Hat Ostern heidnische Wurzeln?

Artikel von Michael Haykin
30. März 2026 — 6 Min Lesedauer

„Ostern ist ein heidnisches Fest, das Christen für sich vereinnahmt haben.“ So lautet zumindest eine weit verbreitete Meinung. Vielleicht bist du schon einmal jemandem begegnet, der mit großer Überzeugung der Meinung ist, Ostern habe heidnische Ursprünge. Und der Christen vorwirft, sie hätten ein nichtchristliches Fest zu einem christlichen gemacht. Oft schwingt dabei die Unterstellung mit, die Auferstehung selbst gehe auf heidnische Vorstellungen zurück – und habe daher historisch nie wirklich stattgefunden.

Das ist eine harte Aussage, wenn man bedenkt, dass das Sühneopfer und die Auferstehung unseres Herrn für den christlichen Glauben von zentraler Bedeutung sind. Wenn Christus nicht gestorben und nicht von den Toten auferstanden wäre, dann würde das gesamte Gefüge des Christentums in sich zusammenstürzen. Hat die Aussage, Ostern habe heidnische Wurzeln, also irgendeine Berechtigung?

Eostre und Ostern

Viel Verwirrung stiftet die Herkunft des Wortes „Ostern“. Das ist der Begriff, mit dem die Zeit bezeichnet wird, in der unser Herr starb und von den Toten auferstand. Die früheste Erklärung für die Wortherkunft von „Ostern“ stammt vom nordumbrischen Bibelkommentator und Historiker Beda (ca. 672–735). In seinem Werk De temporum ratione („Über die Zeitrechnung“) erklärt Beda, der Begriff „Ostern“ leite sich von einer Göttin namens Eostre ab, die jährlich im Frühjahr von den vorchristlichen Angelsachsen gefeiert worden sei. Für die Existenz einer solchen Gottheit gibt es jedoch kaum Belege. Daher haben manche die Vermutung geäußert, Beda habe diese Göttin selbst erfunden.

Ostern wird zudem oft mit Eiern und Hasen assoziiert und deshalb mit Fruchtbarkeitsriten in Verbindung gebracht. Laut Richard Sermon taugt dies jedoch nicht als Beleg für einen heidnischen Ursprung des Osterfestes. Über die Eier schreibt er:

„Nach den kalten Wintermonaten kündigten Eier im Frühling den Beginn neuen Lebens an und wurden so auch zum Symbol für die Auferstehung Jesu. Im Mittelalter war es in ganz Europa Brauch, am Ostersonntag kunstvoll verzierte Eier zu verschenken, die nach der langen Fastenzeit endlich wieder gegessen werden durften. In England wurden diese bunten Ostereier auch als ‚Pace‘- oder ‚Paste‘-Eier bezeichnet – eine Bezeichnung, die sich vom lateinischen Wort ‚Pascha‘ ableitet.“[1]

Er merkt außerdem an, dass der Osterhase auf deutsche Bräuche zurückgeht. Die früheste Verbindung von Hasen mit Ostern stammt aus dem Jahr 1678.[2]

Ein Blick in die historischen Quellen macht deutlich, dass das frühe christliche Osterfest nichts mit einer fragwürdigen germanischen Göttin oder einem heidnischen Fruchtbarkeitsfest zu tun hatte. Seine Wurzeln sind eindeutig jüdisch, und sein Nährboden ist das von Gott gebotene Passahfest des Alten Bundes.

Die Wurzeln des Passahfestes

Alle vier Evangelien assoziieren den Tod unseres Herrn Jesus mit dem jüdischen Passahfest (Mt 26,17–19; Mk 14,12–16; Lk 22,713; Joh 13,1). Diese Verknüpfung spiegelt sich auch darin wider, dass zahlreiche europäische Sprachen eine Variante von Pascha zur Bezeichnung der Osterzeit verwenden – etwa Pascha (Griechisch), Pascha (Latein), Pascua (Spanisch), Pâques (Französisch) oder Pasqua (Italienisch). Von Anfang an war die Feier von Christi Tod und Auferstehung also eng mit dem jüdischen Passah verbunden – ein Umstand, der den Apostel Paulus dazu veranlasste, Christus als „unser Passahlamm“ (1Kor 5,7) zu bezeichnen. Hätte sich auch im deutschen Sprachraum eine Variante des ursprünglichen Namens – nämlich Pascha – durchgesetzt, wäre der Vorwurf heidnischer Wurzeln wohl nie aufgekommen.

Über diese sprachlichen Belege hinaus finden sich eindeutige Hinweise auf die jüdischen Wurzeln des Osterfestes in der Quartodezimaner-Kontroverse gegen Ende des zweiten Jahrhunderts. Eusebius von Caesarea (ca. 260–339), der als Vater der Kirchengeschichte gilt, bezeichnete sie in seinem Hauptwerk Kirchengeschichte als „eine Kontroverse von großer Bedeutung“ (5,23).

