Christus in der ganzen Schrift

Wie Altes und Neues Testament zusammengehören

Artikel von David Schrock
18. Februar 2026 — 21 Min Lesedauer

Auf dem Weg nach Emmaus begegnete der auferstandene Christus zweien seiner Jünger. Er ging mit ihnen, tadelte ihren Unglauben und lehrte sie, wie man die Bibel richtig liest. Seine Frage ist zentral: „Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er begann bei Mose und bei allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht“ (Lk 24,26–27).

In diesen beiden Versen fasst Lukas zusammen, wie Jesus das Alte Testament auslegte. Er las es nicht als ein Buch, das nur für Israel bestimmt war, sondern als ein einmütiges Zeugnis, das auf ihn selbst hinwies. Nachdem er ins Obergemach zurückgekehrt war, sagte Jesus erneut: „Das sind die Worte, die ich zu euch geredet habe, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was im Gesetz Moses und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht“ (Lk 24,44). Hier gibt Jesus den Rahmen des Alten Testaments vor und erklärt, dass jeder Abschnitt der hebräischen Bibel (das Gesetz, die Propheten und die Schriften) auf ihn hinweist.

Daran angelehnt betrachten wir in diesem Artikel drei unterschiedliche Aspekte, wie die beiden Testamente miteinander in Beziehung stehen. Zunächst werden wir uns ansehen, wie die ganze Bibel eine literarische Einheit bildet, die sich in der Heilsgeschichte fortschreitend offenbart. Zweitens werden wir untersuchen, wie die Apostel die Vielfalt des Alten Testaments im Licht der Person Jesu Christi verstanden. Drittens werden wir uns mit drei Vorgehensweisen befassen, wie die Apostel das Alte Testament auf Christus und seine Gemeinde bezogen. Abschließend folgen einige Überlegungen dazu, wie Christen das Alte Testament lesen sollten.[1]

Die Einheit der Bibel – schrittweise offenbart

In 2. Timotheus 3,16 heißt es: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Eine ähnliche Aussage finden wir in 2. Petrus 1,21: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet.“ Diese beiden Verse bilden die Grundlage für die Lehre von der Inspiration. Die Bibel ist nicht das Werk von Menschen, sondern von Gott. Deshalb ist die Einheit der Bibel durch einen einzigen göttlichen Verfasser zu erklären. Diese göttliche Urheberschaft wird viele der nachfolgend beschriebenen Sachzusammenhänge stützen. Jede Herangehensweise an die Heilige Schrift, die es Menschen erlaubt, urteilend über dem biblischen Text zu stehen, ist deswegen abzulehnen.

Neben der göttlichen Autorschaft finden wir in der Bibel eine zentrale Botschaft – oder besser gesagt, eine zentrale Person. Jesus bestätigte: „Die Schriften … sind es, die von mir Zeugnis geben“ (Joh 5,39). Obwohl Gott auf vielfältige Weise durch die Propheten sprach, war die gemeinsame Zielrichtung immer der Sohn Gottes (vgl. Hebr 1,1). Daher weisen beide Testamente auf Jesus Christus hin.

Allgemeiner formuliert, erfüllt das Neue Testament die Verheißungen des Alten Testaments und vollendet alles, was Gott im Gesetz und den Propheten begonnen hat (vgl. Joh 1,45). Diese gewaltige Aussage wird von Jesus bestätigt, der über sein Wirken sagt: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen!“ (Mt 5,17). Ebenso schreibt Paulus: „Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt – in ihm ist das Ja, und in ihm auch das Amen, Gott zum Lob durch uns!“ (2Kor 1,20). Weiter sagt Paulus, dass Gottes Plan darin bestand und besteht, „alles unter einem Haupt zusammenzufassen in dem Christus, sowohl was im Himmel als auch was auf Erden ist“ (Eph 1,10).

In der Tat finden wir in Gottes Wort eine klare Einheit zwischen Autorschaft und Absicht. Diese Einheit lässt sich am besten in Form einer biblischen Erzählung darstellen.[2] Wie ein Theaterstück mit vielen Akten kann man sich die Einheit der Bibel als Drama vorstellen, das sich im Laufe der Zeit entfaltet und eine lebendige und organische Einheit bildet.[3] Was Gott im Alten Testament offenbart, stimmt mit dem überein, was er im Neuen Testament enthüllt, wobei die Dinge im Neuen klarer, deutlicher und vollständiger werden. Diese organische Einheit ist notwendig, um die Einheit der Bibel zu erkennen und zu verstehen, worin sich das Neue Testament vom Alten unterscheidet. Dieser Unterschied wird oft als Geheimnis und Erfüllung bezeichnet (siehe z.B. Röm 16,25; 1Kor 2,7; Eph 1,9; 3,3.4.9; 5,32). Die Apostel lehrten, dass beide Testamente durch die Person und das Werk Jesu Christi miteinander in Verbindung stehen.

