Königreich vs. Kreuz?
Viele Christen legen heutzutage den Fokus entweder auf das Kreuz oder auf das Reich Gottes, meist unter Ausschluss des jeweils anderen. Es gibt zahlreiche Bücher über das Reich Gottes, in denen das Kreuz Christi kaum erwähnt wird. Andererseits gibt es dicke Wälzer über das Kreuz, in denen die Botschaft Jesu vom Reich Gottes komplett ignoriert wird. Die Polarisierung zwischen diesen beiden biblischen Themen hat unterschiedliche Ansätze zur Folge gehabt: eine kreuzzentrierte Theologie, die sich auf die Erlösung der Sünder konzentriert, oder ein aktivistisches Reich-Gottes-Verständnis, mit dem man die Welt verändern will. Ganze Gemeinden oder Bewegungen basieren auf einer dieser Vorstellungen. Es hat den Anschein, als könnten wir nur zwischen einem Königreich ohne Kreuz oder einem Kreuz ohne Königreich wählen – eine falsche Dichotomie, die das Evangelium verkürzt und die Kirche lähmt.
Natürlich sollte man sich nicht zwischen biblischen Lehren entscheiden müssen. Wie wir sehen werden, gehören das Reich Gottes und das Kreuz auf wunderbare Weise zum ganzen Ratschluss Gottes und zur Heilsgeschichte. Aber bevor wir zur Lösung kommen, müssen wir zunächst einmal das Problem verstehen.
Königreich kontra Kreuz
Wie kam es dazu, dass die Gemeinde wichtige biblische Lehren gegeneinander ausspielt? Obwohl es schon immer Verwirrung über oder Widerstand gegen die paradox erscheinende Verbindung zwischen Königreich und Kreuz gegeben hat, hat eine derart scharfe Trennung nicht von Anfang an bestanden. Im 1. Jahrhundert erklärte Barnabas, dass „die Herrschaft Jesu auf dem (Kreuzes-)Holze beruht“.[1] Augustinus schrieb: „Der Herr hat seine Herrschaft aufgerichtet von einem Baum her. Wer ist es, der mit Holz kämpft? Christus. Von seinem Kreuz aus hat er Könige besiegt.“[2] Martin Luther tadelte diejenigen, die „die beiden Ideen nicht in Einklang bringen können – dass Christus König der Könige sein soll und zugleich leiden und hingerichtet werde.“[3] Die hässliche Kluft zwischen Königreich und Kreuz tat sich erst nach der Aufklärung auf und vergrößerte sich insbesondere durch die Social-Gospel-Bewegung (dt. Soziales-Evangelium-Bewegung), die im 20. Jahrhundert in Amerika aufkam. Walter Rauschenbusch, der sich auf den deutschen Liberalismus des 19. Jahrhunderts berief, rückte das Reich Gottes so sehr in den Vordergrund, dass das Kreuz praktisch in den Schatten gestellt wurde. Diese Bewegung vernachlässigte nicht nur das Evangelium von dem, was Gott durch den Tod und die Auferstehung Christi getan hat – sie definierte das Evangelium dahingehend um, was wir tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Helmut Richard Niebuhrs Einschätzung dieser Theologie ist treffend: „Ein Gott ohne Zorn brachte Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht durch den Priesterdienst eines Christus ohne Kreuz.“[4] Die Konservativen reagierten scharf, indem sie die zentrale Bedeutung des Kreuzes hervorhoben, das Reich Gottes jedoch oft ausschließlich in die Zukunft verlegten oder ganz ignorierten und damit den Charakter dieser historischen Debatte bestimmten: Es kam zu einem pendelartigen Reduktionismus.
Die Tatsache, dass zwei Hauptthemen der Heiligen Schrift auseinandergerissen und häufig gegeneinander ausgespielt wurden, ist ein enormes Problem. Wir brauchen eine bessere Lösung als „Königreich kontra Kreuz“. Es reicht auch nicht aus, nur „Königreich und Kreuz“ anzustreben, als seien dies zwei konkurrierende Werte, die zwangsläufig in Spannung zueinander stehen. Der Schlüssel liegt nicht in der Ausgewogenheit, sondern in der Integration. Genau das finden wir in der Heiligen Schrift, einer sich entfaltenden Erzählung, die Sühne und Reich Gottes wie eine Dornenkrone miteinander verwebt, die einem gekreuzigten König gebührt.
Die Geschichte vom Sieg durch Opfer
Königreich und Kreuz werden letztlich durch Christus zusammengehalten, der über das Reich Gottes herrscht und am Kreuz leidet. Aber Jesus ist kein gewöhnlicher Superheld. Er ist der Messias, Israels langersehnter Retter, der alle Verheißungen Gottes erfüllt. Diese sich entfaltende Heilsgeschichte bietet den richtigen Rahmen, um den Zusammenhang zwischen Königreich und Kreuz zu verstehen.
