Glaubt Gott an Geschlechtervielfalt?

Rezension von Lilia Stromberger-Hauff
31. März 2026 — 6 Min Lesedauer

So ein provokanter Titel! Glaubt Gott …? Als ob sich Gott mit irgendeinem Mainstream auseinandersetzen müsste, um dann zu entscheiden, ob er ihm nachgibt oder nicht? Oder ist dieser Titel bereits die Aufforderung, dass jegliche Diskussion und Begleitung rund um Geschlechtervielfalt an einer gewissen Konstante nicht vorbeikommt? Was will Samuel Ferguson mit diesem nur 60 Seiten umfassenden Buch erreichen? Ihm geht es eher um eine übersichtliche, logisch aufgebaute, wertschätzende und vor allem für das Miteinander praxisnahe Auseinandersetzung mit der Geschlechtsidentität. Hier wird in Kürze ein wertvoller Einblick gegeben (mit Begriffserklärungen im Anhang), der jedoch durch weitere Literatur (z.B. Fremde neue Welt von Carl R. Trueman) und vor allem im Gespräch mit Betroffenen praxisnah erweitert und konkretisiert werden sollte. „Dieses Buch ist für dich!“ (S. 13), schreibt Ferguson und hat mit seinem seelsorgerlichen Anliegen Betroffene, Eltern von Betroffenen, Neugierige, Seelsorger und christliche Gemeinschaften im Blick. Alle müssen die Suche nach der Identität tiefer verstehen, um dem Leidenden barmherzig und mitfühlend zur Seite stehen zu können.

Die aktuelle Herausforderung

Mit einigen Schlagzeilen schildert Ferguson „den Triumph der Psychologie über die Biologie“ (S. 8), dass nämlich biologische Gegebenheiten wie „Chromosomen, Fortpflanzungsstrukturen, Hormonspiegel und anatomische Merkmale“ (S. 9) nicht mehr das Geschlecht definieren, sondern vielmehr das psychologische, soziale und kulturelle Verständnis von Geschlechtsidentität. Dies wird vor allem von dem eigenen Empfinden abhängig gemacht, gepaart mit der Vorstellung, das eigentliche Geschlecht könne im biologischen Körper gefangen sein und müsse durch den Prozess der Transition angepasst werden.

Tiefer verstehen

„Es war herzzerreißend“ (S. 7), was Betroffene und ihre Familien im Zusammenhang mit Geschlechtsdysphorie (Diskrepanz „zwischen dem biologischen Geschlecht und dem psychischen Geschlechtsempfinden“, S. 8) erleben. Ferguson ist mit Betroffenen und ihren Familien in Kontakt und zeigt ein großes Mitgefühl für das leidvolle Erleben und für das Nicht-Verstanden-Werden im Suchen nach dem Angenommen-Sein. In seinen Gesprächen geht er von folgenden drei Grundannahmen der Transgender-Revolution aus:

  1. Meine Identität bestimme ich.
  2. Nicht mein Körper, sondern meine Gefühle bestimmen mein Geschlecht.
  3. Wir erreichen Heilung durch äußere, nicht durch innere Veränderung.

Diese Grundannahmen scheitern jedoch oft an der Realität, denn die Therapien bei Jugendlichen scheinen durch sozialen Druck und stereotypische Vorstellungen oft zu schnell rein äußerlich anzusetzen. Stattdessen müssten Gefühlsprozesse auch aufgrund von Verletzungen, psychischen Störungen und Pubertätsentwicklungen interpretiert werden, in denen es nun mal ein Unbehagen gibt, das sich aber genauso wie eine mögliche Geschlechtsdysphorie oft im Prozess des Erwachsenwerdens herauswächst. Die Methoden der Veränderung sind zudem oft für den Körper traumatisch und bedeuten ein langes und teilweise risikoreiches Leiden. Unklar ist außerdem, ob die irreversiblen Veränderungen wirklich langfristig glücklich machen.

Daher stellt Ferguson im Gespräch mit einem Betroffenen und aufgrund seiner Studien zur theologischen Anthropologie (S. 7) diesen drei Grundannahmen folgende drei Grundwahrheiten entgegen:

  1. Unsere menschliche Identität ist ein Geschenk unseres Schöpfers. Gott ist der Handelnde, der dem Menschen eine würdevolle Identität gibt, ohne dass der Mensch sie selbst suchen oder erschaffen muss.
  2. Der Mensch ist ein leibliches Wesen, daher ist Gender nie weniger als unsere Biologie. Der Mensch besteht aus einer physischen und einer geistigen Realität, die nicht getrennt werden können.
  3. Gottes Weg der Veränderung ist Transformation, nicht Transition.

