Auferstehung und Herrschaft
Über die enge Verbindung von Auferstehungsleben und Reich Gottes in der Bibel
Zusammenfassung
Innerhalb der Biblischen Theologie sind das Reich Gottes und die Hoffnung auf die Auferstehung zentrale Themen. In der großen Geschichte der Bibel – vom Schöpfungsbericht (vgl. 1Mose 1–2) über den Sündenfall (vgl. 1Mose 3) bis zu Gottes Erwählung des Volkes Israel und schließlich zur Erfüllung der Verheißungen Gottes in Jesus Christus – sind diese Lehren auf bemerkenswerte Weise eng miteinander verwoben. Obwohl beide dieser Themen bereits umfassend untersucht wurden, wurde die untrennbare Verbindung, die durch die ganze Bibel hindurch zwischen ihnen besteht, oft übersehen oder vernachlässigt. Mein Ziel mit diesem Aufsatz ist, das Thema des Reiches Gottes und der Hoffnung auf die Auferstehung in der gesamten Bibel nachzuzeichnen, um zu zeigen, wie und warum sie untrennbar miteinander verbunden sind. Am Ende des Aufsatzes stelle ich einige Überlegungen dazu an, warum diese Verbindung wichtig ist und welchen Unterschied sie für das Leben des Christen macht.[1]
Im Rahmen meiner wissenschaftlichen Laufbahn waren das Reich Gottes und die Lehre von der Auferstehung zwei Hauptthemen meiner Forschungs-, Publikations- und Lehrtätigkeit.[2] Aus meinem Studium der Heiligen Schrift ist mir die enge Beziehung zwischen dem Konzept des Herrschens bzw. des Reiches Gottes und der Lehre von der Auferstehung deutlich geworden. Die Titelformulierung „Auferstehung und Herrschaft“[3] fasst mein Anliegen in diesem Aufsatz treffend und präzise zusammen: Ich möchte die Entfaltung des Reiches Gottes und die Lehre von der Auferstehung innerhalb der Bibel nachzeichnen, um zu zeigen, dass diese Themen in der gesamten Bibel und Heilsgeschichte untrennbar miteinander verbunden sind. Vor diesem Hintergrund werde ich im Laufe des Aufsatzes (und insbesondere am Ende) einige Gedanken darüber äußern, warum diese Verbindung wichtig ist und welchen Unterschied sie für das Leben des Christen macht.
Bevor wir unsere Reise durch die Bibel beginnen, ist eine kurze Einführung in die Themen hilfreich und angebracht. Ganz grundlegend sollte das Reich Gottes als die Herrschaft Gottes verstanden werden. Gottes Ziel in der gesamten Geschichte ist es, seine Königsherrschaft zu etablieren – wie im Himmel, so auch auf Erden. Dieses maßgebliche Ziel wird in den Worten Jesu im Vaterunser zusammengefasst: „Unser Vater, der du bist im Himmel! Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden“ (Mt 6,9–10).[4] Für Jesus war diese Bitte von so großer Bedeutung, dass er sie an den Anfang seines Mustergebets für seine Jünger stellte. Wir sollen um die Ankunft des Reiches Gottes und das Eintreten seines Willens beten, da dies Gottes Absicht für die gesamte Weltgeschichte ist.
Neben dem Reich Gottes ist die Lehre von der Auferstehung ein zentrales Thema im Drama der Erlösung.[5] Mit dem Begriff „Auferstehung“ meine ich „den Akt Gottes, sein Volk von den Toten zu einem leiblichen und verherrlichten ewigen Leben in der neuen Schöpfung aufzuerwecken“.[6] Wie wir sehen werden, ist diese Lehre kein Randaspekt, sondern vielmehr ein wesentlicher Bestandteil von Gottes Erlösungsplan. In diesem Licht lässt sich das Heilsvorhaben Jesu mit seinen Worten in Johannes 10,10 zusammenfassen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“
Sicher, manche Theologen haben gelegentlich auf Verbindungen zwischen der Lehre von der „Auferstehung“ und der Lehre von der „Herrschaft“ hingewiesen.[7] Soweit ich die Literatur überblicken kann, wurde jedoch (abgesehen von meiner Forschungsarbeit) bislang kein Versuch unternommen, ihre Beziehung in der gesamten Bibel nachzuzeichnen und aufzuzeigen. Genau darin liegt der Hauptbeitrag dieses Aufsatzes: Mein Ziel ist, diese untrennbare Verbindung zwischen Auferstehungsleben und Reich Gottes in der gesamten Bibel darzulegen.[8] Es geht mir jedoch nicht nur darum, diese Verbindung zu identifizieren, sondern darüber hinaus aufzuzeigen, warum sie so wichtig ist: Mein Anliegen ist, die theologische Basis für die enge Verbindung zwischen dem Auferstehungsleben und der Herrschaft über die Schöpfung zu artikulieren. Mein Aufsatz verfolgt diese Themen anhand von drei großen Abschnitten der biblischen Gesamterzählung: (1) Schöpfung, Sündenfall und Gottes Verheißung (vgl. 1Mose 1–11; das Versagen Adams); (2) die alttestamentliche Geschichte Israels (das Versagen von Israel als kollektiver Adam); und (3) die neutestamentliche Erfüllung in Jesus Christus (Erlösung durch Jesus als den zweiten Adam und das wahre Israel). Wenden wir uns nun diesen Themen zu.
1. Schöpfung, Sündenfall und Gottes Verheißung
Die ersten Kapitel der Bibel (vgl. insb. 1Mose 1–3) bilden die Grundlage der Biblischen Theologie. Die Schöpfungsgeschichte (vgl. 1Mose 1–2), der Bericht vom Sündenfall (vgl. 1Mose 3) sowie die erste Verkündigung des Evangeliums (vgl. 1Mose 3,15) setzen den Rahmen für die große Geschichte der Bibel und Gottes Erlösungsplan. Um die untrennbare Verbindung zwischen „Auferstehung“ und „Königsherrschaft“ mit Gott zu verstehen, müssen wir mit diesen entscheidenden Kapiteln beginnen.
1.1 Schöpfung
Die Themen „Auferstehung“ und „Königsherrschaft“ haben ihre Wurzeln in der Schöpfung und den grundlegenden ersten beiden Kapiteln der Bibel. Ein entscheidender Aspekt des Schöpfungsberichts (der vielleicht so offensichtlich ist, dass er oft übersehen wird) ist folgender: Gott schuf die Menschheit für das Leben. Im Schöpfungsbericht steht diese Erfahrung von Leben im Zusammenhang mit zwei Dingen: dem Baum des Lebens und dem Gehorsam gegenüber Gott. In der Mitte des Gartens steht der Baum des Lebens (vgl. 1Mose 2,9), der die Möglichkeit des ewigen Lebens bietet.[9] Ebenfalls in der Mitte des Gartens steht der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Gottes Anweisungen an Adam lauten: „Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du gewisslich sterben“ (1Mose 2,16–17). Zusammenfassend gilt im Blick auf die beiden Bäume und das Gebot des Herrn: Gehorsam führt zum Leben, Ungehorsam zum Tod.[10]
Ebenso verankert in der Schöpfungsgeschichte ist das Ziel, zu dem die Menschen geschaffen wurden: nämlich als Gottes Stellvertreter gemeinsam mit ihm zu herrschen.[11] Am sechsten Tag der Schöpfung sagt Gott: „Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde, auch über alles Gewürm, das auf der Erde kriecht!“ (1Mose 1,26). Die Menschheit soll also als Abbild Gottes seine Herrlichkeit widerspiegeln. Paulus fasst diesen entscheidenden Aspekt des Geschaffenseins im Bild Gottes in 1. Korinther 10,31 so zusammen: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut – tut alles zur Ehre Gottes!“
Die Menschheit soll Gottes Herrlichkeit jedoch nicht nur widerspiegeln, sie soll sie auch weitertragen – das heißt, Gottes Herrschaft und Herrlichkeit auf der Erde zur Geltung bringen. Obwohl viele Vorschläge dazu gemacht wurden, was es bedeutet, das Ebenbild Gottes zu tragen, bedeutet es im Kontext von 1. Mose 1,26–31, dass die Menschheit herrschen soll (wir erinnern uns an Gottes Worte: „Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; die sollen herrschen“). Gott ist der große König, der die Menschheit dazu aufruft, als seine Stellvertreter über die Schöpfung zu herrschen.[12]
In 1. Mose 1,28 formuliert Gott den Auftrag der Menschheit genauer: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan.“ Dieser Befehl – der oft als „Schöpfungsauftrag“ oder „Urauftrag“ (letzteren Begriff ziehe ich vor) bezeichnet wird – ist die biblische Grundlage für das Reich Gottes. Verbindet man die Verse 26 und 28, wird Gottes Absicht deutlich: Die Menschheit soll fruchtbar sein und sich vermehren, um so sein Ebenbild zu vervielfachen. Je mehr Ebenbilder es gibt, desto mehr Ehre bringt dies Gott. Ferner möchte Gott, dass sein Ebenbild in der gesamten Schöpfung zu finden ist. Gottes Ebenbild kennzeichnet seine Herrschaft: So wie sich sein Ebenbild bis an die Enden der Erde erstreckt, so erstreckt sich auch seine Herrschaft. Indem die Menschheit die Erde „füllt“ und sie sich „untertan“ macht, reflektiert sie als Ebenbild Gottes seine Herrlichkeit und verwirklicht auf Erden Gottes Königsherrschaft.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gott die Menschheit zu einem wunderbaren Zweck und mit einem herrlichen Privileg erschaffen hat. Gott macht die Menschen zu seinen Stellvertretern, um über die Schöpfung zu herrschen und sein Königtum auf der Erde zu verwirklichen. Überdies gewährt Gott der Menschheit die Möglichkeit, ewiges (physisches) Leben in seiner Gegenwart zu erfahren. Wie wir sehen werden, sind diese beiden Realitäten, die bei der Schöpfung begründet wurden, in der gesamten Bibel miteinander verknüpft.
