Warum du beim Bibellesen dranbleiben solltest – auch wenn du nicht alles verstehst

Artikel von Erik Lundeen
2. März 2026 — 6 Min Lesedauer

Vor zwei Monaten sind wir ins neue Jahr gestartet. Wenn du dir – wie viele andere – vorgenommen hast, in diesem Jahr die ganze Bibel zu lesen, stehst du jetzt an einem Scheideweg: Vielleicht gerätst du ins Stocken, wirst träge, wenn du an eine schwierige Stelle in der Schrift gelangst, und schaffst es nicht, eine feste Bibelleseroutine zu entwickeln. Oder du überwindest diese erste Hürde und das Bibellesen wird von einer bloßen Pflicht zu einem festen Bestandteil deines Lebens.

Ich möchte dir helfen, die zweite Erfahrung zu machen. Die folgenden Ratschläge beruhen auf dem fortlaufenden Lesen der Bibel über viele Jahre sowie auf dem Austausch mit anderen, die Gottes Wort auf dieselbe Weise gelesen haben. Im Kern lautet mein Rat: Bleib beim Lesen dran und mach dir keine Sorgen darüber, alles sofort verstehen zu müssen. Das Verständnis kommt mit der Zeit.

Dieser Rat mag zunächst etwas hart oder sogar ungeistlich wirken. Doch er ist ein entscheidender Schlüssel dafür, das Bibellesen zu einer festen Gewohnheit zu machen und die Schrift zunehmend tiefer zu verstehen – mit dem Ziel, Gott immer besser kennenzulernen.

Lesegewohnheiten

Von klein auf wird uns beigebracht, nicht einfach nur zu lesen, sondern das Gelesene auch zu verstehen. Unsere Herangehensweise an das Lesen ist stark darauf ausgerichtet, Texte zu erschließen. Entsprechend haben wir Werkzeuge entwickelt, die uns dabei helfen. Früher nahm man sich Zeit, um unbekannte Begriffe in Wörterbüchern nachzuschlagen. Heutzutage googeln wir Wörter, Verweise oder Konzepte, die wir nicht verstehen. Bleibt das Verständnis eines Textes aus, sind wir frustriert und geraten leicht in Versuchung, das Lesen ganz aufzugeben.

Gängige Bibelstudienmethoden im evangelikalen Umfeld fördern diese Lesegewohnheiten häufig. Uns wird beigebracht, innezuhalten und Fragen zu stellen, wenn wir einen Vers nicht verstehen. Eine der häufigsten Fragen, die Kleingruppenleiter im Rahmen einer Bibelarbeit stellen, ist: „Welche Fragen habt ihr zu diesem Abschnitt?“

Das ist ein guter Impuls. Gott möchte, dass wir verstehen, was sein Wort bedeutet (vgl. Ps 119,105; 2Tim 2,7). Doch die Erwartung, beim Lesen sofort alles zu begreifen, kann sich als problematisch erweisen – insbesondere beim Versuch, die Bibel in einem Jahr zu lesen. Hinterfragen wir diese Erwartung nicht, steht sie gerade dem Verständnis im Weg, nach dem wir so eifrig streben. Wie kann das sein?

Viele Teile, ein Ganzes

Um den Sinn eines langen, zusammenhängenden Buches wie der Bibel zu erfassen, braucht es zwei Arten von Verständnis. Um die einzelnen Teile (Verse oder Abschnitte) zu verstehen, müssen wir das Ganze verstehen. Um wiederum das Ganze zu verstehen, müssen wir die einzelnen Teile verstehen. So entsteht eine Art hermeneutische Spirale, in der wir uns ständig bewegen.

Die große Stärke von Leseplänen, die das Ziel verfolgen, die Bibel in einem Jahr zu lesen, ist, dass sie uns helfen, Gottes Wort als Ganzes zu erfassen. Wie David Mathis betont, ermöglichen es uns solche Pläne vor allem, den Gesamtumfang der Schrift kennenzulernen – nicht unbedingt sofort in die Tiefe zu gehen. Solche Lesepläne machen die einheitliche Erlösungsgeschichte sichtbar, die 1. Chronik mit 1. Korinther verbindet und Hiob, Jona und Johannes miteinander verknüpft. Solche Pläne werden jedoch schwierig, mühsam und oft nicht zu Ende geführt, wenn wir versuchen, sie für etwas zu nutzen, wofür sie nicht ausgelegt sind: die einzelnen Teile der Schrift unmittelbar zu verstehen.

