Prediger mit Leib und Seele

Aus dem Leben von Martyn Lloyd-Jones

Artikel von John Piper
9. Februar 2026 — 10 Min Lesedauer

Im Juli 1959 verbrachten Martyn Lloyd-Jones und seine Frau Bethan ihren Urlaub in Wales. Am Sonntagmorgen besuchten sie die Gebetstunde in einer kleinen Kapelle und Lloyd-Jones fragte die Anwesenden: „Möchten Sie, dass ich heute Morgen ein Wort weitergebe?“ Die Leute zögerten, weil er im Urlaub war und sie seine Kraft nicht überstrapazieren wollten, aber seine Frau sagte: „Lasst ihn doch. Predigen ist sein Leben.“[1] Das war eine zutreffende Aussage. Im Vorwort zu seinem beeindruckenden Buch Die Predigt und der Prediger (engl. Preaching and Preachers) schrieb er:

„Predigen ist mein Lebenswerk gewesen ... Für mich ist die Arbeit des Predigens die höchste, größte und herrlichste Berufung, zu der jemand jemals berufen werden kann.“[2]

Viele nannten ihn den letzten der calvinistischen methodistischen Prediger, weil er Calvins Liebe zur Wahrheit und zur reformierten Lehre mit dem Feuer und der Leidenschaft der methodistischen Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts verband.[3] Dreißig Jahre lang predigte er von der Kanzel der Westminster Chapel in London. In der Regel bedeutete das, drei verschiedene Predigten pro Wochenende zu halten, nämlich am Freitagabend, am Sonntagmorgen und schließlich am Sonntagabend. Am Ende seiner Tätigkeit bemerkte er: „Ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich nicht einmal die Straße überqueren würde, um mir selbst beim Predigen zuzuhören.“[4] Viele sahen das anders. Als J.I. Packer als 22-jähriger Student Lloyd-Jones während des Schuljahrs 1948–1949 jeden Sonntagabend predigen hörte, sagte er, er habe „noch nie solche Predigten gehört“. Sie trafen ihn „mit der Kraft eines elektrischen Schlags und vermittelten zumindest einem seiner Zuhörer mehr von Gott als jeder andere Mensch.“[5]

Der Seelenarzt

Lloyd-Jones’ Weg nach Westminster war ein besonderer. Er wurde am 20. Dezember 1899 in Cardiff, Wales, geboren. Mit 14 Jahren zog er mit seiner Familie nach London und studierte Medizin am St. Bartholomew’s Hospital, wo er 1921 seinen Doktor der Medizin erhielt und Sir Thomas Horders leitender klinischer Assistent wurde. Horder, der sehr bekannt war, beschrieb Lloyd-Jones als „den scharfsinnigsten Denker, den ich je gekannt habe“.[6]

Zwischen 1921 und 1923 erlebte Lloyd-Jones eine tiefgreifende Bekehrung. Diese veränderte sein Leben so sehr, dass sie einen Eifer für das Predigen mit sich brachte, die seine Berufung als Arzt weit übertraf. Er verspürte eine tiefe Sehnsucht, in seine Heimat Wales zurückzukehren und dort zu predigen. Seine erste Predigt dort hielt er im April 1925, und er sprach über ein Thema, das ihn zeitlebens nicht mehr losließ: Wales brauchte nicht mehr Gerede über soziales Engagement, sondern „eine große geistliche Erweckung“. Dieses Thema der Erweckung, Kraft und der echten Lebendigkeit blieb seine lebenslange Leidenschaft.[7]

Er wurde 1926 zum Pastor der Bethlehem Forward Movement Mission Church in Sandfields, Aberavon, berufen und heiratete im folgenden Jahr eine seiner ehemaligen Kommilitoninnen, Bethan Phillips. Im Lauf ihres gemeinsamen Lebens bekamen sie zwei Töchter, Elizabeth und Ann.