Ferguson schlussfolgert, dass die eigentliche Identitätssuche ein ernstzunehmender Kampf ist und für manche Personen nicht mal eben mit oberflächlichen Antworten beendet werden kann. Daher ordnet er das Leiden an Geschlechtsdysphorie auf die Ebene des gebrochenen Menschseins nach dem Sündenfall ein (S. 32ff.), das sich unterschiedlich in der Realität zeigt und von Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung besiegt wurde. Die menschliche Sehnsucht nach Veränderung, dass einfach nur Frieden sei, ist nachvollziehbar und berechtigt. Sie wird allerdings nicht abrupt und äußerlich erfüllt, sondern von innen heraus im Anschauen „der Herrlichkeit Gottes“ (2Kor 3,18), nämlich im Entdecken Gottes, der höchsten Identität. Nicht die äußerliche Transition beendet die Suche nach der Identität, sondern die Veränderung und Verwandlung von innen, die Transformation, die durch Gott bewirkt wird mit dem Ziel, Christus immer ähnlicher zu werden (vgl. S. 34), bis die endgültige „Transformation“ erfolgt, wenn Gott den Leib auferwecken wird: „Während die Transition das Äußere verändert, zielt Transformation auf ein Heilwerden ab, das mit einer inneren Veränderung beginnt“ (S. 34).

Mitfühlend handeln

Es ist spürbar, dass Angehörige und Freunde genauso wie Betroffene unter dieser Spannung leiden und ein Mitgefühl nach „biblischen Maßstäben“ (S. 15) brauchen, da es um „echte Menschen“ geht, „die verletzt sind und sich oft unverstanden fühlen“ (S. 16).

Daher ermutigt Ferguson dazu, Betroffenen mit Demut, Respekt, Zuhören, Ernstnehmen, Mitgefühl und im persönlichen Gespräch zu begegnen. Dabei gilt es, auch andere Gegebenheiten und Problemfelder zu sehen (z.B. Stress, Mobbing), den gesellschaftlichen Kontext als Herausforderung ernst zu nehmen und ggf. zu verändern (z.B. Schulwechsel), andere psychische Begleiterscheinungen zu beachten (z.B. Ängste, Depression, Überforderung), untypische Interessen nicht überzubewerten, nicht zu vorschnellen Therapien zu raten, wohlwollende Grenzen zu setzen, Männlichkeit und Weiblichkeit aus biblischer Sicht wertzuschätzen, fachliche Hilfe zu suchen und vor allem wohltuende Beziehungen privat und in christlichen Gemeinschaften zu fördern. Gerade den christlichen Gemeinden legt Ferguson eine Willkommenskultur ans Herz – verbunden mit dem Mut, ins Gespräch zu kommen und die Themen in unterschiedlichsten Gruppen zu erarbeiten.

Die Anregungen für Eltern, Leitungspersonen in Gemeinden und Betroffene sind praktisch formuliert und als Ideen gedacht. Mitunter wirken sie jedoch etwas plakativ und sollten deshalb für den eigenen Kontext konkret und praxisnah übersetzt werden. Samuel Ferguson schließt mit Abschlussworten an die Betroffenen, die besonders mitfühlend sind, mit der zusammenfassenden Ermutigung: Es ist nicht wichtig, „mehr über die eigene Identität nachzudenken, sondern sich immer mehr mit der Person Jesus Christus und seinen Zielen zu beschäftigen“, denn es geht „nicht so sehr darum, wer man ist, sondern zu wem man gehört“ (S. 61).

Glaubt Gott an Geschlechtervielfalt? hilft zu verstehen, dass die Frage „Wer bin ich?“ im Heute nicht einfach durch die Herkunft und aufgrund von Fakten oder gar in Beziehung zu Gott beantwortet wird, sondern zu einem „Do-it-yourself-Projekt“ geworden ist, „in dem man sich selbst entdeckt und präsentiert“ (S. 18). Dieses überschaubare Buch ist eine erste, leicht verständliche und übersichtliche Einladung, Gottes standhaltende Aussagen und wertschätzende Haltung dem einzelnen Individuum gegenüber und seine behutsame Umgangsart mit uns Menschen zu entdecken und als Freunde, Eltern und Seelsorger nachzuahmen.

Buch

Samuel Ferguson, Glaubt Gott an Geschlechtervielfalt?: Eine biblische Sicht auf Gender und Identität, Bad Oeynhausen: Verbum Medien 2025, 80 Seiten, 7,90 €. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.