Das Problem mit Comers eklektischem Ansatz zur Spiritualität

Artikel von Matthew Bingham
11. Februar 2026 — 8 Min Lesedauer

John Mark Comers Buch Leben vom Meister lernen wurde von der Evangelical Christian Publishers Association (ECPA) zum christlichen Buch des Jahres 2025 gekürt. Es überrascht nicht, dass viele Evangelikale über seine Vision von „geistlicher Formung“ diskutieren. Zwei Gründe sprechen dafür, sich mit Comers Ansatz tiefergehend auseinanderzusetzen.

Erstens: Das weitverbreitete Interesse an seinem Ansatz sowie das damit verbundene Unbehagen zeigen mir, dass hier etwas Tieferes vor sich geht. Viele Christen, mit denen ich gesprochen habe, äußern sich besorgt über Comers Ansatz, ohne den genauen Grund dafür nennen zu können. Diese Spannung macht es erforderlich, genauer hinzuschauen.

Zweitens: Es lohnt sich, die Unterschiede zwischen Comers Ansatz und einer reformierten Perspektive auf geistliche Formung zu untersuchen. Der Evangelikalismus entstand aus der reformierten Tradition während der Erweckungsbewegungen des 18. Jahrhunderts, und Comers Buch beeinflusst viele Evangelikale.

Dieser Artikel ist keine Buchbesprechung. Vielmehr möchte ich drei wesentliche Punkte hervorheben, in denen sich Leben vom Meister lernen vom Modell geistlicher Formung unterscheidet, das sowohl von den Reformatoren als auch (wie ich behaupten würde) von der Bibel selbst empfohlen wird.

Die Vernachlässigung der Wiedergeburt

Ein reformierter Ansatz besteht darauf, dass nur diejenigen geistlich wachsen können, die wiedergeboren und durch den Heiligen Geist mit Christus vereint sind. Wachstum außerhalb dieser rettenden Vereinigung ist unvorstellbar, denn nur wenn wir in Christus sind, kann uns Christus zur Gerechtigkeit und Heiligung werden (vgl. 1Kor 1,30). Jesus lehrt: „Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!“ (Joh 3,3).

Im Gegensatz dazu kommen die Lehren von der Wiedergeburt und von der Vereinigung mit Christus in Leben vom Meister lernen so gut wie gar nicht vor. Comer spricht zwar von der Notwendigkeit des Heiligen Geistes und erklärt, geistliche Formung erfordere, dass man „durch den Geist in [Jesu] Gegenwart bleibt“ (S. 55). Er erklärt jedoch nicht, wie man den Beistand des Heiligen Geistes erlangt. Auch gibt es in dem Buch keinen Hinweis darauf, dass das Wirken des Heiligen Geistes bei der Wiedergeburt ein entscheidender Moment im Leben eines Menschen ist – nämlich der Moment, in dem Gott uns „wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung“ (1Petr 1,3).

Stattdessen konzentriert sich Comer auf die Notwendigkeit, ein „Lehrling“ Jesu, des Meisterrabbis, zu werden, mit dem „letzten Ziel“, „zu Menschen zu werden, die all das sagen und tun können, was Jesus gesagt und getan hat“ (S. 151). Diese Beschreibung stellt Jesus in den Mittelpunkt (was gut ist), vernachlässigt jedoch unsere durch den Heiligen Geist bewirkte Vereinigung mit ihm. Comers Ansatz fokussiert sich ganz und gar darauf, dass das irdische Wirken Jesu ein Vorbild oder Muster darstellt, das wir nachahmen sollten. Unser Leben nach dem Vorbild Jesu zu gestalten, ist eindeutig ein biblisches Thema (vgl. z. B. 1Petr 2,21). Es ist allerdings weder das einzige noch das wichtigste Thema im Zusammenhang mit der Person und dem Werk Jesu Christi.

