Mit Jesus im Gefängnis
Das Leben des Predigers John Bunyan
Im Jahr 1672 wurde John Bunyan in Bedford, etwa fünfzig Meilen nordwestlich von London, nach zwölf Jahren aus der Haft entlassen. Wie leidenden Heiligen vor ihm und nach ihm erwies sich das Gefängnis auch für Bunyan als schmerzhaftes, aber fruchtbares Geschenk. Er hätte die Worte Aleksandr Solschenizyns verstanden, der dreihundert Jahre später – wie Bunyan – seine Gefangenschaft in ein weltveränderndes Werk verwandelte. Nach seiner Inhaftierung im russischen Gulag, den „Besserungsarbeitslagern“ Josef Stalins, schrieb Solschenizyn:
„Und darum blicke ich auf die Jahre meiner Gefangenschaft zurück und sage, manchmal zur Überraschung der Menschen in meiner Umgebung: Sei gepriesen, Gefängnis, sei gepriesen, dass du in meinem Leben warst!“[1]
Wie kann ein Mensch dankbar für seine Gefangenschaft sein? Bunyans Leben und Werk geben eine Antwort.
Der Beginn von Gottes Werk
John Bunyan wurde 1628 in Elstow geboren, etwa eine Meile südlich von Bedford in England. Von seinem Vater erlernte er das Handwerk des Kesselflickers. Er erhielt die übliche Bildung der Armen – Lesen und Schreiben, aber nichts darüber hinaus. Keinerlei formale höhere Bildung hatte er genossen, was sein schriftstellerisches Werk und seinen Einfluss umso erstaunlicher erscheinen lässt.
In seiner Jugend war Bunyan kein Christ. Er berichtet: „Ich hatte kaum meinesgleichen, besonders für mein Alter … im Fluchen, Schwören, Lügen und Lästern des heiligen Namens Gottes. … Bis ich in den Stand der Ehe trat, war ich der wahre Anführer all der Jugendlichen, die meine Gesellschaft suchten, in jeder Art von Laster und Gottlosigkeit.“[2]
Er heiratete mit 20 oder 21 Jahren, doch den Namen seiner ersten Frau erfahren wir nirgends. Wir wissen jedoch, dass sie arm war, aber einen gottesfürchtigen Vater hatte. Der war verstorben und hatte ihr zwei Bücher hinterlassen, die sie in die Ehe mitbrachte: The Plain Man's Pathway to Heaven (dt. Der Weg des einfachen Menschen zum Himmel) und The Practice of Piety (dt. Die Praxis der Frömmigkeit). Bunyan sagte: „In diesen zwei Büchern las ich manchmal mit meiner Frau. Ich fand darin einige Dinge, die mir einigermaßen gefielen; aber ich kam nicht zu dem Punkt, von meiner Sünde überführt zu werden.“[3] Aber Gottes Werk hatte begonnen. Er zog den jungen Ehemann Bunyan unwiderruflich zu sich.
„Deine Gerechtigkeit ist im Himmel“
Während der ersten fünf Ehejahre wurde Bunyan tiefgreifend zu Christus bekehrt und fand Anschluss an das baptistische, nonkonformistische Gemeindeleben in Bedford. Es war ein langer und qualvoller Prozess.
Er studierte die Heilige Schrift, fand aber weder Frieden noch Heilsgewissheit. Immer wieder plagten ihn tiefe Zweifel – an der Bibel und an seinem eigenen Heil. „Eine ganze Flut von Lästerungen gegen Gott, Christus und die Schrift ergoss sich über meinen Geist, zu meiner großen Verwirrung und Bestürzung. … Woher willst du wissen, ob nicht die Türken ebenso gute Schriften haben, um ihren Mahomet als Retter zu erweisen, wie wir, um unseren Jesus zu erweisen?“[4] „Mein Herz war zuzeiten überaus hart. Hätte ich tausend Pfund für eine Träne geben können, ich hätte keine vergießen können.“[5]
Dann kam der entscheidende Augenblick:
„Eines Tages, als ich auf das Feld hinausging, …, fiel dieser Satz auf meine Seele: ‚Deine Gerechtigkeit ist im Himmel.‘ Und mir war, als sähe ich mit den Augen meiner Seele Jesus Christus zur Rechten Gottes. Dort, sage ich, war meine Gerechtigkeit. Wo immer ich war und was immer ich tat – Gott konnte nicht von mir sagen, dass es mir an seiner Gerechtigkeit mangele, denn diese war vor ihm. Ich sah überdies, dass es nicht meine gute Herzensverfassung war, die meine Gerechtigkeit besser machte, noch meine schlechte Verfassung, die meine Gerechtigkeit schlechter machte, denn meine Gerechtigkeit war Jesus Christus selbst, ‚derselbe gestern und heute und in Ewigkeit‘ (Hebr 13,8). Da fielen mir wahrhaftig die Fesseln ab.“[6]
So wurde er 1655, als die Fragen seiner Seele geklärt waren, gebeten, die Gemeinde zu ermahnen – und plötzlich entdeckte man in ihm einen großen Prediger. Siebzehn Jahre sollten noch vergehen, bis er als Pastor der Gemeinde in Bedford offiziell eingesetzt wurde. Doch seine Popularität als kraftvoller Laienprediger wuchs beständig. „Als das Land erfuhr, dass … der Kesselflicker Prediger geworden war“, berichtet sein Biograf John Brown, „kamen sie zu Hunderten, um das Wort zu hören, und das von überall her.“[7] In Zeiten religiöser Toleranz in England genügte eine Ankündigung einen Tag im Voraus, um 1.200 Zuhörer zu versammeln, die ihn an einem Wochentag um sieben Uhr morgens predigen hörten.[8]
Gefängnis und ein reines Gewissen
Zehn Jahre nach seiner ersten Heirat, als Bunyan dreißig Jahre alt war, starb seine Frau und hinterließ ihm vier Kinder unter zehn Jahren, von denen eines blind war. Ein Jahr später, 1659, heiratete er Elisabeth, eine bemerkenswerte Frau. Doch schon im Jahr nach ihrer Heirat wurde Bunyan verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, weil er sich den hochkirchlichen Standards des neuen Königs Karl II. nicht beugen wollte. Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt mit ihrem ersten gemeinsamen Kind schwanger und erlitt in der Krise eine Fehlgeburt. Anschließend kümmerte sie sich zwölf Jahre lang allein als Stiefmutter um die vier Kinder und gebar Bunyan noch zwei weitere Kinder, Sarah und Joseph.
