Wozu das Gesetz?

Artikel von Benjamin Schmidt
26. Februar 2026 — 12 Min Lesedauer

In Psalm 19 schreibt David:

„Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.“ (V. 8–12)

Wenn man diese Worte liest, scheint es, als hätte David eine viel höhere Wertschätzung von Gottes Gesetz als der Apostel Paulus im Galaterbrief. Aber der Schein trügt. Denn Paulus achtet Gottes Gesetz nicht gering, lehnt aber ganz entschieden ab, wenn Menschen (wie die Judaisten) das Gesetz missbrauchen und andere (wie die Galater) dazu verleiten, es misszuverstehen und falsch anzuwenden. Paulus weiß: Gottes Gesetz ist wie Medizin. Solange es richtig angewandt wird, ist es äußerst nützlich. Wendet man es aber falsch an, endet es tödlich.

Im Galaterbrief stellt Paulus das Gesetz immer wieder dem Glauben an Christus gegenüber. Er macht klar, dass der Glaube an Christus uns rechtfertigt,[1] während Gesetzeswerke niemanden vor Gott gerecht machen können (vgl. Gal 2,16–21). Er betont, dass die geistlichen Segnungen nur durch den Glauben geschenkt und niemals durch Gesetzeswerke verdient werden können (vgl. 3,1–9). Vielmehr warnt Paulus davor, dass jeder Versuch, durch Gesetzeswerke einen Vorteil bei Gott zu erlangen, unter dem Fluch des Gesetzes steht, während Christus uns durch den Glauben von jedem Fluch erlöst hat (vgl. 3,10–14).

Der Apostel muss sich bewusst gewesen sein, wie das alles klingt. Deshalb greift er sofort die Frage auf, die seine Leser sich sicherlich stellen werden: „Wozu dann das Gesetz?“ (V. 19a). Wenn er ohnehin alle Völker durch Glauben und nicht durch Werke rechtfertigen wollte, wozu hat Gott dann das Gesetz überhaupt gegeben und 1500 Jahre lang aufrechterhalten?

Die Aufgaben des Gesetzes

Um auf diese Frage zu antworten, verwendet Paulus ein Bild, das seine Leser sehr gut kannten. Er bezeichnet das Gesetz in Vers 24 als „unser[en] Erzieher auf Christus hin“. Der griechische Begriff paidagogos, aus dem bei uns das Wort „Pädagoge“ geworden ist, wurde zu Paulus’ Zeit sowohl im römischen als auch im griechischen und jüdischen Kontext für einen Angestellten verwendet (häufig war dieser auch ein Sklave), der den Auftrag hatte, sich über viele Jahre rund um die Uhr um den heranwachsenden Sohn seines Herrn zu kümmern. (Meistens waren die Jungen etwa sechs Jahre alt, wenn sie in die Obhut des Paidagogos gegeben wurden.) Dabei brachte dieser Paidagogos dem Sohn nicht bloß grundlegende Dinge wie das Lesen, Schreiben und Rechnen bei, sondern vermittelte ihm vor allem moralische Werte. Dazu gehörte aber auch, ihn vor negativen Einflüssen wie schlechten Freunden zu beschützen. Der Paidagogos hatte das Recht, den Sohn seines Herrn zu bestrafen, auch körperlich. Manche waren gefürchtet, andere „erfüllten ihre Aufgabe mit Freundlichkeit und schufen so eine lebenslange Bindung zu ihrem Schützling“[2]. Ziel dieser Erziehung war es, den Sohn zu einem anständigen, moralisch integren Erwachsenen zu erziehen, der zum Wohl der Gesellschaft beiträgt – ein Ideal, das natürlich nicht immer erreicht wurde.[3] Sobald der Junge volljährig war (je nach Kultur im Alter zwischen 14 und 18 Jahren), endete die Vormundschaft durch den Paidagogos und er wurde sein eigener Herr.

