Seine Predigten weckten eine schlafende Kirche
John Charles Ryle (1816–1900)
Als John Charles Ryle zum ersten Mal die Kanzel der Kirche von England betrat, waren die Predigten seiner Zeit „trocken, schwer, steif, langweilig, kalt, zahm ... und ohne Wärme, Lebendigkeit, direkte Ansprache oder Feuer“[1].
Ryle versuchte alles, um damit zu brechen, selbst als würdevoller Bischof von Liverpool. Er war berühmt für seine einfache Klarheit. Als eine ältere Dame in die Kirche kam, in der Hoffnung, den Bischof zu hören, sagte sie anschließend zu einer Freundin: „Ich dachte, ich würde etwas Großartiges hören ... Er ist kein Bischof. Ich konnte jedes Wort verstehen“[2]. Ryle empfand dies als großes Kompliment.
Neben Einfachheit und Klarheit besaßen Ryles Predigten eine – wie J. I. Packer es nennt – „elektrisierende Ausdruckskraft“ – eine Kraft, durch die Ryle den biblischen Schwerpunkt darauf legte, das Wort nicht nur zu lehren, sondern auch zu verkünden[3].
Eine gründliche, völlige Veränderung
Ryle wurde am 10. Mai 1816 in der Nähe von Macclesfield in der englischen Grafschaft Cheshire geboren. Seine Eltern waren lediglich nominelle Mitglieder der Kirche von England, in deren Leben Religion keine Rolle spielte. Deshalb konnten sie sich nie mit Ryles evangelikalem Glauben anfreunden, zu dem er im Alter von 21 Jahren gefunden hatte.
Bis zu seinem 21. Lebensjahr, so Ryle, „hatte ich überhaupt keine echte Religion … Von meinem 7. bis zu meinem 21. Lebensjahr habe ich sicherlich nie gebetet oder auch nur ein Wort in der Bibel gelesen. … Mein Vaterhaus war respektabel und ordentlich, aber es gab dort wirklich kein bisschen [wahre] Religion“[4]. Das sollte sich jedoch dramatisch ändern.
Gegen Ende des Jahres 1837 führten drei Faktoren zu dem, was Ryle als „eine gründliche und völlige Veränderung“ bezeichnete[5]: eine schwere Krankheit, die Ankunft eines Evangeliumspredigers in seiner Heimatstadt und der Einfluss evangelikaler Bücher. Er berichtet von den Wahrheiten, die der Heilige Geist damals seiner Seele einprägte:
„Nichts ... erschien mir so klar und deutlich wie meine eigene Sündhaftigkeit, die Kostbarkeit Christi, der Wert der Bibel, die absolute Unumgänglichkeit, der Welt abzusagen, die Notwendigkeit, wiedergeboren zu werden, und die Riesentorheit der ganzen Lehre von der Taufwiedergeburt. All diese Dinge, ich wiederhole es, schienen mich im Winter 1837 wie ein Sonnenstrahl zu erleuchten und sind mir seitdem bis heute im Gedächtnis geblieben.“[6]
In den Dienst gedrängt
Die nächsten dreieinhalb Jahre arbeitete er hauptsächlich in der Bank seines Vaters. Dann kam es im Juni 1841, als er 25 Jahre alt war, zur Katastrophe. Sein Vater ging bankrott und verlor sein gesamtes Vermögen. Ryle beschreibt dieses Ereignis als so traumatisch für ihn, dass „ich nicht weiß, ob ich nicht Selbstmord begangen hätte, wenn ich damals nicht Christ gewesen wäre“[7].
Was sollte er nun tun? Er hatte keine Ahnung. Der Pfarrer der Gemeinde Fawley, Reverend Gibson, wusste von Ryles Bekehrung und seinen Führungsqualitäten und bat ihn, Kurat (Hilfspastor) in Exbury zu werden. Eine seltsame Weise, in den Dienst zu treten, in dem er zu einem der führenden evangelikalen Sprecher der damaligen Kirche von England werden sollte.
