Samstag oder Sonntag?
Was lehrt die Bibel über den Zeitpunkt des Gottesdienstes?
Dem Neuen Testament zufolge stellt die Auferstehung Jesu Christi von den Toten einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte dar. Als solcher muss sie natürlich auch Auswirkungen auf den Sabbat haben.
Alle vier Evangelien berichten uns davon, dass Jesus am ersten Tag der Woche von den Toten auferstand. Der Bericht von Lukas ist besonders aufschlussreich. Er sagt uns, dass „die Frauen …, die mit [Jesus] aus Galiläa gekommen waren“, als sie „am ersten Tag der Woche“ zum Grab kamen, dieses leer vorfanden (Lk 23,55; 24,1). Ihnen begegnen „zwei Männer in strahlenden Gewändern“ und teilen ihnen mit, dass Jesus „auferstanden“ ist (Lk 24,4.6). Sie erinnern die Frauen daran, was Jesus während seines irdischen Wirkens gesagt hat, nämlich dass er „gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen“ würde (Lk 24,7; vgl. Lk 24,1.13.21). Es ist also nicht so, dass die Frauen einfach nur am ersten Tag der Woche von der Auferstehung Jesu erfahren – Jesus selbst wurde am ersten Tag der Woche von den Toten auferweckt.
Außerdem erscheint Jesus seinen Jüngern mehrmals am ersten Tag der Woche. Am Ende des Johannesevangeliums folgen drei dieser Erscheinungen unmittelbar aufeinander, die beiden anderen sind im Lukasevangelium aufgezeichnet. Johannes berichtet uns, dass Maria Magdalena „am ersten Tag der Woche … früh … zum Grab“ kommt (Joh 20,1). Sie entdeckt, dass das Grab leer ist, und sagt zu Petrus und Johannes: „Sie haben den Herrn aus dem Grab genommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben!“ (Joh 20,2). Diese (falsche) Annahme veranlasst sie, vor dem leeren Grab zu weinen (vgl. Joh 20,11). Nachdem zwei Engel, die im Grab sitzen, Maria fragen, warum sie weint, erscheint ihr Jesus, den sie aber zunächst nicht erkennt (vgl. Joh 20,12–15). Erst als Jesus Maria mit ihrem Namen anspricht, erkennt sie, dass er es ist (vgl. Joh 20,16; 10,16.27). „Rühre mich nicht an“, sagt Jesus ihr dann, „denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater“ (Joh 20,17).
Dieser Abschnitt zeigt, dass die Auferstehung eine neue Art von Gemeinschaft zwischen Jesus und seinen Jüngern einläutet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Jünger Jesu Gemeinschaft mit ihm durch ihre fünf Sinne. Fortan nun, bis zu seiner Wiederkunft in Herrlichkeit, werden die Jünger ausschließlich durch das Wirken des Heiligen Geistes – den Jesus vom Vater empfangen und in Kraft zu seinem Volk senden wird (vgl. Joh 14,16; 15,26) – und durch das Wort Christi (vgl. Joh 14,23) Gemeinschaft mit Jesus haben. Dies ist jedoch keine geringere Art von Gemeinschaft; tatsächlich hat Jesus zuvor erklärt, dass sie weitaus besser ist als das, was sie zuvor mit ihm erlebt haben (vgl. Joh 16,7).
