Warum wurde Jesus kein Knochen gebrochen?
Wer im Johannesevangelium den Bericht von Jesu Kreuzigung liest, stößt auf eine scheinbar unwesentliche Bemerkung: Jesus wurden am Kreuz die Beine nicht gebrochen (vgl. Joh 19,33). Die Soldaten, die den Tod der Gekreuzigten beschleunigen sollten, brachen erst dem einen Verbrecher die Beine, dann dem anderen. Als sie jedoch zu Jesus kamen, merkten sie: Er ist schon tot. Und deshalb ließen sie die Beine unversehrt.
Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt, warum Johannes darüber berichtet? Jesus ist doch schon tot. Was spielt es für eine Rolle, ob ihm die Knochen gebrochen werden oder nicht?
Aber Johannes hält diese Beobachtung ausdrücklich fest und kommentiert sie zusätzlich: „Denn dies ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde: ‚Kein Knochen soll ihm zerbrochen werden‘“ (Joh 19,36). Damit macht der Apostel zwei Dinge klar: Zum einen ist das mit den Knochen keine zufällige Randinformation. Und zum anderen ist diese Information von so entscheidender Bedeutung, dass sie bereits im Alten Testament angekündigt wurde.
Der Kommentar von Johannes zeigt uns: Die intakten Knochen Jesu vermitteln eine – oder genauer: drei Botschaften, die wir in diesem Artikel unter die Lupe nehmen wollen:
Jesus blieb unversehrt, weil er (1) für deine Ungerechtigkeit starb, weil er (2) für deine Gerechtigkeit lebte und weil er (3) für deine Herrlichkeit litt.
Jesus kontrollierte sein eigenes Sterben
In seinem Bericht der Kreuzigung macht Johannes deutlich: Jesus starb nicht einfach, weil sein Körper es nicht mehr ausgehalten hätte. Er bestimmte selbst über den Zeitpunkt seines Todes: „Er neigte das Haupt und übergab den Geist“ (Joh 19,30b). Aus diesem Grund starb Jesus früher, als das bei einer Kreuzigung normalerweise der Fall war, weswegen sein Tod zunächst kaum auffiel. Doch plötzlich wurde der Zeitpunkt entscheidend. Der nächste Tag war ein Sabbat – und dazu noch ein besonders hoher Sabbat (vgl. Joh 19,31). Nach dem Gesetz durfte keine Leiche über Nacht am Holz hängen, sonst würde das ganze Land unrein (vgl. 5Mose 21,23). Das galt erst recht für den Sabbat, der bereits am Freitagabend um 18 Uhr begann. Die Zeit drängte also, weil es bereits später Nachmittag war. Eine Kreuzigung war eigentlich darauf ausgelegt, dass der Tod langsam und qualvoll eintrat, doch in diesem Fall ging das nicht. Der Vorgang musste beschleunigt werden.
Die Römer griffen dafür zu einer besonders grausamen Methode: Sie brachen den Gekreuzigten die Beine. Die meisten Menschen starben am Kreuz nicht durch Verbluten, sondern durch Ersticken. Um Luft zu holen, mussten sie sich mit den Beinen immer wieder nach oben drücken – trotz der Schmerzen durch die Nägel in den Gelenken. Normalerweise erstickten die Verurteilten, wenn ihnen (oft erst nach Tagen) die Kraft dazu fehlte. Sobald die Beine gebrochen waren, wurde es jedoch unmöglich, sich hochzustemmen; das Sterben wurde deutlich beschleunigt.
So brachen die Soldaten erst dem einen Verbrecher die Beine, dann dem anderen. Als sie jedoch zu Jesus kamen, merkten sie, dass er bereits tot war – und brachen ihm die Beine nicht. Stattdessen stieß einer der Soldaten einen Speer in Jesu Seite. Blut und Wasser traten aus – ein klares Zeichen dafür, dass Jesus schon seit einiger Zeit wirklich tot war: nicht scheintot, auch nicht ohnmächtig, sondern wirklich gestorben (vgl. Joh 19,34–35). Doch bevor Johannes den Speerstoß vor dem alttestamentlichen Hintergrund erklärt (vgl. Joh 19,37), lenkt er den Blick zurück auf die unversehrten Knochen, die zuallererst zeigen, dass Jesus sein Leben stellvertretend für uns gab.
Jesus wurde kein Knochen gebrochen, weil er für deine Ungerechtigkeit starb
Das klingt auf den ersten Blick verwirrend. Aber ganz bewusst verweist Johannes auf das Alte Testament, um zu erklären: „Denn dies ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde“ (Joh 19,36).
