Trauma

Rezension von Sven Auerswald
19. Februar 2026 — 6 Min Lesedauer

Seit jeher versteht sich die Gemeinde Jesu als eine Gemeinschaft, die dorthin geht, wo Dunkelheit und Leid besonders spürbar sind. Diese Berufung ist bis heute unverändert – gerade im Umgang mit Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. In seinem Buch Trauma: Wie geht man mit Traumata in der Gemeinde um? zeigt Steve Midgley, wie christliche Liebe hier konkret in der Gemeinde gelebt werden kann. Es ist ein Buch für die Gemeinde und kein Therapiemanual. Es ist ein Buch, dass den Leser zurüsten möchte, damit wir zu Helfern werden, die die Liebe Jesus verkörpern. Als ehemaliger Psychiater, langjähriger Pastor in Cambridge, Vorstandsmitglied bei Christian Counseling & Educational Foundation (CCEF) und Leiter von Biblical Counselling UK verbindet er seelsorgerliche Praxis mit theologischer Klarheit.

Das Buch hat drei Teile. In Teil 1 legt Midgley die Grundlagen für das ganze Buch: er beleuchtet Trauma aus biblischer Perspektive wie aus säkularer Perspektive, gefolgt von Fallbeispielen aus dem Gemeindealltag. Im zweiten Teil fasst er säkulare Erkenntnisse über die Erfahrung von Trauma zusammen sowie welche Auswirkungen das auf Erinnerung, Körper und Beziehungen haben kann. Im dritten Teil gibt er praktische Empfehlungen über die Begleitung von Personen mit traumatischen Erfahrungen und zeigt, wie das Evangelium hier praktische Gestalt annehmen kann.

Das Buch hat viele Stärken, aber vier möchte ich besonders hervorheben.

Gottes Wort spricht über Trauma

Auch wenn wir Begriffe wie „Trauma“ oder „Flashbacks“ in der Bibel vergebens suchen, hat Gott viel zu diesem Thema zu sagen. Ein traumatisches Ereignis (umgangssprachlich oft als „Trauma“ bezeichnet) ist eine plötzliche Begegnung mit dem Tod, etwa durch einen Unfall, einen Überfall oder eine Naturkatastrophe. Es ist ein Moment der Überwältigung und extremen Hilflosigkeit. Wenn dieses Ereignis (es können natürlich auch mehrere Ereignisse sein, die sich aufsummieren) Auswirkungen auf die Gegenwart hat (v.a. in Form von Flashbacks, also dem Wiedererleben des ursprünglichen Traumas) sprechen wir davon, dass eine Person „traumatisiert” ist. Häufig entsteht dieses Leid auch durch schwere Schuld anderer, etwa durch Missbrauch oder Gewalt. Solche Erfahrungen sind der Bibel keineswegs fremd. Midgley arbeitet im ersten Teil deutlich heraus, dass Gottes Wort dieses tiefe Leid kennt (vgl. z.B. 2Sam 13 oder Mt 2,16–18) und dass im Zentrum der Heilsgeschichte selbst ein traumatisches Ereignis steht: die Kreuzigung Jesu. Hier leistet der Autor wichtige Übersetzungsarbeit und macht die Berührungspunkte zwischen Trauma und der Bibel sichtbar. Das ist entscheidend, denn dort, wo Gottes Wahrheit in das Leben eines Menschen hineinwirkt, schenkt Gottes Geist Veränderung. So werden Helfer befähigt, angemessener beten, liebevoller die Wahrheit sprechen und mutiger auf Christus hinweisen zu können – auf den, der weiß, was Leiden bedeutet, weil er es selbst erlebt hat (vgl. Hebr 2,17–18 und 4,15). Das führt mich zur zweiten Stärke:

Jesus steht im Zentrum

Keine Wahrheit ist zentraler für Helfer und Betroffene: Jesus dringt in die Dunkelheit des Leids ein und verwandelt sie durch seine Gegenwart. Gerade bei so schwerem Leid wie Trauma erleben Betroffene die Welt oft als unsicher und gefährlich. Dazu kommt, dass sich viele Betroffene für ihre Vergangenheit schämen und sich ausgeschlossen und allein fühlen. Immer und immer wieder führt Midgley den Leser zu Jesus zurück: Er ist der feste Fels, auf den wir vertrauen können; Jesus begegnet unserer Scham, indem er uns mit seiner Gerechtigkeit bekleidet und uns in eine neue Familie stellt. Als Helfer verkörpern wir diese kostbaren Wahrheiten und weisen auf Christus hin, der das wahre Licht ist. Dabei behalten wir demütig im Blick: „Wir sind nicht in der Lage, jemanden zu retten oder zu verändern“ (S. 73) – Jesus aber sehr wohl.

