Warum die Predigt zu den Gnadenmitteln gezählt wird
„Wenn du mir nicht zuhörst, wie kannst du wissen, wie ich bin? Wenn du mich nicht zu Wort kommen lässt, wie willst du je verstehen, wer ich bin?“ So oder ähnlich könnte es in einer Beziehung zwischen zwei Menschen klingen. Um einen anderen Menschen kennenzulernen, braucht es Reden und Zuhören. So funktioniert Kommunikation.
Im Zentrum der Bibel steht ein Gott, der spricht, der sich selbst zu erkennen gegeben hat. Darin liegt der große Gegensatz zu toten Götzen: Gott spricht. Oder um es mit den Worten Francis Schaeffers zu sagen: „Er ist da, und er schweigt nicht.“ Er gibt sich in der Schöpfung zu erkennen. In ihr sehen wir etwas von seiner Herrlichkeit, Majestät und Schönheit. Zwar zeigt er in dieser Welt seine unwiderstehliche Macht, aber aus der Schöpfung allein können wir nicht viel mehr erkennen. Du kannst zum Himmel rufen: „Wer bist du? Wie bist du?“ Du wirst jedoch keine Antwort erhalten.
Wenn wir aber die Seiten der Bibel aufschlagen, sehen wir, dass er sich offenbart und in seinem Wort zu uns spricht. Gott ist der verkündigende Gott. Schon auf der ersten Seite der Bibel heißt es immer wieder: „Und Gott sprach: Es werde … Und es geschah so.“ Sein Wort führt aus, was er will. Gleich von Anfang an sehen wir die Kraft und Autorität von Gottes Wort. Durch sein Wort und Handeln unterscheidet er sich von allen anderen Göttern. Jesaja 55,11 fasst das für uns zusammen:
„Genau so soll auch mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht: Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe!“ Von Anfang an zeigt die Schrift, dass Gott spricht und sein Wort vollbringt, was er beschlossen hat. Er sagt: „Es werde Licht“ – und es wird Licht. Er ruft sich ein Volk heraus. Er erlöst es. Er leitet es durch sein Wort. Er regiert es durch sein Gesetz und durch seine Propheten, die von Gott gesandt sind, um dem Volk Gottes seine Botschaft zu verkündigen – um seine eigenen Worte zu sprechen. Sie bringen die Botschaft von Rettung und Gericht.
Zur rechten Zeit sandte Gott seinen Sohn in die Welt – seinen Sohn, der das Wort selbst ist, der bei Gott und Gott selbst war, durch den alle Dinge gemacht sind. In Ihm war das Leben, und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns (vgl. Joh 1,1–4.14). Der Herr Jesus ist der größte aller Prediger. Er lehrt nicht wie die religiösen Führer seiner Zeit, sondern wie einer, der Vollmacht hat. Er predigt einfach, klar und tiefgründig. Die Menschenmengen hören gebannt zu, wenn er spricht. Seine Stimme erweckt Tote, stillt den Sturm, treibt Dämonen aus und lässt Krankheit zurückweichen. Er ist es, der Gott offenbart. Jesus sendet Prediger aus, die gute Nachricht des Evangeliums zu verkündigen, und sie sprechen mit seiner Vollmacht. Wenn Menschen die Botschaft des Evangeliums annehmen, empfangen sie ihn. Sie gehen vom Tod zum Leben, von der Finsternis zum Licht über. Durch die Predigt von Gottes Wort werden die Erwählten gesammelt, und seine Gemeinde wird gebaut.
Als der betagte Apostel Paulus über seine Lebenszeit hinausblickt und die Weichen für die nachapostolische Zeit der Kirche stellt, gibt er Timotheus einen zentralen Auftrag: „Verkündige das Wort, tritt dafür ein, es sei gelegen oder ungelegen; überführe, tadle, ermahne mit aller Langmut und Belehrung!“ (2Tim 4,2). Das Wort Gottes, das gepredigt wird, ist lebendig, wirksam und schärfer als ein zweischneidiges Schwert. Gott schweigt nicht. Er ist der redende Gott, und er spricht heute durch das gepredigte Wort. Unsere Theologie der Predigt muss im Wesen des dreieinigen Gottes verwurzelt und gegründet sein.
Allzu oft vergessen wir, was eine Predigt überhaupt ist. Das Wort Gottes wird von einem dazu berufenen Mann Gottes in der Kraft des Geistes Gottes verkündigt. Gott gebraucht sein gepredigtes Wort, um sein Volk zu segnen. Er hat bestimmte Männer als Prediger begabt und berufen, damit sie verkündigen, was sein Wort sagt. Natürlich könnte Gott auch direkt sprechen, aber er hat sich entschieden, schwache, zerbrechliche Männer zu gebrauchen, um sein Wort zu verkündigen. Diese Männer sind daran gebunden, Gottes Wort zu predigen – nicht ihre eigene Botschaft und nicht das, was ihr Publikum gern hören würde. Sie sind Sprecher im Auftrag Gottes. Sie haben die mühevolle Arbeit der Vorbereitung und des Studiums zu leisten, um Gottes Offenbarung zu verstehen. Gott redet in seinem Wort zu ihnen und durch sie zu seinem Volk.
Wenn wir das gepredigte Wort Gottes hören, ist das ein Gnadenmittel. Es ist ein großes Vorrecht und ein großer Segen, vom souveränen Herrn des Himmels und der Erde angesprochen zu werden. In Römer 10 spricht Paulus von der unverzichtbaren Notwendigkeit des Predigers:
„Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne einen Verkündiger? Wie sollen sie aber verkündigen, wenn sie nicht ausgesandt werden? Wie geschrieben steht: ‚Wie lieblich sind die Füße derer, die Frieden verkündigen, die Gutes verkündigen!‘“ (Röm 10,14–15).
Wenn das Wort Gottes vom Mann Gottes in der Kraft des Geistes verkündigt und im Glauben angenommen wird, bringt es Leben. Der Gott der Bibel ist ein Gott, der redet, und der Prediger ist sein Sprecher.
Die Predigt des Wortes Gottes ist das Mittel, durch das wir Gottes unverdiente Gnade empfangen. Gott hat verheißen, sein Wort zu segnen. Die Westminster-Theologen bringen dies im Kleinen Westminster Katechismus (Frage und Antwort 89) auf den Punkt: „Der Geist Gottes macht das Lesen, aber im Besonderen das Predigen des Wortes zu einem wirksamen Mittel zur Überführung und Bekehrung von Sündern, und um sie aufzubauen in Heiligkeit und Trost, durch Glauben zum Heil.“
Darum kommen wir Sonntag für Sonntag mit Freude und Erwartung, um das Wort Gottes zu hören und zu empfangen. Doch wir kommen auch mit den Worten von Psalm 95 im Gedächtnis: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht“ (Ps 95,7–8).