Wo Gott gefunden werden will

Zum 480. Todestag von Martin Luther

Artikel von Jonathan de Oliveira
18. Februar 2026 — 11 Min Lesedauer

Der 480. Todestag von Martin Luther lädt uns ein, über das Vermächtnis dieser großen Persönlichkeit der Reformation noch einmal nachzudenken. Aber was können wir von ihm noch lernen? Wir kennen uns schon gut mit seinen 95 Thesen aus, die die Reformation ausgelöst haben. Wir haben schon einiges über sein Turmerlebnis sowie über „die Rechtfertigung durch Glauben allein“ und damit seine Entdeckung des Evangeliums gehört. Wir profitieren von seiner Auseinandersetzung mit Erasmus in seinem Werk Vom unfreien Willen. Ich könnte weitermachen – die Liste ist lang. Was gäbe es noch über ihn und sein theologisches Erbe zu schreiben?

Der verborgene Schlüssel in Luthers letztem Werk

Einen Aspekt seiner Theologie, über den wenig gesprochen wird, finden wir in der Genesisvorlesung. Es handelt sich um Luthers letzte und längste Vorlesung, die sich über zehn Jahre erstreckte – von 1535 bis 1545, dem Vorjahr seines Todes. Sie beinhaltet also Luthers ausgereifte, finale Theologie. Der besagte Aspekt untermauert und verbindet wichtige Teile von Luthers Denken, wie etwa sein Sakramentsverständnis, seine Lehre vom „verborgenen Gott“ (Deus absconditus) und seine Theologie des Kreuzes.

Gott bestimmt, wo er gefunden wird

Wie der englische Theologe Jonathan D. Trigg angemerkt hat, steht eine Idee in dieser Vorlesung an vorderster Stelle. Es handelt sich um den Gedanken, dass Gott nur dort zu finden ist, wo er gefunden werden will.[1] Wenn wir meinen, Gott woanders zu suchen und zu finden, begehen wir Götzendienst. Das wäre schließlich nicht der Gott, wie er sich geoffenbart hat und wie er gefunden werden möchte. Diese verfehlte Suche ist der Ursprung von menschlicher Religion – von Frömmigkeit, die einem nichts nützt. Zum Beispiel opfert Kain in 1. Mose 4 Früchte, die Gott nicht wohlgefällig sind, denn nur im Tieropfer will Gott gefunden werden. Auch der Turmbau zu Babel war ein verfehlter Versuch, die himmlischen Regionen und somit Gott zu erreichen. Der Rest der Bibel und auch die Menschheitsgeschichte liefern uns viele weitere Beispiele dafür, dass der Mensch Gott sucht, wo dieser nicht gefunden werden will.

Wo will Gott sich also finden lassen und wo offenbart er sich? Luther sagt:

„Alle heiligen Schriften beweisen dies: Der barmherzige Gott setzt durch seine überströmende Gnade stets – gemäß seinem Wort – ein äußeres und sichtbares Zeichen seiner Gnade, damit die Menschen durch ein äußeres Zeichen und Werk wie ein Sakrament daran erinnert werden, umso sicherer zu glauben, dass Gott gnädig und barmherzig ist.“[2]

Biblische Belege: Von Noah bis zum Tempel

Gott hat zu unterschiedlichen Zeiten während der Heilsgeschichte bestimmte Orte und Anlässe bestimmt, mit denen er sein Wort der Verheißung verbunden hat. Luther gibt Beispiele wie den Regenbogen nach der Sintflut oder die Beschneidung als Zeichen von Gottes Bund mit Abraham. Später in der Genesisvorlesung sieht Luther den Stein Jakobs in Bethel als einen der wichtigsten Orte, an dem man Gott begegnen soll. Wir könnten die Liste solcher Orte und Anlässe im Rest der Bibel ergänzen. Denken wir zum Beispiel an das Passahfest am Vorabend des Auszuges aus Ägypten (vgl. 2Mose 11–12) oder den Ort Gilgal als Symbol der Reinigung Israels nach der Schande Ägyptens (vgl. Jos 5). Denken wir weiter an die Berge Ebal und Garizim, die Gottes Fluch und Segen über das Volk repräsentierten (vgl. Jos 8), oder an Samuels Stein Eben-Eser (vgl. 1Sam 7). Am eindrucksvollsten war selbstverständlich die Stiftshütte und danach der Tempel, Gottes „offizieller“ Begegnungsort auf Erden (vgl. 1Kön 8).