Die Vielfalt der Bibel – vereint in Christus

„Was sagt die Schrift?“, fragt Paulus in Römer 4,3 und Galater 4,30, als er versucht, den Zusammenhang zwischen Gesetz und Evangelium zu erklären. Diese Frage stellen wir uns auch, wenn wir versuchen, die beiden Testamente miteinander in Beziehung zu setzen: Was sagt die Schrift über sich selbst? Insbesondere, was sagt das Neue Testament über das Alte?

Wenn wir das Neue Testament studieren, finden wir mehrere Antworten darauf, aber klar ist: Nach dem Zeugnis der Apostel finden das Gesetz und die Propheten ihr Ende in Christus (vgl. Lk 24,26–27; Joh 1,45; 5,39). Zugegebenermaßen sind diese Aussagen nicht unumstritten. Einige Ausleger beschränken die Worte Jesu auf alttestamentliche Stellen, die direkt von ihm sprechen (z.B. 5Mose 18,15–18; Ps 110; Mi 5,2). Das würde bedeuten, dass andere Texte nicht (direkt) von Christus sprechen. Viele, die die Absicht der Propheten ernst nehmen, wollen Jesus nicht in Texte hineinzwängen, die nicht direkt von ihm handeln.

Im Gegensatz dazu interpretieren andere die Worte Jesu so, dass das gesamte Zeugnis des Alten Testaments, wenn es im kanonischen Kontext richtig verstanden wird, zu ihm hinführt. Dieser Ansatz würdigt die literarische Einheit der Schrift und die Art und Weise, wie jede messianische Verheißung in einen narrativen Rahmen eingebettet ist. Einzelne Verse können nicht isoliert vom ganzen biblischen Kanon gelesen werden und umgekehrt. Es ist zwar richtig, dass nicht jeder Vers (für sich betrachtet) von Jesus spricht; jeder Text jedoch zielt – in seinem historischen und literarischen Kontext gelesen – am Ende auf Christus ab. Wie Jim Hamilton es ausdrückt: „Das Alte Testament ist ein messianisches Dokument, geschrieben aus einer messianischen Perspektive, um eine messianische Hoffnung aufrechtzuerhalten.“[4] Dies scheint die beste Art und Weise zu sein, die Worte Jesu in Versen wie Lukas 24,27 und Johannes 5,39 zu verstehen.

Seine Aussagen über das Alte Testament bestätigen viele weitere Texte. Zum Beispiel spricht Jesus davon, wie Mose und Abraham über ihn geredet haben. Jesus sagt, Mose habe „von mir … geschrieben“ (Joh 5,46) und „Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich“ (8,56). Auf ähnliche Weise zitiert Johannes den Propheten Jesaja: „Dies sprach Jesaja, als er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete“ (12,41). Zusammen ergeben diese Passagen ein einheitliches Zeugnis: Die Propheten Israels sahen den Tag voraus, an dem Christus kommen und seinem Volk das Heil bringen würde.

John Sailhamer weist darauf hin, wenn er sagt, dass das Alte Testament „Ausdruck der tief verwurzelten messianischen Hoffnung einer kleinen Gruppe treuer Propheten und ihrer Anhänger“ sei.[5] Die messianische Botschaft des Alten Testaments hängt also nicht davon ab, ob Israel in der Lage war, die Aussagen der Propheten zu verstehen. Oftmals lehnte das Volk die Propheten ab! Vielmehr wird die messianische Bedeutung des Alten Testaments rückblickend erkannt, wenn die vom Heiligen Geist geleiteten Apostel erklären, wie Christus alle prophetischen Erwartungen erfüllt hat.[6]

