Biblisch evangelisieren – was bedeutet das?
Im Folgenden möchten wir darüber nachdenken, was die Bibel über den Inhalt, die Motivation und die unterschiedlichen Arten der Evangelisation sagt.
Die eine Botschaft des Evangeliums
„Evangelisation“ bedeutet, Gottes „Evangelium“ oder „Gute Nachricht“ zu verkünden. Diese Botschaft oder dieses „Wort“ wird von Gott mit der Kraft ausgestattet, in Menschen rettenden Glauben zu bewirken, damit sie an sein Evangelium glauben, sich von der Sünde abwenden und Jesus nachfolgen. Das Wort „Evangelium“ bedeutet „Gute Nachricht“. Es wurde im Römischen Reich zur Zeit des Neuen Testaments für wichtige öffentliche Ankündigungen wie die Geburt eines Kaisers verwendet. Das „Evangelium Gottes“ ist Gottes sensationelle Nachricht an seine Welt, die schrittweise in der ganzen Heiligen Schrift offenbart wird (vgl. Röm 1,1–17). Nicht alle guten Dinge, die in der Bibel verkündet werden, sind gleichbedeutend mit dem Evangelium, sondern es hat einen bestimmten Inhalt.
Gottes Frohe Botschaft im Alten Testament
Das Evangelium wurde zuerst durch Gottes Verheißung an Abraham verkündet, dass ein Königreich allen Völkern Segen bringen würde (vgl. 1Mose 12,1–3; in Gal 3,8 als „das Evangelium“ bezeichnet). Die Geschichte Israels vermittelt ein irdisches Bild dieses zukünftigen Königreichs, durch das wunderbare himmlische Segnungen kommen werden.
Gott verkündete sein „Evangelium“ erneut durch die wiederholten Verheißungen Jesajas über einen König für sein Reich (vgl. Jes 40,9–11; 52,7–10; 61,1–2). Sie sprechen davon, dass der Herr selbst kommen würde wie ein Hirte, der seine Lämmer sammelt. Er würde allen Völkern sein Heil offenbaren, sein Volk aus der Gefangenschaft im Exil befreien und es in sein Reich bringen. Erstaunlicherweise würde dieser mächtige Befreier der leidende Gottesknecht sein, der anstelle der Sünder mit dem Tod bestraft werden und auferstehen würde, um sie für den Himmel zu „rechtfertigen“ (zu qualifizieren) (vgl. Jes 53,4–12).
Aber dann herrschte jahrhundertelang Stille. Bis zu dem dramatischen Moment, als Jesus in Galiläa auftauchte und „das Evangelium Gottes verkündete“:
„Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15)
Gottes Frohe Botschaft im Neuen Testament
Das Geheimnis des Evangeliums wird offenbart, wenn Jesus als der verheißene König erscheint, der Sünder in sein Reich hineinrettet. Es gibt verschiedene Versionen des Evangeliums Gottes, weil es sich um eine Person und nicht um eine Formel handelt. Aber zwei herrliche Themen tauchen in allen auf: Jesus ist unser Herr (seine Identität) und Jesus ist unser Retter (sein Wirken). Beides sind atemberaubend gute Nachrichten für die Welt.
Jesus als Herr
In Römer 1,1–4 erklärt Paulus, dass es sich um das Evangelium Gottes für alle Völker „von seinem Sohn“ handelt. Wenn wir nicht über Jesus sprechen, sprechen wir auch nicht über das Evangelium. Paulus fasst dies wiederholt mit dem Ausdruck „Jesus Christus, unser Herr“ zusammen (vgl. Röm 1,4; Apg; Kol 2,6; 2Kor 4,5):
- „Jesus“ bedeutet der gekreuzigte Galiläer der Geschichte;
- „Christus“ bedeutet der verheißene Messias-Erlöser des Alten Testaments;
- „Herr“ bedeutet der göttliche und auferstandene König, der über alles herrscht.
Das Evangelium Gottes preist, wie wunderbar Jesus ist: Jesus ist Christus, unser Herr. Dann erzählt es uns, was er getan hat:
Jesus als Retter
Das Evangelium Gottes preist die vier größten Verdienste Christi:
- Christus kam als unser König (vgl. Mk 1,14–15). Das Markusevangelium trägt den Titel „Die gute Nachricht [das Evangelium] von Jesus, dem Messias“ und verkündet: „Jesus [kam] nach Galiläa und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes … Das Reich Gottes ist nahe.“ Jesus ist der langersehnte König, der die Menschen in sein himmlisches Reich rettet. Durch barmherzige Vergebung, weise Lehre und aus tiefem Mitleid vollbrachte Wunder zeigte er, wie gut es ist, unter seiner Herrschaft zu leben. Das Evangelium beschreibt, wie Gottes Reich heute wächst, indem Menschen sich der Herrschaft Jesu unterwerfen und Bürger seines himmlischen Reichs werden.