1.2 Der Sündenfall
Obwohl Gott Adam und Eva (und ihren Nachkommen) die Möglichkeit gewährt, ewiges Leben zu genießen und über die Schöpfung zu herrschen, wenden sie sich leider von Gott und seinem Wort ab. Die Schlange verführt Adam und Eva, und sie essen von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Aufgrund dieser Übertretung findet eine Umkehrung statt: Nicht die Menschen herrschen über die Schöpfung, sondern die Schlange (ein Teil der Schöpfung) herrscht über Adam und Eva. Infolgedessen versagen Adam und Eva in ihrer Berufung, Gottes Wort zu gehorchen, sowie in ihrer Aufgabe, über die Schöpfung zu herrschen, und versprechen letztlich der Schlange ihre Treue.[13] Adam und Eva haben sich vom Herrn als ihrem König abgewandt und sich dem Wort der Schlange zugewandt.
Was den Sündenfall – neben der Tatsache, dass die Menschen der Schlange folgen – so schrecklich macht, ist, dass Adam und Eva den Tod dem Leben vorziehen. Sie müssen wählen zwischen dem Baum des Lebens, der das Leben bringt, und dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, der den Tod bringt – und entscheiden sich für den Tod (vgl. 1Mose 2,15–17; Röm 6,23). Nachdem sie von der Frucht gegessen haben, erleben Adam und Eva sofort den geistlichen Tod. Anstatt sich an der innigen Gemeinschaft mit Gott zu erfreuen, empfinden sie Scham und laufen weg, um sich vor Gott zu verstecken (vgl. 1Mose 3,7–11). Zuvor hatten Adam und Eva eine gute Beziehung zu Gott, nun sind sie von ihm entfremdet. Gott verbannt Adam und Eva aus dem Garten; sie werden verstoßen aus seiner Gegenwart und vom Baum des Lebens (vgl. 1Mose 3,22–24). Und obwohl der physische Tod nicht sofort eintritt, bedeutet Leben fortan ein langsames Marschieren in den Tod. John Donnes berühmte Worte vermitteln diese schreckliche Realität: „Darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“[14]
Nach dem Sündenfall nimmt die Menschheit keinen guten Verlauf. Wo Adam eigentlich hätte Leben spenden sollen, bringt der Sündenfall den Tod mit sich. Was dann in 1. Mose 3–11 folgt, kann nur als Herrschaft des Todes beschrieben werden. In 1. Mose 3,15 verkündet Gott, dass die Menschheit in zwei Lager geteilt werden wird: Der Same der Frau (die Verbündeten Gottes) und der Same der Schlange stehen einander in Feindschaft gegenüber. Diese Feindschaft wird deutlich, als der mit der Schlange verbündete Kain seinen mit Gott verbündeten Bruder Abel ermordet. Zum ersten Mal erlebt die Menschheit die Auswirkungen des Sündenfalls in Form des physischen Todes. Außerdem führt diese Erzählung eine Dichotomie ein, die sich durch die Gesamterzählung der Bibel hindurch entfaltet: Die Schlange wird mit dem Tod in Verbindung gebracht, während Gott daran arbeitet, seinem Volk Leben zu bringen.
Betrachtet man die Abstammungslinie Kains, setzt sich die Geschichte des Todes dort fort (vgl. 1Mose 4,15–24). Kain und seine Nachkommen bauen Städte und Kulturen und erzielen Fortschritte in Technologie und Kunst. Die Implikation jedoch ist, dass diese Aktivitäten eher zur Selbstverherrlichung als zur Ehre Gottes betrieben werden. John Frame bemerkt:
„Der Sündenfall ist im Schöpfungsauftrag nicht vorgesehen. Aber was geschieht nach dem Sündenfall? Die Menschen versuchen weiterhin, sich die Erde zu unterwerfen. In 1. Mose 4 finden wir die Entwicklung der Zivilisation unter den Nachkommen des bösen Kain, aber sie füllen und unterwerfen die Erde nicht zur Ehre Gottes. Das Ergebnis sind Kriege, Umweltverschmutzung, Krankheiten und so weiter.“[15]
In Übereinstimmung mit seinem geistlichen und leiblichen Vorfahren rühmt sich Lamech, ein Nachkomme Kains, sogar seiner mörderischen Taten.
Zur Zeit Noahs ist es dann wahrhaft düster um die Menschheit bestellt. Gottes Einschätzung der Lage lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Aber der HERR sah, dass die Bosheit des Menschen sehr groß war auf der Erde und alles Trachten der Gedanken seines Herzens allezeit nur böse“ (1Mose 6,5). Die Folgen der Sünde sind offensichtlicher denn je, als der Herr beschließt, mit Ausnahme von Noah und seiner Familie die Menschheit auszulöschen. Allerdings zeichnet sich auch nach der Sintflut ein finsteres Bild ab, wie der Turmbau zu Babel zeigt. Anstatt Gott zu verherrlichen und seine Königsherrschaft auf Erden zu verwirklichen, streben die Menschen danach, sich einen Namen zu machen und mit Gott zu konkurrieren (vgl. 1Mose 11,1–9). Das Ziel der Menschheit ist, sich selbst zu verherrlichen und ihr eigenes Königtum zu fördern – mit katastrophalen Folgen. Nichts weniger als eine Herrschaft des Todes kommt dabei heraus.
1.3 Hoffnung und Gottes Verheißung
Inmitten der Sünde, der Verzweiflung und des Todes, die nach dem Sündenfall ihren Lauf nehmen, gibt es dennoch Hoffnungsschimmer. Obwohl die Menschheit gespalten sein wird zwischen den Nachkommen der Schlange und denen der Frau, verspricht Gott, dass ein Nachkomme der Frau der Schlange eines Tages den Kopf zertreten wird (vgl. 1Mose 3,15). Theologen haben oft darauf hingewiesen, dass sich diese erste Verkündigung des Evangeliums in Jesus Christus erfüllt hat. Jesus ist derjenige, der der Schlange den Kopf zertritt, Satan entmachtet und seinem Volk den Sieg bringt. Ebenso enthält diese erste Verkündigung des Evangeliums die implizite Verheißung, dass die Flüche des Sündenfalls aufgehoben werden und Gottes Schöpfungsplan für die Menschheit durch die Erlösung erfüllt wird. So verstanden, verspricht und garantiert diese erste Verkündigung des Evangeliums implizit, dass Gottes Volk eines Tages – wie Gott es ursprünglich vorgesehen hatte – über die Schöpfung herrschen und der Tod als Folge der Sünde durch das ewige Auferstehungsleben überwunden werden wird.[16]
Zusätzlich zu dieser ersten Verkündigung des Evangeliums gibt es weitere Hoffnungsschimmer: Gott nimmt sich der Scham von Adam und Eva an, indem er ihnen Kleider macht (vgl. 1Mose 3,21); Adam vertraut auf Gottes Verheißung, indem er seine Frau „Eva“ nennt (vgl. 1Mose 3,20); Henoch stirbt nicht, sondern wird von Gott hinweggenommen (vgl. 1Mose 5,21–24); Gott rettet Noah und seine Familie vor dem Tod.[17] Diese Hoffnungsschimmer liefern die ersten biblischen Belege dafür, dass Gott seine Schöpfungsabsichten für sein Volk tatsächlich erfüllen wird: Eines Tages werden sie wieder herrschen und in der Auferstehung wird der Tod überwunden worden sein. Im Verlauf des weiteren Erzählbogens der großen Geschichte der Bibel setzt sich die untrennbare Verbindung zwischen diesen beiden Themen fort und verstärkt sich sogar noch.
2. Die alttestamentliche Geschichte Israels
Mit seiner Erwählung Abrahams und des Volkes Israels gewinnt Gottes Erlösungsplan deutlicher an Gestalt. In diesem Abschnitt möchte ich zeigen, wie sich die Themen Auferstehung und Herrschaft im Volk Israel entfalten.[18] Um es klar zu sagen: Ich behaupte nicht, dass die Lehre von der Auferstehung in dieser Phase der Heilsgeschichte immer explizit zum Ausdruck kommt; die Lehre tritt zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedliche Weise in den Vordergrund.[19] Mein Hauptanliegen ist, aufzuzeigen, wie die Geschichte Israels die Hoffnung auf das Leben nach der Auferstehung vorschattet.