Petrus bestätigt diese Ansicht, dass die Propheten von Christus sprachen, wenn er sagt, dass die Propheten zukünftigen Generationen dienten, als sie von den Leiden Christi und seiner späteren Herrlichkeit sprachen (vgl. 1Petr 1,10–12). Auch in Apostelgeschichte 2,31 sagt Petrus, David habe „vorausschauend von der Auferstehung des Christus geredet“. In Apostelgeschichte 2 bezieht Petrus Psalm 16 auf die Auferstehung Christi und argumentiert, dass David ein Prophet war, der wusste, dass Gott „ihm mit einem Eid verheißen hatte, dass er aus der Frucht seiner Lenden, dem Fleisch nach, den Christus erwecken werde, damit er auf seinem Thron sitze“ (Apg 2,30). Diese Aussage von Petrus zeigt uns, wie er das Alte Testament las. Ohne den historischen Kontext der Psalmen zu leugnen, deutete er Psalm 16 als Hinweis auf Christus.

Paulus versteht das Alte Testament ähnlich. So sagt er über Gottes Verheißung an Abraham: „Es steht aber nicht allein um seinetwillen geschrieben, dass es ihm angerechnet worden ist, sondern auch um unsertwillen“ (Röm 4,23–24). Auch in 1. Korinther 10 werden die Sünden Israels als Warnungen für die Gemeinde des Neuen Bundes erwähnt: „Sie wurden zur Warnung für uns aufgeschrieben, auf die das Ende der Weltzeiten gekommen ist“ (10,11). In Römer 15,4 heißt es ebenfalls: „Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist, wurde zu unserer Belehrung zuvor geschrieben, damit wir durch das Ausharren und den Trost der Schriften Hoffnung fassen.“ Und 2. Timotheus 3,15 beschreibt die alttestamentlichen Schriften als heilige Schriften, „welche die Kraft haben, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.“ Wir können also zuversichtlich festhalten, dass Jesus Christus das Ziel des Alten Testaments ist und ohne ihn dieses unvollständig ist.

Paulus lehrt sogar, dass wir durch das „gesetzmäßige“ Anwenden des Gesetzes die im Evangelium angebotene Gnade finden können (vgl. 1Tim 1,8–11). Um es noch deutlicher zu sagen: Das Gesetz ohne Christus zu lesen, bedeutet, es falsch zu lesen (vgl. Röm 3,20). Das bedeutet, dass das Alte Testament eine bleibende Bedeutung zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung und zur Erziehung in der Gerechtigkeit hat (vgl. 2Tim 3,16–17) – aber nur, wenn es zur Offenbarung Christi und seines vollbrachten Werkes hinführt.

Wie bereits erwähnt, ist die Einheit der göttlichen Offenbarung eine organische – d.h. sie wächst mit der Zeit. Gleichzeitig ist sie eine persönliche Einheit, die in der Person und im Werk Jesu Christi zusammengefasst ist. So beschreibt Hebräer 1 die Beziehung zwischen beiden Testamenten. Die Propheten sprachen zu den Vätern über den Sohn, aber jetzt ist der Sohn gekommen, als das bessere und letzte Wort (vgl. Hebr 1,1–2). Als das fleischgewordene Wort ist Jesus derjenige, der alle Verheißungen Gottes erfüllt. Deshalb müssen wir lernen, die beiden Testamente zusammen zu lesen, wobei das Alte das Neue erklärt, das Neue das Alte erhellt und beide in Christus vereint sind.

Praktiken des Neuen Testaments

Das Neue Testament bedient sich auf vielfältige Weise des Alten Testaments und verweist auf dieses, wobei wir an dieser Stelle nur drei wichtige Aspekte betrachten, wie die Schriften zueinander in Beziehung stehen: (1) Verheißung und Erfüllung, (2) die biblischen Bündnisse und (3) Typologie.[7] Wir werden dabei eine Steigerung von „einfach“ (Verheißung-Erfüllung) zu „komplex“ (Typus-Antitypus) erkennen.

Verheißung und Erfüllung

Erstens: Alles, was Gott im Alten Testament verheißen hat, ist in Christus und seiner Gemeinde erfüllt worden, wird erfüllt und wird sich weiterhin erfüllen. Wie Paulus in 2. Korinther 1,20 sagt: „Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt – in ihm [Christus] ist das Ja.“ In ähnlicher Weise beschreibt Matthäus, wie Jesus die alttestamentlichen Vorbilder und Verheißungen „erfüllt“.[8] Tatsächlich finden wir auch im Evangelium das Schema „Verheißung und Erfüllung“. So berichtet Lukas beispielsweise in Apostelgeschichte 13,32 von der ersten Predigt des Paulus, in der dieser sagt: „Und wir verkündigen euch das Evangelium, dass Gott die den Vätern zuteilgewordene Verheißung an uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesus erweckte.“ Mit diesen Worten wird das Evangelium durch das Muster von Verheißung und Erfüllung definiert.