- Christus starb für unsere Sünden (vgl. 1Kor 15,1–4). Paulus erinnert die Korinther an Gottes rettendes Evangelium, „dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften“. Christus starb (freiwillig und nicht als wehrloses, seinem Schicksal gegenüber ohnmächtiges Opfer) für unsere Sünden (als unser liebender und sich opfernder Stellvertreter). Er starb „nach den Schriften“, um der Gerechtigkeit Gottes Genüge zu tun. Sein Tod ist unbestreitbar, weil er von seinen Jüngern begraben wurde.
- Christus erstand, um zu herrschen (vgl. 1Kor 15,4–7). Paulus schreibt weiter, „dass er auferstanden ist am dritten Tag, nach den Schriften“. Das Neue Testament verkündet triumphierend, dass er, wie im Alten Testament und von Jesus selbst verheißen, auferweckt und im Himmel inthronisiert wurde. Paulus erinnert uns daran, dass seine Auferstehung auch deshalb nicht geleugnet werden kann, weil er vielen Menschen bei zahlreichen Gelegenheiten „erschienen“ ist.
- Christus wird als Richter wiederkommen (vgl. Röm 2,16). Viele Christen sind sich nicht bewusst, dass die Heilige Schrift ausdrücklich sagt, dass das Gericht Teil des Evangeliums ist, z.B. an dieser Stelle: „An dem Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesus Christus richten wird nach meinem Evangelium“ (Röm 2,16). Jesus erklärte immer wieder, dass mit seinem Gericht eine Ewigkeit überreicher Segnungen in seiner erneuerten Schöpfung für seine reuigen Nachfolger, aber auch eine Ewigkeit voller Höllenqualen für seine unbußfertigen Feinde anbrechen wird.
Die unglaublichen Segnungen des Evangeliums Gottes bestehen darin, in seinem himmlischen Königreich zu leben.
Das Evangelium Gottes wird als Evangelium des Friedens, der Hoffnung, des Lebens, der Gerechtigkeit und der Gnade beschrieben. Das bedeutet nicht, dass wir automatisch das Evangelium verkünden, wenn wir über Frieden oder Hoffnung sprechen. Vielmehr beschreiben diese Worte die wunderbaren Segnungen, die das Evangelium den Gläubigen bietet. Wir erleben den beruhigenden Trost des Friedens mit Gott selbst bei tragischen und schmerzhaften Ereignissen, die aufbauende Ermutigung unserer Hoffnung auf den Himmel, die tiefe Befriedigung eines reichen Lebens in der Erkenntnis Gottes, die Freude über die Gerechtigkeit Christi, die uns zugerechnet wird und in uns wächst, und die wunderbare Großzügigkeit der Gnade Gottes. Eines Tages, wenn Christus wiederkommt, werden wir diese Freuden in seiner erneuerten Schöpfung auf vollkommene Weise erfahren. Diese Vorzüge des Evangeliums bietet das Leben im Reich Gottes – den Segen, der ursprünglich Abraham verheißen wurde.
Diese Botschaft kann man in einem einfachen Wort zusammenfassen: Tausch. Gott wurde in Jesus ein gewöhnlicher Mensch, um am Kreuz mit seinem Volk den Platz zu tauschen: Dort wurde er behandelt, als wäre er wir, und für unsere Sünden bestraft, damit wir behandelt werden können, als wären wir Jesus, und als Kinder Gottes in den Himmel aufgenommen werden. Denn trotz allem liebt er uns leidenschaftlich. Dieses Evangelium ist keine gute Idee oder ein guter Rat, sondern eine sehr gute Nachricht!
Fünf Gründe, die zur Evangelisation motivieren
In 2. Korinther 5, wo Paulus seine unscheinbare und unpopuläre Evangelisationsweise gegen Irrlehrer verteidigt, die ihn verachteten, offenbart er fünf seiner Motive, Menschen zu evangelisieren. Sie beziehen sich alle auf Christus:
Gehorsam gegenüber Christus
„Darum suchen wir auch unsere Ehre darin, dass wir ihm wohlgefallen“ (2Kor 5,9), denn als Jesus seine Jünger berief, sagte er: „Folgt mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen!“ (Mk 1,17; daher sind alle Gläubigen Evangelisten). Als er von den Toten auferstanden war, gebot er ihnen: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker“ (Mt 28,18–20).