Seine Predigten wurden in ganz Großbritannien und Amerika bekannt. Sie waren beliebt, klar verständlich, theologisch fundiert, logisch und voller Leidenschaft. 1937 predigte er in Philadelphia, wo zufällig auch G. Campbell Morgan anwesend war. Dieser war so beeindruckt, dass er Lloyd-Jones als seinen Mitarbeiter in der Westminster Chapel in London gewann.

Lloyd-Jones und Morgan waren bis zu dessen Pensionierung im Jahr 1943 gemeinsam als Pastoren tätig. Danach war Lloyd-Jones fast 30 Jahre lang der einzige predigende Pastor der Westminster Chapel. So viele Menschen waren von der Klarheit, Kraft und theologischen Tiefe seiner Predigten angezogen, dass 1947 etwa 1.500 Menschen den Gottesdienst am Sonntagmorgen und 2.000 den Gottesdienst am Sonntagabend besuchten. Er trug eine schlichte schwarze Genfer Robe und verzichtete auf Effekthascherei und Witze. Wie Jonathan Edwards zweihundert Jahre zuvor, fesselte er sein Publikum durch das schiere Gewicht und die Intensität seines Blicks für die Wahrheit. Lloyd-Jones erkrankte 1968 und sah dies als Zeichen, sich zurückzuziehen und sich mehr dem Schreiben zu widmen. Er tat dies etwa zwölf Jahre lang und starb dann friedlich im Schlaf am 1. März 1981.

„Wir brauchen Erweckung“

Sein ganzes Leben lang war der Dienst von Lloyd-Jones von einem Ruf nach Tiefgang in zwei Bereichen geprägt: Tiefgang in der biblischen Lehre und Tiefgang in der lebendigen geistlichen Erfahrung. Licht und Wärme. Logik und Feuer. Wort und Geist. Immer wieder kämpfte er an zwei Fronten: einerseits gegen einen toten, formellen, institutionellen Intellektualismus und andererseits gegen eine oberflächliche, unterhaltungsorientierte, menschenzentrierte Emotionalität. Für Lloyd-Jones war die einzige Hoffnung auf eine dauerhafte Lösung eine grundlegende, auf Gott ausgerichtete Erweckung.

Wenn Erweckung stattfindet, wird sie sichtbar. Sie ist nicht nur eine stille subjektive Erfahrung in der Gemeinde. Es geschehen Dinge, die die Welt aufhorchen lassen. Das war für Lloyd-Jones so wichtig. Die gefallene Welt und die Schwachheit der Kirche belasteten ihn schwer, und er glaubte, dass der einzige Ausweg etwas Atemberaubendes sein müsse.

„Die christliche Kirche versagt heute, und zwar auf beklagenswerte Weise. Es reicht nicht aus, nur rechtgläubig zu sein. Man muss natürlich rechtgläubig sein, sonst hat man keine Botschaft. ... Wir brauchen Autorität und wir brauchen Bestätigung von oben. ... Ist es nicht offensichtlich, dass wir in einer Zeit leben, in der wir eine besondere Bestätigung brauchen? Mit anderen Worten, wir brauchen Erweckung.“[8]

Für Lloyd-Jones war Erweckung eine Art Machtdemonstration, die die Wahrheit des Evangeliums gegenüber einer verhärteten Welt bestätigen würde. Was Lloyd-Jones am Herzen lag, war, dass der Name Gottes wieder seinen rechtmäßigen Platz erhielt und seine Herrlichkeit in der Welt offenbar würde. So sagte er:

„Wir sollten eifrig darauf bedacht sein, dass etwas geschieht, das die Nationen, alle Völker, in ihren Bann zieht und sie dazu bringt, innezuhalten und neu nachzudenken.“[9]

Die „Reinheit der Kraft“

Lloyd-Jones hatte selbst genügend außergewöhnliche Erfahrungen gemacht, um zu wissen, dass man für das Handeln des souveränen Gottes offen sein muss. Stacy Woods beschreibt die spürbare Wirkung einer Predigt von Lloyd-Jones:

„Auf außergewöhnliche Weise war die Gegenwart Gottes in dieser Kirche zu spüren. Ich persönlich hatte das Gefühl, als wenn eine Hand auf meiner Schulter mich anschob. Am Ende der Predigt spielte die Orgel aus irgendeinem Grund nicht, der Doktor ging in die Sakristei und alle saßen völlig still da, ohne sich zu bewegen. Es muss fast zehn Minuten gedauert haben, bis die Menschen die Kraft fanden, aufzustehen und, ohne ein Wort zu sagen, leise die Kirche zu verlassen. Nie zuvor habe ich eine solche Predigt mit einer solchen Reaktion seitens der Gemeinde erlebt.“[10]

Ein weiteres Beispiel stammt aus seiner früheren Zeit in Sandfields. Eine Frau, die als bekanntes spiritistisches Medium galt, besuchte eines Abends seine Gemeinde. Nach ihrer Bekehrung bezeugte sie später:

„In dem Moment, als ich Ihre Kapelle betrat und mich zwischen die Zuhörer setzte, spürte ich eine übernatürliche Kraft. Es war dieselbe Art von übernatürlicher Kraft, die ich von unseren spiritistischen Treffen kannte, aber es gab einen großen Unterschied: Ich spürte die Reinheit der Kraft in Ihrer Kapelle.“[11]

Lloyd-Jones wusste aus der Bibel, aus der Geschichte und aus eigener Erfahrung, dass das außergewöhnliche Wirken des Heiligen Geistes sich präzisen Kategorisierungen entzieht. Er sagte:

„Die Wege, auf denen der Segen kommt, sind nahezu unendlich. Wir müssen vorsichtig sein, damit wir sie nicht einschränken oder versuchen, sie zu sehr zu systematisieren, oder, noch schlimmer, sie zu mechanisieren.“[12]

Lieber gutgläubig als tot

Dies sind bemerkenswerte Worte des wichtigsten Vertreters der reformierten Bewegung im Großbritannien der letzten Generation. Man sollte jedoch nicht annehmen, Lloyd-Jones sei inkognito vollwertig charismatisch gewesen, denn er empfand durchaus Enttäuschung über die Pfingstler und Charismatiker, wie er sie kannte.

Im Gegensatz zu vielen Charismatikern seiner Zeit bestand er beispielsweise darauf, dass Erweckung eine solide dogmatische Grundlage haben müsse, dass der Heilige Geist souverän sei und nach seinen eigenen Bedingungen komme und gehe, dass Menschen, die mit dem Heiligen Geist getauft sind, nicht unbedingt in Zungen sprechen müssen und dass geistliche Erfahrungen niemals um ihrer selbst willen gegeben würden, sondern immer dazu dienten, das Zeugnis und die Herrlichkeit Christi zu stärken. Zu diesem letzten Punkt schrieb Lloyd-Jones:

„Der höchste Prüfstein für alles, was behauptet, das Werk des Heiligen Geistes zu sein, ist Johannes 16,14 – ‚Er wird mich verherrlichen‘.“[13]

Mit diesen Worten der Warnung und der Ausgewogenheit betont Lloyd-Jones jedoch auch die Wichtigkeit, offen für die übernatürliche Demonstration von Gottes Kraft zu sein, die die Welt so dringend braucht. Über diejenigen, die sich zurücklehnen und mit dem Finger auf die charismatischen Exzesse anderer zeigen, sagt er:

„Gott sei ihnen gnädig! Gott sei ihnen gnädig! Es ist besser, zu gutgläubig zu sein, als fleischlich und selbstgefällig und tot.“[14]

„Damit seine mächtige Hand bekannt wird“

Auch wir navigieren zwischen unkritischer und unbiblischer Leichtgläubigkeit auf der einen und dem Widerstand gegen den Heiligen Geist auf der anderen Seite.