Paulus betrachtet das Evangelium als Botschaft mit einem bestimmten Inhalt (vgl. 1Kor 15,1–8) und sagt in Galater 3,8, dass Gott „dem Abraham im Voraus das Evangelium verkündigt“ hat. Das Evangelium ist also nichts, was im Neuen Testament als etwas Neues hinzukommt. Vielmehr hat Gott durch die Verheißungen, die Israel gegeben wurden, den Menschen, die durch die Verheißungen hindurch auf den versprochenen Sohn blickten, das Evangelium schon vorher verkündet. Das heißt, das Evangelium geht an den Anfang zurück (vgl. 1Mose 3,15) und basiert auf verschiedenen Bündnissen, die Gottes erste Verheißung (d.h. das Protoevangelium) weiterentwickeln. Wenn wir also die Bibel als Ganzes betrachten, sollten wir genau auf ihre innere Struktur von Verheißung und Erfüllung achten, weil in dieser biblischen Struktur das Fundament von Gottes Evangelium zu finden ist (vgl. Röm 1,1–7).

Alter und Neuer Bund

Zweitens zieht sich eine Reihe göttlich inspirierter Bündnisse durch die gesamte Bibel.[9] Peter Gentry und Stephen Wellum nennen die zahlreichen Bündnisse das „Rückgrat“ der Bibel.[10] Michael Horton beschreibt die Bündnisse auch als „architektonische Struktur“ der Schrift, die den „Kontext liefert, in dem wir die Einheit der Schrift inmitten ihrer bemerkenswerten Vielfalt erkennen.“[11]

In der Bibel gibt es etwa fünf bis sieben göttliche Bündnisse.[12] In beiden Testamenten (was das lateinische Wort für „Bund“ ist) setzen diese Bündnisse die biblische Geschichte fort und führen zum Neuen Bund. Im Allgemeinen kann man sagen, dass das Alte und das Neue Testament in etwa dem durch Mose vermittelten alten Bund (vgl. 2Kor 3,14) und dem durch Christus eingesetzten neuen Bund (vgl. Jer 31,31–34; Hebr 8) entsprechen.[13] Wir müssen dabei jedoch drei Dinge beachten.

Erstens ist der alte Bund zu Beginn des Neuen Testaments noch in Kraft. Das bedeutet, dass die Evangelien bis zum Tod und der Auferstehung Christi sowie bis zur Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten über Ereignisse berichten, die unter dem alten Bund stattfinden. Dazu gehören das gesamte irdische Leben Jesu und die meisten Begebenheiten in den Evangelien.

Zweitens wird der neue Bund im Alten Testament eingeführt. In Jeremia 31,31–34 wird der „neue Bund“ erwähnt, wobei die Hoffnung auf einen neuen Bund bereits auf Mose zurückgeht. In 5. Mose lesen wir von einem Tag, an dem Gott das Herz beschneiden wird (vgl. 5Mose 30,6). In ähnlicher Weise sprechen Jesaja 53–55, Hesekiel 36–37, Joel 2 und Sacharja 9–14 – um nur einige Stellen zu nennen – alle von Tatsachen, die sich im neuen Bund erfüllen werden. Das Neue Testament beschreibt also die Einsetzung des neuen Bundes, aber seinen Inhalt erfahren wir bereits im Alten Testament.

Drittens besteht zwischen dem alten und dem neuen Bund eine typologische Beziehung. Mit anderen Worten: Der neue Bund Christi ist die eigentliche Wirklichkeit, von der alle alttestamentlichen Bündnisse nur Vorschattungen sind (vgl. Kol 2,17; Hebr 10,1). Wenn wir also auf die Bündnisstrukturen der Bibel achten, können wir besser verstehen, wie die Bibel aufgebaut ist.