Die Wichtigkeit der Ortsgemeinde

Besonders überzeugend fand ich die Ekklesiologie von Midgley, also sein Verständnis von Gemeinde als dem konkreten Ort, an dem Christus gegenwärtig ist und handelt. Als Ortsgemeinde verkörpern wir Christus selbst (vgl. Eph 1,12): Wir sind wahrhaftig die Hände und Füße unseres auferstandenen und aufgefahrenen Herrn. So wie es Liebe war, die Jesus dazu bewegte, in unsere Dunkelheit hinabzusteigen, motiviert uns die Liebe zu Jesus, uns in die Dunkelheit des Leidens anderer hineinzuwagen (vgl. z.B. Joh 17,18). Das geschieht jedoch nicht unbedacht oder überfordernd, sondern verantwortungsvoll: indem wir Leid mittragen, Menschen begleiten und sie – wo nötig – an weitere Hilfsangebote verweisen. Gerade weil wir der Leib Christi sind, tragen wir als Ortsgemeinde Verantwortung füreinander (vgl. 1Kor 12,23–27): Midgley möchte den Leser zurüsten, dass wir das noch mehr leben können.

Ausgewogenheit

Dem Autor gelingt es, bei dem sowohl komplexen als auch brisanten Thema Extrempole zu vermeiden und das Thema ausgewogen zu beleuchten. So war ich beispielsweise immer wieder erstaunt, wie er auf knapp 200 Seiten gleichzeitig fair und auch kritisch mit der säkularen Psychologie umgeht und Stärken und Schwächen abwägt, ohne zu polemisieren oder zu polarisieren. Ein anderes Beispiel für die Ausgewogenheit ist die differenzierte Betrachtung von Helfern. Auch wenn Trauma oft sehr schwierig ist, ist es nie zu komplex, als dass Gemeinden nicht helfen könnten:

„Es gibt zwei Arten von Fehlern, die Gemeinden im Umgang mit traumatisierten Menschen machen können. Der erste besteht darin, dass sie das gesamte Thema so verwirrend und beunruhigend finden, dass sie gar nichts tun. Es passiert leicht, dass man die Fürsorge für traumatisierte Menschen als ‚Spezialgebiet‘ betrachtet, das nur von Experten übernommen werden darf. … Der zweite Fehler besteht darin, zu glauben, dass wir alles tun können, und für jede Form von Hilfe zuständig oder fähig sind. Eine solche Gemeinde hat ein übertriebenes und fehlgeleitetes Vertrauen in ihre eigene Kompetenz. … Es ist entscheidend, dass eine Gemeinde ihre Grenzen anerkennt und nicht davon ausgeht, dass sie aufgrund ihrer Kenntnis des Evangeliums und von Gottes Wort automatisch alles tun kann oder muss.“ (S. 143–144)

Für wen ist das Buch geschrieben?

Midgley hat vor allem zwei Zielgruppen im Blick. Erstens hat er das Buch für „normale“ Gemeindemitglieder geschrieben, die keine seelsorgerliche (oder therapeutische Ausbildung) haben – und das ist auch nicht notwendig, um Menschen zu lieben. Seine einfache Sprache macht das Buch zugänglich und die vielen Beispiele, Formulierungsideen und Hinweise machen es praxisnah, vor allem in Teil 3.

Als zweites spricht er auch Pastoren und Älteste an. Er wirbt um Einfühlungsvermögen und Geduld für Menschen, die sehr fordernd erscheinen können. Besonders Teil 1 und 2 sind hier hilfreich, um mehr Hintergründe zu kennen und dann langmütiger lieben zu können.

Ich finde das Buch auch für Praktiker wie Psychotherapeuten oder Seelsorger hilfreich. Wenn wir betroffenen Menschen langfristig helfen wollen, dann am besten, indem wir zusammenarbeiten und uns mit den von Gott gegebenen Gaben ergänzen. Midgley hat mir selbst viele Ideen und Ansatzpunkte gegeben, wie eine ergänzende Fürsorge aussehen kann.

Fazit

Inhaltlich ist das Buch sowohl aus psychologischer als auch als theologischer Sicht präzise und klar. Gleichzeitig lässt es sich gut lesen und bietet daher einen guten Zugang für jeden Leser. Es überzeugt durch seine Christuszentriertheit, seine hohe Sensibilität für Leid sowie sein Streben nach Ausgewogenheit. Besonders wertvoll ist die Betonung der Ortsgemeinde als verantwortlichem, aber begrenztem Raum gelebter Nächstenliebe. Damit ermutigt das Buch Christen, mutig, demütig und liebevoll in das Leid anderer einzutreten, ohne sich zu überfordern. Das Buch ist eine echte Bereicherung und eine wertvolle Ressource für die Gemeinde Jesu.

Buch

Steve Midgley, Trauma – Wie geht man mit Traumata in der Gemeinde um?, Waldems: 3L 2025, 208 Seiten, 18,50 €. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.