Forevergreen bringt das Evangelium zu den Oscars
Interview mit dem Oscar-nominierten Duo hinter Forevergreen
Dass ein von Christen gedrehter, vom Evangelium inspirierter Film für einen Oscar nominiert wird, ist eine Seltenheit. Zuletzt geschah das wohl 2011 mit Terrence Malicks The Tree of Life.
Doch in diesem Jahr ist einer der fünf Oscar-Nominierten für den besten animierten Kurzfilm ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie von christlichem Glauben geprägte Kunst aussehen kann. Der Film heißt „Forevergreen“, und seine Prämisse ist denkbar schlicht: „Ein verwaistes Bärenjunges findet bei einem väterlichen immergrünen Baum ein Zuhause – bis ihn sein Hunger nach Müll in Gefahr bringt.“ Ironischerweise ist es eine Geschichte, die den „Baum des Lebens“ zugleich im wörtlichen und im übertragenen Sinne erkundet.
Der 13-minütige Film unter der Regie von Nathan Engelhardt und Jeremy Spears besticht durch einen Soundtrack von Josh Garrels und Isaac Wardell, der der atemberaubenden Animation in nichts nachsteht. Das Schönste aber ist die Geschichte, die Forevergreen erzählt: die einer gütigen Kiefer, die sich opfert – indem sie buchstäblich eine Schlucht überbrückt –, um einen „verlorenen Bären“ vor seinem selbstverschuldeten Untergang zu retten.
Du kannst den Film für begrenzte Zeit auf YouTube ansehen. Du wirst verstehen, warum er mit einer Nominierung gewürdigt wurde – und dich erwartet eine prägnante, bewegende Betrachtung der Wahrheit des Evangeliums.
Ich habe mich kürzlich mit den beiden Produzenten Nathan Engelhardt und Jeremy Spears unterhalten: über die Entstehung von Forevergreen, darüber, wie christliche Künstler Geschichten erzählen, und darüber, was sie von den Umwälzungen durch KI in der Kunstwelt halten.
Wie seid ihr beruflich zusammengekommen?
Wir sind beide seit rund 20 Jahren in der Animationsfilmbranche tätig. Kennengelernt haben wir uns vor 15 Jahren bei Disney Feature Animation, wo wir bis heute beruflich zusammenarbeiten – an Filmen wie Ralph reichts, Die Eiskönigin, Moana, Encanto, Baymax, Zoomania und vielen anderen. Als Christen hatten wir beide den Wunsch, unsere Gaben einzusetzen, um eine Geschichte zu erzählen, die Gott verherrlicht. Natürlich kann jeder Gott in seinem Beruf verherrlichen, ohne dafür einen Film zu drehen – aber wir spürten einen starken Ruf Gottes, die Talente, die er uns gegeben hat, auf genau diese Weise einzusetzen.

Wie kam es zur Idee von Forevergreen? Und was war der entscheidende Anstoß, der den Prozess in Gang gesetzt hat?
Den Ausgangspunkt bildete ein gemeinsamer Wunsch: etwas Bedeutungsvolles über Gottes Gnade und seine bedingungslose Liebe zu Sündern zu erzählen. Nathan hat vor einigen Jahren eine schwierige Zeit durchlebt – eine Zeit, in der vergangene Fehler ihm das Gefühl gaben, Gottes Liebe nicht verdient zu haben. Die Bibel und die schlichte Geschichte von „drei Bäumen“ erinnerten ihn daran, dass Gott zerbrochene und schwache Gefäße für seine Zwecke gebrauchen kann. Aus dieser Erkenntnis erwuchs der Keim einer Geschichte über unverdiente Gnade und Vergebung.
Was als freie Adaption der Erzählung von den drei Bäumen begann, entwickelte sich nach und nach zu einer eigenständigen Geschichte über einen Baum und einen Holzfäller. In dieser Phase lud Nathan Jeremy ein, als Co-Regisseur mitzuwirken, um die Geschichte gemeinsam weiterzuentwickeln. Als Story Artist war Jeremy begeistert von der Möglichkeit, seine eigenen schwierigen Glaubensphasen und seinen schließlich gefundenen Glauben an Christus durch einen Animationsfilm zum Ausdruck zu bringen. Zugleich reizte uns beide die Herausforderung, den gesamten Animationsprozess einmal vollständig selbst zu durchlaufen und in unserer Freizeit einen Film von Anfang bis Ende zu verwirklichen.
Den entscheidenden Durchbruch brachte ein Bild, auf das Jeremy bei seinen Recherchen stieß: ein gewaltiger umgestürzter Mammutbaum, der eine tiefe Schlucht überspannte, hinter der ein Wasserfall herabstürzte. Die Symbolik war unmittelbar klar. Dieser gefallene Baum konnte Christusähnlichkeit verkörpern – er gibt sein Leben hin, überbrückt die Kluft, rettet jemanden, der sie aus eigener Kraft nie hätte überqueren können. Als gerettete Figur schwebte Jeremy ein mürrischer, unwürdiger Bär vor: schwer zu lieben, und dennoch gelten ihm das Opfer und die Gnade.
