„Weide meine Schafe

Überlegungen zur Praxis der Glaubensvertiefung

Artikel von Ron Kubsch und Wolf Christian Jaeschke
18. März 2026 — 11 Min Lesedauer

Der Missionsbefehl am Ende des Matthäusevangeliums umfasst neben der Glaubensvermittlung auch die Glaubensvertiefung. Erst kommt die Eingliederung in das Volk Gottes („Macht zu Jüngern“), dann die weitere Begleitung der Gläubigen in der Gemeinde („und lehret sie halten alles, was ich euch geboten habe“). Aber wie geschieht dieser zweite Schritt? In Kolosser 2,6–7 erklärt Paulus:

„Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm, verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit.“

Klammern wir die Inhalte der Belehrung einmal aus, stellt sich die Frage nach der Art und Weise, in der die Jünger gelehrt werden sollten.

Wie hat Jesus eigentlich gelehrt?

Es gibt (vermutlich in den verschiedensten Variationen) einen christlichen Cartoon mit zwei Bildern nebeneinander. Auf der einen Seite sieht man Jesus mit den zwölf Jüngern, wie sie gemeinsam auf Wanderschaft sind. Dabei zeigt Jesus auf Dinge, die ihnen begegnen, und redet mit ihnen darüber. Auf der anderen Seite sitzen die Jünger auf Schulbänken vor Jesus und werden frontal unterrichtet. Die Botschaft des Cartoons ist wohl: „Wie hat Jesus unterrichtet? Und was haben wir daraus gemacht?“

Was soll man dazu sagen? Einerseits enthält dieser Cartoon eine Menge Wahrheit. Ja, wir haben die Unterrichtung im Glauben oft einseitig auf Frontalunterricht reduziert. Aber andererseits ist der Cartoon doch reichlich „plakativ“ und verfällt in die gegenteilige Einseitigkeit. Denn Jesus hat durchaus gepredigt. Und er hat seine Jünger auch im kleinen Kreis unterrichtet („wenn sie aber alleine waren, legte er seinen Jüngern alles aus“, Mk 4,34). Zwischen Auferstehung und Himmelfahrt hat er noch viel gelehrt, insbesondere den ganzen alttestamentlichen Hintergrund des nun anbrechenden „Reichs“ (Lk 24,44–45; Apg 1,3). Hier fand eine weiterführende theologische Vertiefung statt. Und die kann man durchaus schulmäßig durchführen.

Genauso hat Paulus nicht nur „beiläufig“, sondern auch frontal unterrichtet. Er „hielt nun täglich seine Vorträge im Hörsaal eines gewissen Tyrannus“ (Apg 19,9 MENG). Gemeinsames familiäres Unterwegssein und Frontalunterricht schließen sich also nicht gegenseitig aus.

Als Beispiel, wie dieses Nebeneinander erlebt werden kann, sei hier eine Passage aus Wolf Christian Jaeschkes Buch Menschenfischen & Schafeweiden zitiert, das demnächst erscheinen soll:[1]

„Meine Frau hat an einem bestimmten Punkt ihres Lebens in fast perfekter Weise das Zusammenspiel dieser beiden Arten der Prägung erfahren. Sie lebte ein Jahr lang in einer Frauen-Wohngemeinschaft in den USA: drei junge Amerikanerinnen Mitte zwanzig, die am Anfang ihres Glaubenslebens standen, und eine Engländerin Mitte dreißig. Die erklärte Absicht war, dass die drei jüngeren Frauen von der Lebens- und Glaubenserfahrung der um zehn Jahre älteren Frau profitieren sollten, was auch in reichem Maße geschah. Zugleich besuchten die vier Sonntag für Sonntag eine Gemeinde, in der gerade mit großem theologischen Tiefgang der Römerbrief ausgelegt wurde. Meiner Frau hat diese Kombination ungeheuer gedient. In Philipper 1,9 heißt es: ‚Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.‘ Wenn meine Frau nur die Predigten gehört hätte, sie wäre vor allem reicher an Erkenntnis geworden. Wenn sie nur in der Wohngemeinschaft Glaubenspraxis gelernt hätte, sie wäre vor allem reicher an Erfahrung geworden. Aber so hatte sie beides. Hier wurde die Basis für ein ganzes Leben gelegt.“

Es geht also tatsächlich um beide Seiten des Cartoons, nicht um nur die eine oder nur die andere.