Am Anfang von 2. Mose wird betont, dass Abrahams Nachkommen tatsächlich sehr zahlreich geworden sind (vgl. 2Mose 1,7). Aufgrund ihrer Vielzahl wird Israel nun als Bedrohung für den Pharao und Ägypten angesehen. Nachdem die brutale Behandlung und Versklavung der Israeliten durch den Pharao das Wachstum Israels nicht aufhalten konnte, befiehlt er, alle neugeborenen hebräischen Jungen zu töten. Der Pharao versucht, Israel als Nation auszulöschen, was nichts weniger als der Versuch eines Völkermords ist. Heilsgeschichtlich ist dies zweifellos ein weiteres Bild der Feindschaft zwischen dem Samen der Schlange (dem Pharao und den Ägyptern) und dem Samen der Frau (dem Volk Israel). Wieder einmal herrscht nicht Gottes Volk über die Schöpfung, sondern die Schlange über das Volk Gottes.
Angesichts der Situation Israels in Ägypten zu Beginn von 2. Mose treten zwei Dinge in den Vordergrund: Israel herrscht nicht so, wie Gott es vorgesehen hat, und Ägypten ist ein Ort des Todes. Folglich erweckt Gott Mose, um sein Volk zu retten. In Anbetracht von Gottes Rettungsplan für sein Volk hebt die Geschichte Israels somit die Themen „Auferstehung“ und „Herrschaft“ hervor. Gott wird Israel aus der Sklaverei und dem Tod befreien, es als sein Königreich etablieren und es in das Land der Verheißung führen, das ein Ort des Lebens ist.
Durch den Auszug aus Ägypten offenbart Gott seine Macht und Überlegenheit, indem er zeigt, dass er größer ist als die ägyptischen Götter. Dies wird deutlich, als Aarons Stab die Stäbe der ägyptischen Zauberer verschlingt (vgl. 2Mose 7,8–13), aber auch durch die Plagen, die Gott über Ägypten bringt. Zusätzlich dazu, dass Gott bei allen oder einigen der Plagen zwischen Israel und Ägypten unterscheidet, haben viele Theologen argumentiert, dass die Plagen speziell dazu dienen, zu zeigen, dass Jahwe größer ist als die Götter Ägyptens.[20] Nach der letzten Plage plündern die Israeliten die Ägypter, und der Pharao und die Armeen Ägyptens werden in ihren Tod im Roten Meer gelockt.
Der Lobgesang Moses im Anschluss an Gottes wundersame Befreiung ist von großer Bedeutung. „Der HERR herrscht als König für immer und ewig!“ (2Mose 15,18), verkündigt Mose und fragt: „Wer ist dir gleich unter den Göttern, o HERR? Wer ist dir gleich, herrlich in Heiligkeit, furchtgebietend in Ruhmestaten, Wunder vollbringend?“ (2Mose 15,11). Mose feiert, dass Jahwe der große Gott des Himmels und größer als alle anderen Götter und Mächte ist und regiert. Dies ist – bemerkenswerterweise – der erste ausdrückliche Hinweis auf das Königtum Jahwes (wenngleich diese Wahrheit implizit bereits im Schöpfungsbericht enthalten ist).
In der altorientalischen Weltanschauung hat die Herrschaft eines bestimmten Gottes im Himmel massive Auswirkungen auf das Volk dieses Gottes. Wenn Jahwe im Himmel herrscht, dann wird sein Volk auf der Erde herrschen. Der Status Israels als Königreich wird in 2. Mose 19,6 bestätigt, wo Gott Israel zusichert, dass es „ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk“ sein wird. Israel wird das Volk des Reiches Gottes sein. Der Herr sollte der höchste König über sein Volk sein, aber in Übereinstimmung mit seinem Plan war es auch sein Wille, dass Israel eines Tages einen menschlichen König haben sollte.[21] In 2. Samuel 7,5–16 schließt Gott dann einen Bund mit David und seinen Nachkommen. Das Haus Davids wird als beständige Dynastie gegründet, um das Königtum des Herrn auf Erden zu vertreten. Dies ist von größter Bedeutung, denn von diesem Zeitpunkt an sind die Hoffnungen des Volkes Gottes immer mit der Familie und dem Königtum der Dynastie Davids verbunden.
Die Geschichte Israels ist nicht nur eine Bewegung von der Sklaverei hin zu einer Nation und dann zu einem Königreich, sondern auch eine Bewegung vom Tod zum Leben. Wie bereits erwähnt, repräsentiert das Land Ägypten mit dem versuchten Völkermord an den Israeliten nichts weniger als einen Ort des Todes. In seinem Buch Exodus Old and New untersucht L. Michael Morales ausführlich das biblische Motiv Ägyptens als Ort des Todes. Er betont, dass die Ägypter zu dieser Zeit die religiösen und wissenschaftlichen Experten für den Tod waren; die biblische Sprache des „Herabsteigens“ nach Ägypten erinnert an den Eintritt in die Unterwelt bzw. den Scheol, genau wie das „Aufsteigen“ aus Ägypten eine Rettung vor dem Tod ist.[22] Darüber hinaus steht Gottes Befreiung Israels durch die Teilung des Meeres im Einklang mit dem biblischen Motiv, dass Gott sein Volk aus den Wassern des Todes rettet.[23] Dementsprechend gilt: „Der Exodus war die Erlösung von Gottes erstgeborenem Sohn vom Tod, eine Auferstehung Israels aus dem Scheol.“[24] Das Exodus-Ereignis ist nichts weniger als Gottes Sieg über den Tod und die Schlange als treibende Kraft des Todes.
Israels Geschichte ist aber nicht nur eine Rettungsgeschichte aus Ägypten, dem Ort des Todes, sondern auch eine Geschichte der Bewegung hin zum Land der Verheißung, einem Ort des Lebens. Die Sprache, mit der Mose dieses gelobte Land beschreibt, weist einige Ähnlichkeiten mit der Sprache des Schöpfungsberichts und der Beschreibung des Gartens Eden auf. In 2. Mose 15,17 singt Moses: „Du wirst sie hineinbringen und sie einpflanzen auf dem Berg deines Erbteils, an dem Ort, den du, HERR, zu deiner Wohnung gemacht hast, zu dem Heiligtum, o HERR, das deine Hände bereitet haben!“ Diese Worte erinnern an den Garten Eden als Heiligtum des Herrn vor dem Sündenfall. Ferner spiegelt Moses Beschreibung des Landes als gut und als Ort des Überflusses die Beschreibung des Gartens in 1. Mose 1–2 wider (vgl. 5Mose 4,22; 8,6–10; 11,8–15).[25]
Vor ihrem Eintritt in das Gelobte Land verkündet Mose:
„Siehe, ich habe dir heute das Leben und das Gute vorgelegt, den Tod und das Böse. Was ich dir heute gebiete, ist, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und in seinen Wegen wandelst und seine Gebote, seine Satzungen und seine Rechtsbestimmungen hältst, damit du lebst und dich mehrst; und der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Land, in das du ziehst, um es in Besitz zu nehmen. Wenn sich aber dein Herz abwendet und du nicht gehorchst, sondern dich verführen lässt, andere Götter anzubeten und ihnen zu dienen, so verkünde ich euch heute, dass ihr gewiss umkommen und nicht lange leben werdet in dem Land, in das du über den Jordan ziehst, damit du dorthin kommst [und] es in Besitz nimmst.“ (5Mose 30,15–18)
Diese Sprache erinnert an den Schöpfungsbericht in 1. Mose 1–2 und spiegelt dieselbe Entscheidung zwischen Leben und Tod wider, vor der Adam und Eva vor dem Sündenfall standen. Das Land der Verheißung soll ein Ort des Lebens sein, und Mose ermahnt Israel, Gott zu gehorchen und das Leben in diesem Land zu genießen.
Was wir dann finden, ist die Geschichte Israels als eine Bewegung von der Versklavung zum Königtum und eine Bewegung vom Tod zum Leben. Damit wird Gottes ursprünglicher Plan wiederhergestellt: Das Volk wird wieder am Ort seines Gottes wohnen, das Leben im Land genießen und das Volk seines Reiches sein. Als kollektiver Adam ist Israel Gottes Sohn (vgl. 2Mose 4,22) und steht vor einer Entscheidung – entweder es lebt in Gehorsam gegenüber Gott und genießt das Leben in diesem Land, oder es wendet sich vom Herrn ab, wird aus dem Land verbannt und erleidet Gottes Strafe.