Typus und Antitypus

Der dritte Aspekt betrifft die Tatsache, dass sich Gott im Laufe der Zeit vor allem durch biblische Typen geoffenbart hat. Wenn wir Typologie als „das Studium musterhafter Entsprechungen in der Schrift“ definieren, dann sind Typen die historischen Personen, Ereignisse und Institutionen, die in der Bundesgeschichte eine wichtige Rolle spielen und in Christus und seiner Gemeinde ihre Erfüllung finden.[14] Jesus ist der Antitypus – d.h. derjenige, der den früheren Mustern des Alten Testaments entspricht.[15] Man muss beachten, auf welche Weise biblische Muster („Typen“) zu Gottes fortschreitender Offenbarung in der Schrift beitragen. Nachfolgend beschreibe ich drei Grundprinzipien der Typologie, die uns zeigen können, inwiefern Typen die Beziehung zwischen den beiden Testamenten bestimmen.

Erstens ist die Typologie eine biblische Vorstellung, die sich durch beide Testamente zieht. Im Neuen Testament wird das griechische Wort typos verwendet, um ein Muster, einen Typus oder ein Beispiel aus dem Alten Testament zu bezeichnen. Die grundlegende Idee ist, dass es Typen gibt, die etwas musterhaft abbilden, dem ein späterer, größerer Antitypus entsprechen und das er ersetzen wird. Der Begriff typos wird verwendet, um von Adam als einem Typus Christi (vgl. Röm 5,14), der Stiftshütte als einem Typus des Himmels (vgl. Hebr 8,5) und Noahs Rettung durch die Sintflut als einem Typus der christlichen Taufe (vgl. 1Petr 3,20–21) zu sprechen. Anhand dieser Beispiele können wir erkennen, wie die biblischen Autoren historische Typen verstehen, die den Weg für spätere Antitypen bereiten.[16]

Zweitens sind biblische Typen von Gott als prophetische Symbole inspiriert, die den Weg für Christus und seine Gemeinde bereiten. In seinem Handbook on the New Testament Use of the Old Testament stellt G.K. Beale fest, dass viele Typen „rückblickend“ erkannt werden. Jeder alttestamentliche Typus wurde von Gott inspiriert, um auf Christus und seine Gemeinde hinzuweisen. Mit anderen Worten: Typologie lässt sich am besten als ein Mittel von Gottes Vorsehung in der Heilsgeschichte verstehen.[17] In Israel schuf Gott verschiedene Typen, um den Weg für seinen Sohn zu bereiten. Anders ausgedrückt: Typologie ist zukunftsorientiert, und die verschiedenen Vorbilder wurden von Gott so angelegt, dass sie die Erlösung bis zu ihrer Vollendung in Christus vorbereiten.

Drittens folgen Typen dem Verlauf der biblischen Bündnisse. Die alttestamentlichen Typen weisen nicht nur in die Zukunft, sondern sie entstehen und verschwinden auch mit der in der Schrift offenbarten Bundesgeschichte.[18] Genauer gesagt besteht jede typologische Struktur (z.B. König, Opfer, Tempel) aus mehreren „Typen“. Negativ ausgedrückt: Eine Typologie ergibt sich nicht aus oberflächlichen Verbindungen zwischen einem Typus und seinem Antitypus. Vielmehr ist das biblische Muster eine sich steigernde Verkettung von Personen, Orten, Ereignissen oder Institutionen, die letztlich ihre Vollendung in Christus finden. Er ist die Substanz, das Wesen, die Typen sind die Schatten (vgl. Kol 2,17; Hebr 10,1).

Typologische Strukturen verlaufen daher vom Gesetz über die Propheten bis zu Jesus Christus; sie entsprechen und steigern sich im Verlauf der Geschichte Israels. Indem wir einen bestimmten Typus quer durch den biblischen Kanon verfolgen, entdecken wir, wie die Schrift durch eine Reihe typologischer Strukturen eine Einheit bildet. Sicherlich ist die Typologie nicht die einzige Art und Weise, wie beide Testamente miteinander in Beziehung stehen, aber sie ist ein wichtiger Aspekt, der zeigt, wie Altes und Neues Testament zusammengehören.[19]

Was der Leser verstehen muss

Letztendlich ist diese Einführung in die Einheit und Vielfalt des Alten und Neuen Testaments eine Einladung, Gottes Wort besser kennenzulernen. So wie Philippus zu Nathanael sagte, „Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josephs, von Nazareth“, und ihn dann einlud, „Komm und sieh!“, als Nathanael zweifelte (Joh 1,45–46), so hilft auch uns ein gründliches Studium beider Testamente, mehr von Christus in der Bibel zu sehen. Tatsächlich betreffen viele Kontroversen über die richtige Auslegung gerade diese Frage: Wie können wir die biblischen Inhalte als Einheit begreifen? Doch wie wir aus der Einladung von Philippus an Nathanael sehen können, ist das Ziel des Studiums beider Testamente nicht rein akademischer Natur, sondern eine Einladung, Jesus, das fleischgewordene Wort, zu erkennen.