Furcht vor Christus
„Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden … In dem Bewusstsein, dass der Herr zu fürchten ist, suchen wir daher die Menschen zu überzeugen“ (2Kor 5,10–11). Christus wird unsere Evangelisationsbemühungen belohnen, denn unter den vielen Möglichkeiten, unseren Nächsten zu lieben und Leiden zu lindern, hat die Evangelisation für uns höchste Priorität, weil sie Menschen vor dem ewigen Leiden in der Hölle rettet.
Dankbarkeit gegenüber Christus
„Denn die Liebe des Christus drängt uns, da wir von diesem überzeugt sind: Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben … damit die, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist“ (2Kor 5,14–15). Die Liebe Christi, die sich darin zeigt, dass er am Kreuz die Schande, den Schmerz und die Höllenstrafe erlitt, die wir für unsere Sünden verdienen, treibt die Gläubigen dazu, anderen von ihm zu erzählen.
Die Botschaft Christi
„Das alles aber [kommt] von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Jesus Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat … So sind wir nun Botschafter für Christus, und zwar so, dass Gott selbst durch uns ermahnt“ (2Kor 5,18–20). Durch die Apostel damals und durch alle, die heute treu das Evangelium Gottes verkünden, ruft Gott die Menschen dazu auf, sich mit ihm versöhnen zu lassen.
Der Tag Christi
„Siehe, jetzt ist die angenehme Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ (2Kor 6,2). Die Zeit, in der wir leben, die „letzten Tage“ vor der Wiederkunft Christi, ist die wunderbare Zeit der Evangelisation, in der Gott beständig Menschen aus allen Nationen durch das Evangelium auffordert, sein Rettungsangebot anzunehmen.
Unsere Evangelisationsbemühungen sollten also motiviert sein durch den Gehorsam gegenüber dem Gebot Christi, die Furcht vor dem Gericht Christi, die Dankbarkeit für die Liebe Christi, die Verantwortung für die Botschaft Christi und die Begeisterung über die Möglichkeiten, die Christus uns in diesen Tagen gibt.
Vier Arten der Evangelisation
Es gibt viele wunderbare Bibelstellen, in denen uns evangeliumsgemäße Arten der Evangelisation gezeigt werden:
Eine liebevolle Gemeinde
„Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten … Der Herr aber tat täglich die zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden“ (Apg 2,42.47). In der Gemeinde von Jerusalem, die kurz zuvor mit dem Heiligen Geist erfüllt worden war, um die in den Schriften beschriebenen Wunder Jesu zu verkünden, wurden nicht nur durch einige wenige begabte Einzelpersonen, sondern durch die ganze Gemeinde, die sich dem Lernen, Lieben, Teilen und Beten widmete, täglich Menschen gerettet.
Eine respektvolle Haltung
Der Apostel Petrus fordert die über das Römische Reich verstreuten und verfolgten Christen auf, sanftmütig und ehrlich mit anderen zu reden:
„Ihr Drohen aber fürchtet nicht und lasst euch nicht beunruhigen; sondern heiligt vielmehr Gott, den Herrn, in euren Herzen! Seid aber allezeit bereit zur Verantwortung gegenüber jedermann, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, [und zwar] mit Sanftmut und Ehrerbietung; und bewahrt ein gutes Gewissen, damit die, welche euren guten Wandel in Christus verlästern, zuschanden werden in dem, worin sie euch als Übeltäter verleumden mögen.“ (1Petr 3,14–16)
Die Angst verschwindet, wenn wir an die Gute Nachricht glauben, dass Jesus der Herr ist, der unser Evangelisieren legitimiert und unser Reden bestimmt. Aber wir müssen wissen, was wir den Menschen auf ihre Fragen antworten sollen, und bereit sein, unsere Hoffnung auf den auferstandenen Jesus zu bezeugen. Dabei müssen wir freundlich und respektvoll mit anderen reden und dürfen nicht vergessen, dass wir alle einmal verloren und unwissend waren. Wir sollen uns vor Gott ein reines Gewissen bewahren, ohne unsere Botschaft zu übertreiben oder andere auszunutzen. Es ist böse, Gesundheit und Reichtum zu versprechen oder Menschen in Not zu übervorteilen.