Diese erste Erscheinung nach der Auferstehung im Bericht von Johannes ist aus mehreren Gründen wichtig. Sie zeigt uns, dass Christus am ersten Tag der Woche von den Toten auferstand und an diesem Tag auch Maria Magdalena erschien, die er für seine Jünger zur Zeugin seiner Auferstehung ernannte (vgl. Joh 20,17–18). Außerdem gibt sie uns einen Einblick in die Art von Gemeinschaft, die Christus zwischen seiner Auferstehung und seiner Wiederkunft mit seinen Jüngern haben wird. In seiner Beschreibung einer zweiten Erscheinung des Auferstandenen legt Johannes den Fokus auf diese Gemeinschaft. Bei dieser Gelegenheit erscheint Christus zehn seiner Jünger (vgl. Joh 20,19–23). Johannes betont, dass Jesus diesen Jüngern „an jenem Tag, dem ersten der Woche,“ begegnete (Joh 20,19). Er spricht ihnen seinen Frieden zu, zeigt ihnen seine Hände und seine Seite, und versichert sie anschließend noch einmal seines Friedens (vgl. Joh 20,19–21). Dieser Friede ist eine Frucht des vollbrachten Erlösungswerks Christi. Durch seinen Tod und seine Auferstehung versöhnt er Sünder mit Gott. Früher waren sie Feinde Gottes, jetzt sind sie in Christus Freunde Gottes. Dieser Friede ist ein Segen, den sie durch den Glauben an Christus genießen. Es ist diese Botschaft des Friedens, die die Jünger bald den Nationen verkündigen sollen (vgl. Joh 20,21–23). Indem Jesus den Jüngern „seine Hände und seine Seite“ zeigt (Joh 20,20), liefert er ihnen einen Beweis für seine Auferstehung; in genau demselben Körper, in dem er gestorben ist, ist er glorreich zum Leben erweckt worden. Er tut dies, weil er möchte, dass sie sicher darauf vertrauen können, dass der Friede, den sie in Christus haben und den sie den Völkern verkündigen, auf einer soliden Grundlage steht: dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi.
Zusammenfassend können wir sagen, dass Jesus, „als es nun an jenem Tag, dem ersten der Woche, Abend geworden war“ und die Jünger versammelt waren (Joh 20,19), diese Versammlung mit seiner Gegenwart segnet und ihnen den Frieden verkündet, den er durch seinen Tod und seine Auferstehung gewonnen hat und den sie durch den Glauben an ihn genießen. Ferner beauftragt Christus sie, ihn in der Kraft des Heiligen Geistes als Retter der Völker zu verkünden. Die Gegenwart Christi unter seinem Volk sowie die Verkündigung des Evangeliums zur Sammlung von Sündern und der Erbauung des Volkes Gottes sind somit Kennzeichen bzw. Merkmale dieses „ersten Tages der Woche“.
Betrachtet man diese Details vor dem Hintergrund des gesamten Neuen Testaments, ergibt sich ein eindeutiges Muster: Sie alle spiegeln den öffentlichen Gottesdienst der apostolischen Gemeinde wider. Wie wir weiter unten sehen werden, versammelten sich die Jünger am ersten Tag der Woche unter der Aufsicht der Apostel, um Gott anzubeten. Im Mittelpunkt dieses gemeinsamen Gottesdienstes stand die Verkündigung des Wortes. An diesem Tag feierten die Gläubigen auch das Abendmahl. Was diese Versammlungen vor allem auszeichnete, war die Gegenwart Gottes unter seinem Volk (vgl. 1Kor 14,25).
Insgesamt stimmen diese Details weitgehend mit dem überein, was geschah, als Christus seinen Jüngern am ersten Tag der Woche erschien. Sie deuten somit auf eine Veränderung in der Art und Weise hin, wie die Menschen Gott im Zeitalter des Neuen Bundes anbeten sollen. Die Jünger versammeln sich weiterhin an einem Tag in der Woche, um Gott anzubeten. Dieser wöchentliche öffentliche Gottesdienst ist ein fester Bestandteil des Lebens von Gottes Volk unter dem Neuen Bund. Was sich laut den Verfassern des Neuen Testaments geändert hat, ist der bestimmte Tag, an dem sich die Gläubigen versammeln, um Gott anzubeten. Von der Schöpfung bis zur Auferstehung rief Gott die Menschen dazu auf, ihn am siebten Tag der Woche anzubeten. Von der Auferstehung bis zur Wiederkunft Christi ruft Gott die Menschen dazu auf, ihn am ersten Tag der Woche anzubeten.