Auch wenn es unterschiedliche Meinungen darüber gibt, wie genau die beiden Testamente miteinander zusammenhängen, gibt es kaum etwas Lohnenderes, als zu lernen, die Bibel aus ihrer eigenen Perspektive zu lesen, damit Gottes Wort uns zu Jesus führt. Denn in Wahrheit geht es in der Bibel darum, Christus zu erkennen. Wenn er das Scharnier ist, das die Heilige Schrift zusammenhält, erleuchtet er nicht nur die gesamte Heilige Schrift, sondern er hält auch Menschen beieinander, die sich durch verschiedene Auslegungsmethoden voneinander trennen könnten. Es ist wichtig zu entscheiden, wie die Bibel auszulegen ist, aber Christus ist wichtiger. Denn er ist derjenige, durch den das Alte und das Neue Testament in perfekter Beziehung zueinander stehen.

Weiterführende Lektüre

  • Craig G. Bartholomew, Introducing Biblical Hermeneutics: A Comprehensive Framework for Hearing God in Scripture, Grand Rapids: Baker Academic, 2015.
  • Gregory K. Beale, Handbook on the New Testament Use of the Old Testament: Exegesis and Interpretation, Grand Rapids: Baker Academic, 2012.
  • Edmund Clowney, Preaching and Biblical Theology, Grand Rapids: Eerdmans, 1961.
  • Richard M. Davidson, Typology in Scripture: A Study of Hermeneutical TYPOS Structures, Berrien Springs, MI: Andrews University Press, 1981.
  • John S. Feinberg (Hrsg.), Continuity and Discontinuity: Perspectives on the Relationship between the Old and New Testaments, Westchester, IL: Crossway, 1988.
  • Peter J. Gentry and Stephen J. Wellum, God’s Kingdom through God’s Covenants, Wheaton, IL: Crossway, 2015.
  • Graeme Goldsworthy, Gospel-Centered Hermeneutics, Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 2006.
  • Sidney Greidanus, Preaching Christ from the Old Testament: A Contemporary Handbook, Grand Rapids: Eerdmans, 1999, insbes. S. 203–277.
  • Meredith G. Kline, The Structure of Biblical Authority, Eugene, OR: Wipf and Stock, 1989.
  • Richard Lints, The Fabric of Theology: A Prolegomenon to Evangelical Theology, Grand Rapids: Eerdmans, 1993.
  • David Schrock, „From Beelines to Plotlines: Typology That Follows the Covenantal Topography of Scripture,“ The Southern Baptist Journal of Theology 1, Frühjahr 2017, S. 35–56.
  • Geerhardus Vos, Biblical Theology, Carlisle, PA: Banner of Truth, 1975.

1 Ein weiterer möglicher Artikel über die Beziehung zwischen beiden Testamenten könnte sich auf Auslegungssysteme konzentrieren (z.B. Bundestheologie, Dispensationalismus, Neue Bundestheologie, Progressive Bundestheologie usw.). Dies ist jedoch nicht das Ziel dieses Artikels. Repräsentative Sichtweisen über diese biblisch-theologischen Auslegungssysteme finden sich bei Michael Horton, God of Promise: Introducing Covenant Theology, Grand Rapids: Baker, 2006; D. Jeffrey Bingham und Glenn R. Kreider (Hrsg.), Dispensationalism and the History of Redemption: A Developing and Diverse Tradition, Chicago: Moody, 2015; Tom Wells und Fred Zaspel, New Covenant Theology, Frederick, MD: New Covenant Media, 2002; Peter J. Gentry und Stephen Wellum, Kingdom through Covenant: A Biblical-Theological Understanding of the Covenants, 2. Aufl., Wheaton, IL: Crossway, 2018.

2 Zur erzählerischen Einheit der Bibel siehe Craig G. Bartholomew, Introducing Biblical Hermeneutics: A Comprehensive Framework for Hearing God in Scripture, Grand Rapids: Baker Academic, 2015, S. 51–84.