Was Martyn Lloyd-Jones uns raten würde, ist, dass wir nichts tun können, um eine echte Erweckung hervorzubringen, und dass wir daher im Gebet flehen und geduldig sein müssen und dem Herrn keine Fristen setzen dürfen.[15] Aber es scheint, dass wir mehr tun können als nur beten. An anderer Stelle erwähnt Lloyd-Jones seine Wertschätzung für ein Gebet von D.L. Moody, in dem um „ein vorbereitetes Herz“ gebeten wird.[16] Wenn ein vorbereitetes Herz wichtig ist, dann gibt es neben dem Gebet noch andere Gnadenmittel, die das Herz reinigen und es immer mehr an Christus angleichen, in etwa das Nachsinnen über die Schrift, die Ermahnung durch Mitchristen, das Abtöten der Sünde und so weiter. Aber nicht nur das: Lloyd-Jones lehrt, dass der Geist durch bestimmte Formen unfruchtbarer Institutionalisierung ausgelöscht werden kann. In Bezug auf die Leblosigkeit formeller Kirchen sagt er:

„Es ist nicht so, dass Gott sich zurückgezogen hat, sondern dass die Kirche in ihrer ‚Weisheit‘ und Klugheit institutionalisiert wurde, den Geist ausgelöscht und die Offenbarung der Kraft des Geistes nahezu unmöglich gemacht hat.“[17]

Eine bemerkenswerte Aussage von jemandem, der an die Souveränität des Geistes glaubt – dass bestimmte Formen der Institutionalisierung die Offenbarung der Kraft des Geistes „fast unmöglich“ machen können. Wenn der Geist in seiner Souveränität zulässt, dass er behindert und ausgelöscht wird, wie Lloyd-Jones (und auch der Apostel Paulus!) sagt, stimmt es nicht, dass wir nichts tun können, um den Weg für sein Kommen zu ebnen. Wir können ihn nur nicht zwingen, zu kommen. Oder anders ausgedrückt: Auch wenn wir den Geist offenbar nicht dazu bringen können, in seiner Kraft zu kommen, können wir doch Dinge tun, die ihn üblicherweise davon abhalten.

Lloyd-Jones weist uns in einer seiner vielen schönen abschließenden Ermahnungen den richtigen Weg:

„Lasst uns gemeinsam beschließen, ihn zu bitten, ihn anzuflehen, dies erneut zu tun. Nicht, damit wir diese Erfahrung oder diese Begeisterung erleben können, sondern damit seine mächtige Hand bekannt wird und sein großer Name unter den Menschen verherrlicht und gepriesen wird.“[18]

1 Iain H. Murray, D. Martyn Lloyd-Jones: The Fight of Faith 1939–1981, Edinburgh: Banner of Truth, 1990, S. 373.

2 Martyn Lloyd-Jones, Preaching and Preachers, London: Hodder & Stoughton, 1971, S. 17.

3 Christopher Catherwood, Five Evangelical Leaders, London: Hodder & Stoughton, 1984, S. 55.

4 Lloyd-Jones, Preaching and Preachers, S. 14.

5 Ebd., S. 170.

6 Ebd., S. 56.

7 Ebd., S. 66.

8 Martyn Lloyd-Jones, The Sovereign Spirit: Discerning His Gifts, Carol Stream: Harold Shaw Publishers, 1986, S. 25.

9 Martyn Lloyd-Jones, Revival, London: Marshall Pickering, 1987, S. 120.

10 Murray, D. Martyn Lloyd-Jones, S. 377.

11 Ebd., S. 221.

12 Martyn Lloyd-Jones, Joy Unspeakable: Power & Renewal in the Holy Spirit, Carol Stream: Harold Shaw Publishers, 1984, S. 243.

13 Martyn Lloyd-Jones, The Sovereign Spirit, S. 106.

14 Ebd., S. 83.

15 Martyn Lloyd-Jones, Joy Unspeakable, S. 139,231,247.

16 Ebd., S. 220.

17 Martyn Lloyd-Jones, The Sovereign Spirit, S. 50.

18 Martyn Lloyd-Jones, Revival, S. 117.