Marientum oder Christentum?
In seinem Buch Disillusioned: Why I Left the Eastern Orthodox Priesthood and Church (dt. „Desillusioniert: Warum ich das östlich-orthodoxe Priestertum und die Kirche verließ“) berichtet Joshua Shooping von seinen Erfahrungen als östlich-orthodoxer Konvertit und seinen fünf Jahren als russisch-orthodoxer Priester, wobei er autobiographische Elemente mit einer theologischen Kritik verbindet. Sein wachsendes Unbehagen an der Ostkirche beschreibt der Autor wie folgt:
„Was ich übersehen (und teilweise sogar verteidigt) hatte, war der allgegenwärtige Semipelagianismus, die Verwirrung rund um das Sühneverständnis, der unbiblische Pietismus, die sogenannten ‚Zollübergänge‘ (das sind bestimmte Vorstellungen über den Zustand der Seele nach dem Tod, Anm. d. Red.), die Gebete zu den Heiligen, die übertriebene Marienverehrung und vieles mehr; als mir jedoch klar wurde, dass die Ostkirche das Evangelium durch ihre Ikonologie, Ekklesiologie und sogar Mariologie seinem Wesen nach verfälscht, war es mir nicht mehr möglich, zu bleiben.“ (S. 22)
In der ersten Hälfte seines Buches schildert Schooping seinen Weg in die Ostkirche hinein und wieder hinaus. Die zweite Hälfte ist eine tiefgreifende theologische Kritik an der östlich-orthodoxen Tradition.
Schooping legt zunächst dar, dass innerhalb der Ostkirche zwar eine Meinungsvielfalt existiert, es jedoch genügend Quellen gibt, die weithin als kanonisch anerkannt sind und die zur Festlegung von Lehrsätzen herangezogen werden. Auf dieser Grundlage zeichnet Schooping die östlich-orthodoxe Ikonenlehre, Ekklesiologie und Mariologie nach, wobei er aufzeigt, wie diese Lehren historische Befunde ignorieren, divergierende Ansichten von Kirchenvätern außer Acht lassen und – was am wichtigsten ist – Christus entehren und dem Evangelium widersprechen.
Die östlich-orthodoxe Ikonologie
Schooping stellt die klaren biblischen Gebote, die sich gegen die Anbetung von Bildnissen richten, der östlich-orthodoxen Lehre gegenüber, die diese Praxis nicht nur toleriert, sondern sogar fordert. Er zitiert das kanonisch verbindliche Siebte Ökumenische Konzil, in dem vorgeschrieben wird, dass Bildnisse nicht nur „verehrt“ und geküsst werden müssen, sondern ihnen auch „emotionale Zuneigung“ entgegenzubringen sei (S. 54). Denjenigen, die sich nicht daran halten, drohe die ewige Verdammnis.
Diese byzantinische Sichtweise stellt jedoch, wie Schooping zeigt, eine Abkehr von der Haltung der frühen Kirche dar, in der Bilder zwar geduldet, aber nicht verehrt wurden. Im Gegensatz zu ihrem Selbstverständnis steht die Ostkirche in diesem Punkt nicht in Kontinuität mit der frühen Kirche, sondern hält an unbiblischen Neuerungen fest (ein Vorwurf, den sie für gewöhnlich dem Protestantismus macht).
Anders als Schooping glaube ich nicht, dass das biblische Verbot der Ikonenverehrung etwas mit ihrer Unbelebtheit zu tun hat. Er beruft sich auf Passagen wie Jesaja 44,14–17, in denen die Anbetung lebloser Götzenbilder verspottet wird, und argumentiert, dies sei der Grund für ihr Verbot. Der weit wichtigere biblische Gedanke ist jedoch, dass wahre Anbetung allein Gott gebührt. Der Kern des Götzendienstes besteht darin, nicht Gott, sondern irgendetwas oder irgendjemandem Verehrung zukommen zu lassen. Deshalb verurteilt Römer 1,25 die Verehrung des Geschöpfs anstelle des Schöpfers, und darum findet sich auch in 5. Mose 4,15–19 das absolute Verbot, Bildnisse von irgendetwas oder irgendjemandem anzubeten. Was immer den Platz Gottes – dem allein wir dienen müssen – einnimmt, ist der biblischen Definition nach Götzendienst. Deshalb ist Habgier auch Götzendienst und wird nicht nur damit verglichen. Calvin kommt entsprechend zu dem Schluss, dass unsere sündigen Herzen Götzenfabriken sind, die ständig neue Objekte herstellen, denen wir unsere Hingabe schenken. Ein Götze ist alles, was den rechtmäßigen Platz Gottes einnimmt. Das schließt Bildnisse ein, beschränkt sich aber keineswegs darauf.
