Warum die Taufe ein Akt der Gnade ist
Eine christliche Familie trat einmal an den mittlerweile verstorbenen John Gerstner heran und bat ihn, ihr neugeborenes Kind zu taufen. Als der Termin für die Taufe näher rückte, fragte die Mutter, ob man die Feier verschieben könne, bis sie dem Baby ein weißes Kleid besorgt habe. Gerstner fragte die Mutter, welche Bedeutung das weiße Kleid habe. Die Mutter antwortete: „Um die Unschuld des Babys zu symbolisieren.“ Darauf erwiderte Gerstner: „Wenn das Baby unschuldig ist, warum taufen wir es dann?“ Diese Anekdote macht die weit verbreitete Verwirrung über das Wesen der Taufe deutlich.
Viele sehen in der Taufe nur eine religiöse Formalität. Andere messen dem äußeren Vollzug der Taufe übertriebene Kraft bei – als ob sie jedem, der sie empfängt, Rettung schenke. In Wahrheit ist die Taufe zugleich eine einfache Handlung und doch komplex. Sie ist einfach, weil sie eine rituelle Waschung im Namen des dreieinigen Gottes ist und von Jesus Christus als Kennzeichen der Jüngerschaft eingesetzt wurde. Komplex wird sie, wenn es um ihr genaues Wesen, die Frage, wer getauft werden soll und ihre Wirksamkeit geht. Wenn wir verstehen wollen, wie die Taufe im Leben von Gottes Volk wirkt, müssen wir zuerst ihr Wesen in den Blick nehmen.
Wie die Beschneidung im Alten Bund ist die Taufe ein Zeichen und Siegel des Gnadenbundes (vgl. Röm 4,11). Sie weist auf Gottes zugerechnete Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus hin. Als Zeichen verweist sie über sich hinaus auf die verheißene Wiedergeburt durch den Heiligen Geist und auf die Reinigung durch das Blut Christi. Als Siegel bestätigt Gott damit bekennenden Gläubigen und ihren Kindern die Wahrheit dieser Verheißung. Die christliche Taufe ist ein von Gott eingesetztes Zeichen und Siegel seiner Bundesverheißungen. Darum ist die Taufe ein Gnadenmittel.
Wenn du die Taufe als Gnadenmittel verstehen willst, musst du zuerst erkennen, dass sie göttliches Handeln ist. Der dreieinige Gott gibt seinem Volk im Neuen Bund dieses Zeichen und Siegel. Viele deuten die Taufe fälschlicherweise zuerst als Symbol für etwas, das sie getan haben – nämlich für den Akt ihres eigenen persönlichen Glaubensbekenntnisses zu Christus. Entsprechend nennen viele die Taufe „ein äußeres Zeichen eines inneren Glaubensbekenntnisses“. Zwar empfangen bekennende Gläubige und ihre Kinder in Gehorsam gegenüber Jesus die Taufe als Zeichen der Jüngerschaft (vgl. Mt 28,18–20; 1Kor 7,14). Doch dieses Bundeszeichen verweist nicht in erster Linie auf etwas, das du getan hast. Vielmehr weist es darauf hin, was Gott in Christus durch den Geist zu tun verheißen hat. Diese Einsicht ist entscheidend, wenn du verstehen willst, wie die Taufe als Akt der Gnade wirkt.
Die Taufe ist das Zeichen der Aufnahme in die Gemeinschaft des Neuen Bundes. Wenn jemand das Zeichen der Taufe empfängt, nimmt Gott ihn in den Bereich der sichtbaren Gemeinde auf. Damit wird er von der Welt abgesondert und zu einem Glied einer anbetenden Gemeinde gemacht, die gemeinsam unter dem Dienst des Wortes Gottes, den Sakramenten und der Gemeindezucht lebt. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle, die die Taufe empfangen, auch die Gnade besitzen, die dieses Zeichen und Siegel bezeugt und besiegelt. Es ist durchaus möglich, das Zeichen zu tragen, ohne das Bezeichnete zu besitzen. Das wird aus der Geschichte von Simon dem Zauberer deutlich (vgl. Apg 8,9–24). Dennoch ist die Taufe – wie auch ihr Gegenstück, das Abendmahl – kein leeres Zeichen. Sie vermittelt denen, denen sie zukommt, nämlich den Auserwählten, tatsächlich Gottes Gnade. Das Westminster Glaubensbekenntnis (28.6) sagt:
„Die Wirksamkeit der Taufe ist nicht an den Zeitpunkt gebunden, zu dem sie gespendet wird. Dessen ungeachtet wird jedoch durch den richtigen Gebrauch dieser Ordnung die verheißene Gnade nicht allein angeboten, sondern solchen, denen diese Gnade nach dem Rat des eigenen Willens Gottes zukommt, sie seien Erwachsene oder unmündige Kinder, vom Heiligen Geist zu der von ihm bestimmten Zeit wirklich dargereicht und übertragen.“
Die Mitglieder der Westminster-Versammlung hielten in diesen Lehrformulierungen mehrere wichtige Einschränkungen hinsichtlich der Wirksamkeit der Taufe fest. Erstens erklären sie, dass die Wirksamkeit der Taufe nicht an den Zeitpunkt ihres Vollzugs gebunden ist. Die Sakramente vermitteln nicht automatisch allen, die sie empfangen, Gnade. Zweitens machen sie deutlich, dass das Sakrament der Taufe nur durch das Wirken des Heiligen Geistes Gnade verleiht. Gewährt der Heilige Geist nicht souverän geistliche Wiedergeburt und Erleuchtung, werden Wort und Sakramente dem Einzelnen Gottes Gnade nicht vermitteln. Drittens gilt die Wirksamkeit der Taufe nur „solchen, denen diese Gnade nach dem Rat des eigenen Willens Gottes zukommt, sie seien Erwachsene oder unmündige Kinder“. Die Theologen der Westminster-Versammlung machen damit deutlich, dass die Gnade Gottes im Sakrament nur den Erwählten verliehen wird.
Als Gnadenmittel wird die Taufe im Leben der Erwählten durch die souveräne Wiedergeburt durch den Heiligen Geist wirksam. Das kann sowohl bei Erwachsenen als auch bei unmündigen Kindern geschehen. Diese Wiedergeburt bewirkt der Geist Gottes frei und unverdient an den Herzen der Erwählten. Wurde jemand als Säugling auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft, kam aber erst als Erwachsener zu rettendem Glauben und zur Buße, kann man sagen: Seine Taufe wurde „bei seiner Buße wirksam“ – nicht wegen Buße und Glauben, sondern weil der Geist Gottes in Gnade das Werk des gekreuzigten und auferstandenen Christus auf seine Seele anwendet.