Was Jeremy nicht ahnte: Wenige Tage zuvor hatte sich in Nathans Leben etwas Ähnliches zugetragen. Als er einem Kollegen das Evangelium erklärte, hatte Nathan jene klassische Illustration gezeichnet, die man aus Traktaten kennt – eine Kluft zwischen Gott und den Menschen, überbrückt durch das Kreuz.
Als Jeremy seinen Vorschlag machte, traf es uns mit einem Mal: Wir hatten beide, unabhängig voneinander, binnen weniger Tage dasselbe Bild zu Papier gebracht. Das konnte kein Zufall sein. Gott führte die Geschichte, die wir erzählen sollten.
Was erhofft ihr euch: Welche emotionale oder geistliche Wirkung soll Forevergreen bei den Zuschauern hinterlassen?
Wir hoffen, dass der Film ein Staunen weckt – über den Sinn des Lebens und über den Gott, der eine Beziehung zu uns sucht. Denn selbst in deinen dunkelsten Momenten ist seine Liebe zu dir so groß, dass er eine unendliche Kluft überwand: Er sandte seinen Sohn Jesus Christus, um dich zu retten und deinem Leben Hoffnung zu schenken.
Auf der Website ist von „bislang noch nie gesehenen Animationstechniken“ die Rede. Was verbirgt sich dahinter?
Unser Ziel war ein Film mit einer haptischen, handwerklichen Ästhetik – passend zur Beziehung zwischen unseren Figuren. Wichtig war uns dabei, dass der Bär so wirkt, als sei er direkt aus dem Baum geschnitzt: eine Allegorie auf den Menschen, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist. Dafür verbanden wir den haptischen Charme handgeschnitzter Holzfiguren mit der Präzision der Computergrafik – und fingen die Wärme der Stop-Motion-Technik in vollständig computergenerierten 3D-Bildern ein, die wie echte Handwerkskunst wirken.
Die übliche Texturverformung in der Computergrafik erzeugt leicht einen statischen oder „gummiartigen“ Eindruck – den wollten wir unbedingt vermeiden. Stattdessen sollten sich die Oberflächen von Bild zu Bild subtil verändern, als wäre für jede Animationspose eine eigene Holzschnitzerei entstanden. Das von Hand zu bewältigen, wäre schlicht nicht machbar gewesen – erst recht nicht bei einem ehrenamtlichen Herzensprojekt. Es musste eine wiederholbare, skalierbare Lösung her.
Die Lösung kam von unserem Teammitglied Rich Fallat. Er entwickelte ein Verfahren zur Textur-Batch-Verarbeitung, das mithilfe eines eigens entwickelten Malwerkzeugs „Wackeleffekte“ und Unregelmäßigkeiten über Keyframes hinweg automatisch erzeugt – mit Texturvariationen, Richtungsunterschieden und Abweichungen, die sicherstellen, dass keine zwei Texturen identisch sind. So konnten wir den angestrebten Holzschnitzerei-Look erzielen und gleichzeitig effizient arbeiten.
Wann kamen Josh Garrels und Isaac Wardell ins Boot – und wie lief die Zusammenarbeit ab?
Wir sind beide Fans von Joshs Arbeit, besonders von seinem vielseitigen Stil und seinem ausdrucksstarken, stimmungsvollen Gesang – ideal für einen Film, der in der Natur spielt. Um die Musik von Grund auf in den Film zu verweben, verzichteten wir auf traditionelle „Temp-Tracks“. Josh und Isaac waren stattdessen von früh an dabei und lieferten schon in der ersten Storyboard-Phase erste Demos.
Diese frühen Stücke prägten maßgeblich die Sequenzen und Stimmungen, die wir vermitteln wollten. Unser Cutter Jeff Draheim legte die Demos unter die Storyboards – so konnten wir schon früh im Prozess erleben, wie Musik und Bilder emotional zusammenwirken. In den letzten Produktionsphasen verfeinerten Josh und Isaac die Filmmusik, fügten weitere Instrumentierungsebenen hinzu und ließen dabei das festgelegte Animationstiming unangetastet. Es war ein Prozess, den man nur mit Staunen verfolgen konnte.
Ich glaube, den wenigsten ist bewusst, wie schwer es ist, einen Kurzfilm zu drehen, der sich vollständig anfühlt, stimmig ist und auf engstem erzählerischem Raum wirklich etwas hinterlässt. Was macht einen großartigen Kurzfilm aus – und was würdet ihr angehenden Kurzfilmmachern raten?