Wer die Bibel kennt, weiß, dass die Geschichte leider nicht immer positiv verläuft. Aufgrund der Sünde Salomos wird das Königreich in ein Nord- und ein Südreich aufgeteilt. Da beide Reiche weiterhin gegen den Herrn rebellieren, werden sie schließlich besiegt und in Gefangenschaft geführt: das Nordreich 722 v. Chr. durch Assyrien und das Südreich 587–586 v. Chr. durch Babylon. Mit dem babylonischen Exil wird Gottes Volk erneut aus dem Land, dem Ort des Lebens, vertrieben und herrscht – anders als Gott es vorgesehen hatte – nicht mehr über die Schöpfung. Mit der Wegführung ins Exil gibt es keinen König aus dem Geschlecht Davids mehr auf dem Thron und Gottes Volk wird erneut versklavt. Aus dem Land und dem Tempel als Ort der Gegenwart Gottes verbannt zu werden, bedeutet, den Fluch des Todes zu erleiden. Jeremia beschreibt mit treffenden Worten die Schrecken des Exils: „Der Tod ist durch unsere Fenster hereingestiegen; er ist in unsere Paläste gekommen“ (Jer 9,20).
Doch selbst inmitten dieser dunkelsten Tage für das Reich Gottes schreiben die Propheten des Alten Testaments über eine glorreiche zukünftige Wiederherstellung. Die prophetischen Bücher des Alten Testaments enthalten eine Reihe von Hoffnungsschimmern auf eine zukünftige Wiederherstellung. Im Einklang mit der Absicht dieses Aufsatzes hebe ich nur einige wichtige Passagen aus Jesaja, Hesekiel und Daniel hervor, die zeigen, wie diese Hoffnungen auf eine zukünftige Wiederherstellung untrennbar mit der Auferstehung und Königsherrschaft verbunden sind.
Der Prophet Jesaja schreibt zunächst über den zukünftigen messianischen König aus dem Geschlecht Davids, der Gottes eschatologisches Reich der Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit und des Friedens aufrichten wird. In Jesaja 9,5–6 werden diese Hoffnungen und Erwartungen zusammengefasst:
„Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben; und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Ratgeber, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst. Die Mehrung der Herrschaft und der Friede werden kein Ende haben auf dem Thron Davids und über seinem Königreich, dass er es gründe und festige mit Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der Heerscharen wird dies tun!“
Mit Jesajas Vision vom eschatologischen Reich ist jedoch auch die Hoffnung auf Auferstehung verbunden. In Jesaja 25,6–9 schreibt Jesaja:
„Und der HERR der Heerscharen wird auf diesem Berg allen Völkern ein Mahl von fetten Speisen bereiten, ein Mahl von alten Weinen, von fetten, markigen Speisen, von alten, geläuterten Weinen. Und er wird auf diesem Berg die Schleierhülle wegnehmen, die alle Völker verhüllt, und die Decke, womit alle Nationen bedeckt sind. Er wird den Tod auf ewig verschlingen. Und GOTT, der Herr, wird die Tränen abwischen von jedem Angesicht und die Schmach seines Volkes hinwegnehmen von der ganzen Erde. Ja, der HERR hat [es] gesprochen. Und an jenem Tag wird man sagen: Seht, das ist unser Gott, auf den wir gehofft haben, dass er uns rette; das ist der HERR, auf den wir hofften; nun lasst uns frohlocken und fröhlich sein in seiner Rettung!“
Obwohl die Auferstehung nicht ausdrücklich erwähnt wird, verspricht Gott, dass er den Tod für immer verschlingen, die Tränen von den Gesichtern seines Volkes abwischen und die Schande seines Volkes beseitigen wird. Es gibt wohl kaum eine größere Schande und einen besseren Grund, Tränen zu vergießen, als den Fluch des Todes. Gott verspricht, sein Volk zu retten, und dieser Abschnitt macht deutlich, dass es sich dabei um nichts Geringeres als die Erlösung vom Tod handelt. In Jesaja 26,19 werden die Verheißungen der Auferstehung noch deutlicher, wenn Jesaja verkündet: „Aber deine Toten werden leben, [auch] mein Leichnam; sie werden auferstehen! Wacht auf und jubelt, ihr Bewohner des Staubes! Denn dein Tau ist ein Morgentau, und die Erde wird die Toten wiedergeben.“ So wie Gott den Menschen bei der Schöpfung aus dem Staub der Erde formt, wird Gottes Volk, das aufgrund der Sünde und des Todes zu Staub geworden ist, eines Tages von den Toten auferstehen.
Im Lied vom leidenden Gottesknecht (vgl. Jes 52,13–53,12) prophezeit Jesaja, dass der Knecht des Herrn für die Sünden seines Volkes bestraft und zum Sündopfer gemacht werden wird. Bezeichnenderweise wird dieser leidende Gottesknecht jedoch wieder zum Leben erweckt werden (was oft übersehen wird). Am Ende wird der Knecht „erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein“ (Jes 52,13; ELB)[26], und nach seinem Leiden „wird er Licht sehen, er wird sich sättigen“ (Jes 53,11).[27] Obwohl es in Jesaja verschiedene und mehrdeutige Verweise auf den „Knecht“ gibt, zeigt das Neue Testament, dass dieser Abschnitt in Jesus Christus erfüllt wurde. Fasst man all dies zusammen, wird der Messias nicht nur König sein, sondern auch auferweckt werden von den Toten.
Der Prophet Hesekiel verbindet Israels Wiederherstellungshoffnungen mit geistlicher Erneuerung und dem eschatologischen Gottesreich durch eine anschauliche Auferstehungsvision. Um Israels Wiederherstellung darzustellen, führt Gott Hesekiel in ein Tal voller toter und verdorrter Gebeine, die wieder zum Leben erweckt werden, nachdem Hesekiel seine Prophezeiung ausspricht und der Geist den Gebeinen neues Leben einhaucht (vgl. Hes 37,1–14). Der Kontext dieser Passage macht deutlich, dass es hier um die Wiederherstellung Israels nach dem Exil geht (vgl. Hes 37,11–14). Mit dieser Wiederherstellung geht jedoch auch eine geistliche Erneuerung einher (vgl. Hes 37,14), die zweifellos in einem Auferstehungsleben gipfelt. Wie der nächste Abschnitt zeigt, sind diese Hoffnungen auf Wiederherstellung mit dem eschatologischen Gottesreich und mit der Verheißung verbunden, dass Gottes Volk in diesem Land Leben erfahren wird (vgl. Hes 37,15–28). Wenngleich umstritten ist, ob diese Passagen sich auf die leibliche Auferstehung beziehen, sollte die Tatsache nicht leichtfertig abgetan werden, dass der Prophet Hesekiel Auferstehungssprache verwendet, um die Hoffnungen auf das eschatologische Reich zu beschreiben. Im Licht des gesamtbiblischen Zeugnisses werden das erneuerte geistliche Leben und die Wiederherstellung des Volkes Gottes in nichts Geringerem als der Auferstehung gipfeln.
Schließlich finden wir in Daniel 12,1–3 die klarste und deutlichste Prophezeiung der Auferstehung im Alten Testament:
„Zu jener Zeit wird sich der große Fürst Michael erheben, der für die Kinder deines Volkes einsteht; denn es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie es noch keine gab, seitdem es Völker gibt, bis zu dieser Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk gerettet werden, jeder, der sich in dem Buch eingeschrieben findet. Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach und Schande. Und die Verständigen werden leuchten wie der Glanz der Himmelsausdehnung, und die, welche die Vielen zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“
Mit dem Fluch des Todes nach dem Sündenfall kehrt die Menschheit dorthin zurück, woher sie gekommen ist: zum Staub (vgl. 1Mose 3,19). Daniel verkündet jedoch – möglicherweise in Anlehnung an Jesaja 26,19 – eine Auferstehung von den Toten: „Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach und Schande“ (Dan 12,2) Die Beschreibung der Auferstehung der Gerechten impliziert eine verherrlichte leibliche Auferstehung: „Die Verständigen werden leuchten wie der Glanz der Himmelsausdehnung“ und „wie die Sterne immer und ewiglich“ (Dan 12,3). Im Lichte des gesamten Buches sollte Daniels Auferstehungsprophezeiung nicht von anderen eschatologischen Hoffnungen und Prophezeiungen getrennt werden, auch nicht von Daniels Prophezeiung vom himmlischen Menschensohn, der das eschatologische Reich Gottes errichtet, das die anderen Reiche der Welt zerschmettert (vgl. Dan 7,9–14).
Was dieser Überblick über das Alte Testament zeigt, ist, dass Gottesreichs- und Auferstehungshoffnungen sowohl im Schöpfungsbericht als auch in Gottes Erlösungsplan untrennbar miteinander verbunden sind. Gott erschafft die Menschheit, damit sie über die Schöpfung herrscht, aber aufgrund der Sünde tritt der Tod in Erscheinung und die Schöpfung herrscht über die Menschheit. Obwohl Adam und Israel (als kollektiver Adam) ihrer Berufung, als Stellvertreter Gottes zu herrschen und im verheißenen Land Leben in Fülle zu genießen, nicht gerecht werden, verspricht Gott seinem Volk dennoch eine wunderbare Wiederherstellung unter einem zukünftigen Neuen Bund. Mit dem Kommen des Neuen Bundes gehen das eschatologische Reich Gottes und die Auferstehung des Volkes Gottes einher. Im Licht dieser Verheißungen wenden wir uns nun dem Neuen Testament zu.