Dieses Konzept mit all seinen Facetten hatte Paulus im Sinn, als er das Gesetz mit einem „Erzieher“ oder „Zuchtmeister“ verglich. Das alttestamentliche Gesetz erfüllte diesen Zweck auf zweierlei Weise:

Erstens wurde es „der Übertretungen wegen hinzugefügt“ (V. 19b). Eine Parallelstelle dazu finden wir in Römer 5,20: „Das Gesetz aber kam daneben hinzu, damit die Übertretung zunahm.“ Das bedeutet nicht, dass Gott wollte, dass Menschen sündigten, oder dass es nach der Überlieferung des mosaischen Gesetzes mehr Sünde gab als vorher. Es bedeutet aber, dass das Wissen und das Bewusstsein um die Sünde durch das Gesetz zunahmen. Gott wollte den Menschen – in erster Linie seinem Volk – die Ernsthaftigkeit der Sünde, ihre Verdorbenheit und damit ihren schrecklichen verlorenen Zustand schmerzlich bewusst machen.

C.H. Spurgeon zog in einer Predigt einen Vergleich zwischen unserem Herzen und dem Gesetz mit einem dunklen Verlies, das jahrelang nicht geöffnet wurde und voller widerwärtiger Kreaturen ist. Wir leben darin, ohne zu wissen, was alles für schreckliche, widerwärtige Wesen darin hausen. Aber dann kommt das Gesetz, reißt die Fensterläden herunter und lässt Licht herein, und wir entdecken, wie abscheulich unser sündiges Herz und unser gottloses Leben bisher war. Sein Gesetz zwingt uns, auf unser Gesicht zu fallen und zu rufen: „Herr, rette mich, sonst vergehe ich. Oh, rette mich um deiner Barmherzigkeit willen.“

Die zweite Aufgabe des Gesetzes steht in Galater 3,23: „Bevor der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen, bis der Glaube offenbart würde.“ Wie so oft gebraucht Paulus hier ein Bild aus der Sklaverei, um die frühere Beziehung zum Gesetz und die Abhängigkeit von ihm zu beschreiben. Das Gesetz hielt die Menschen in Knechtschaft. Das impliziert erst einmal eine sehr negative Sicht des Gesetzes. Paulus hält das Gesetz aber für „heilig, gerecht und gut“ (Röm 7,12). Allerdings zeigt es nicht den Weg in die Freiheit, sondern offenbart die eigene Knechtschaft unter der Sünde. Niemand (mit Ausnahme von Christus) war je in der Lage, das Gesetz zu halten. Die Judaisten, die den Gläubigen zusätzliche Gesetze für das christliche Leben aufzwingen wollten, verstanden diese Rolle des Gesetzes nicht und führten die Galater zurück in die Sklaverei.

Das Gesetz sollte also in erster Linie belehren und bewahren. Die im Gesetz festgelegten Opfer und Zeremonien sollten außerdem auf das vollkommene Opfer und die Gerechtigkeit des kommenden Messias hinweisen und dem Volk ein Gefühl dafür vermitteln, wie nötig es ihn hatte – „denn unmöglich konnte das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegnehmen“ (Hebr 10,4). Für den Fall, dass das Volk sündigte, sollte das Gesetz die Sünde aufzeigen und durch Strafe für Ordnung und ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Bestimmte Gesetze dienten dazu, das Volk Gottes von anderen Völkern abzusondern, um es vor schlechten Einflüssen zu bewahren. Diese Absonderung galt nicht grundsätzlich, sondern nur, wo die Heiligkeit und Besonderheit Israels, als „Licht für die Völker“ in Gefahr war – wie bei Götzendienst, Unmoral und Vermischung.