Wie ist es nun in unseren Gemeinden um diese beiden Seiten bestellt?

Glaubensvertiefung durch schulmäßige Unterweisung

Da haben wir in den letzten Jahren viele sehr erfreuliche Entwicklungen erleben können.

So sind zum Beispiel immer mehr Gemeinden dazu übergegangen, in den Gottesdiensten ganze Bibelbücher durchzupredigen. Die Auslegungspredigt hilft dabei, Gottes Gedanken nachzudenken und nachzuvollziehen.

Die biblische Unterweisung, manchmal Katechese genannt, wird vielerorts wiederbelebt. Es ist wunderbar, wenn Christen ihr ganzes irdisches Leben lang lernen und vertiefen, was sie glauben.

Und Christen müssen diesen Glauben vernünftig mit der Bibel in der Hand verteidigen können, was Apologetik genannt wird. (Für junge Gläubige geht es dabei um Selbstverteidigung: Ihr Glaube steht oft massiv unter Beschuss.) Auch diese Disziplin erlebt dankenswerterweise derzeit eine Renaissance.

Die tendenziell „schulmäßige“ Seite des Lehrens und Lernens ist also in einem sehr erfreulichen Aufwind.

Glaubensvertiefung als Handwerk

Um die andere Seite allerdings, die des gemeinsamen Unterwegsseins im Alltag und der persönlichen Begleitung in der praktischen Nachfolge Jesu, ist es oft weniger gut bestellt.

Ja, wir lehren Jüngerschaft, und das ist sehr wichtig. Aber wir zeigen nicht unbedingt, wie sie konkret im Alltag aussieht. Bildlich gesprochen: Bei der Vertiefung des Glaubens ist uns das Schulmodell wesentlich vertrauter als das Modell des ausbildenden Handwerksbetriebs.

Checkfrage: Was hilft einem am meisten, wenn man irgendetwas Kompliziertes ausfüllen, zusammenbauen, reparieren, programmieren usw. muss? Schriftliche Instruktionen sind ein guter Anfang. Noch besser ist ein Video aus dem Internet, in dem ein freundlicher Mensch das Ganze Schritt für Schritt vormacht. Und am liebsten wäre es uns wohl, dieser freundliche Mensch säße sogar leibhaftig neben uns und könnte uns zeigen, wie man’s macht.

Auch im praktischen Christenleben ist hier ein großer Bedarf. Und gerade weil es um Praxis geht, ist hier der ideale Einsatzort für Ehrenamtler. Nicht alle Christen sind begabte Prediger, Katecheten, Evangelisten und Apologeten. Aber (fast) jeder Christ kann sich über das, was er täglich im Glauben erlebt, mit jüngeren Christen austauschen. Dies ist dann weniger ein zusätzlicher Programmpunkt im sowieso schon angefüllten Gemeindeleben, sondern Bestandteil einer informellen Gemeindekultur.

Der bekannte kanadische Neutestamentler Don Carson schrieb einmal:

„Du, der du älter [im Glauben] bist, solltest dich umschauen nach jüngeren Leuten und ihnen … sagen: ‚Schau mir zu!‘ Komm – ich zeige dir, wie man Familienandachten hält. Komm – ich zeige dir, wie man die Bibel studiert. Komm – ich erkläre dir ein paar Grundlagen des Glaubens. Komm – ich zeige dir, wie man betet. Komm – ich zeige dir, wie man ein gläubiger Ehemann und Vater, eine gläubige Ehefrau und Mutter ist. An einem bestimmten Punkt des Lebens sollte der ältere Mentor anfangen, auch andere Dinge zu sagen, zum Beispiel: Ich zeige dir, wie man stirbt. Schau mir zu.“[2]

Das alles geschieht in unseren Gemeinden offenbar zu wenig. Es hatte sicher seinen Grund, dass Carson es thematisiert. Er zählt hier eine ganze Palette an Themen auf, die von allen möglichen Seiten an einen herangetragen werden können. Sie stammen aus den verschiedensten Entwicklungsphasen des Christseins, ein buntes Durcheinander von „Anfängerfragen“ und „weiterführenden Fragen“.