3. Die neutestamentliche Erfüllung in Jesus Christus
Mit dem Kommen Jesu Christi hat ein neues Zeitalter begonnen. Das Neue Testament präsentiert Jesus als „zweiten Adam“ (vgl. Röm 5,12–21; 1Kor 15,21–22) und als das „wahre Israel“ (vgl. Joh 15,1–7). Die Ankunft Jesu markiert somit nicht nur den Beginn des Neuen Bundes, sondern auch den Anbruch einer neuen Schöpfung.[28] Jesus kommt als messianischer König aus dem Geschlecht Davids, als König, der über die gesamte Schöpfung herrschen und Auferstehungsleben bringen wird. In diesem Abschnitt werden wir die Themen „Auferstehung“ und „Herrschaft“ durch die drei Phasen verfolgen, in denen sich der Neue Bund und das eschatologische Reich in der Heilsgeschichte entfalten: (1) das erste Kommen Jesu (einschließlich seines Lebens, Todes und seiner Auferstehung); (2) das Zeitalter der Gemeinde (die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen); (3) das zweite Kommen Jesu, das in der neuen Schöpfung gipfelt.
3.1 Das erste Kommen Jesu
Im Hinblick auf sein Leben und seinen Opfertod gibt es über das Themenpaar Auferstehung und Herrschaft viel zu sagen. Jesus verkündet, dass sein Kommen die Ankunft des eschatologischen Gottesreiches bedeutet (vgl. Mk 1,14–15; 8,27–30; Lk 4,14–21; 24,44–49; Joh 4,25–26); das ist auch die Botschaft seiner ersten Nachfolger (vgl. Apg 2,36; Röm 1,1–4). Weiterhin verkündet Jesus, dass er die Quelle des Lebens ist (vgl. Joh 14,6), derjenige, der ewiges Leben in sich hat (vgl. Joh 5,25–26) und „die Auferstehung und das Leben“ ist (Joh 11,25). Der Tod Jesu am Kreuz wird außerdem ausdrücklich mit seiner Messianität in Verbindung gebracht (vgl. 1Kor 1,23) und ist zudem das endgültige Opfer, das dem Volk Gottes Leben bringt.
Sicher, auch in seinem irdischen Leben sowie seinem Tod am Kreuz ist Jesus sowohl Messias als auch Herr. Er herrscht, aber er herrscht in Schwachheit.[29] In 2. Korinther 13,4 betont Paulus, dass Jesus „aus Schwachheit gekreuzigt wurde“. In seinem Tod am Kreuz herrscht Jesus, aber er opfert bereitwillig sein Leben für die Sünden seines Volkes. Wie jedoch das Neue Testament offenbart, geschieht mit der Auferstehung Jesu etwas von monumentaler Bedeutung. Um auf denselben Vers zurückzukommen: Obwohl Jesus „aus Schwachheit gekreuzigt wurde“, lebt er in seiner Auferstehung „aus der Kraft Gottes“ (2Kor 13,4). Daher wird der Schwerpunkt in diesem Abschnitt auf der Beziehung zwischen Jesu Auferstehung und seiner Königsherrschaft liegen.
Für unseren Untersuchungsgegenstand ist es von großer Bedeutung, dass das Neue Testament die Auferstehung Jesu von den Toten mit seinem Königtum in Verbindung bringt. In Apostelgeschichte 2,22–36 verkündet Petrus, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt und ihn zu seiner Rechten erhöht hat, wo er als Herr und Messias regiert. In ähnlicher Weise verkündet Paulus in Apostelgeschichte 13,16–37, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, und deutet an, dass diese Auferstehung mit seiner Inthronisierung als messianischer König verbunden ist.[30] In beiden Fällen ist die klare Implikation, dass die Auferstehung Jesu von den Toten seiner Einsetzung als König und dem Beginn seiner Inthronisierung dient.[31]
Der Apostel Paulus verdeutlicht diesen Zusammenhang zwischen der Auferstehung Christi und seiner Inthronisierung. Am Anfang des Römerbriefs schreibt er, dass Jesus „erwiesen ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist der Heiligkeit durch die Auferstehung von den Toten“ (Röm 1,4; Hervorhebung hinzugefügt). Bemerkenswert ist, dass der Begriff „Sohn“ ein Begriff aus der Königssprache ist, der seinen Hintergrund sowohl in der altorientalischen Kultur als auch in wichtigen alttestamentlichen Texten wie 2. Samuel 7,14 und Psalm 2,7 hat.[32] Während Jesus bei seiner Kreuzigung „in Schwachheit“ regierte, regiert er nun aufgrund seiner Auferstehung von den Toten als Sohn Gottes in Kraft. Darüber hinaus schreibt Paulus, dass Gott „ihn aus den Toten auferweckt und zu seiner Rechten in der Himmelswelt gesetzt hat“ (Eph 1,20; ELB). Hier sind die Auferstehung Christi und seine Inthronisierung so eng miteinander verbunden, dass das eine das andere fast schon impliziert und garantiert.[33] Wie G.K. Beale bemerkt: „Die Auferstehung Christi ist so eng mit seinem Königtum verbunden, dass es sich bei ihnen um zwei Seiten derselben Medaille handelt.“[34]
Wenn wir darüber nachdenken, wo wir angefangen haben, ist diese Verbindung zwischen der Auferstehung Jesu und seiner Königsherrschaft von größter Bedeutung. Gott erschafft die Menschheit, damit sie als sein Stellvertreter über die Schöpfung herrscht (vgl. 1Mose 1,26–30; Ps 8). Genau diese von Gott bestimmte Schöpfungsrolle hat der Verfasser des Hebräerbriefes im Blick, wenn er betont, dass die kommende Welt nicht den Engeln, sondern den Menschen unterworfen sein wird (vgl. Hebr 2,5–8). Sich auf Psalm 8 berufend, schreibt er: „Mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt und hast ihn gesetzt über die Werke deiner Hände; alles hast du seinen Füßen unterworfen“ (Hebr 2,7–8); Gott hat „nichts übrig gelassen, das ihm [dem Menschen] nicht unterworfen wäre“ (Hebr 2,8). Aber wie der Verfasser bemerkt, besteht das Problem darin, dass „wir noch nicht [sehen], dass ihm alles unterworfen ist“ (Hebr 2,8). Aufgrund von Sünde und Tod wird das Streben der Menschheit, über die Schöpfung zu herrschen, vereitelt, unterdrückt und scheitert letztlich – insbesondere angesichts der Tatsache, dass das Endergebnis (fast) jedes Lebens der Tod ist. Auf diese Weise herrscht eigentlich die Schöpfung über die Menschheit.
Genau an dieser Stelle kommt jedoch die Erhöhung Jesu ins Spiel. Obwohl wir „noch nicht [sehen], dass ihm [dem Menschen] alles unterworfen ist“ (Hebr 2,8), sehen wir „Jesus … mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ (Hebr 2,9). Obwohl die Auferstehung in Hebräer 2,5–18 nicht ausdrücklich erwähnt wird, ist die klare Schlussfolgerung, dass Jesus „mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ ist (die Beschreibung, die der Menschheit vor dem Sündenfall gegeben wurde; vgl. Ps 8,6; Hebr 2,7), weil er den Tod besiegt hat und herrscht. C.S. Lewis schreibt:
„Die Verfasser des Neuen Testaments drücken sich vielmehr so aus, als sei die Auferstehung Christi von den Toten das erste Ereignis seiner Art in der ganzen Geschichte des Universums. Er ist die ‚Erstlingsfrucht‘, der Bahnbrecher des Lebens. Er hat eine Tür aufgebrochen, die seit dem Tode des ersten Menschen verschlossen war. Er ist dem König des Todes begegnet, hat ihn bekämpft und hat ihn geschlagen. Weil er das getan hat, ist alles anders geworden. Es ist der Anfang der neuen Schöpfung: Ein neues Kapitel in der Geschichte des Kosmos ist aufgeschlagen.“[35]
Wie Lewis bemerkt, ist aufgrund der Auferstehung Jesu alles anders. Jesus selbst verkündet: „Ich bin … der Lebende; und ich war tot, und siehe, ich lebe von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen! Und ich habe die Schlüssel des Totenreiches und des Todes“ (Offb 1,17–18). Durch seine Auferstehung hat Jesus die Sünde und den Tod besiegt und herrscht daher über die Schöpfung. Tatsächlich ist Jesus derzeit der einzige Mensch, der in Herrlichkeit und Kraft über die Schöpfung herrscht. Ferner hat nur derjenige die Schlüssel der Hölle und des Todes, der den Tod besiegt hat. Wie wir sehen werden, haben Jesu Auferstehung und Königsherrschaft enorme Auswirkungen auf sein Volk. Das ist das nächste Thema, mit dem wir uns befassen werden.