Die Gemeinden in Kleinasien (heutige Türkei) und Syrien gedachten des Todes Christi am tatsächlichen Datum des jüdischen Passahfestes, dem 14. Nisan – unabhängig davon, auf welchen Wochentag dieses Datum fiel. In Rom wurden die Hausgemeinden von Viktor I. (gestorben 199) geleitet. Er gilt als der erste, den man als Bischof von Rom bezeichnen kann; zuvor standen die römischen Gemeinden unter der Leitung eines Kollegiums von Presbytern. Viktor kritisierte, dass die kleinasiatischen und syrischen Gemeinden ihr Osterfest am 14. Nisan feierten, und bestand darauf, dass Ostern an einem Sonntag gefeiert werden müsse.

Im multikulturellen Rom dürfte es durchaus für Irritationen gesorgt haben, wenn christliche Besucher aus Kleinasien und Syrien Ostern bereits am 14. Nisan feierten. So mag es vorgekommen sein, dass sie der Auferstehung Christi bereits gedachten, während die Gemeinden in Rom noch nicht einmal Karfreitag begangen hatten.

In einer Geste, die das spätere Vorgehen des Bischofs von Rom bereits vorwegnahm, bestand Viktor I. darauf, dass sich die Gemeinden in Kleinasien und Syrien der römischen Praxis anpassten (die auch in den Gemeinden in Ägypten üblich war). Sollten sie sich weigern, drohte er ihnen mit der „vollständigen Exkommunikation“ (Kirchengeschichte 5,24). Vertreten durch Polykrates, den Bischof von Ephesus (wirkte um 180–200), antworteten die Kirchen des Ostens auf Viktors Forderung und teilten ihm mit, ihre Tradition hinsichtlich des Ostertermins gehe auf niemand Geringeren als den Apostel Johannes zurück, von dem sie diese überliefert bekommen hätten. Erst das rechtzeitige Eingreifen des Irenäus von Lyon (ca. 130–200) verhinderte eine Kirchenspaltung. Er schrieb an Viktor und forderte ihn auf, gegenüber den andersdenkenden Gemeinden im Osten eine versöhnliche Haltung einzunehmen.

Polykrates hatte also darauf bestanden, dass die kleinasiatische Feier des Osterfestes am 14. Nisan bis auf den Apostel Johannes zurückgehe. Auch persönlich habe er seit der Mitte der 120er-Jahre kein anderes Osterdatum gekannt – also nur eine Generation nach dem Tod des Johannes. Diese Kontroverse zeigt, dass die Gemeinden Kleinasiens im zweiten Jahrhundert Ostern eindeutig mit dem jüdischen Passah verbanden. Spätere heidnische Ursprünge dieses Festes sind damit ausgeschlossen.

Das Passah unseres Heils

Ein letzter Beweis für die jüdischen Ursprünge des Osterfestes findet sich in einer bemerkenswerten Predigt des Melito von Sardes (ca. 100–180), den Polykrates in seinem Brief an Viktor I. als jemanden beschrieb, der sein Amt „ganz im Heiligen Geist“ ausgeübt habe (Kirchengeschichte 5,24). Die Predigt trägt den Titel „Vom Passa“ und gehört zu den ältesten erhaltenen christlichen Predigten überhaupt. Melito identifiziert Christus ausdrücklich als das Passahlamm, das im Passahopfer bereits als Vorausbild erschien:

„Über das Mysterium des Passa, 
welches Christus ist, ...

Er ist es, 
der wie ein Lamm abgeführt
und wie ein Schaf geschlachtet wurde;
er befreite uns von der Dienstbarkeit des Kosmos
wie aus dem Lande Ägypten,
er löste uns aus der Knechtschaft des Teufels
wie aus der Hand des Pharao ...

Dieser ist 
das Passa unseres Heiles.“[3]

Im Zentrum von Ostern steht Christus als unser Passahlamm. Wie auch immer über Datum, Brauchtum oder liturgische Details gestritten wird – all das bleibt nachrangig gegenüber dieser grundlegenden Wahrheit des christlichen Glaubens.

Die frühe Kirche feierte Ostern nicht nach dem Vorbild heidnischer Feste. Sie tat es, weil Jesus die uralte Hoffnung des jüdischen Passah erfüllte – und weil er, anders als das Opferlamm, den Tod besiegte.


1 Richard Sermon, From Easter to Ostara: the Reinvention of a Pagan Goddess?, S. 340. 

2 Vgl. ebd., S. 341.

3 Melito von Sardes, „Vom Passa“ 65, 67, 69, in: Julius Tyciak, Wilhelm Nyssen (Hrsg.), Sophia: Quellen östlicher Theologie Bd. 3, Freiburg im Breisgau: Lambertus 1963, S. 118–119.