An diesen „Orten“ bzw. in diesen Erscheinungen hat Gott sich geoffenbart. Da wurde Gott gefunden. Das sind „Treffpunkte“ Gottes – Trigg nennt sie „Trysting places“, also Orte, wo Liebhaber sich treffen. Gemeint sind Begegnungsorte, wo der Mensch sicher sein kann, dass er Gott findet, sein Wort hört und enge Gemeinschaft mit ihm genießt.

Kontinuität im Neuen Bund: Wort und Sakramente heute

War das aber nur im Alten Testament so? Selbstverständlich nicht! Luther sieht eine direkte Kontinuität in Gottes Handlungsweise zwischen solchen Orten und Anlässen im Alten Testament und den „Orten“, die Gott uns im Neuen Testament bestimmt hat.

„Auch uns wird diese Gabe nicht vorenthalten. Denn obwohl Gott uns nicht in einer einzigartigen Gestalt erscheint wie Abraham, ist sein Erscheinen doch allgegenwärtig, freundlich und vertraut, da er sich uns im Wort, im Gebrauch der Schlüssel, in der Taufe und im Abendmahl schenkt.“[3]

Vorausgesetzt ist natürlich, dass Jesus der neue Treffpunkt Gottes mit den Menschen ist. Jesus ist jedoch in den Himmel aufgefahren. Dennoch bestimmt Gott das gepredigte Wort und die Sakramente als Treffpunkte für die heutigen Christen. Sind diese „Begegnungen“ aber nicht weniger wert als die unmittelbaren Erscheinungen Gottes gegenüber Abraham und anderen Persönlichkeiten in biblischen Zeiten? Auf keinen Fall! Tatsächlich bieten die jetzigen „Treffpunkte“ sogar bessere und erhabenere Begegnungen mit Gott an:

„Eine hinreichend deutliche und erhabene Erscheinung ist die Taufe, die Eucharistie, die Schlüssel, der Dienst am Wort, gleich und übertreffend aller Erscheinungen der Engel, durch deren Summe Abraham so kleine und so winzige Tropfen erhalten hatte.“[4]

Luther schlussfolgert:

„So war die Kirche nie so sehr der äußeren Zeichen beraubt, dass sie nicht hätte erkennen können, wo Gott gewiss zu finden wäre.“[5]

An diesen Orten kann der gläubige Mensch Gott begegnen, Gottes Wort der Verheißung erneuern und ihn persönlich hören. Hier darf der gläubige Mensch Gewissheit des Glaubens finden und neu in Gott ruhen.

„Wie kann ich sicher sein, dass ich zum Volk Gottes gehöre? Bevor Christus Mensch wurde, hatten die Väter die Verheißung, das Wort und die Stimme Gottes. Sie hatten das Zeichen der Beschneidung. Heute haben wir die Schlüssel, die Taufe, die Eucharistie, die Verheißungen des Evangeliums. Daraus könnt ihr Argumente und Beweise gewinnen, die euch die Gewissheit geben, dass ihr Christen seid, dass ihr getauft seid und einen heiligen und frommen Beruf ausübt.“[6]

Echte Begegnung oder leere Zeremonie?

Es stellt sich für uns an dieser Stelle die Frage: Kommt das nicht viel zu nah an ein ex-opere-operato-Verständnis von den Gnadenmitteln? Vertritt diese Ansicht nicht die römisch-katholische Kirche, gegen die Luther so entschieden kämpfte? Eine nähere Betrachtung seiner Lehre zeigt allerdings, dass Luther sehr reformatorisch denkt.