3.2 Die Gemeinde
Eine der unerwarteten Entwicklungen der neutestamentlichen Eschatologie ist, dass das Reich Gottes nicht mit einem einzigen Kommen des Messias errichtet wird, sondern mit zweien, zwischen denen zudem ein langer Zeitraum liegt. Diese Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Jesu ist das Zeitalter der Gemeinde. Das Zeitalter der Gemeinde ist eine Zeit der inaugurierten Eschatologie. Die Erlösung wurde durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Christi vollbracht, wird aber erst mit seiner Wiederkunft vollendet sein. In Übereinstimmung mit der neutestamentlichen Vision der inaugurierten Eschatologie wurde die „Auferstehungs-“ und „Herrschaftserfahrung“ der Gläubigen durch die Wiedergeburt und die geistliche Auferstehung eingeleitet, aber ihre endgültige Auferstehung und Herrschaft stehen noch bevor. Die Beziehung zwischen diesen Themen im Zeitalter der Gemeinde steht im Mittelpunkt dieses Abschnitts.
Eine Passage, die diese Beziehung zwischen „Auferstehung“ und „Herrschaft“ verdeutlicht, ist Johannes 3,1–15. In seinem Gespräch mit Nikodemus lehrt Jesus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!“ (Joh 3,3; Hervorhebung hinzugefügt). Da Nikodemus von Jesu Lehre verblüfft ist, erläutert Jesus weiter: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen!“ (Joh 3,5). In beiden Fällen lehrt Jesus, dass der Schlüssel zum Eintritt in das Reich Gottes die Wiedergeburt ist – was nichts anderes bedeutet, als „von Neuem“[36] bzw. aus dem Heiligen Geist geboren zu werden. Der Zusammenhang zwischen der Wiedergeburt und der Geburt aus dem Geist ist wichtig: Bei der Schöpfung haucht Gott Adam Leben ein (vgl. 1Mose 2,7); in Hesekiel 37,1–14 schenkt der Geist des Herrn den toten Gebeinen neues Leben; der Geist auferweckt Jesus aus den Toten (vgl. Röm 8,11); und hier in Johannes 3,1–15 bedeutet, aus dem Geist geboren zu sein, zum Reich Gottes zu gehören. Neues geistliches Leben bedeutet, dass Gläubige mit Christus regieren, weil sie Teil des Reiches sind.
In Epheser 2,1–10 weist Paulus ebenfalls auf den Zusammenhang zwischen Auferstehung und Herrschaft hin. Hier sollten wir uns daran erinnern, dass Paulus in Kapitel 1,20 betont, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt und ihn zu seiner Rechten in den himmlischen Regionen gesetzt hat, wodurch er den Zusammenhang zwischen der Auferstehung Jesu und seiner Inthronisierung hervorhebt. Allerdings wirkt laut Paulus dieselbe Kraft, die Christus von den Toten auferweckt hat, auch in den Gläubigen (vgl. Eph 1,19–20). Was Gott also durch den Geist für Christus getan hat, tut er auch für diejenigen, die durch den Glauben mit Christus vereint sind.
Während Epheser 1,19–20 die leibliche Auferstehung Jesu von den Toten und seine Inthronisierung zur Rechten Gottes hervorhebt, unterstreicht der Abschnitt in 2,1–10 die geistliche (also durch den Heiligen Geist bewirkte) Auferstehung der Gläubigen und ihre Herrschaft mit Christus. Während die Ungläubigen zuvor tot waren in ihren Sünden (vgl. Eph 2,1), sind sie nun „mit dem Christus lebendig gemacht“ (Eph 2,5). Überdies hat Gott sie mitauferweckt und mitversetzt in die himmlischen Regionen in Christus Jesus (vgl. Eph 2,6). Diese Verse werfen erneut ein Licht auf diese entscheidende Beziehung zwischen Auferstehung und Herrschaft. Diejenigen, die mit Christus vereint sind, sind lebendig gemacht und daher „geistlich“ von den Toten auferweckt worden und herrschen folglich gewissermaßen auf wichtige Weise „schon jetzt“ mit Christus.[37]
Das Neue Testament stellt jedoch auch klar, dass die Erlösung noch nicht vollendet ist. Während Paulus betont, dass die Gläubigen „schon jetzt“ mit Christus lebendig gemacht und auferweckt worden sind (vgl. Eph 2,4–6), schreibt er auch, dass die leibliche Auferstehung der Gläubigen in der Zukunft noch bevorsteht (vgl. 1Kor 15,35–58). In demselben Brief, in dem Paulus die zukünftige leibliche Auferstehung betont, tadelt er die Korinther für ihre Ansicht, sie würden womöglich schon jetzt mit Christus herrschen (vgl. 1Kor 4,8). Obwohl Jesus lehrt, dass das ewige Leben für den Gläubigen eine gegenwärtige Realität ist (vgl. Joh 5,24), spricht auch er von einer zukünftigen Auferstehung aus den Toten (vgl. Joh 5,25). Diese zukünftige Auferstehung und Herrschaft stellen die letzte Phase in der Heilsgeschichte dar.
3.3 Das zweite Kommen Jesu und die neue Schöpfung
Mit dem zweiten Kommen Christi und dem Beginn der neuen Schöpfung erreichen wir die letzte Phase der Heilsgeschichte.[38] Bei der Wiederkunft Jesu verkünden die himmlischen Stimmen laut: „Die Königreiche der Welt sind unserem Herrn und seinem Christus zuteilgeworden, und er wird herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (Offb 11,15). Die ganze Welt wird Christus gehören und er wird für immer regieren.
Entscheidend für diese umfassende und vollendete Herrschaft Christi wird die Überwindung des Todes durch die Auferstehung sein. Diese Verbindung wird in 1. Korinther 15,20–26 deutlich:
„Nun aber ist Christus aus den Toten auferweckt; er ist der Erstling der Entschlafenen geworden. Denn weil der Tod durch einen Menschen kam, so kommt auch die Auferstehung der Toten durch einen Menschen; denn gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in seiner Ordnung: Als Erstling Christus; danach die, welche Christus angehören, bei seiner Wiederkunft; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, wenn er jede Herrschaft, Gewalt und Macht beseitigt hat. Denn er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. Als letzter Feind wird der Tod beseitigt.“
Wie bereits erwähnt, regiert Jesus aufgrund seiner Auferstehung nun in Herrlichkeit und Macht. Paulus betont jedoch, dass die Auferstehung Jesu lediglich die „Erstlingsfrucht“ einer viel größeren Ernte ist. Wenn Christus wiederkommt, werden auch diejenigen, die zu ihm gehören, von den Toten auferstehen. Bezeichnenderweise wird mit der Wiederkunft Christi und der Auferstehung der Gläubigen auch die Vollendung des Reiches Gottes eintreten. Da als letzter Feind der Tod beseitigt wird (vgl. 1Kor 15,26), wird die Fülle des Reiches erst mit der endgültigen verherrlichten Auferstehung der Gläubigen erreicht sein.
Paulus’ Beschreibung der zukünftigen Auferstehung der Gläubigen ist bedeutsam. Während ihre gegenwärtigen Leiber vergänglich, in Unehre gesät, schwach und natürlich sind, werden ihre zukünftigen Auferstehungsleiber unvergänglich, in Herrlichkeit und Kraft auferweckt und geistlich (also vom Heiligen Geist) sein (vgl. 1Kor 15,42–44). Nur diese verherrlichten Auferstehungsleiber können die neue Schöpfung ererben, in der Gott mit seinem Volk wohnt. Die neue Schöpfung wird nicht mehr der Sünde unterworfen sein, genauso wenig wie die Auferstehungsleiber der Gläubigen nicht mehr der Sünde und dem Tod unterworfen, sondern dazu gemacht sein werden, die Fülle der Gegenwart Gottes zu genießen. Die Schöpfung wird nicht mehr in Form des Todes über die Menschheit herrschen. Vielmehr wird die Menschheit zum ersten Mal in der Fülle des ewigen Lebens über die Schöpfung herrschen, wie Gott es beabsichtigt hat.
Die letzten beiden Kapitel der Bibel (vgl. Offb 21–22) geben einen Einblick in das herrliche zukünftige Erbe des Volkes Gottes. Jesus wird wiederkommen, und der Himmel wird auf die Erde kommen. Die Stimme, die vom Thron ausgeht, wird sagen: „Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen; und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott“ (Offb 21,3). Nur in dieser neuen Schöpfung wird es keinen Tod, keine Trauer, kein Weinen und keinen Schmerz mehr geben, denn die alte Ordnung ist vergangen (vgl. Offb 21,4). In der Mitte dieser himmlischen Stadt, die auf die Erde herabgekommen ist, steht der Baum des Lebens (vgl. Offb 22,2). Der Tod wird besiegt sein, und ewiges Leben in Fülle wird die neue und bleibende Realität sein. Erst dann, wie Johannes uns sagt, wird Gottes Volk „herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Offb 22,5).
