Warum das Abendmahl ein Akt der Gnade ist

Artikel von Jonty Rhodes
2. Februar 2026 — 4 Min Lesedauer

In den letzten Jahren sind unzählige Bücher und Materialien erschienen, die Gemeinden dazu ermutigen, „evangeliumszentriert“ zu sein. Wir sollen evangeliumszentrierte Eltern sein, evangeliumszentrierte Predigten schreiben und als evangeliumszentrierte Gemeinschaften leben. All das ist gut und richtig. Wie aber hält eine Gemeinde das Kreuz, also den Sühnetod Jesu, im Zentrum ihres Dienstes? – Glücklicherweise müssen Pastoren sich darüber nicht den Kopf zerbrechen oder versuchen, neuartige Ideen zu erfinden. Der Herr Jesus selbst hat diesbezüglich klare Anweisungen hinterlassen.

Als er zum letzten Mal vor seiner Verhaftung und Kreuzigung mit seinen Jüngern zusammensaß, „nahm [er] das Brot, dankte, brach es, gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19). Tut dies zu meinem Gedächtnis*.* Das Abendmahl – ein schlichtes Mahl aus Brot und Wein – gehört wesentlich zum Gottesdienst der Gemeinde, wenn sie den Tod ihres Retters bedenkt und feiert.

Schon hier zeigt sich ein Segen des Abendmahls: Es erinnert uns daran, dass der Leib Jesu gebrochen wurde, damit unserer niemals gebrochen würde und dass sein Blut vergossen wurde, damit unseres verschont bleibt. Der Fluch des Todes traf ihn und darum werden die Segnungen des Lebens seinem Volk geschenkt. Das verdeutlicht, dass das Feiern des Abendmahls in keiner Weise dem ein für alle Mal geschehenen Opfer von Golgatha etwas hinzufügt oder es fortsetzt. Jesu Ruf „Es ist vollbracht!“, hallt durch die Jahrhunderte und wird im Abendmahl verkündigt. Sein Blut wurde vergossen und muss nicht noch einmal vergossen werden. Das Opfer ist vollendet.

Auf diese Weise wirkt das Abendmahl als eine Art sichtbare Verkündigung. Es enthält keine neuen Informationen, die wir nicht schon in der Bibel fänden. Vielmehr „predigt“ es unseren Augen, Händen, Lippen und Mündern dasselbe Evangelium – nur in bildhafter Form. Während ich dies schreibe, ist meine zweijährige Tochter gerade aus dem Park zurückgekommen und in mein Arbeitszimmer hineingestapft. Ich kann ihr sagen, dass ich sie liebe. Ich kann sie dann aber auch noch hochnehmen, sie fest umarmen und ihr einen Kuss auf die Wange geben. Was fügen Umarmung und Kuss hinzu? In gewisser Hinsicht fügen sie keine neuen Informationen hinzu, aber sie stärken und bestätigen die Worte, die ich gesagt habe. So ist es auch mit dem Abendmahl. Es ist eine Gabe von Gottes Gnade an uns, die die Botschaft des Kreuzes bestätigt. Wie es Frage und Antwort 75 des Heidelberger Katechismus ausdrückt:

So sicher, wie ich mit meinen Augen sehe, dass das Brot des Herrn für mich gebrochen und der Kelch mit mir geteilt wird, so sicher wurde sein Leib für mich geopfert und gebrochen und sein Blut für mich am Kreuz vergossen.

Doch es gibt noch mehr zu sagen, wenn wir verstehen wollen, inwiefern das Abendmahl ein Gnadenmittel ist. Das Abendmahl ist nicht bloß eine Veranschaulichung. Schließlich steht der Pastor nicht einfach vorn und zeigt auf einen gebrochenen Laib Brot und einen Kelch mit Wein. Nein, wir nehmen diese Elemente zu uns – wir verzehren sie und nehmen sie in unseren eigenen Leib auf. Für einen Außenstehenden wirkt es, als würden wir eine ganz schlichte Mahlzeit teilen. Und tatsächlich hilft der Blick auf das Abendmahl als Mahl, einen zweiten Grund zu erkennen, warum es für Gottes Gemeinde ein Gnadenmittel ist: Das Abendmahl ist eine geistliche Speisung, in der wir Christus selbst empfangen. Wir nähren uns nicht nur mit Christus, sondern „von“ ihm.

Als Gläubiger hast du gewissermaßen zwei „Leben“. Gott stärkt deinen Körper in seiner Güte durch Nahrung. Sehr wahrscheinlich hast du heute etwas Brot gegessen, vielleicht sogar ein Glas Wein getrunken. Beides hat deinen Körper gestärkt. Daneben gibt es auch das geistliche Leben. Wenn wir als Gläubige das Abendmahl empfangen, werden wir geistlich genährt. Brot und Wein bleiben Brot und Wein – sie werden nicht in Christi Leib und Blut verwandelt. Dennoch spricht Paulus von dem Mahl als einer „Teilhabe“ (ZB) an Christi Leib und Blut. Die meisten deutschen Übersetzungen sprechen statt von „Teilhabe“ von „Gemeinschaft“ – daher heißt das Abendmahl auch „heilige Kommunion“. 1. Korinther 10,16 ist der Schlüsselvers: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht [die] Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht [die] Gemeinschaft des Leibes des Christus?“

Hier liegt gewiss ein Geheimnis. Durch die geheimnisvolle Kraft des Heiligen Geistes empfangen wir, wenn wir gewöhnliches Brot essen und gewöhnlichen Wein trinken, im Glauben Christus und werden in unserer Vereinigung mit ihm gestärkt. Es ist nicht bloß eine Erinnerung an die Gnade; es ist eine neue Gabe der Gnade. Wir kommen mit leeren Händen, denn keine Gemeinde verlangt Geld für Brot und Wein, und empfangen Christus erneut, so wie wir ihn im zuvor gepredigten Wort empfangen haben. Dieses Verständnis hilft, unseren Blick zu verschieben: Das Abendmahl ist zuallererst eine Zeit, in der Christus in Gnade zu uns kommt, bevor es eine Zeit ist, in der wir uns nach bestem Vermögen bemühen, ehrfürchtig seiner zu gedenken. Die grundlegende Richtung geht vom Himmel zur Erde, nicht von der Erde zum Himmel. Das Abendmahl ist ein weiterer Gnadenakt.