Zwölf Jahre lang wählte Bunyan das Gefängnis und ein reines Gewissen, anstatt die Freiheit durch die Vereinbarung zu erkaufen, nicht mehr zu predigen. Er hätte seine Freiheit jederzeit haben können. Doch er und Elisabeth waren aus demselben Holz geschnitzt. Obwohl ihn manchmal der Gedanke quälte, im Blick auf seine Familie vielleicht nicht die richtige Entscheidung zu treffen, sagte er, als man ihn aufforderte zu widerrufen und nicht mehr zu predigen:
„Wenn es keinen anderen Weg gibt, als aus meinem Gewissen eine Schlachtbank zu machen, … dann habe ich beschlossen – der allmächtige Gott sei meine Hilfe und mein Schild –, das Leiden auf mich zu nehmen. Und sollte mein gebrechliches Leben auch so lange währen, bis mir das Moos auf den Augenbrauen wächst: Lieber das, als meinen Glauben und meine Grundsätze zu verraten.“[9]
Im Jahr 1672 wurde er aufgrund der Toleranzerklärung aus dem Gefängnis entlassen. Umgehend wurde er als Pastor der Gemeinde in Bedford eingesetzt, der er die ganze Zeit über gedient hatte – sogar aus dem Gefängnis heraus, durch Schriften und gelegentliche Besuche. Eine Scheune wurde erworben und zu einem Gemeindegebäude umgebaut. Dort wirkte Bunyan die nächsten sechzehn Jahre als Pastor, bis zu seinem Tod. (Eine weitere Inhaftierung gab es im Winter und Frühjahr 1675–76. John Brown vermutet, dass Die Pilgerreise in dieser Zeit entstand.)[10]
Im August 1688 reiste Bunyan die fünfzig Meilen nach London, um zu predigen und bei der Versöhnung zwischen einem Mann aus seiner Gemeinde und dessen entfremdetem Vater zu vermitteln. In beiden Anliegen war er erfolgreich. Doch nach einem Ausflug in einen Außenbezirk kehrte er bei strömendem Regen auf seinem Pferd nach London zurück. Er erkrankte an schwerem Fieber und folgte am 31. August 1688 im Alter von sechzig Jahren seinem berühmten erdichteten Pilger aus der Stadt des Verderbens über den Fluss in die Himmelsstadt.
„Jesus war nie so real wie im Gefängnis“
Die Frage, die ich an Bunyans Leiden stelle, lautet: Welche Frucht brachte es hervor? Was bewirkte es in seinem eigenen Leben – und durch ihn im Leben anderer? Vieles Wichtige muss ich dabei auslassen. Dennoch möchte ich mit einer einzigen Beobachtung antworten: Sein Leiden trieb ihn zum Wort Gottes und erschloss es ihm.