Die Geschichte beginnt in einem Garten, und obwohl der Begriff „Reich Gottes“ erst später auftaucht, wurzelt die Vorstellung davon im Boden Edens. In 1. Mose 1–2 wird Gott als liebender König dargestellt, der durch seine Menschen als seine Ebenbilder über seine gute Schöpfung herrscht. Und so definiere ich „Reich Gottes“: Gottes Herrschaft durch Gottes Volk über Gottes Schöpfung.[5]
Doch anstatt über die Erde zu herrschen, unterwerfen sich Adam und Eva der Herrschaft eines ihrer hinterlistigsten Geschöpfe – der Schlange – und zerstören damit ihre Gottesbeziehung und das Projekt, das auf Gottes Herrschaft über die ganze Erde abzielt. Anstatt aus Eden auszuziehen, um den Segen der königlichen Gegenwart Gottes zu verbreiten, werden sie aus dem Garten verbannt und zu einem Leben auf Wanderschaft verdammt, wodurch der Fluch weiterverbreitet wird.
Doch selbst trotz dieses rebellischen Verrats gibt Gott das Projekt „Königreich“ nicht auf. Aus dem verfluchten Boden Edens sprießt die Heilsgeschichte mit dem Versprechen des „Samens“ einer Frau, die der Schlange den Kopf zertreten wird, während sie selbst dabei an der Ferse verletzt wird (vgl. 1Mose 3,15). Der Sieg des Samens wird den Fluch aufheben und Gottes Schöpfung erneuern. Aber während das Endziel immer noch Gottes Herrschaft über die ganze Erde ist, gehört zur Siegesverheißung nun auch das Leiden. Danach zeichnet sich in der Geschichte Adams und Israels ein Muster ab, wonach Sieg durch Leiden, Erhöhung durch Erniedrigung und letztlich das Reich Gottes durch das Kreuz kommt.
Das kontraintuitive Muster vom Sieg durch Opfer zieht sich durch die ganze Geschichte Israels. Gott gibt Abraham das Versprechen, die Völker zu segnen, und besiegelt den Bund mit einem Opfer. Gott erlöst sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei durch das Blut eines Opferlamms. König David besiegt den Riesen mit bescheidenen Mitteln, und seine Königsherrschaft ist geprägt von Leid, das er zu Recht erfährt. Der Prophet Jesaja offenbart, wie das Königreich nur durch das Leiden eines Gottesknechts den Sieg erlangt. Während das Muster vom Sieg durch Opfer das gesamte Alte Testament durchzieht, gipfelt es in der Ankunft des Messias im Neuen Testament.
Der gekreuzigte König
Jesus kam, um das Reich Gottes zu verkünden, aber seine königliche Mission führte ihn zu einem grausamen Tod am römischen Kreuz. Menschlich gesehen sah es so aus, als bedeute das Kreuz das Scheitern der Mission Christi für das Reich Gottes. Die Heilige Schrift zeigt jedoch auf subtile, aber eindrucksvolle Weise, dass das Kreuz kein Stolperstein für das Reich Gottes ist, sondern dessen Eckstein.
Der Bericht des Markus über die Kreuzigung ist voller königlicher Bilder. Jesus erhält ein purpurfarbenes Gewand, ein Zepter in die Hand und eine Dornenkrone auf den Kopf (vgl. Mk 15,17). Selbst am Kreuz hängt über seinem Kopf das Schild „Der König der Juden“ (Mk 15,26). Markus zeigt anhand von Ironie, dass derjenige, der als König verspottet wird, tatsächlich der König ist. Aber er ist eine ganz andere Art von König. Die Zuschauer verspotten Jesus und sagen zu ihm: „Rette dich selbst und steige vom Kreuz herab!“ (Mk 15,30). Doch Jesus offenbart sein Königtum nicht, indem er vom Kreuz herabsteigt, um sich selbst zu retten, sondern indem er am Kreuz bleibt, um andere zu retten. Das Kreuz ist der größte Beweis für die Herrschaft Christi als eine von Liebe bestimmte Macht.
