Gemeinschaft annehmen muss, und es gibt andere Themen, denen sich die christliche Gemeinschaft auch auf philosophische Weise widmen muss.“ Siehe: Alvin Plantinga, Ratschläge für christliche Philosophen, MBS-Texte 184, Philosophische Anstöße, 2015, S. 7–8, online unter: https://www.bucer.de/fileadmin/_migrated/tx_org/mbstexte184_a_01.pdf (Stand: 27.03.2026).
4 Das Hauptwerk Plantingas beginnt mit einer Erörterung der kritischen Philosophie Immanuel Kants. Siehe Alvin Plantinga, Gewährleisteter christlicher Glaube, Berlin: De Gruyter, 2015, S. 3–34.
5 Für die Vertiefung dieser Thematik sei empfohlen: Carl R. Trueman, Der Siegeszug des modernen Selbst: Kulturelle Amnesie, expressiver Individualismus und der Weg zur sexuellen Revolution, Bad Oeynhausen: Verbum Medien, 2024. Digitale Ausgabe unter: DOI: 10.54291/r334426674.
6 Richard Lints, Identity and Idolatry: The Image of God and Its Inversion, InterVarsity Press, 2015. Das Zitat ist auf S. 166 zu finden.