Zum einen betont Luther, dass das Wort Gottes entscheidend ist. Es ist das Wort der Verheißung, und nicht das Ding an sich, das wesentlich ist:

„Denn wenn es das Wort Gottes ist, wie könnte Gott selbst dann nicht gegenwärtig sein? So ist er bei der Taufe, beim Abendmahl und beim Gebrauch der Schlüssel gegenwärtig. Sein Wort ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen oder hören, sondern nur den Priester.“[7]

Darüber hinaus: Weil es ein Wort der Verheißung ist, muss man es durch den Glauben „im Herzen tragen“:

„Wenn ihr dies fest im Herzen tragt, auch wenn ihr mit Zweifeln ringt, so müsst ihr doch erkennen, dass ihr zu denen gehört, deren Taten allein Gottes Anliegen sind und ihm wohlgefällig sind.“[8]

Zwei reformatorische Prinzipien sind hier offensichtlich: das Wort Gottes und unsere Antwort im Glauben. Ohne diese zwei Dinge haben die „Begegnungsorte“ keine Bedeutung und keine Auswirkung. Luther verdeutlichte diesen Punkt im Großen Katechismus, wo er in Bezug auf die Taufe dazu aufruft, nicht den äußeren Schein der Dinge zu betrachten, sondern das darin eingeschlossene Wort Gottes, was nur das Auge des Glaubens tun kann.

Was bedeutet das für unser Glaubensleben?

Luthers Formulierung dieses durchaus biblischen Aspekts – nämlich, dass Gott „Begegnungsorte“ bestimmt, wo der Gläubige ihn gewiss finden kann – hat mehrere Konsequenzen für unser Glaubensleben und unsere Glaubenspraxis. Auf vier Punkte möchte ich insbesondere hinweisen.

1. Beten wir Gott richtig an?

Wenn Gott bestimmt, wie wir ihn suchen und wo wir ihm begegnen sollen, ist es umso wichtiger, genau zuzuhören, was er in Bezug auf sich selbst und auf wahre Anbetung geoffenbart hat. Wir haben kein Recht und keine Freiheit als Christen, in unseren Gedanken über Gott und über die Art und Weise der Anbetung von der Offenbarung losgelöst erfinderisch zu sein. Jeder Versuch dieser Art entartet in Götzendienst. Verlassen wir die von Gott bestimmten „Orte“ der Begegnung, haben wir keine Sicherheit mehr, dass wir Gott wahrhaft erkennen und dass unsere Anbetung ihm wohlgefällig ist. Wenn wir Gott andererseits durch sein Wort kennen und durch den Glauben an den Mitteln festhalten, die er uns gegeben hat, wodurch wir ihm richtig begegnen und enge Gemeinschaft mit ihm genießen können, ist die Anbetung mit Sicherheit gottgefällig. Da darf der Christ gewiss sein, dass Gott wirklich da ist und seine Anbetung annimmt. Dieser Punkt ist nicht nur relevant für unser persönliches Glaubensleben, sondern auch dafür, wie Gemeinden ihre gemeinsame Anbetung gestalten.