Vom siebten zum ersten Tag
Warum ist dies so? Warum verschiebt Gott mit der Auferstehung den Tag, an dem die Menschen von den Mühen ihres irdischen Daseins ruhen und sich zu seiner Anbetung versammeln sollen? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst über die Bedeutung nachdenken, die das Neue Testament der Auferstehung beimisst. Die Auferstehung hat weitreichende Auswirkungen auf die Menschheitsgeschichte. Paulus sagt uns, dass das Erlösungswerk Christi die Geschichte zu ihrem beabsichtigten Höhepunkt und ihrer Vollendung führt (vgl. Gal 4,4; Eph 1,10). Aus diesem Grund verbindet er die Auferstehung Jesu mit dem kommenden eschatologischen Zeitalter (vgl. Eph 1,20–23). Am Pfingsttag gießt der auferstandene Christus den Heiligen Geist in Fülle über die in Jerusalem versammelte Menge aus, und Petrus erklärt ihnen, dass diese Ausgießung des Geistes durch den Auferstandenen bedeutet, dass wir uns nun „in den letzten Tagen“ befinden (Apg 2,17). Das Neue Testament zeigt uns die epochale Bedeutung der Auferstehung Christi noch deutlicher, indem es die Auferstehung mit der Schöpfung in Verbindung bringt. Paulus sagt den Kolossern, dass Christus sowohl „der Erstgeborene aller Schöpfung“ als auch „der Erstgeborene aus den Toten“ ist (Kol 1,15.18 ELB). Diese parallele Ausdrucksweise zeigt Paulus’ Verständnis von „der Auferstehung als einem neuen kosmischen Anfang“.[1] In ähnlicher Weise verbindet Paulus in seinem Brief an die Korinther die Auferstehung Jesu mit der „neuen Schöpfung“ (vgl. 2Kor 5,15–17).[2] Die Auferstehung Christi von den Toten ist somit ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Sie ist der Beginn der Endzeit und des kommenden Zeitalters – die Vollendung der Menschheitsgeschichte. In ihrer Bedeutung und Tragweite entspricht sie der Erschaffung der Welt.
Zu begreifen, was die Auferstehung ist und für die Menschheitsgeschichte bedeutet, hilft uns, ihre Auswirkungen auf den Sabbat zu verstehen. Wie wir gesehen haben, ist der Sabbat Teil der Schöpfungsordnung. Gott hat ihn bei der Schöpfung eingeführt, damit die Menschen sich daran erinnern, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. Indem Gott den siebten Tag zum Sabbat machte, zeigte er der Menschheit sein Ziel für die menschliche Existenz – die Anbetung desjenigen, der alle Dinge geschaffen hat. Später (im 5. Buch Mose) erhält der Sabbat eine zusätzliche Bedeutung, als Gott Israel sagt, dass es ein Tag ist, an dem sie sich daran erinnern sollen, wie er sie aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat.
Verbunden mit diesen beiden Zwecken ist die Auferstehung gleichermaßen der Beginn der neuen Schöpfung in der Menschheitsgeschichte und Teil des einzigartigen, ein für alle Mal vollbrachten Werkes Christi, das Sünder aus allen Völkern rettet. Tatsächlich erhalten alle diejenigen (und nur diejenigen), die Christus durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung erlöst hat, Zugang zur neuen Schöpfung (vgl. 2Kor 5,17). Auf diese Weise verwirklicht Gott seine Absichten für die Menschheit. Durch das Werk des letzten Adams, des zweiten Menschen, erlöst Gott Sünder in jedem Zeitalter. Und diese neue Menschheit, die in Christus geformt und gebildet wird, hat durch den Glauben an Christus Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott.