Wenn das Motiv „Jesus als Vorbild“ auf Kosten aller anderen Themen überbetont wird, verschleiert dies die biblische Realität, dass unser erstes und vorrangiges Bedürfnis ein Erlöser ist – kein moralischer Lehrer. In der Bibel lesen wir: „Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist aus Gott geboren“ (1Joh 5,1). Das bedeutet, dass diejenigen, die nicht „aus Gott geboren“ sind, nicht glauben (können), dass Jesus der Christus ist, und daher überhaupt nicht in der Lage sind, geistlich zu wachsen. So mag Gandhi zwar aus dem moralischen Vorbild Christi gelernt haben, doch allem Anschein nach hat er sich nie bekehrt und starb ohne Versöhnung mit Gott.

Die Marginalisierung der Bibel

Die Reformation war in weiten Teilen eine Wiederbelebung einer wortgebundenen Frömmigkeit. Für die Reformatoren war eine tiefe und beständige Auseinandersetzung mit Gottes Wort der wichtigste Motor für geistliches Wachstum. Sie lehrten auch, dass jedes Mittel geistlicher Formung aus der Bibel abgeleitet und von ihr abhängig bleiben muss. So wurden viele geistliche Praktiken, die von den Menschen im Mittelalter vielleicht als nützlich empfunden worden waren, zugunsten der biblischen Schlichtheit abgeschafft, wie sie etwa in Psalm 119,9 zum Ausdruck kommt: „Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen? Indem er ihn bewahrt nach deinem Wort!“

Comer führt die Bibel als eine der „neun Kernpraktiken“ an, die du in deine persönliche „Lebensregel“ integrieren musst (vgl. S. 216 ff.). Er erklärt außerdem: „Die Bibel ist der wichtigste Weg, wie wir durch Veränderung unserer Denkweise in neue Menschen verwandelt werden“ (S. 222). Worin liegt also das Problem?

Zunächst einmal ist das Studium der Heiligen Schrift nicht nur eine von vielen Praktiken, die „von uns Jesus-Lehrlingen für unsere geistliche Formung genutzt“ wird (S. 216). Vielmehr ist es das Mittel, durch das wir mit Gott in Gemeinschaft treten. Wie Herman Bavinck bemerkt: „Die Heilige Schrift ist der bleibende Bericht zwischen Himmel und Erde.“ (Reformierte Dogmatik, Bd. 1, S. 607)

Im Gegensatz dazu bezeichnet Comer „mehr Bibel lesen“ als „Verliererstrategie“ und stellt fest, dass „Gottesdienstbesuch, gute Predigten und regelmäßiges Bibelstudium … für sich genommen … nicht gerade massenhaft nachhaltige Veränderung in uns Christen bewirken”. (S. 111–112). Einerseits betont er, dass Predigten und Bibelstudium „allesamt gut und richtig“ sind – ja, mehr noch: „sie sind lebenswichtig“ (S. 112). Andererseits sagt er, dass sie „für sich allein genommen … nicht funktionieren“, um geistliches Wachstum zu fördern (S. 115).

Die mittelalterliche Kirche hätte sich ebenfalls positiv über die Heilige Schrift geäußert und ihr eine Rolle im Prozess geistlicher Formung eingeräumt, aber wie Comer waren auch die mittelalterlichen Autoritäten der Ansicht, das Wort allein reiche nicht aus. Für sie lagen das wahre Interesse, die Begeisterung und die Wirksamkeit in einer Vielzahl anderer geistlicher Praktiken. Für reformatorisch gesinnte Christen steht Gottes Wort immer im Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit, sowohl als Hauptantriebskraft für Veränderung als auch als Blaupause für ihr Streben nach geistlichem Wachstum.

Eine inkohärente Theologie

Comers Methode in Leben vom Meister lernen ist theologisch verworren. Er vermischt Quellen aus gänzlich unterschiedlichen theologischen Traditionen (von denen sich viele gegenseitig ausschließen), ohne die Spannungen anzuerkennen. Zwar zitiert Comer gelegentlich Denker aus der reformierten Tradition wie Timothy Keller, Rosaria Butterfield und Tim Chester, bezieht sich aber häufiger auf römisch-katholische (Teresa von Ávila, Ignatius von Loyola, Henri Nouwen) und ostorthodoxe Autoren (Kallistos Ware, Kallistos Katafygiotis) sowie auf Quäker-Mystiker (Thomas Kelly), und sogar ein nicht christlicher Spiritualist kommt zu Wort (Kahlil Gibran).