Obwohl das Gesetz wichtige Funktionen erfüllte, hatte Gott es nur vorübergehend eingesetzt – „auf Christus hin“, oder: „bis Christus kam; denn es war Gottes Plan, uns auf der Grundlage des Glaubens für gerecht zu erklären“ (Gal 3,24; NGÜ). Schließlich wurde die Gnade vor dem Gesetz gegeben, die Verheißung war älter als die Verordnung. „Nachdem aber der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht mehr unter dem Erzieher“ (V. 25). Dieser Satz bedeutet nicht, dass ein neuer Glaube gekommen wäre, den es vorher nicht gab (vgl. Abrahams Glaube in V. 6). Paulus sagt hier vielmehr, dass in Jesus der Inhalt und das Fundament des Glaubens gekommen sind, und offenbar wurde, worauf seit Adams Fall alle Gläubigen warteten und hofften, was sie „von fern sahen und begrüßten“ (Hebr 11,13).

Der Segen der Verheißung

Bevor das Gesetz gegeben wurde, erhielt Abraham die große Verheißung, dass er der Vater vieler Völker sein würde und durch ihn „Menschen aus allen Völkern durch Glauben gerechtfertigt werden“ würden (Gal 3,7). Dieses herrliche Evangelium empfing Abraham direkt von Gott, aus erster Hand (vgl. 3,8). Das Gesetz wurde erst 430 Jahre später durch Dritte überliefert (V. 19–20; vgl. 5Mose 33,2; Apg 7,53).

Während das Gesetz einen zeitlich begrenzten Segen ausschließlich den Bürgern des Volkes Israel versprach, die sich an die Verordnungen des Bundes hielten, richtet sich die Verheißung an alle – Juden wie Heiden gleichermaßen – und verspricht ewigen Segen, allein aus Glauben, unabhängig von Werken. Auf diese Weise offenbart Gott sich in seiner großen Rolle als der Schöpfer und Herrscher der gesamten Erde (vgl. Gal 3,20): „Oder ist Gott etwa nur der Gott der Juden, nicht auch der Heiden? Gewiss, auch der Heiden, da doch gilt: Gott ist der Eine, der die Beschneidung aus Glauben und das Unbeschnittensein durch den Glauben rechtfertigt“ (Röm 3,28–29).

Aber erinnern wir uns? Wer wurde aus der Vormundschaft des Paidagogos befreit? Der mündige Sohn! Und so setzt Paulus im nächsten Vers eine noch größere Wahrheit drauf: „Denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben in Christus Jesus“ (Gal 3,26). Wenn jemand durch den Glauben in Christus ist, ist er nicht nur gerechtfertigt, sondern auch ein Sohn Gottes. Wenn dein Glaube auf Jesus ausgerichtet ist, hast du eine radikal neue Beziehung zu Gott – du bist ein Sohn Gottes!

Dass es sich dabei nicht nur um einen Titel, sondern um eine gewaltige geistliche Wahrheit handelt, zeigt Paulus in den nächsten Versen:

„Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie, weder Männer noch Frauen, denn ihr seid alle eins in Christus Jesus. Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen und Erben gemäß der Verheißung.“ (Gal 3,27–29)

Wer an Christus glaubt und in seinem Namen getauft ist, hat Christus angezogen – ist mit ihm vereint und in ihm verborgen. Die Taufe ist kein Werk, das wir vollbringen, sondern drückt das aus, was Gott bereits in uns vollbracht hat. Aufgrund der Einheit mit Christus gibt es keinen Unterschied innerhalb der Familie Gottes. Wenn Paulus sagt: „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist weder Mann noch Frau, denn ihr seid alle eins in Christus Jesus“ (V. 28), dann macht er deutlich, dass geistlich gesehen alle Unterschiede in Bezug auf Herkunft, Rang und Geschlecht niedergerissen werden. Zur der Zeit, als Paulus diese Worte schrieb, hatten Frauen einen viel niedrigeren sozialen Status als Männer. Eine Frau durfte beispielsweise in Israel kein Eigentum besitzen oder erwerben, doch in Christus gibt es all diese Unterschiede nicht mehr. Die Tatsache, dass Paulus hier davon spricht, dass alle (Männer und Frauen) „Söhne Gottes“ sind, bedeutet nicht, dass er sexistisch oder unsensibel gewesen wäre. Vielmehr macht er hier eine starke theologische Aussage. Zwar werden in vielerlei Hinsicht bestimmte Unterschiede weiterhin bestehen bleiben –, wie z.B., dass Mann und Frau sich gegenseitig ergänzen oder es in der Gemeinde faktisch noch immer soziale und gesellschaftliche Differenzen gibt, die uns zur praktischen Liebe, zur gegenseitigen Hilfe und zum Ausleben des Evangeliums herausfordern. Doch vor Gott, unserem Vater, sind wir alle gleichberechtigte Erben. Weil wir im Glauben auch „Abrahams Nachkommen und Erben gemäß der Verheißung“ sind (V.  29), sind wir mit jedem geistlichen Segen gesegnet (vgl. Eph 1,3 ff.).