Der Sabbat dient also dazu, Gottes Werk der Neuschöpfung und Erlösung in der Auferstehung Christi zu gedenken. Es gibt weiterhin einen Tag in der Woche, an dem Gottes Volk seine irdischen Arbeiten und Verpflichtungen niederlegt und sich versammelt, um Gott anzubeten. Der Kern des Gebots bleibt somit unverändert, allerdings ändert sich der bestimmte Tag. Seit der Auferstehung ist der festgesetzte Tag, an dem sich Gottes Volk zur heiligen Ruhe der Anbetung versammelt, der Sonntag. An diesem ersten Tag der Woche sollen wir daran denken, dass Christus von den Toten auferstanden ist. In Christus haben wir gesehen, wie Gottes Absichten für die Schöpfung erfüllt und verwirklicht wurden, und wir widmen uns dem, wozu wir geschaffen wurden: der Anbetung unseres großen Gottes.[3] Wir denken auch daran, dass Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung eine Vielzahl von Sündern erlöst hat. Was der Exodus als Schatten ankündigte, hat Christus in seinem Erlösungswerk vollbracht. So blicken wir am ersten Tag der Woche in dankbarer Erinnerung zurück auf die Tatsache, dass Christus „um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden ist“ (Röm 4,25) und wir in Vereinigung mit dem auferstandenen Christus vom Tod zum Leben gelangt sind (vgl. Eph 2,5–6).
Auch wenn wir am ersten Tag der Woche auf die Auferstehung Christi als das Einbrechen der neuen Schöpfung in die Menschheitsgeschichte und als den rettenden Sieg Gottes zur Erlösung seines Volkes zurückblicken, schauen wir gleichwohl auch nach vorn. Anders gesagt: Der Sabbat hat nichts von seinem eschatologischen Wesen eingebüßt. Die neue Schöpfung wurde in Christus eingeläutet, aber noch nicht vollendet. Die Erlösung ist ein für alle Mal vollständig vollbracht, aber die Auserwählten werden erst dann vollständig erlöst, wenn Christus in Herrlichkeit wiederkommt. Vereint mit Christus haben die Gläubigen bereits begonnen, an seiner Auferstehung teilzuhaben, aber die volle Erfahrung dessen, was er in seiner Auferstehung für uns gewonnen hat, steht uns noch bevor. Die Auferstehung des Leibes, in Übereinstimmung mit dem Auferstehungsleib Christi, ist die sichere und gewisse Hoffnung aller Christen (vgl. 1Kor 15,35–58; 1Thess 4,13–18; Phil 3,21). Und die „Erlösung unseres Leibes“, sagt uns Paulus, ist untrennbar verbunden mit der Erneuerung der gesamten Schöpfung (Röm 8,23; vgl. Röm 8,18–25). Wir werden – vollständig erlöst – mit Gott in Christus in einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde wohnen.
Angesichts dessen, was die Auferstehung bedeutet – für Christus, die Gläubigen und Gottes Absichten mit der Menschheitsgeschichte –, können wir besser verstehen, warum Gott den Sabbat vom siebten auf den ersten Tag der Woche verlegt hat. Gottes Schöpfungs- und Erlösungswerk findet seinen Mittel- und Höhepunkt in der Person und dem Werk Jesu Christi. Die Vollendung von Gottes Plänen für die Menschheit und die Welt hat ihren Anfang im Tod und in der Auferstehung Christi gefunden. Am Sonntag sollen also die Menschen auf das zurückblicken, was Gott in Christus getan hat, und auf das vorausschauen, was Gott in Christus ganz gewiss noch tun wird. Passenderweise sehen wir am allerersten Sabbat unter dem Neuen Bund – dem Tag, an dem Christus von den Toten auferstanden ist –, wie Christus sich mit seinem Volk in Gemeinschaft trifft, das Wort Christi seinem Volk Segen, Unterweisung, Führung und Orientierung bringt, und sich das Volk Gottes versammelt, um den Erlöser anzubeten. Genau diese Merkmale prägen das Leben der frühen Kirche am ersten Tag der Woche.
1 G.K. Beale, New Testament Biblical Theology: The Unfolding of the Old Testament in the New, Grand Rapids: Baker, 2011, S. 339.
2 Vgl. ebd.
3 Natürlich verehrten die Menschen Gottes ihn auch schon vor der Auferstehung Christi.