„Ich hatte nie den besonderen Wunsch, Geistlicher zu werden, und diejenigen, die glaubten, dass mein eigener Wille und meine natürlichen Neigungen dadurch befriedigt würden, irrten sich völlig. Ich wurde Geistlicher, weil ich mich dazu gedrängt fühlte und keinen anderen Lebensweg für mich sah.“[8]
Er bereitete jeden Sonntag zwei schriftliche Predigten vor, sprach mittwochs und donnerstags aus dem Stegreif und besuchte jede Woche sechzig Familien. Bald war die Kirche jeden Sonntag voll. Nach zwei Jahren (im November 1843) kündigte er jedoch aus gesundheitlichen Gründen. „Das Klima in diesem Bezirk bekam mir überhaupt nicht ... Ständige Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und Herzprobleme plagten mich seitdem bis heute“[9].
Jahre einzigartiger Prüfungen
Nach einer fünfmonatigen Vikariatszeit in Winchester nahm er eine Stelle als Rektor in Helmingham an, 136 Kilometer nordöstlich von London, wo er zu Ostern 1844 seinen Dienst antrat. Er war nun 28 Jahre alt und noch immer unverheiratet. Erst jetzt verdiente er genug, um eine Frau versorgen zu können – einer der Gründe, warum er diese Stelle nach nur fünf Monaten in Winchester annahm. In Helmingham blieb er siebzehn Jahre lang.
Im Oktober 1844, seinem ersten Jahr dort, heiratete er Matilda Plumbpre. Sie war 22 und er 28. Im Mai 1846 wurde ihnen ein Kind, Georgina, geboren. Nach Matildas Tod im Juni 1847 heiratete Ryle im Februar 1849 erneut, diesmal Jessie Walker, aber ihre zehn gemeinsamen Jahre „waren Jahre einzigartiger Prüfungen“[10]. Jessie war nie gesund.
Fünfmal musste sie jeweils für zwei Monate in London hospitalisiert werden, was zur Folge hatte, dass Ryle in mindestens sechzig verschiedenen Londoner Kirchen predigte und aufgrund seiner kraftvollen Kanzelreden sehr beliebt wurde, was er so kommentierte: „Ich spürte immer, dass die sogenannte Popularität etwas sehr Wertloses und ungemein Schlechtes für die Seele des Menschen ist“[11].
Jessie gebar in den zehn Jahren ihrer Ehe vier Kinder: Isabelle, Reginald, Herbert und Arthur. Doch dann, im Mai 1860, starb sie nach einem langen Kampf mit der Brightschen Krankheit (Nierenerkrankung). In den letzten fünf Jahren war Jessie kaum noch in der Lage gewesen, etwas zu tun, und als sie starb, lag die gesamte Last der fünf Kinder, von denen das älteste erst 13 Jahre alt war, auf ihrem Vater, insbesondere der drei kleinen Jungen. Ryle schreibt:
„Was Urlaub, Erholung und Entspannung im Laufe des Jahres betrifft, so hatte ich davon überhaupt nichts; hingegen lastete die Aufgabe, die drei kleinen Jungen abends zu unterhalten und zu beschäftigen, auf mir alleine. Tatsächlich war die ganze Situation eine schwere Belastung für mich, sowohl körperlich als auch seelisch, und ich frage mich oft, wie ich das überstanden habe.“[12]
„Der Fürst der Traktatschreiber“
Im Jahr nach Jessies Tod nahm Ryle eine Stelle als Vikar in Stradbroke an, 32 Kilometer nördlich von Helmingham. Er hatte siebzehn Jahre lang in dem kleinen Dorf Helmingham gedient und sollte nun weitere neunzehn Jahre in Stradbroke tätig sein. In dem Jahr, in dem er in Stradbroke begann, heiratete er am 24. Oktober 1861 zum dritten Mal, diesmal Henrietta Legh-Clowes. Er war 45 und sie 36. Sie waren achtundzwanzig Jahre lang verheiratet, bis sie 1889 starb, elf Jahre vor seinem eigenen Tod im Jahr 1900.