Nach Markus (und auch den anderen Evangelisten) endet die Mission Jesu für das Reich Gottes nicht am Kreuz. Jesus ist König am Kreuz: Er vergibt Sünden, besiegt das Böse und errichtet Gottes Reich auf Erden wie im Himmel. Das Kreuz bedeutet weder das Scheitern des messianischen Wirkens Jesu noch ist es ein Vorspiel zur Offenbarung seiner königlichen Herrlichkeit. Es ist vielmehr der Höhepunkt seiner Mission, das Reich Gottes zu errichten. Die Pracht der königlichen Macht Gottes erstrahlt am hellsten im Opfertod des Sohnes Gottes. Das Kreuz ist die Krönung der Mission Christi für das Reich Gottes.
Im Bericht von Johannes über das Leben Christi bewegt sich alles auf die entscheidende „Stunde“ zu, in der Jesus, „erhöht“ am Kreuz, in Herrlichkeit inthronisiert wird (vgl. Joh 12,23–32; 3,14; 8,28). Das Kreuz wird nicht nur zum Zentrum der Heilsgeschichte, sondern auch zum Dreh- und Angelpunkt, an dem die Logik der Welt auf den Kopf gestellt wird. Schande wird in Herrlichkeit verwandelt, Torheit in Weisheit und Erniedrigung in Erhöhung. Das Kreuz ist der Thron, von dem aus Christus die Welt regiert.
Im weiteren Verlauf des Neuen Testaments erfahren wir, dass der Tod Christi eine facettenreiche Erfüllung der Erzählung ist, wie Gott sein Reich auf Erden wie im Himmel aufrichtet. Während das Kreuz unendlich viel bewirkt, ist sein Herzstück, aus dem alles andere hervorgeht, die stellvertretende Sühne. Christus starb an unserer Stelle, für unsere Sünden, um Sünder mit dem Gott zu versöhnen, der durch Gnade alles neu macht.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Bibel von der verwundeten Ferse in 1. Mose 3,15 bis zum herrschenden Lamm in Offenbarung 22,1 die Heilsgeschichte eines gekreuzigten Messias ist, der durch seinen Sühneopfertod am Kreuz das Reich Gottes errichtet.
Königreich und Kreuz
Wie können wir also das Verhältnis zwischen Königreich und Kreuz zusammenfassen? Während viele das Reich Gottes und das Kreuz voneinander trennen, zeigt die Heilige Schrift eine sich gegenseitig bereichernde Beziehung zwischen beiden, die aus der Geschichte Israels erwächst und in der Kreuzigung des Königs Christus gipfelt. Die Heilsgeschichte offenbart, dass die Reich-Gottes-Verheißungen (wie der Sieg über die Feinde, die Vergebung der Sünden und ein neuer Exodus) in erster Linie im Kreuz Christi erfüllt werden.
Überdies müssen Königreich und Kreuz nicht um ihre Position in der Heilsgeschichte wetteifern, da sie unterschiedliche Rollen spielen. Das Kreuz steht im Mittelpunkt (als Höhepunkt im Zentrum der Geschichte) und das Reich Gottes ist telos (das Endziel der Geschichte). Die herrliche Weisheit Gottes zeigt sich jedoch darin, dass das endzeitliche Reich Gottes durch den Tod des Messias mitten in die Weltgeschichte eingebrochen ist.
Kurz gesagt: Königreich und Kreuz werden durch Christus – den Messias Israels – zusammengehalten, der durch seinen Sühneopfertod am Kreuz Gottes Herrschaft auf die Erde gebracht hat. Das Reich Gottes ist das Endziel des Kreuzes, und durch das Kreuz kommt das Reich in die Welt. Das schockierende Paradoxon der Herrschaft Gottes durch den gekreuzigten Christus erscheint der gefallenen menschlichen Logik als Torheit; durch den Glauben betrachtet, ist es jedoch die Kraft und Weisheit Gottes.
Wenn wir sagen, dass das Reich Gottes durch das Kreuz errichtet wird, schließen wir damit die Bedeutung der anderen Aspekte des Erlösungswerks Christi weder aus noch minimieren wir sie gar. Der Tod Christi ist das entscheidende, aber nicht das einzige wichtige Ereignis. Gottes Reich war in Jesu Leben gegenwärtig, wurde von ihm verkündet, zeigte sich andeutungsweise in seinen Wundern und Dämonenaustreibungen, wurde durch seinen Tod errichtet, brach durch die Auferstehung an und wird durch den Heiligen Geist in der Gemeinde vorangetrieben und bei der Wiederkunft Christi vollendet werden.
Ein vom Kreuz geprägtes Königreich
Dietrich Bonhoeffer sagte: „Ein König, der ans Kreuz geht, muss der König eines wunderlichen Reiches sein.“[6] Es ist wirklich ein seltsames Königreich, denn während die Reiche dieser Welt durch Gewalt entstehen, gründet das Reich Gottes auf Gnade. Da es auf dem Kreuz Christi basiert und davon bestimmt ist, kann man es zu Recht als ein vom Kreuz geprägtes Königreich bezeichnen. Das Kreuz schafft eine Gemeinschaft erlöster Menschen, die unter der Herrschaft Gottes leben.