Er stellt diese sehr heterogenen Lehrer gemeinsam als „Meister auf dem Weg von Jesus“ dar (S. 67). Damit impliziert er, dass all diese unterschiedlichen „spirituellen Meister“ (S. 61) denselben Weg gehen und zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangen. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Comer zitiert an einer Stelle einen römisch-katholischen Autor, der das „allerheiligste Sakrament“ erwähnt, einen Begriff, den Comer als etwas erklärt, „das Protestanten das Abendmahl nennen“ (S. 60). Es waren jedoch gerade die unterschiedlichen Auffassungen über die Sakramente, die im Zentrum der Auseinandersetzungen der Reformation standen. Auf derselben Seite zitiert Comer den Quäker-Mystiker Kelly zu diesem Thema. Die Quäker sind hingegen eine der wenigen Gruppen in der christlichen Tradition, die die äußerliche bzw. sichtbare Feier des Abendmahls gänzlich ablehnen. Comer deutet nie an, dass es ernsthafte Konflikte zwischen seinen versammelten „spirituellen Meistern des ‚Weges‘“ geben könnte (S. 61).

Das Ergebnis von Comers Eklektizismus ist eine Vorstellung von geistlicher Formung, die mit keiner bestehenden und abgrenzbaren Strömung des historischen Christentums eindeutig zuordnen lässt. Man denke nur an Comers großes Lob für Wares ostorthodoxe Spiritualität. In Bezug auf Wares einflussreiches Buch Der Aufstieg zu Gott sagt Comer: „Als ich dieses absolut wunderbare Buch las, hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen“ (S. 273).

In Comers Leben vom Meister lernen fehlen jedoch (unter anderem) eine tief empfundene Verehrung der Ikonen, die gebührende Ehrerbietung gegenüber Maria als der Theotokos sowie ein echtes Priestertum, das in apostolischer Kontinuität mit Jesus selbst steht – allesamt Schlüsselelemente der ostorthodoxen Spiritualität. Wenn er beim Lesen von Der Aufstieg zu Gott wirklich das Gefühl hatte, „nach Hause zu kommen“, warum hat er sich dann nicht der Ostkirche angeschlossen? Offenbar ließe sich eine konsequente Bindung an eine bestimmte Tradition kaum mit Comers Ansatz geistlicher Formung vereinbaren.

Comers eklektischer Ansatz

Comers allgemeine Vision für das christliche Leben folgt dem Prinzip, sich jeweils das herauszupicken, was für einen selbst funktioniert. Es ist nicht so, dass er insgeheim ein Anhänger der römisch-katholischen oder der Ostkirche wäre, der seinen Lesern etwas verschweigt. Vielmehr ist sein eklektischer Ansatz von Natur aus instabil und passt in keine der etablierten christlichen Traditionen wirklich hinein.

Ein reformierter Zugang zur geistlichen Formung hingegen entspringt einer konsequenten Bindung an die Bibel – und an die Bibel allein – als letztgültige Norm für Glauben und Leben. Diese klare Verwurzelung im Wort Gottes sorgt für eine Beständigkeit und Kohärenz, die sich über viele Jahrhunderte hinweg bewährt hat.

Insofern die reformierte Tradition die Bibel richtig verstanden hat, stellt Leben vom Meister lernen eine gravierende Abweichung vom biblischen Verständnis geistlicher Formung dar. Wie Comers Relativierung der Wiedergeburt und der Vereinigung mit Christus zeigt, wird ein Ansatz geistlicher Formung, der nicht fest in der Schrift verankert ist, mit den theologischen Strömungen treiben, die jeweils gerade in Mode sind.

Es mag sein, dass Comer und andere mit dem reformatorischen Erbe des Evangelikalismus unzufrieden sind und dieses hinter sich lassen möchten. Das ist ihre Entscheidung – die sie als solche aber klar benennen und verantworten sollten.