Sehen wir uns diese Entwicklungsphasen einmal an. Eine zusammenfassende Aussage findet sich in 1. Johannes 2,12–14. Dort wird zwischen dreierlei geistlichen „Lebensaltern“ unterschieden:

  • „Kinder“: sie haben „den Vater erkannt“ und ihnen sind „die Sünden vergeben“;
  • „junge Männer“: sie sind „stark“, „das Wort Gottes bleibt in ihnen“ und sie haben „den Bösen überwunden“;
  • „Väter“: sie haben „den erkannt, der von Anfang an ist“.

Entsprechend dieser Entwicklungsphasen muss auch die Art der Betreuung „mitwachsen“. Man kann das in 1. Thessalonicher 2 sehen. Paulus fungierte als Amme (Vers 7) und als anschließender Erzieher zur Mündigkeit (Vers 11).

Einer, der sich besonders viele Gedanken speziell über die ersten beiden Phasen gemacht hat, war Dawson Trotman (1906–1956). Dieser gilt als Vater der modernen Jüngerschaftsbewegung.[3] Als begeistert evangelisierender junger Christ hatte er die ernüchternde Erfahrung gemacht, dass die meisten der von ihm „Erreichten“ nach kurzer Zeit nicht mehr dabei waren. Dies bewirkte in ihm ein radikales Umdenken. Ab dann predigte er: „Bringe keine geistlichen Babys zur Welt, nur um sie dann unversorgt verhungern zu lassen.“[4]

Trotman ging dabei noch ein Stück weiter als John Wesley (1703–1791). Dieser meinte einmal: „Wie ein Apostel zu predigen, ohne die Erweckten dann in eine Gemeinschaft einzubinden und sie in den Wegen Gottes zu unterweisen, ist nichts anderes, als Kinder zu zeugen und dem Mörder [Joh 8,44] zu überlassen.“[5] Das ist völlig richtig. Aber Trotman hätte sinngemäß (hier also in unseren Worten und in heutiger Terminologie) hinzugefügt: „Die Kinderkrippe, bei der man seinen Nachwuchs tagsüber unterbringt, mag noch so gut sein. Aber sie ersetzt doch nie die Eltern! Sie darf nicht zum Kinderheim werden, zum alleinigen Bezugsrahmen.“ Er hätte also Wesley ergänzt und gesagt: Das Ideal muss sein, sie in eine Gemeinschaft einzubinden und für eine persönliche Einzelbetreuung zu sorgen. Neben der ersten Phase, der der geistlichen „Kleinkinderbetreuung“, war Trotman besonders engagiert in der zweiten Phase, der Entwicklung junger Männer und Frauen zu standfesten christlichen Charakteren. Was bei ihm alles zu dieser Entwicklung dazugehörte, kann hier aus Platzgründen nicht ausgeführt werden.[6]

Multiplikation durch geistliche Generationen

Trotman war ein Mann der Grundlagen. In gewisser Weise ein „Grundschullehrer“ in Sachen Glauben. Er war „Laie“, nicht Theologe. Für die umfassende Entwicklung all dessen, was zur dritten Phase gehört, verließ er sich auf andere, die seinen Beitrag ergänzten.

Aber noch eine ganz wichtige weitere Sache gab er seinen Leuten mit, die oft übersehen wird. Er ist vielfach als „Apostel der Nacharbeit“ bezeichnet worden.[7] Diese Bezeichnung greift zu kurz. Richtiger wäre die Bezeichnung „Apostel der geistlichen Multiplikation“. Ihm ging es nämlich nicht nur um das geistliche Überleben von Neubekehrten und ihre anschließende Stärkung im Glauben. Ihm ging es auch darum, dass diese an den Punkt kamen, dass sie ihrerseits andere erreichten.