Kulturelle Flexibilität
Paulus erklärt, dass er zwar die Botschaft des Evangeliums nicht verdrehen wird, um sie schmackhafter zu machen, aber immer bereit ist, anderen kultursensibel zu begegnen und sich in seinem Dienst radikal an sie anzupassen: „Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette“ (1Kor 9,22).
Ehrlich und aufrichtig
Paulus sagt, dass wir im Gegensatz zu vielen Irrlehrern nicht „das Wort Gottes verfälschen“ und damit Geschäfte machen, sondern Menschen sind, die „aus Lauterkeit“ handeln (2Kor 2,17). In Kapitel 4, nachdem er erklärt hat, dass Evangelisation ein Dienst ist, durch den Gottes Heiliger Geist neues Leben schenkt, führt er vier Prinzipien aus:
- Sag die Wahrheit: „Wir lehnen die schändlichen Heimlichkeiten ab; wir gehen nicht mit Hinterlist um und fälschen auch nicht das Wort Gottes; sondern indem wir die Wahrheit offenbar machen, empfehlen wir uns jedem menschlichen Gewissen vor dem Angesicht Gottes“ (2Kor 4,1–2). Wir dürfen Menschen nicht manipulieren oder das Evangelium verdrehen, um es populärer zu machen, sondern müssen die Wahrheit sagen.
- Rechne mit Blindheit: „Wenn aber unser Evangelium verhüllt ist … bei den Ungläubigen, denen der Gott dieser Weltzeit die Sinne verblendet hat, sodass ihnen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus nicht aufleuchtet“ (2Kor 4,3–4). Wenn Ungläubige das Evangelium nicht verstehen können, liegt es nicht daran, dass etwas mit dem Evangelium nicht stimmt, sondern leider daran, dass mit unseren Zuhörern etwas nicht stimmt: Sie sind, wie wir alle einst, von Satan verblendet, und deshalb müssen wir für sie beten.
- Verkünde Christus: „Denn wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus, dass er der Herr ist“ (2Kor 4,5). Wir verkünden das Evangelium Christi, denn in seinem Wesen und Kreuz wird die Herrlichkeit Gottes sichtbar.
- Ehrliche Lauterkeit: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überragende Kraft von Gott sei und nicht von uns“ (2Kor 4,7). Wir sind so schwach und zerbrechlich wie billige Tongefäße, aber unser Evangelium ist ein kostbarer Schatz. Gott will es so, damit die Menschen erkennen, dass wir nicht aus persönlichem Nutzen evangelisieren, sondern weil das Evangelium wahr ist. Viele Bibelstellen ermutigen uns, bereit zu sein, wie Jesus für das Evangelium zu leiden, z.B. „Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten“ (Mk 8,35). Paulus schreibt: „Leide mit [uns] für das Evangelium in der Kraft Gottes“ (2Tim 1,8).
Evangelisation hatte bei Jesus Vorrang (vgl. Mt 9,35)
Es ist keine Überraschung, dass die Evangelisation für unseren Herrn Jesus oberste Priorität hatte.
„Und Jesus durchzog alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündigte das Evangelium von dem Reich … Als er aber die Volksmenge sah, empfand er Mitleid mit ihnen, weil sie ermattet und vernachlässigt waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Mt 9,35–36)
Jesus kam nicht nur, um das Evangelium zu verkörpern, sondern auch, um es zu verkünden und andere zu lehren, dasselbe zu tun. Denn so wie Gott in seiner dreieinigen Heiligkeit selbstlose Liebe ist, so erweist er durch die Verkündung des Evangeliums Sündern seine gerechte Gnade, bevor er eines Tages zurückkehrt, um seinen gerechten Zorn zu offenbaren. Als Gott Mensch wurde, kam er also als Evangelist! Beachte den Umfang seiner Missionstätigkeit: Er durchwanderte „alle“ Städte und Dörfer (und das waren über 200). Das war kein zufälliger Spaziergang, sondern ein entschlossen durchgeführter, anspruchsvoller Dienst. Um heilig wie Christus zu sein, müssen wir uns sowohl von der Sünde abwenden als auch der Evangelisation verschreiben. Tatsächlich ging es in den Predigten, Kleingruppen- und Seelsorgegesprächen von Jesus nicht in erster Linie um Elternschaft oder Ehe, sondern um Erlösung. Er vermied es, sich durch seinen Heilungsdienst davon ablenken zu lassen, das Evangelium zu predigen (vgl. Mk 1,38). Frömmigkeit muss also stets evangelistisch ausgerichtet sein. Während die wichtigste Tätigkeit einer Gemeinde die Bibellehre ist, besteht der Zweck der Bibellehre darin, die Gläubigen zu befähigen, Jesus mittels heiliger Evangelisation nachzufolgen. Gemeinden sollen nicht wie Passagiere auf einem Kreuzfahrtschiff sein, die sich ihrem eigenen Vergnügen widmen, sondern wie die Besatzung eines Rettungsboots, das sich der Rettung von Menschen verschrieben hat, die in Sünde versinken. Bei Jesus hatte die Evangelisation Vorrang!