Ein Hinweis auf das Passahlamm
Im Alten Testament gibt es zwei zentrale Stellen, in denen ausdrücklich gesagt wird, dass Knochen nicht gebrochen werden dürfen. Beide beziehen sich auf das Passahlamm (vgl. 2Mose 12,46; 4Mose 9,12). Einem Juden war sofort klar: Wenn von unversehrten Knochen die Rede ist, dann geht es um das Passahlamm. Dieses Lamm wurde jedes Jahr am Passahfest geschlachtet. Es erinnerte an die Nacht in Ägypten, als Gott alle Erstgeborenen tötete. Nur dort, wo das Blut eines Lammes an den Türpfosten war, ging Gott schonend vorüber (vgl. 2Mose 12,12–13).
Die Botschaft war eindeutig: Eigentlich hätten alle den Tod verdient. Aber das Blut eines anderen konnte retten. Und diesem Stellvertreter durfte kein Knochen gebrochen werden. Über mehr als 1.000 Jahre hinweg wurde dieses Fest jedes Jahr gefeiert. Manchmal geriet es in Vergessenheit, dann musste Gott sein Volk daran erinnern. Aber grundsätzlich erinnerte das Passahlamm die Israeliten jedes Jahr daran: Ohne stellvertretendes Blutvergießen gibt es keine Rettung.
Das endgültige Passahlamm
Als Johannes sah, dass Jesus keine Knochen gebrochen wurden, war ihm klar: Jesus ist das wahre und endgültige Passahlamm, das alle anderen Passahlämmer überflüssig macht. Als er später sein Evangelium aufschrieb, zitierte er im ersten Kapitel Johannes den Täufer: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29). Und noch deutlicher wird Paulus in 1. Korinther 5,7: „Denn unser Passahlamm ist ja für uns geschlachtet worden: Christus.“ Die unversehrten Knochen sagen dir also: Wie das Passahlamm stellvertretend für die Israeliten starb, so starb Jesus stellvertretend für deine Ungerechtigkeit.
Doch Johannes verweist nicht nur auf das Passahlamm. Mit seinem Hinweis auf „die Schrift“ spielt er sehr wahrscheinlich auch auf Psalm 34 an. Dort heißt es über jemanden, den der Psalmist den Gerechten nennt: „Er [Gott] bewahrt ihm [dem Gerechten] alle seine Gebeine, dass nicht eines von ihnen zerbrochen wird“ (Ps 34,21). Wenn wir uns diese Stelle genauer anschauen, dann sehen wir: Es gibt noch zwei weitere Gründe, warum Jesus die Knochen nicht gebrochen wurden.
Jesus wurde kein Knochen gebrochen, weil er für deine Gerechtigkeit lebte
Der Gerechte begegnet uns in den Psalmen immer wieder. Manchmal wird er auch der Gottesfürchtige oder der Treue genannt. Ihm gegenüber steht der Gottlose. Zwischen diesen beiden besteht ein tiefer Graben: Der Gerechte ist von Gott geliebt, er vertraut auf ihn, er hält an seinem Wort fest. Der Gottlose hingegen lehnt Gott ab und muss die Konsequenzen für seine Rebellion tragen.
Schon in Psalm 1 wird das deutlich: Der Gerechte ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht zu seiner Zeit bringt (vgl. Ps 1,3). Der Gottlose dagegen ist wie Spreu, die der Wind verweht (vgl. Ps 1,4). Spätestens hier stellt sich eine Frage, die du dir vielleicht auch schon einmal gestellt hast: Wer von den beiden bin ich eigentlich?
Wer ist der Gerechte?
Einerseits glauben wir Christen an Jesus. Wir bekennen unsere Sünden. Wir wissen, dass uns vergeben ist. Und doch merken wir: Wenn wir lesen, wie der Gerechte in den Psalmen beschrieben wird, dann entsteht eine Spannung. Denn der Gerechte sinnt über Gottes Gesetz nach Tag und Nacht. Er vertraut Gott vollkommen. Er bleibt aufrichtig. Und ehrlich gesagt merken wir schnell: Wir sind nicht so – jedenfalls nicht konsequent und nicht vollständig.
Diese Spannung bleibt im gesamten Alten Testament bestehen – so lange, bis ein Mensch auf diese Welt kommt, auf den die Beschreibung des Gerechten wirklich zutrifft – zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte der Menschheit.
Der einzige wirklich Gerechte
Jesus war und ist wirklich der Gerechte. Für jeden, der Psalm 34 kennt, wird genau das am Kreuz deutlich. Die unversehrten Knochen sagen: Der Mann am Kreuz ist der Gerechte aus Psalm 34. Warum ist das so wichtig? Weil Jesus nicht nur den Tod starb, den wir eigentlich hätten sterben müssen. Er lebte auch das Leben, das wir eigentlich hätten leben müssen (vgl. Röm 5,18-19).