Das Gefängnis erwies sich für Bunyan als ein geheiligter Ort der Gemeinschaft mit Gott. Sein Leiden öffnete ihm die Schrift und schenkte ihm die tiefste Gemeinschaft mit Christus, die er je erfahren hatte. Er schrieb:
„Nie zuvor in meinem Leben hatte ich einen so tiefen Einblick in das Wort Gottes wie jetzt [im Gefängnis]. Schriftstellen, die mir bisher nichts gesagt hatten, begannen mir an diesem Ort und in diesem Zustand aufzuleuchten. Auch Jesus Christus war mir nie so real und gegenwärtig wie jetzt. Ich habe ihn hier gesehen – und wirklich gespürt. … Nie zuvor wusste ich, was es heißt, dass Gott mir in jeder Lage beisteht und jedem Angriff Satans gegen mich standhält. Das habe ich erst erfahren, seit ich hier bin.“[11]
Bunyan schätzte besonders die Verheißungen Gottes als Schlüssel, der die Tür des Himmels aufschließt. „Ich sage dir, Freund: Es gibt einige Verheißungen, durch die der Herr mir geholfen hat, Jesus Christus zu ergreifen. Die möchte ich nicht um alles Gold und Silber aus der Bibel missen – und wäre es so viel, wie sich zwischen York und London bis zu den Sternen auftürmen ließe.“[12]
In einer der eindrücklichsten Szenen in Die Pilgerreise erinnert sich Christian im Verlies der Zweifelsburg daran, dass er einen Schlüssel zur Tür besitzt. Bedeutsam ist dabei nicht nur, was der Schlüssel ist, sondern auch, wo er sich befindet:
„Was bin ich doch für ein Narr“, sprach er, „in einem stinkenden Kerker zu liegen, während ich ebenso gut in Freiheit umhergehen könnte! Ich trage einen Schlüssel an meiner Brust, er heißt ‚Verheißung‘ – und ich bin überzeugt: Er öffnet jedes Schloss in der Zweifelsburg.“ Da sprach Hoffnungsvoll: „Das sind gute Nachrichten, lieber Bruder! Hol ihn hervor und versuch es.“
Da holte Christian den Schlüssel hervor und steckte ihn in die Kerkertür. Als er ihn umdrehte, sprang der Riegel zurück, und die Tür flog mühelos auf. Christian und Hoffnungsvoll traten beide heraus.[13]
Dreimal sagt Bunyan, dass der Schlüssel in Christians Mantel (oder Brust) steckte. Ich verstehe das so, dass Christian ihn durch Auswendiglernen in seinem Herzen verborgen hatte und er nun genau deshalb im Gefängnis verfügbar war – obwohl Christian keine Bibel zur Hand hatte. So erhielt und stärkte das Wort Bunyan.
„Sein Blut ist von der Bibel durchdrungen“
Alles, was Bunyan schrieb, war von der Bibel durchdrungen. Er studierte seine englische Bibel, die er die meiste Zeit als Einziges besaß. Daher konnte er über seine Schriften sagen: „Ich habe in diesen Dingen nicht in fremden Gewässern gefischt; meine Bibel und meine Konkordanz sind meine einzige Bibliothek beim Schreiben“[14]. Der große Londoner Prediger Charles Spurgeon, der Die Pilgerreise jedes Jahr las, brachte es auf den Punkt:
„Wo immer du ihn auch anzapfst, wirst du feststellen: Sein Blut ist von der Bibel durchdrungen, von ihrem Wesen selbst. Er kann nicht sprechen, ohne ein Bibelwort zu zitieren, denn seine Seele ist voll des Wortes Gottes.“[15]
Das ist letztlich der Grund, warum Bunyan bis heute in Erinnerung geblieben ist und nicht im Nebel der Geschichte verschwunden ist. Er ist bei uns und dient uns, weil er das Wort Gottes ehrte und so sehr von ihm durchdrungen war, dass sein Blut „von der Bibel durchdrungen“ war – die Essenz der Bibel strömte aus ihm hervor.
Das ist es, was wir von ihm lernen können: Gott zu dienen und für ihn zu leiden bedeutet, in seinem Wort verwurzelt und von ihm durchdrungen zu sein. So werden wir leben. So werden wir leiden. Und wenn wir berufen sind, Leiter des Volkes Gottes zu sein, so werden wir auf diese Weise unseren Menschen helfen, sicher zur Himmelsstadt zu gelangen. Wir werden sie mit dem Wort umwerben. Wir werden zu ihnen sagen, was Bunyan zu seinen Leuten sagte – und ich sage es dir, lieber Leser:
„Gott hat den ganzen Weg mit Blumen aus seinem eigenen Garten bestreut – vom Tor der Hölle, von dem du hergekommen bist, bis zum Tor des Himmels, dem du entgegengehst. Schau, wie Verheißungen, Einladungen, Rufe und Ermutigungen wie Lilien rings um dich liegen! Hüte dich, dass du sie nicht mit Füßen trittst.“[16]
1 Das Archipel Gulag, Teil IV, Kapitel 1.
2 John Bunyan, Grace Abounding to the Chief of Sinners, S. 10–11.
3 Ebd., S. 13.
4 Ebd., S. 40.
5 Ebd., S. 43.
6 Ebd., S. 90f.
7 John Brown, John Bunyan: His Life, Times, and Work, S. 105.
8 Vgl. ebd., S. 370.
9 Ebd., S. 229.
10 Vgl. ebd., S. 370.
11 John Bunyan, Grace Abounding to the Chief of Sinners, S. 121.
12 John Bunyan, Works, Bd. 3, S. 721.
13 Aus John Bunyan, Die Pilgerreise (eigene Übersetzung).
14 John Brown, John Bunyan: His Life, Times, and Work, S. 364.
15 Charles H. Spurgeon, Alles zur Ehre Gottes, CLV: Bielefeld 2021, S. 401.
16 John Bunyan, Come and Welcome to Jesus Christ, S. 112.