4. Fazit und Anwendung
Was folgern wir aus dieser Verbindung von Auferstehung und Königsherrschaft? Ich möchte mit zwei Gedanken dazu abschließen, wie diese Verbindung das christliche Leben prägen und beeinflussen sollte. Erstens: Die gegenwärtige geistliche Auferstehung der Gläubigen bedeutet, dass die Gläubigen in gewisser Weise „schon jetzt“ mit Christus herrschen. Zweitens: Das zukünftige Erbe der Gläubigen schenkt Kraft und Motivation, in der Gegenwart im Glauben auszuharren.
4.1 Die gegenwärtige „Auferstehung“ und „Herrschaft“ der Christen
Wenn die Realitäten der „Auferstehung“ und der „Herrschaft“ immer Hand in Hand gehen, folgt daraus, dass die gegenwärtige geistliche Auferstehung der Gläubigen bedeutet, dass sie in gewisser Weise schon jetzt mit Christus herrschen. Einerseits sind die Gläubigen von der Strafe der Sünde befreit worden, da Jesus über Sünde und Tod herrscht. Aufgrund ihrer Vereinigung mit Christus gibt es keine Verdammnis für diejenigen, die in Christus Jesus sind (vgl. Röm 8,1). Das bedeutet auch, dass der Tod für Christen nicht das letzte Wort hat. Das ewige Leben hat bereits begonnen, weil sie vom Tod zum Leben übergegangen sind (vgl. Joh 5,24). Obwohl der Tod noch immer drohend über ihnen schwebt, herrschen sie, weil der Tod nicht das letzte Wort und Gott ein zukünftiges ewiges Auferstehungsleben verheißen hat.
Andererseits ist die geistliche Auferstehung der Gläubigen die Grundlage für neues Leben in Christus. Durch seine Auferstehung von den Toten ist Jesus zu einem „lebendigmachenden Geist“ geworden (1Kor 15,45) und sendet nun den Heiligen Geist, um seinem Volk neues Leben zu bringen. Der erste Adam hätte „lebendigmachend“ sein sollen, brachte aber stattdessen den Tod über die Menschheit (vgl. Röm 5,12). Aber derjenige, der Sünde und Tod besiegt hat, ist derjenige, der seinem Volk neues Leben schenkt. In diesem Licht argumentiert Richard Gaffin: „Das christliche Leben in seiner Gesamtheit ist unter der Kategorie Auferstehung zusammenzufassen. Pointiert ausgedrückt: Christliches Leben ist Auferstehungsleben.“[39] Während sie früher tot waren in ihren Übertretungen und Sünden (vgl. Eph 2,1), sind Christen nun in Christus lebendig gemacht worden (vgl. Eph 2,4–6); sie sind mit Christus gestorben und anschließend zu neuem Leben auferstanden (vgl. Röm 6,1–14). Durch dieses neue Leben in Christus sind sie von ihrer Knechtschaft unter der Sünde befreit worden, damit sie Knechte der Gerechtigkeit werden können (vgl. Röm 6,17–18). Und bezeichnenderweise bedeutet die Befreiung von der Knechtschaft unter der Sünde, mit Christus zu „herrschen“. Jesus hat die Sünde besiegt, und diejenigen, die durch den Glauben mit ihm vereint sind, herrschen auf der Grundlage der Tatsache, dass sie Diener Christi und der Gerechtigkeit sind, nicht Diener der Sünde und des Todes.
Dieses neue Leben der Gläubigen ist die Grundlage einer christlichen Lebensführung. Als Ergebnis ihrer Neuschöpfung (vgl. 2Kor 5,17; Eph 2,10) haben Gläubige eine neue Ausrichtung im Leben und sind dazu berufen und befähigt, in guten Werken zu wandeln (vgl. Eph 2,10). Angesichts dieses neuen Lebens in Christus kann Paulus schreiben:
„Dass ihr, was den früheren Wandel betrifft, den alten Menschen abgelegt habt, der sich wegen der betrügerischen Begierden verderbte, dagegen erneuert werdet im Geist eurer Gesinnung und den neuen Menschen angezogen habt, der Gott entsprechend geschaffen ist in wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Eph 4,22–24)
Im Grunde ermahnt Paulus die Christen, so zu sein, wie sie in Christus sind, oder so zu werden, wie sie in Christus sind.[40] Da sie neu geschaffen worden sind, sollen Christen im Licht dieser neuen Realität leben.
An dieser Stelle sollten wir auch die enge Beziehung zwischen dem neuen Auferstehungsleben der Gläubigen und dem Leben durch den Geist erwähnen.[41] So wie der Geist bei der Schöpfung Leben schuf (vgl. 1Mose 2,7), so schenkt auch der Heilige Geist den Gläubigen neues Leben. Dieses neue Leben im Geist ist die Grundlage und der Antrieb für die biblischen Gebote, im Geist zu leben: „Wandelt im Geist“ (Gal 5,16); „lasst uns auch im Geist wandeln“ (Gal 5,25); „werdet voll Geistes“ (Eph 5,18). Im bzw. nach dem Geist zu leben und zu wandeln, bedeutet, in der Kraft und Wirklichkeit des neuen geistlichen Lebens in Christus zu wandeln.
4.2 Das herrliche zukünftige Erbe der Christen in der neuen Schöpfung
Ein zweiter Anwendungsbereich ergibt sich aus dem wunderbaren zukünftigen Erbe, das die Gläubigen in Christus haben. In 1. Petrus 1,3–4 heißt es, dass Gott die Gläubigen durch die Auferstehung Jesu „wiedergeboren“ hat zu einem „unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe“. Die zukünftige Hoffnung, die Gläubige in Christus haben, ist nichts Geringeres als überfließendes ewiges Leben, in dem sie für immer mit Christus herrschen werden. Die Gläubigen freuen sich über diese Erlösung, auch wenn sie, wie Petrus bemerkt, „jetzt eine kurze Zeit“ Leiden, Prüfungen und Trauer erdulden müssen (1Petr 1,6). Der Kontrast, den Petrus zwischen den gegenwärtigen Herausforderungen und dem herrlichen zukünftigen Erbe herstellt, unterstreicht erneut, dass die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Christi eine Zeit der inaugurierten Eschatologie ist. Es ist eine Zeit sowohl der Bedrängnis als auch des Reiches (vgl. Offb 1,9). Es ist eine Zeit, in der die Gläubigen weiterhin leiden, aber auch mit ihm herrschen. Infolgedessen ist es auch eine Zeit des standhaften Ausharrens (vgl. Offb 1,9).
Für den Christen prägt die Zukunft die Gegenwart. Das wunderbare zukünftige Erbe gibt ihm Motivation und Kraft, die Zeit des Leidens zu ertragen, die nur eine kurze Weile dauert. Einerseits wird derjenige, der im Glauben ausharrt, „von dem Baum des Lebens [essen], der in der Mitte des Paradieses Gottes ist“ (Offb 2,7; man beachte das Thema der Auferstehung), andererseits wird Christus den Überwindern geben, „mit mir auf meinem Thron zu sitzen“ (Offb 3,21; man beachte das Thema der Herrschaft). Der Apostel Paulus drückt es so aus: „Wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben; wenn wir standhaft ausharren, so werden wir mitherrschen; wenn wir verleugnen, so wird er uns auch verleugnen“ (2Tim 2,11–12; Hervorhebung hinzugefügt). Die herrliche Hoffnung auf das Leben nach der Auferstehung und die Herrschaft mit Christus ist in der Tat wunderbar. In diesem Licht sind Christen gerüstet, diese kurze Zeit der Prüfung und des Leidens durchzustehen.
1 Für einen Großteil der Recherche und konzeptionellen Ausarbeitung dieses Aufsatzes stütze ich mich auf meine Arbeit in: M. Jeff Brannon, The Hope of Life After Death: A Biblical Theology of Resurrection, Downers Grove: IVP Academic, 2022.
2 Vgl. M. Jeff Brannon, „The Kingdom of God“, in: Biblical Perspectives 17/30, 2015, online unter: https://tinyurl.com/3wx3f7h8 (Stand: 25.02.2026); Brannon, Hope of Life After Death. Ein anderer Interessenschwerpunkt von mir ist der Epheserbrief; vgl. M. Jeff Brannon, The Heavenlies in Ephesians: A Lexical, Exegetical, and Conceptual Analysis, London: T&T Clark, 2011. Bemerkenswerterweise hat meine Arbeit zum Epheserbrief mein Interesse an den Themen des Reiches Gottes und der Auferstehung nur verstärkt, da diese in der Christologie (vgl. Eph 1,19–23) und Soteriologie (vgl. Eph 2,1–10) des Epheserbriefs miteinander verbunden sind.