Die östlich-orthodoxe Mariologie
Der für mich hilfreichste Abschnitt war der zur östlich-orthodoxen Mariologie. Ich bin in der Ostkirche großgeworden, umgeben von einer Atmosphäre tiefer Marienverehrung, bei der ich immer Mühe hatte, die Beweggründe dafür nachzuvollziehen. Zumindest was die dogmatischen Grundlagen angeht, leistet Schooping einen guten Dienst, indem er die östlich-orthodoxe Mariologie sehr ausführlich behandelt.
Schooping führt zahlreiche in der Ostkirche als kanonisch geltende außerbiblische Quellen an, die Maria als diejenige beschreiben, die aktiv das Heil der Welt herbeiführt. Ein faszinierender und immer wiederkehrender Mythos besagt, Maria sei im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels aufgewachsen und habe dort ein so intensives Leben der Selbstverleugnung geführt, dass sie dadurch Gottes Gunst erlangte. Auf dieser Basis überzeugte sie ihn, Mitleid mit der Welt zu haben und ihren Heilsplan zu verwirklichen:
„Sie nahm es auf sich, uns zu vertreten, denjenigen zu zügeln, der über allem Zwang steht, und Ihn rasch uns zugeneigt zu machen, damit Er den Fluch von uns nehme.“ (S. 90)
Ferner beschreibt die östlich-orthodoxe Lehre Maria als die zweite Eva, die Vollendung der Menschheit und das „Lamm Gottes ohne Makel, die Taube ohne Flecken“ (S. 83). Maria hebt den Fluch auf, der auf uns lastet, und wird sogar als „angenehmes Opfer“, „die vorherbestimmte Königin aller, die uns das Himmelreich geöffnet hat“ (S. 85) und das mitfühlende und zugängliche himmlische Wesen bezeichnet, das lebt, um für immer für uns Fürsprache einzulegen.
Ich kann nur sagen, dass es für mich ebenso aufschlussreich wie schockierend blasphemisch war, diese Dinge zu lernen.
Schoopings wohlwollendstes Urteil lautet, dass eine „tiefe und durchgreifende Verwirrung und Unklarheit hinsichtlich der soteriologischen Rolle und Wirkkraft Marias“ vorherrscht (S. 96). Realistischer ist jedoch folgende Schlussfolgerung:
„Es scheint keineswegs ungerechtfertigt, hier in aller Ernsthaftigkeit mindestens eine Art Marienkult zu vermuten, wenn nicht sogar ein Marientum innerhalb des Christentums.“ (S. 104)
Was Schooping zu Recht beunruhigt, ist, dass die heikelsten dieser Lehren von östlich-orthodoxen Apologeten glatt gebügelt werden, die nichtsahnende Konvertiten für sich gewinnen wollen. Er hält dies bestenfalls für unaufrichtig und außerdem für:
„… einen seltsamen Selbstwiderspruch, dass sich so viele östlich-orthodoxe Christen und sogar Theologen oftmals zwar die ‚unveränderte‘ und ‚einzig wahre Kirche‘ wünschen, gleichzeitig aber willkürliche Ausnahmen zulassen oder bestimmte Aspekte ihres formalen kanonischen Lebens wegerklären.“ (S. 30)
Für wen eignet sich dieses Buch?
Schooping selbst weist im Vorwort darauf hin, dass Menschen mit einem östlich-orthodoxen Hintergrund nicht zur Zielgruppe gehören. Dennoch mag es einige belesene Konvertiten geben, deren theologische Fragen durch Schoopings Kritik beantwortet werden.
Vor allem richtet sich Disillusioned an Evangelikale, die sich mit der Ostkirche auseinandersetzen, weil sie sich entweder von ihr angezogen fühlen oder sie besser verstehen und sich gegen sie verteidigen wollen. Dieses Buch richtet sich auch an die vielen Pastoren, mit denen ich gesprochen habe und die sich Sorgen um die Mitglieder ihrer Gemeinden machen, die sich zur östlich-orthodoxen Tradition hingezogen fühlen. Wenngleich ich das Buch leicht zu lesen fand (es fiel mir tatsächlich schwer, es aus der Hand zu legen), verwendet Schooping theologische und philosophische Konzepte, die Lesern, die damit nicht vertraut sind, die Lektüre erschweren könnten.
Buch
Joshua Schooping, Disillusioned: Why I Left the Eastern Orthodox Priesthood, im Selbstverlag 2022, 253 Seiten, ca. 25 €.