Die Fülle aller geistlichen Segnungen erleben wir noch nicht in ihrem vollen Ausmaß. Johannes beschreibt das sehr gut: „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1Joh 3,2). Wir sind vollkommen Gottes Söhne, aber wir sind noch nicht die Söhne, die wir einmal sein werden. Dennoch gehört alles, was Jesus uns am Kreuz erworben hat, für alle Ewigkeit unangefochten uns. Zur von Gott festgesetzten Zeit werden wir das volle Ausmaß von Gottes herrlichem Segen erleben – den Segen, den Gott Abraham verheißen hat.

Das Evangelium der Gnade Gottes, durch das wir in Christus erlöst wurden, ist auch der Maßstab, nach dem wir durch Christus leben sollen. Deshalb heißt es auch im nächsten Vers: „Und jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat, heiligt sich selbst, wie auch er [Christus] heilig ist“ (1Joh 3,3). Unsere Fehler und Sünden werden uns in diesem Leben immer schmerzhaft bewusst sein. Wir sehnen uns nach völliger Befreiung. Bis es aber so weit ist, dürfen wir erleben, wie Gott uns Stück für Stück verändert, indem er uns von einem gottlosen, egoistischen Leben befreit und uns die Sehnsucht nach Heiligkeit, nach Gerechtigkeit und nach ihm selbst schenkt. Von nun an „dienen [wir] Gott in einem neuen Leben, das sein Geist in uns schafft, und nicht mehr auf die alte Weise nach dem Buchstaben des Gesetzes“ (Röm 7,6). Tim Keller sagte dazu:

„Wir betrachten es [das Gesetz] nun als Ausdruck von Gottes Willen. … Doch wir sind nicht mit dem Gesetz vermählt, sondern mit Christus. Deshalb bemühen wir uns, Christus zu gefallen und sind bestrebt, ihn zu ehren; nicht durch Leistung, sondern aus Liebe.“[4]

Nimm dir Zeit, um darüber nachzudenken, welche Bedeutung Galater 3,19–29 für dein Leben hat. Lies z.B. Epheser 1,3-14 und schaue, welche Segnungen du in Christus hast. Und dann lobe Gott für seine Gnade und lerne, noch mehr auf ihn und auf seine gnädigen Verheißungen zu vertrauen.


1 Das Verb „rechtfertigen“ (δικαιόω) wird achtmal im Galaterbrief verwendet und beschreibt den Freispruch, bzw. das Unschuldsurteil in Gottes Gericht (vgl. Röm 2,13). Dieses endzeitliche Gerichtsurteil Gottes wird bereits jetzt all jenen zugesprochen, die an Jesus Christus glauben.

2 Norman H. Young, „The Figure of the Paidagos in Art and Literature“ in Biblical Archaeologist 7/1990, S. 80.

3 Ebd., S. 151–168.

4 Timothy Keller, „Gospel Centered Authenticity“, online unter: https://www.faithlafayette.org/resources/sermons/gospel-centered-authenticity (Stand: 16.02.2026).