3 Geerhardus Vos, Biblical Theology, Carlisle, PA: Banner of Truth, 1975, S. 7.

4 James M. Hamilton, „The Skull Crushing Seed of the Woman: Inner-biblical Interpretation of Genesis 3:15“, SBJT 10.2, Sommer 2006, S. 30.

5 John Sailhamer, „The Messiah and the Hebrew Bible“, JETS 44, 2001, S. 23. Zitiert in Hamilton, „The Skull Crushing Seed of the Woman“, S. 44.

6 Zur Notwendigkeit einer retrospektiven Lesart siehe Gregory K. Beale, Handbook on the New Testament Use of the Old Testament: Exegesis and Interpretation, Grand Rapids: Baker Academic, 2012, S. 13–27.

7 Weitere Möglichkeiten, das Testament zu verknüpfen, finden sich bei Sidney Greidanus, Preaching Christ from the Old Testament: A Contemporary Handbook, Grand Rapids: Eerdmans, 1999, S. 203–277, der sechs Wege auflistet, wie man vom Alten Testament zu Christus gelangt.

8 Matthäus 1,22; 2,15.17.23; 3,15; 4,14; 5,17; 8,17; 12,17; 13,35; 21,4; 26,54.56; 27,9.

9 Zum Bundesgedanken in der Bibel siehe Meredith G. Kline, The Structure of Biblical Authority, Eugene, OR: Wipf and Stock, 1989.

10 Peter J. Gentry und Stephen J. Wellum, God’s Kingdom through God’s Covenants, Wheaton, IL: Crossway, 2015, S. 17.

11 Gentry und Wellum (ebd.) zitieren Horton, God of Promise, S. 13.

12 Die Gesamtzahl der Bündnisse in der Heiligen Schrift umfasst die Bündnisse mit (1) Adam, (2) Noah, (3) Abraham, (4) Israel, (5) Levi, (6) David und (7) Christus. Es gibt eine Debatte über einen Bund mit Adam, der alternativ als Bund mit der Schöpfung oder als Werkbund bezeichnet wird. Der Bund mit Levi ist eindeutig biblisch (vgl. Mal 2,1–9), wird aber leider oft vernachlässigt. Der Bund mit Noah ist im eigentlichen Sinn kein „Erlösungsbund“. Er verspricht der Welt, die unter Gottes Gericht steht, Bewahrung, damit die anderen Bündnisse eine Erlösung bewirken können.

13 Genau genommen spricht Paulus an der einzigen Stelle, an der in der Schrift der Begriff „alter Bund“ verwendet wird (vgl. 2Kor 3,14), vom Sinai-Bund (vgl. Hebr 8,7.13). An einer anderen Stelle spricht Paulus von mehreren Bündnissen, nämlich den „Bündnissen der Verheißung“ (Eph 2,12).

14 G.K. Beale, Handbook, S. 14, gibt diese umfassende Definition von Typologie: „Das Studium analoger Entsprechungen unter den offenbarten Wahrheiten über Personen, Ereignisse, Institutionen und andere Dinge innerhalb des historischen Rahmens der besonderen Offenbarung Gottes, die sich rückblickend betrachtet als prophetisch erwiesen und eine gesteigerte Bedeutung erlangt haben.“

15 Zur Stellung des Bundes und der Christuszentriertheit in der Typologie siehe meinen Artikel „What Designates a Valid Type? A Christotelic, Covenantal Proposal“, STR 5.1, Sommer 2014, S. 3–26.

16 Für eine induktive Untersuchung des Begriffs typos siehe Richard M. Davidson, Typology in Scripture: A Study of Hermeneutical TYPOS Structures, Berrien Springs, MI: Andrews University Press, 1981.

17 Diese Aussage ist nicht unumstritten, siehe jedoch Brent E. Parker, „The Israel-Christ-Church Relationship“, in Progressive Covenantalism: Charting a Course between Dispensational and Covenantal Theologies, Hrsg. Stephen J. Wellum und Brent Parker, Nashville: B&H Academic, 2016, S. 47–52.

18 David Schrock, „From Beelines to Plotlines: Typology That Follows the Covenantal Topography of Scripture“, SBJT 21.1, Frühjahr 2017, S. 35–56.

19 Vgl. Graeme Goldsworthy, Gospel-Centered Hermeneutics, Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 2006, S. 251.