Unser wichtigster Test, ob eine Geschichte unsere Zeit und Aufmerksamkeit verdient, ist eine einfache Frage: „Braucht es diese Geschichte?“ Wenn die Antwort „Ja“ lautet, wissen wir, dass wir auf der richtigen Spur sind. Ein großartiger Film lässt einen nicht los – er rührt das Herz an und verändert etwas in einem.
Unser Rat: Erzählt eine Geschichte, die euch etwas bedeutet. Lasst eine Idee nicht einfach in eurem Kopf versanden – bringt sie in die Welt, indem ihr sie aufschreibt. Sobald sie auf dem Papier ist, könnt ihr selbst darauf reagieren, und was noch wichtiger ist: auch andere können es. Was im Kopf bleibt, kann niemand sehen.
Evangeliumsideen durch Kunst zu vermitteln, ohne belehrend zu wirken – das ist eine echte Herausforderung. „Forevergreen“ gelingt diese Balance. Was ratet ihr christlichen Geschichtenerzählern, die exzellente, kulturell relevante Werke aus einer christlichen Perspektive schaffen wollen?
In Forevergreen haben wir Figuren geschaffen, mit denen sich das Publikum identifizieren und in denen es sich letztlich selbst erkennen kann. Wir sind dieser Bär – und wir wissen, wofür diese Tüte Chips steht. Dass die Geschichte so viele Menschen anspricht, liegt an ihrer universellen Nachvollziehbarkeit: Sie zielt nicht auf eine bestimmte Botschaft oder Zielgruppe ab – sie richtet sich an alle. Unsere Filme sollen konkret sein, einen Standpunkt haben und ein breites Publikum ansprechen.
Die Bibel ist voll solcher universellen Wahrheiten. Römer 3,23: „…denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes.“ Forevergreen ist eine Geschichte für alle – weil sie von uns allen handelt.
Was denkt ihr über den Unterschied zwischen „christlicher Kunst“ und „Kunst, die von Christen geschaffen wird“? Sind das unterschiedliche Kategorien – und welcher Richtung sollten Christen folgen, die eine Karriere in diesem Bereich anstreben?
Zumindest was bildende Kunst betrifft: Beide sind wertvoll – wobei Kunst, die von Christen geschaffen wird, das Potenzial haben könnte, noch einnehmender zu wirken. Jeremy hat ein Nebengewerbe, in dem er Holzschnitzereien anfertigt. Er versucht, sie mit größter Sorgfalt zu gestalten – inspiriert von seinem Schöpfer, der alles mit größter Sorgfalt geschaffen hat.
Und selbst abgesehen davon, dass unsere Geschichte vom Evangelium inspiriert ist: Schon die Tatsache, dass wir als Künstler Forevergreen geschaffen haben, kann auf den Schöpfer hinweisen. Ein sinnstiftender Film ist der Beweis für einen sinnstiftenden Filmemacher – genauso wie die Schöpfung der Beweis für einen sinnstiftenden Schöpfer ist.
Die Bibel sagt: „Alles, was deine Hand zu tun findet, das tue mit deiner Kraft“ (Pred 9,10). Paulus bekräftigt diesen Gedanken in 1. Korinther 10,31: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, tut alles zur Ehre Gottes.“
Auf der Website findet sich ein „human-made“-Logo. Was denkt ihr als Künstler über KI-generierte Kunst – und wie sollten wir den Wert menschlichen Schaffens in einer Welt hochhalten, in der KI irgendwann Filme in Sekundenschnelle produzieren könnte?
KI ist ein Werkzeug – nicht mehr. Sie hat keine Perspektive, kein Herz, keine Seele. Das ist es, was uns von der Maschine unterscheidet. Geschichten sind zutiefst menschlich. KI kann bei Routineaufgaben helfen – aber sie darf niemals die menschliche Stimme oder die Hand des Künstlers ersetzen. Wer Effizienz zum höchsten Ziel erklärt, sollte sich nicht wundern, wenn die Geschichten von morgen an der Oberfläche bleiben. Was die Mühe nicht wert ist, ist auch die Zeit nicht wert. Nicht umsonst spricht man von einem Kunst-werk und einer Herzens-arbeit – in beiden Wörtern steckt die Mühe.
Es gibt ein wunderbares Zitat von dem Läufer Eric Liddell im Film „Die Stunde des Siegers“: „Ich glaube, Gott hat mich für einen Zweck erschaffen. Aber er hat mich auch schnell gemacht, und ich spüre seine Freude daran, wenn ich laufe“. Warum sollte man sich diese gottgegebene Freude am Prozess nehmen lassen, nur um den bequemen Weg der Effizienz zu wählen – erst recht, wenn das Endergebnis dadurch seelenloser wird?
Weder blinde Angst vor KI noch ihr Missbrauch bringen uns weiter. Was wir brauchen, ist ein besonnener Umgang – und Weisheit, um zu erkennen, wann wir das aufgegeben haben, was das Schaffen von Kunst zu einem zutiefst menschlichen, sinnstiftenden Unterfangen macht.