Während der sechsunddreißig Jahre in den ländlichen Gemeinden Helmingham und Stradbroke wurde Ryle zu einer weithin prominenten Persönlichkeit in der Kirche von England. Er schrieb ununterbrochen und reiste viel, um Vorträge zu halten. „Er war in den 1870er Jahren der bekannteste und angesehenste Autor und Sprecher des Evangelikalismus“[13].
Eine der großen Paradoxien in Ryles Leben ist, dass er in Oxford das Studienfach Klassische Philologie mit Auszeichnung bestand, ständig alte und neue theologische Werke las, eine Bibliothek mit fünftausend Bänden zusammentrug und dennoch in kleinen ländlichen Gemeinden der „Fürst der Traktatschreiber“ genannt wurde[14].
„Traktate“ waren damals kleine Broschüren, die in Ryles Fall Predigten enthielten und für wenige Cent verkauft wurden. Die Tatsache, dass Ryle so viel Wert auf die Veröffentlichung praktischer Traktate über das christliche Leben und das Gemeindeleben legte, zeigt, wie sehr er sich für persönliche Heiligung und eine Kirchenreform einsetzte. Beim Schreiben und Predigen war er in erster Linie Prediger, und „während er las“, so Packer, „fragte er sich nicht nur ‚Ist das wahr?‘, sondern immer auch ‚Welche Auswirkungen wird das auf normale Menschen haben?‘“[15].
Mit 64 Jahren, nach sechsunddreißig Jahren in ländlichen Gemeinden, in einem Alter, in dem die meisten Menschen sich auf den Ruhestand vorbereiten, wurde er zum ersten Bischof von Liverpool berufen. So zog er von Gemeinden mit 300 bis 1.300 Einwohnern in eine Stadt mit über 700.000 Einwohnern, mit all den städtischen Problemen, denen er bis dahin noch nie begegnet war. Er bekleidete dieses Amt zwanzig Jahre lang, bis zwei Monate vor seinem Tod am 10. Juni 1900 im Alter von 84 Jahren.
Kraftvolle Klarheit
Was machte Ryle zu einem so beliebten evangelikalen Sprecher und gewaltigen Prediger, dass wir seine Predigten auch über hundert Jahre später noch lesen? Wie weiter oben erwähnt, waren die damaligen Predigten „trocken, schwer, steif, langweilig, kalt, zahm ... und ohne Wärme, Lebendigkeit, direkte Ansprache oder Feuer“[16]. Seine Predigten hingegen waren das genaue Gegenteil davon. Ryle brachte die wahre Predigt zurück auf die Kanzel.
Zum biblischen Predigen, im Gegensatz zum Lehren – so der griechische Begriff kerussein im Gegensatz zu didaskein –, gehört eine emotionale Komponente, die durch das Wort Verkündigung zum Ausdruck kommt. Predigen zeichnet sich durch eine gewisse Dringlichkeit und Eindringlichkeit aus. Eine Botschaft wird vom König des Universums überbracht – mit seiner Autorität, in seinem Namen – und diese betrifft Angelegenheiten von unendlicher Bedeutung. Das ewige Schicksal der Zuhörer hängt davon ab, wie sie auf die Botschaft reagieren.
Das ist Predigen. Unabhängig von der Persönlichkeit oder dem bevorzugten Tonfall eines Predigers gehören dazu unbedingt Dringlichkeit und Nachdruck sowie eine tiefe Überzeugung, die darauf abzielt, mit göttlicher Kraft in die Köpfe und Herzen der Zuhörer einzudringen.
Ryles Predigten sind in dieser Hinsicht ein Vorbild für Prediger. Ryle wusste, dass er seinen blumigen, literarischen Stil, der seine frühen Predigten geprägt hatte, aufgeben musste[17]. Die Kunst des Predigens verlangte etwas anderes. Etwas Einfacheres, aber Kraftvolleres und Durchdringenderes. Was sich daraus entwickelte, war erstaunlich. Packer schreibt über seinen
„lebhaften, sparsamen, prägnanten Stil ... , seine kultivierte Kraft, seine Verwendung einfachster Worte, seine Salven kurzer Sätze ... , seine schlagkräftige, mitreißende Rhetorik, seinen leichten logischen Fluss, das völlige Fehlen von Sentimentalität und seine Entschlossenheit, das Kind beim Namen zu nennen.“[18]
Zögern Sie nicht!