Jesu Motivation (vgl. Mt 9,36)
Jesus sah hinter die Fassade und erkannte die geistliche Not der Menschen. Er verglich die Menschenmengen mit Schafherden, die sich leicht verirren, Raubtieren ausgeliefert, hungrig nach Nahrung, aber kostbar für den Bauern sind und unbedingt den Guten Hirten brauchen (vgl. Hes 34,11ff., wo Gott sieht, dass Israel dringend gute Hirten braucht und evangelisiert werden muss: „Siehe, ich selbst will nach meinen Schafen suchen … so will ich mich meiner Schafe annehmen und sie aus allen Orten erretten … Und ich werde sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern zusammenbringen und werde sie in ihr Land führen“). Jesus sieht die Menschen nicht in erster Linie als böse Sünder, die Strafe verdienen, sondern als „bedrängt (wörtlich: geschunden und angestrengt) und hilflos (wörtlich: niedergedrückt und belastet)“! Sie brauchen nicht uns – sie brauchen ihn! Das Wort „Mitleid“, mit dem Jesus hier beschrieben wird, wird in den Evangelien nur für Jesus verwendet und immer in Bezug darauf, wie er die Menschen sieht: Es bedeutet „Eingeweide“ und steht für eine herzzerreißende Zärtlichkeit.
Der Hauptgrund, warum wir uns gewöhnlich schwertun, die Menschen in unserer Umgebung zu evangelisieren, ist nicht, dass sie feindseliger sind als Menschen anderer Kulturen, sondern dass wir sie nicht mit dem herzzerreißenden Mitleid Jesu ansehen.
Jesu Strategie (vgl. Mt 9,37–38)
Jesus betonte zwei Merkmale unserer Zeit: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter! Beachte, dass unsere Herausforderung nicht in der Herzenshärte der Gesellschaft liegt, sondern im Mangel an Arbeitern – nicht nur an Geistlichen, sondern an Gläubigen, die zum Evangelisieren bereit sind. An Gelegenheiten zur Evangelisation mangelt es nicht, denn wir sind von Ungläubigen umgeben. Jesus beschreibt sich selbst als den „Herrn der Ernte“, der bereit ist, Arbeiter auszusenden, wie er es in Kapitel 10 durch die Aussendung der Zwölf demonstriert. Wenn wir die Welt evangelisieren wollen, indem wir aus unseren Nächsten durch interkulturelle Evangelisation und Gemeindegründung Jünger machen, müssen wir mit dem Gebet zu Jesus, dem Herrn der Ernte, beginnen!
Unser Herr ermutigt sein Volk schließlich zur Lebensaufgabe der Evangelisation mit einer atemberaubenden Vision in Offenbarung 7 vom multikulturellen, himmlischen Festmahl des Lamms. Dort werden wir unseren Erlöser mit einer unzählbaren Menge aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen feiern, die alle evangelisiert worden sind.
Weiterführende Lektüre
- Timothy Keller, Glauben wozu? Religion im Zeitalter der Skepsis, Gießen: Brunnen Verlag, 2019.
- J. Mack Stiles, Evangelisation: Wie die ganze Gemeinde Jesus verkündigt, Augustdorf: Betanien, 2020.
- J.I. Packer, Prädestination und Verantwortung: Gott und Mensch in der Verkündigung, Petzenkirchen: VGTG, 2021.
- Mark Dever, Persönliche Evangelisation: Motivation, Inhalt, Praxis, Augustdorf: Betanien, 2008.
- Sam Chan, Von Jesus reden, ohne komisch zu wirken: Alltagsmission in einer skeptischen Welt, Tenet: Neuried, 2025.