Wir danken Jesus oft – und völlig zu Recht – dafür, dass er für unsere Sünden starb. Aber danken wir ihm auch dafür, dass er für uns das gerechte Leben lebte?
Wenn Gott auf unsere Sünden schaut, sieht er das Blut des Lammes. Und wenn Gott auf unser Leben schaut, sieht er die vollkommene Gerechtigkeit seines Sohnes.
Sobald du das nächste Mal die Psalmen liest und dich ernsthaft fragst: Wer ist dieser Gerechte, von dem ständig die Rede ist?, darfst du wissen: Ich bin es, weil ich durch den Glauben zu dem gehöre, dem kein Knochen gebrochen wurde und der deswegen für mich der Gerechte schlechthin geworden ist.
Jesus starb deinen Tod. Jesus lebte dein Leben. Das ist die Botschaft der Knochen. Aber es gibt noch eine dritte Botschaft, die wir ebenfalls in Psalm 34 finden. Denn die Knochen versprechen uns auch: Jesus durchlitt dein Leiden, damit du irgendwann nicht mehr leidest.
Jesus wurde kein Knochen gebrochen, weil er für deine Herrlichkeit litt
In Psalm 34 geht es nicht nur um ein gerechtes Leben, sondern auch um Leid. Nur einen Vers vorher lesen wir: „Der Gerechte muss viel Böses erleiden; aber aus allem rettet ihn der Herr“ (Ps 34,20).
Auf den ersten Blick klingt das widersprüchlich. Muss der Gerechte (also der, dem kein Knochen gebrochen wird,) leiden oder wird er gerettet? Die Antwort lautet: beides – erst Leid, dann herrliche Zukunft.
Jesus litt genau wie du
So war es bei Jesus. Er wurde erniedrigt, verspottet und gequält. Er ging den Weg bis zum Kreuz. Und danach wurde er auferweckt und zur Rechten des Vaters erhöht. Paulus bringt das in Philipper 2,5–11 auf den Punkt: erst Gehorsam bis zum Tod, dann Herrlichkeit. Und weil du zu Jesus gehörst, gilt dieses Muster auch für dich, denn wie wir gesehen haben: Durch den Glauben an ihn bist auch du der Gerechte aus Psalm 34.
In diesem Leben wirst du leiden: unter dir selbst, weil du deinen alten Menschen mit dir trägst; unter anderen Menschen, weil sie Sünder sind; unter dieser Welt, weil sie gefallen ist; unter den Mächten dieser Weltzeit, weil sie Jesus und seine Kinder hassen. David stellt fest: „Der Gerechte muss viel Böses erleiden, aber aus allem rettet ihn der Herr“ (Ps 34,20). Und er schreibt weiter: „Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, dass nicht eines von ihnen zerbrochen wird“ (Vers 21).
Das bedeutet: Ja, das derzeitige Leid ist für dich real. Aber es wird nicht nur einmal enden. Es ist auch jetzt schon begrenzt. Es ist immer nur so heftig, wie Gott es erlaubt. Am Kreuz schien der Gerechte der menschlichen Willkür völlig ausgeliefert zu sein. Sie konnten scheinbar alles mit ihm machen. Und doch konnten sie ihm nicht die Knochen brechen – nicht weil seine Knochen besonders wertvoll gewesen wären, sondern weil Gott es so bestimmt hatte.
Und weil du durch den Glauben mit Jesus vereint bist, gilt das genauso für dich. Ja, du wirst vom Leid getroffen, aber immer nur so weit, wie Gott es erlaubt. Er verliert nie die Kontrolle. Die unversehrten Knochen seines Sohnes beweisen dir das.
Begrenztes Leid – zukünftige Herrlichkeit
Während Gott in diesem Leben mit dir geht, dich trägt, dich begleitet, und auch dein Leid fest in seiner Hand hält, garantiert er dir gleichzeitig eine herrliche Zukunft. Paulus schreibt in Römer 8,17 sinngemäß: Weil du zu Jesus Christus gehörst, weil er dein großer Bruder geworden ist, wirst du mit ihm leiden, damit du auch mit ihm verherrlicht wirst.
Vor der Krone kommt das Kreuz, das hast du mit Jesus gemeinsam. Wie bei Jesus geht dein Leid zurzeit niemals weiter, als Gott es zulässt. Und wie bei Jesus wird das Leid in Zukunft völlig vorbei sein.
Zusammenfassung
Dass Jesus kein Knochen gebrochen wurde, wirkt wie eine unbedeutende Randnotiz, die man schnell überliest. Doch für alle, die zu ihm gehören, bedeutet es alles:
- Er ist mein Passahlamm, das für mich gestorben ist.
- Er ist mein Gerechter, der für mich gelebt hat.
- Und er ist mein Vorläufer, der mir nach dem Leid die Herrlichkeit garantiert.