Betrachten wir einen längeren Abschnitt, um zu verstehen, was Packer mit „elektrisierender Ausdruckskraft“ von „Salven“ und „schlagkräftiger, mitreißender Rhetorik“ meint. Der nachfolgende Text stammt aus einer Predigt über Lots Zögern beim Verlassen Sodoms und darüber, wie viele Christen zögern, wenn sie sich von der Sünde abwenden.
„Werden Sie für Christus bei seinem zweiten Erscheinen bereit sein, an den Lenden gegürtet, die Lampen brennend, Sie selbst unerschrocken und vorbereitet, ihm zu begegnen? Dann zögern Sie nicht! … Möchten Sie in Tagen der Krankheit feste Gewissheit Ihres Heils genießen, und das auch auf dem Sterbebett? Möchten Sie mit den Augen des Glaubens sehen, wie sich der Himmel öffnet und Jesus sich erhebt, um Sie zu empfangen? Dann zögern Sie nicht! … Möchten Sie in Ihrer Zeit und Generation nützlich für diese Welt sein? Möchten Sie Menschen aus der Sünde zu Christus ziehen, Ihren Lehren Glanz verleihen und die Sache Ihres Herrn in ihren Augen schön und attraktiv machen? Dann zögern Sie nicht! Möchten Sie Ihren Kindern und Verwandten zum Himmel verhelfen, dass sie sagen: ,Wir wollen mit dir gehen‘, statt sie zu Ungläubigen und Verächtern Ihres Glaubens zu machen? Dann zögern Sie nicht! Möchten Sie am Tag der Erscheinung Christi eine großartige Krone haben und nicht der geringste und kleinste Stern in der Herrlichkeit sein – und auch nicht der Letzte und Geringste im Reich Gottes? Dann zögern Sie nicht! Ach, dass nicht einer unter uns zögere! Die Zeit tut es nicht, der Tod tut es nicht, das Gericht tut es nicht, der Teufel tut es nicht, die Welt tut es nicht. Noch sollten die Kinder Gottes zögern.“[19]
Auch wenn er seinen Zuhörern ewige Wahrheiten ins Herz drückte, vergaß Ryle nie, dass Gott selbst handeln muss, um Menschen zu retten. Auf seinem Grabstein stehen zwei Bibelverse, die die beiden Aspekte des christlichen Lebens widerspiegeln, die er am häufigsten verkündete: Kampf und Gnade. Der erste lautet: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt“ (2Tim 4,7). Und der zweite: „Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben“ (Eph 2,8).
1 J.C. Ryle, First Bishop of Liverpool, S. 103.
2 J.C. Ryle, That Man of Granite with the Heart of a Child, Ross-shire: Christian Focus Publications Ltd, 2008, S. 253.
3 J.I. Packer, Faithfulness and Holiness, St. Charles IL: Crossway Books, 2010, S. 11.
4 J.C. Ryle, A Self-Portrait, a Partial Autobiography, S. 35.
5 Ebd., S. 35.
6 Ebd., S. 42–43.
7 Ebd., S. 54.
8 Ebd., S. 59.
9 Ebd., S. 64.
10 Ebd., S. 79.
11 Ebd., S. 80.
12 Ebd., S. 81.
13 Packer, Faithfulness and Holiness, S. 51.
14 Ryle, That Man of Granite with the Heart of a Child, S. 70.
15 Packer, Faithfulness and Holiness, S. 71.
16 Ryle, First Bishop of Liverpool, S. 103.
17 Ryle, That Man of Granite with the Heart of a Child, S. 60.
18 Packer, Faithfulness and Holiness, S. 19.
19 J.C. Ryle, Seid Heilig! Der Schlüssel zum erfüllten Leben, Waldems-Esch: 3L Verlag, 2022, S. 244–245.