Er lernte dies vor allem, als er darum gebeten wurde, sich um einen neubekehrten Matrosen auf dem Schlachtschiff West Virginia zu kümmern. Er besuchte diesen und nahm auch dessen Umfeld in den Blick, das Schiff mit seinen ca. 1300 Mann Besatzung. Seine Vision war, das Glaubensleben dieses jungen Matrosen in diesem rauen Umfeld zu entwickeln – und zugleich durch ihn eine Ausbreitung des Evangeliums in diesem schwimmenden „Mikrokosmos“ zu erreichen.

Gott segnete dies. Als das Schiff 1941 beim Angriff auf Pearl Harbor versenkt wurde, waren bereits 125 Matrosen zum Glauben gekommen. Trotman hatte unter den „Laborbedingungen“ eines Schlachtschiffs das Funktionieren des Vier-Generationen-Verses 2. Timotheus 2,2 erlebt, auf dem sein Ansatz beruhte:

„Und was du [2. Generation] von mir [1. Generation] gehört hast vor vielen Zeugen, das vertraue treuen Menschen [3. Generation] an, die fähig sein werden, auch andere [4. Generation] zu lehren.“

Trotman wollte bewusst nur die Funktion der ersten Generation übernehmen. Als der besagte Matrose einen neubekehrten Matrosen zu ihm brachte, damit er auch diesen betreute, sagte Trotman ihm: „Nein, sondern das wirst du selber machen. Bring ihm alles bei, was ich dir beigebracht habe. Und er soll lernen, dann seinerseits das Gelernte weiterzugeben.“

Das ist nämlich der Sinn jenes Vier-Generationen-Verses. Die in 2. Timotheus 2,2 beschriebene Generationenfolge „war nicht linear, sondern pyramidal und führte so zu einer immer breiter werdenden Basis von lehrfähigen Gläubigen“.[8] Es ging nicht um Addition (1 + 1 + 1 + 1 + 1 …), sondern um Multiplikation (1, 2, 4, 8, 16, …).

Mark Dever beschreibt in seinem Buch Discipling das Vorgehen von Dawson Trotman. Er steht ganz auf dessen Schultern, wenn er sagt: „Wenn es sein muss, betreiben wir Addition; was wir aber wirklich wollen, ist Multiplikation. Wir sind nicht einfach nur Mentoren der nächsten Generation; wir versuchen [vielmehr], [durch diese] alle kommenden Generationen zu erreichen!“[9]

So stellt sich abschließend eine praktische Frage. Trotman liebte es, Christen zu fragen: „Wo ist dein Timotheus?“ Nimm diese Frage mit ins Gebet! Und falls du gerade denkst: „Eigentlich brauche ich einen Paulus“, dann mach dich auf die Suche.


1 Wolf Christian Jaeschke, Menschenfischen & Schafeweiden, Bad Oeynhausen: Verbum Medien, 2026.

2 Don A. Carson, From the Resurrection to His Return: Living Faithfully in the Last Days, Fearn: Christian Focus, 2010, S. 32.

3 Vgl. Robert L. Gallagher, „Trotman, Dawson Earle“, in: George Thomas Kurian u. Mark A. Lamport (Hrsg.), Encyclopedia of Christianity in the United States, Lanham: Rowman & Littlefield Publishers, 2016, S. 2331.

4 Betty Lee Skinner, Daws: The Story of Dawson Trotman, Founder of The Navigators, Grand Rapids: Zondervan, 1974, S. 70.

5 Steve Harper, The Way to Heaven: The Gospel According to John Wesley, Grand Rapids: Zondervan, 2003, S. 75.

6 Ausführlich behandelt wird das in dem schon genannten Buch: Menschenfischen & Schafeweiden.

7 Vgl. Robert D. Foster, The Navigator, Colorado Springs: NavPress, 1983, S. 118.

8 T.M. Moore, „Equipping the Church for Lifestyle Evangelism“, in: Roger Greenway (Hrsg.), The Pastor-Evangelist, Phillipsburg: Presbyterian and Reformed, 1987, S. 137.

9 Mark Dever, Discipling: How to Help Others Follow Jesus, Wheaton: Crossway, 2016, S. 79.