Das vom Kreuz geprägte Reich bietet einen Rahmen für ein Leben in Hingabe an den König. Denn durch das Kreuz werden uns nicht nur unsere Sünden vergeben, sondern wir werden auch zu Nachfolgern unseres Erlösers gemacht. Jesus sagt: „Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach“ (Lk 9,23). Um dem König zu folgen, müssen wir unser Kreuz auf uns nehmen. Die Nachfolger Jesu sind zur Herrlichkeit bestimmt. Aber was für Christus gilt, gilt auch für diejenigen, die „in Christus“ sind: Herrlichkeit kommt durch Leiden. Als Christi Miterben des Reichs leiden wir „wirklich mit ihm …, damit wir auch mit ihm verherrlicht werden“ (Röm 8,17). Wie Martin Luther King Jr. sagte: „Das Christentum hat schon immer darauf beharrt, dass das Kreuz, das wir tragen, der Krone vorausgeht, die wir tragen.“[7]
Das Reich Gottes wurde durch die selbstaufopfernde Liebe Christi aufgerichtet und wird durch die selbstaufopfernde Liebe seines Volkes gefördert. Wie ist das in einer Welt möglich, in der jeder nur auf sich selbst sieht? Die aufopfernde Liebe Gottes, die sich am Kreuz zeigt, schafft ein Volk, das sich selbstlos für das Wohl anderer hingibt. Da das Reich Gottes beispielsweise von Gerechtigkeit geprägt ist, haben die von Gott Gerechtfertigten mehr Grund als alle anderen, Gerechtigkeit für die Schwachen, Armen und Unterdrückten zu erstreben. Um es klar zu sagen: Wir bauen das Reich Gottes nicht, wir empfangen es von Gott (vgl. Hebr 11,28). Es ist keine Krönung des menschlichen Potentials und menschlicher Anstrengungen, sondern der Einbruch der königlichen Gnade Gottes in eine sündige und zerbrochene Welt.
Schlussfolgerung
Jesus wurde mit einer Aufschrift über seinem Kopf gekreuzigt, auf der stand, dass er ein König sei. Während der Titel auf dem Kreuz Christi – „Der König der Juden“ – die Verbindung zwischen Königreich und Kreuz deutlich macht, veranschaulicht vielleicht die Dornenkrone am besten, wie beides zusammenhängt. Die Dornen, ein Zeichen für den Fluch und das Versagen Adams, symbolisieren in Wahrheit die paradoxe Synthese aus der souveränen Herrschaft Christi und seinem Sühneopfer. Die ineinander verschlungenen Dornen sind ein Bild dafür, wie Sühne und Königreich in der großen Heilsgeschichte als Ziel der Geschichte und als Mittel zu ihrer Erfüllung miteinander verwoben sind. Das Reich Gottes kommt in Macht, aber die Macht des Evangeliums ist der gekreuzigte Christus.
Weiterführende Lektüre
- Graeme Goldsworthy, „Gospel and Kingdom“, in: The Goldsworthy Trilogy, S. 1–148, Carlisle: Paternoster, 2000.
- Prabo Mihindukulasuriya, „How Jesus Inaugurated the Kingdom on the Cross: A Kingdom Perspective of the Atonement“, Evangelical Review of Theology, Band 38, Carlisle: Paternoster, 2014.
- John Stott, Das Kreuz: Zentrum des christlichen Glaubens, Marburg: Francke, 2009.
- Jeremy Treat, The Crucified King: Atonement and Kingdom in Biblical and Systematic Theology, Grand Rapids: Zondervan, 2014.
1 Michael Holmes (Hrsg. und Übers.), The Apostolic Fathers in English, 3. Aufl., Grand Rapids: Baker Academic, 2006, S. 186.
2 Augustine, Exposition of Psalm 95, S. 406–407, WSA 18:425.
3 Luther, Psalm 110, 1539, LW 13:344.
4 H. Richard Niebuhr, The Kingdom of God in America, New York: Harper & Row, 1937, S.197.
5 Für ein tieferes Verständnis des Reichs Gottes siehe Jeremy Treat, Seek First: How the Kingdom of God Changes Everything, Grand Rapids: Zondervan, 2019.
6 Dietrich Bonhoeffer, Barcelona, Berlin, Amerika 1928–1931, DBW Bd. 10, S. 320.
7 Martin Luther King Jr., Strength to Love, Minneapolis: Fortress, 2010, S.19.