2. Kehrst du stets wieder zu Gott um?

Das christliche Leben hat in gewisser Hinsicht einen linearen Verlauf. Als Christ waren wir verloren. Dann wurden wir durch den Glauben gerechtfertigt. Aktuell werden wir geheiligt. Schließlich werden wir eines Tages verherrlicht. Das sind einmalige, fortschreitende Phasen des Lebens als Christ. Dennoch erinnerte uns Luther daran, dass das Leben als Christ in einer anderen Hinsicht auch kreisförmig ist. Denn das Leben als Christ besteht darin, ständig zu den Begegnungsorten zurückzukehren, wo wir Gott von Anfang an begegnet sind, um dort Gottes Zuspruch erneut zu hören und dadurch die Liebe und die Hingabe zu Gott immer erneut zu entfachen. Bemerkenswerterweise war Luther in diesem Gedanken in seiner ganzen Karriere als Reformator sehr konstant. Die allererste These der 95 Thesen heißt: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen‘, wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“ Luther lehrte das Gleiche am Anfang und am Ende seines Wirkens: Wenn wir die Predigt des Evangeliums hören, die Sakramente empfangen, anderen Gläubigen unsere Sünden bekennen und den Zuspruch der Vergebung hören, kehren wir erneut zurück zu den Begegnungsorten, an denen wir Gott von Anfang an persönlich begegnet sind. In einer Zeit, in der viele Christen heute nach neuen und vermeintlich höheren Glaubenserfahrungen streben, erinnert uns Luther daran, dass der Christ die Anfänge und Grundlagen nie hinter sich lassen darf.

3. Wie sehr schätzt du die Sakramente?

Als Baptist muss ich hier vorsichtig vorgehen – aus Furcht, dass ich meine baptistischen Brüder und Schwestern verliere. In meinen baptistischen Kreisen sind die Sakramente kaum mehr als Zeichen – vielleicht sagen wir das nicht so direkt, aber in der Praxis ist es doch oft so. Wir werden sehr schnell verdächtig bei allem, was die Taufe und das Abendmahl über bloße Zeichen hinaushebt. Ich würde aber behaupten, dass wir von Luthers Sakramentsverständnis viel lernen können, ohne alles, was er dazu lehrte – wie die Realpräsenz –, bejahen zu müssen. Luther sah in den Sakramenten Gottes persönlichen Zuspruch an einzelne Christen. Denn Gottes Wort der Verheißung war und ist damit verbunden. In diesen „Begegnungsorten“ sagt Gott mir Vergebung und Anteilhabe an ihm persönlich zu. Der Christ, der die Sakramente im Glauben empfängt, darf demnach in der Taufe und im Abendmahl neu im Evangelium getröstet und gestärkt werden. Er darf sich jedes Mal neu über die persönliche Annahme Gottes freuen. Die Taufe und die Teilnahme am Tisch des Herrn verkündigen einem Gläubigen ganz persönlich: Gott hat dich angenommen!

4. Wie dynamisch ist deine Beziehung mit Gott?

„Dynamisch“ klingt eher nach innovativem, kreativem und vielleicht progressivem Christentum, bei dem wir meinen, die regulären Gnadenmittel reichen nicht aus, das Glaubensleben „frisch“ zu halten. Da brauchen wir – so wird behauptet – mehr, neuere, höhere Offenbarungen, Erfahrungen, Zugänge. Wie oben schon angemerkt, tun wir gut daran, uns davon fernzuhalten, wenn wir nicht in Götzendienst hineinrutschen wollen. Ist eine dynamische Beziehung mit Gott aber möglich mit den „gleichen alten Gnadenmitteln“? Luther lehrt uns: Ja, auf jeden Fall! Denn in den Gnadenmitteln und nur in den Gnadenmitteln ist Gott höchstpersönlich präsent. Er ist ganz und gar da. In ihnen begegnet er dir. Dort spricht er zu dir, ganz persönlich. Dort hörst du als gläubiger Christ seine Stimme, sein Wort der Verheißung – von Neuem und ganz persönlich. Dort darfst du Gott persönlich und immer wieder erleben. Schließlich sind diese Gnadenmittel Treffpunkte, die Gott für sein Volk bestimmt hat. Dort will und wird er gefunden werden. Es ist gewiss. Dort darfst du als Christ Gott sicher finden und enge Gemeinschaft mit ihm genießen.


1 Jonathan D. Trigg, Baptism in the Theology of Martin Luther, Leiden: Brill, 1997.

2 WA 42, 184, 14–18.

3 WA 42, 666, 13–16.

4 WA 43, 226, 14–17.

5 WA 42, 184, 24–25.

6 WA 44, 6, 26–31.

7 WA 43, 32, 20–22.

8 WA 44, 6, 32–34