Ich habe oft beobachtet, wie Folgendes geschieht: Wir beginnen einen Bibelleseplan, der uns täglich drei oder vier Kapitel vorgibt, und kommen zunächst einigermaßen gut voran – bis wir auf einen Abschnitt der Schrift stoßen, den wir nicht verstehen. Wir fragen uns, wie Judas’ verstörende sexuelle Begegnung mit seiner Schwiegertochter Tamar (vgl. 1Mose 38) zu unserer Erbauung beitragen soll. Oder welchen Bezug die langen Listen levitischer Reinheitsvorschriften (vgl. 3Mose 14) heute zur Nachfolge Jesu haben.

Das sind gute Fragen, die wir uns durchaus stellen sollten. Doch sie bringen unser Bibellesen durcheinander, wenn wir zulassen, dass sie unseren Lesefluss immer wieder stören. Womöglich greifen wir zum Smartphone, um schnell etwas zu googeln, oder wir wenden uns den Anmerkungen am Seitenrand unserer Studienbibel zu. Auf diese Weise unterbrechen wir uns immer wieder selbst. Das Lesen von drei bis vier Kapiteln wird zu einer zeitaufwendigen und anstrengenden Aufgabe und unser Tempo verlangsamt sich deutlich. Nicht selten geraten wir mit dem Lesen unseres Plans in Verzug – und geben ihn schließlich ganz auf.

Das Verstehen kommt mit der Zeit

Lass uns über einen anderen Ansatz nachdenken: Was wäre, wenn wir bei 3. Mose 14 oder anderen schwierigen Abschnitten einfach weiterlesen würden, anstatt unseren Auslegungsfragen sofort nachzugehen? Was wäre, wenn wir uns nicht sofort darum sorgten, wie viel wir von dem verstehen, was wir gerade lesen? Was wäre, wenn wir darauf vertrauten, dass Gott unser Verständnis nach und nach wachsen lässt? Und zwar durch treues, beharrliches und vom Gebet begleitetes Lesen der Schrift. Jahr für Jahr.

Mein Vorschlag, einfach weiterzulesen, mag etwas fahrlässig wirken. Ist es gut, weiterzulesen, wenn wir nicht verstehen, was der Text sagt? Wäre es nicht besser, innezuhalten und zu versuchen, die Bedeutung der Stelle zu klären?

Lass uns erneut an die hermeneutische Spirale denken: Die einzelnen Teile der Schrift helfen uns, das Ganze zu verstehen, und das Ganze hilft uns, die einzelnen Teile zu verstehen. In der evangelikalen Tradition legt man zu Recht großen Wert auf das Bibelstudium; zugleich sollten wir dem einfachen Bibellesen einen größeren Stellenwert einräumen. Manchmal sollte man einfach ununterbrochen lesen.

Es ist wichtig, Folgendes zu verstehen: Mehr Bibellesen kommt dem Bibelstudium nur zugute. Wenn ich die Bibel Jahr für Jahr von vorn bis hinten lese, geschieht etwas Erstaunliches. Eine Stelle, die mich im vergangenen Jahr noch ratlos zurückließ, beginnt im nächsten Jahr Sinn zu ergeben. Je besser ich in einem Jahr den Hebräerbrief verstehe, desto leichter erschließt sich mir im kommenden Jahr 3. Mose. Je öfter ich über das Leben Abrahams in 1. Mose lese, desto klarer wird mir Paulus’ Argument in Bezug auf die Rechtfertigung durch Glauben in Römer 4.

Studierte ich die Bibel nur im Detail, ohne sie regelmäßig im Zusammenhang zu lesen, wäre mein Bibelstudium mit der Zeit einseitig und weniger bereichernd. Umgekehrt gilt natürlich dasselbe: Würde ich nur lesen – ohne mir allzu viele Gedanken über das Verständnis zu machen –, täte es mir gut, einzelne Bibelstellen gezielt zu vertiefen.

Es geht hier also nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Studiere unbedingt die Bibel. Aber lies sie auch einfach. Wenn du dir in diesem Jahr vorgenommen hast, die Bibel von Anfang bis Ende zu lesen, dann lass nicht zu, dass Auslegungsfragen deinen Lesefluss zu häufig unterbrechen. Das Verstehen kommt mit der Zeit. Zunächst gilt: Lies einfach weiter.