3 Einigen Lesern wird möglicherweise eine Ähnlichkeit auffallen zwischen dem Titel dieses Aufsatzes („Resurrection and Reign“) und dem Buch von Richard B. Gaffin Jr.: Resurrection and Redemption: A Study in Paul’s Soteriology, Phillipsburg: P&R, 1987. Mir ist nicht bewusst, inwiefern Gaffins Arbeit mich möglicherweise unbewusst in der Formulierung des Titels dieses Aufsatzes beeinflusst hat.
4 Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Bibelzitate aus der Schlachter 2000.
5 Vgl. Brannon, Hope of Life after Death.
6 Brannon, Hope of Life after Death, S. 2. Ich sage an dieser Stelle nicht, dass „Auferstehungssprache“ in der Bibel immer dieser Definition folgt; vgl. ebd., S. 2Fn1. Dennoch beschreibt diese Definition letztlich die endgültige Verwirklichung von Gottes Plan, seinem Volk neues Leben zu schenken.
7 Beispielsweise verweist Gregory Beale auf die Verbindung zwischen Auferstehung und Königtum; vgl. G.K. Beale, A New Testament Biblical Theology: The Unfolding of the Old Testament in the New, Grand Rapids: Baker Academic, 2011, S. 247–248, 330, 344. Brandon Crowe weist auf die Verbindung zwischen dem Reich Gottes und der Auferstehung in der Apostelgeschichte hin; vgl. Brandon D. Crowe, The Hope of Israel: The Resurrection of Christ in the Acts of the Apostles, Grand Rapids: Baker Academic, 2020.
8 Wie bereits erwähnt, greife ich auf meine Forschungsarbeit in Hope of Life After Death zurück. Dabei mache ich (neben anderen heilsgeschichtlichen Themen) auf die Beziehung zwischen Auferstehungsleben und dem Reich Gottes aufmerksam, betone jedoch zugleich, dass dieser Beziehung bislang nicht genügend Beachtung geschenkt wurde. Mein Aufsatz verfolgt das Ziel, dieser Beziehung größere Aufmerksamkeit zu widmen. Im Unterschied zu meiner Arbeit im Buch liegt der Schwerpunkt dieses Beitrags ausschließlich darauf, darzulegen, wie und warum die heilsgeschichtlichen Themen des Auferstehungslebens und des Herrschens mit Gott untrennbar miteinander verbunden sind.
9 Das ist die Implikation von 1. Mose 3,22–24, wo Gott Adam und Eva aus dem Garten und insbesondere vom Baum des Lebens verbannt, sodass der Mensch nicht „vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe!“ (1Mose 3,22).
10 Diese Übereinkunft bzw. dieser Zusammenhang wird manchmal auch als „Bund der Werke“ bezeichnet; vgl. z.B. Westminster-Bekenntnis, 7.2.
11 Vgl. Brannon, Hope of Life after Death, S. 15–17.
12 Vgl. 1Mose 1,26–31 und Ps 8.
13 Für die Vorstellung, dass die Menschheit (zumindest in Teilen) der Schlange ihre Treue geschworen hat, vgl. 1Mose 3,15; Joh 8,44; Eph 2,2.
14 John Donne, „Meditation (17)“, in: Anthony Raspa (Hrsg.), Devotions upon Emergent Occasions, New York: Oxford University Press, 1975, S. 87.
15 John M. Frame, Systematic Theology: An Introduction to Christian Belief, Phillipsburg: P&R, 2013, S. 1035.
16 Gregory Beale schreibt: „Der erste mögliche Hinweis auf das Auferstehungsleben könnte bereits in 1. Mose 1–3 erkennbar sein. … Das Versprechen aus 1. Mose 3,15 von dem Nachkommen der Frau, der den entscheidenden Sieg über die Schlange erringen wird, beinhaltet wahrscheinlich auch eine implizite Umkehr ihres Wirkens, durch das der Tod seinen Einzug fand“ (Beale, New Testament Biblical Theology, S. 228).
17 Für weitere Erläuterungen zu diesen Hoffnungsschimmern vgl. Brannon, Hope of Life after Death, S. 28–33, 38–39.
18 Der begrenzte Rahmen dieses Aufsatzes erlaubt keine ausführliche Untersuchung dieses langen Abschnitts der israelitischen Geschichte. Mein Ziel ist es vielmehr, diese Themen grob zu skizzieren und einige zentrale Aspekte der Verbindung von Auferstehung und Herrschaft hervorzuheben; für eine eingehendere Darstellung vgl. Brannon, Hope of Life after Death, S. 34–87.
19 Vgl. z.B. 2Mose 3,6; Moses Lied (5Mose 32,39); Hannas Gebet (1Sam 2,6); Elias und Elisas Auferweckungswunder. In den Psalmen und den prophetischen Büchern des Alten Testaments tritt die Lehre von der Auferstehung deutlicher hervor.
20 Vgl. John D. Currid, Ancient Egypt and the Old Testament, Grand Rapids: Baker Books, 1997, S. 83–120.
21 Vgl. z.B. 1Mose 17,6.16; 40,10; 4Mose 24,7.17–19; 5Mose 17,14–20; Ri 21,25.
22 Vgl. L. Michael Morales, Exodus Old and New: A Biblical Theology of Redemption, Downers Grove: IVP Academic, 2020, S. 50–54.
23 Vgl. Morales, Exodus Old and New, S. 51–54.
24 Morales, Exodus Old and New, S. 76.
25 Vgl. Oren R. Martin, Bound for the Promised Land: The Land Promise in God’s Redemptive Plan, Downers Grove: InterVarsity Press, 2015, S. 77–86.
26 Die Formulierungen „erhoben“, „erhöht werden“ und „sehr hoch sein“ haben Anklänge an die Auferstehung Jesu und seine Himmelfahrt sowie Inthronisierung; vgl. auch J. Alec Motyer, The Prophecy of Isaiah: An Introduction and Commentary, Downers Grove: IVP Academic, 1993, S. 424.
27 Anders als im Masoretischen Text findet sich in den Qumran-Schriftrollen die Formulierung „Licht des Lebens“. Unabhängig davon, ob diese Worte zum ursprünglichen Text gehören, vertritt J. Alec Motyer die Auffassung, dass die Auferstehung an dieser Stelle impliziert wird, da der Knecht nach seinem Leiden eindeutig wieder am Leben ist; vgl. J. Alec Motyer, Isaiah: An Introduction and Commentary, Downers Grove: IVP Academic, 1999, S. 381–383.
28 Vgl. z.B. Joh 1,1–18; 2Kor 5,17.
29 Für die Auffassung, dass Jesus in seinen Leiden und seinem Tod „in Schwachheit“ herrscht, vgl. Leon Morris, The Epistle to the Romans, Grand Rapids: Eerdmans, 1988, S. 45.
30 Dies wird implizit deutlich, wenn Paulus Psalm 2,7, Jesaja 55,3 und Psalm 16,10 zitiert.
31 Petrus greift in seiner Predigt auf Psalm 16 und Psalm 110 zurück, Paulus hingegen zieht Psalm 2 und Psalm 16 heran. Im Hinblick auf Jesu Auferstehung aus den Toten zitieren sowohl Petrus als auch Paulus Psalm 16. Petrus führt Psalm 110 im Blick auf Jesu Inthronisation an, Paulus hingegen Psalm 2,7 im Zusammenhang mit Jesu Einsetzung als König.
32 Für eine kurze Erörterung von „Sohn“ als Begriff aus der Königssprache vgl. Karen H. Jobes, Letters to the Church: A Survey of Hebrews and the General Epistles, Grand Rapids: Zondervan, 2011, S. 90–93.
33 Ich behaupte nicht, „Auferstehung“ und „Inthronisierung“ seien dasselbe; es handelt sich um unterschiedliche Ereignisse, die jedoch so eng miteinander verknüpft sind, dass das eine das andere impliziert.
34 Beale, New Testament Biblical Theology, S. 247.
35 C.S. Lewis, Wunder: möglich – wahrscheinlich – undenkbar?, Basel und Gießen: Brunnen, 2. Taschenbuchaufl., 1991, S. 169.
36 Oder „von oben“ geboren, je nachdem, wie ἄνωθεν übersetzt wird.
37 Weitere Ausführungen dazu werden im abschließenden Anwendungsabschnitt behandelt.
38 Aus Platzgründen überspringe ich den Zwischenzustand (die Zeitspanne zwischen dem Tod des Gläubigen und der Wiederkunft Jesu); für eine Erörterung dieser Themen im Hinblick auf den Zwischenzustand vgl. Brannon, Hope of Life after Death, S. 147–151.
39 Richard B. Gaffin Jr., By Faith, Not by Sight: Paul and the Order of Salvation, Phillipsburg: P&R, 2. Aufl., 2013, S. 77.
40 Vgl. Gaffin Jr., By Faith, Not by Sight, S. 80.
41 Für eine vertiefende Erörterung vgl. Brannon, Hope of Life After Death, S. 141–144; Herman Ridderbos, Paul: An Outline of His Theology, Grand Rapids: Eerdmans, 1975, S. 214–223; Beale, A New Testament Biblical Theology, S. 835–870; Gaffin Jr., By Faith, Not by Sight, S. 85.