J-Kurve

Rezension von Heinrich Kehler
22. Januar 2026 — 7 Min Lesedauer

Die Entwicklung und Herstellung von Schmerzmitteln ist einer der größten Beiträge der medizinischen und pharmazeutischen Forschungen der letzten Jahrhunderte. Während diese Art von Medizin gute und sinnvolle Anwendung findet, hat sie jedoch auch dazu beigetragen, dass die Leidensbereitschaft und Schmerztoleranz im Alltag – besonders in der westlichen Welt – stark abgenommen hat. Anders als früher sind Schmerz und Leid keine normalen Herausforderungen des Alltags, sondern gehören zu Ausnahmesituationen im Leben. In einer Gesellschaft, in der körperliche und seelische Schmerzen mit Schmerztabletten oder Psychopharmaka behandelt werden, wirkt es für einen Christen zunehmend befremdlich, sich mit der „Gemeinschaft der Leiden Christi“, von welcher Paulus in Philipper 3,10 f. spricht, zu beschäftigen. In seinem Buch J-Kurve: Im Alltag mit Jesus sterben und auferstehen wagt Paul Miller es jedoch, das heute Unsagbare zu sagen.

Miller ist Gründer von seeJesus, einem weltweiten Jüngerschaftsdienst, der in über 30 Ländern tätig ist. Er ist als Autor mehrerer Bücher bekannt, darunter A Praying Life, Love Walked Among Us und A Loving Life. Was ihn besonders kennzeichnet, ist seine klare biblische Lehre, welche er mit alltagsnahen Geschichten aus seinem eigenen Erfahrungsumfeld untermalt. Zusammen mit seiner Frau Jill lebt er in der Nähe von Philadelphia.

Seine jüngste Publikation J-Kurve ist aus einem von ihm zuvor entwickelten Kurs zur Stärkung der Jüngerschaft von Christen entstanden. Damit zusammenhängend stehen weitere Begleitmaterialien wie Workbooks, Videos und diverse Anleitungen zur Verfügung. Diese sind über die Homepage seejesus.net (bisher nur in Englisch) zu finden. Das Buch wurde von Precept Ministries ins Deutsche übersetzt und verlegt.

Die J-Kurve als Struktur des christlichen Lebens

Der Kerngedanke des Buches ist so kurz wie einfach: Jesu Sterben und Auferstehen (die J-Kurve) bewirkt nicht nur die persönliche Errettung des Jesus-Nachfolgers. Miller schreibt: „Die J-Kurve ist die Struktur des ‚normalen‘ christlichen Lebens. Unser Leben reflektiert das Leben Jesu“ (S. 22). Der Blick für diese Wahrheit ist bei vielen Christen unterentwickelt. Das unterstreicht die Notwendigkeit dieses Werkes.

Das Buch ist in fünf Hauptteile gegliedert. Im ersten Teil stellt der Autor die Idee der J-Kurve vor und erklärt sie näher. Im zweiten Teil wird das Sterben mit Jesus tiefer analysiert. In Teil 3 wird die Menschwerdung Jesu als Akt der Liebe beleuchtet. Damit ist der erste Abschnitt der J-Kurve beschrieben und im praktischen Leben angewandt. Im vierten Teil geht Miller auf die Auferstehung ein, welche der zweite Abschnitt der J-Kurve darstellt. Während der Anwendungsschwerpunkt bisher auf dem individuellen Leben lag, geht der Autor im fünften und letzten Teil auf den Gemeinschaftsaspekt der J-Kurve ein. Das Buch schließt mit einem Fazit ab, welches dem Leser sieben Reflexionsfragen mit auf den Weg gibt.

Drei theologische Kerngedanken des Buches

Einige Kerngedanken stechen in diesem Werk besonders hervor. Zunächst einmal ist die Idee des Buches recht einfach. Miller schreibt: „Eine der grundlegendsten Regeln der Schrift ist: Was Jesus erlebt, erleben auch wir“ (S. 133). Andererseits erklärt der Autor diesen Grundgedanken auf 332 Seiten ziemlich ausführlich. Ein Grund ist sicherlich, dass der Gedanke des Leidens in der westlichen Welt abhandengekommen ist. Viele Christen wissen heute nicht, wie man im Alltag mit Jesus stirbt und wieder aufersteht. Der Autor möchte den Blick für dieses Geschehen schärfen. Er schreibt: „Ein auf die J-Kurve geschultes Auge lernt, … scheinbar losgelöste Ereignisse miteinander zu verknüpfen“ (S. 116).

Ein weiterer Hauptgedanke: Miller sieht nicht nur eine große, sondern viele kleine J-Kurven im Leben eines Jesusnachfolgers. Hierunter fallen die Liebes-, die Buß- und die Leidens-J-Kurven. Der Autor sieht eine Liebes-J-Kurve darin, dass z.B. eine Liebestat für jemanden manchmal bedeuten kann, Nachteile in Kauf zu nehmen (also sterben), damit das Gegenüber davon profitieren (also auferstehen) kann. Denn Jesus gab sich selbst aus Liebe für die Menschen hin, damit sie ein neues Leben bekommen können. Eine Buß-J-Kurve besteht darin, dass durch persönliche Buße und Vergebung das Sterben und Auferstehen nacherlebt werden. Eine Leidens-J-Kurve heißt, dass man durch körperliche Leiden und auch den physischen Tod zur Auferstehung aus den Toten zum ewigen Leben kommt. Eine J-Kurve in Ehekonflikten könnte bedeuten, dass man auf das eigene Recht verzichtet, damit die Ehe „wieder auflebt“. Miller zeigt somit auf, dass sich die J-Kurve Jesu in vielen Lebenssituationen nachbildet.

Ein dritter Kerngedanke ist die Beobachtung Millers, dass das Auferstehen – also der zweite Teil der J-Kurve – nicht in der Hand des Jesus-Nachfolgers liegt. Wenn man stirbt, kann man aus eigener Kraft nicht wieder auferstehen. Prinzipiell muss die Auferstehung von „außerhalb“ herbeigeführt werden – von Gott, der Tote auferwecken kann. Dieser zweite Teil der J-Kurve ist somit Gottes Anteil.

Von neutestamentlicher Recherche bis persönlicher Erfahrung

Zu den Stärken des Buches gehören einige tiefe und lebhafte Einblicke in die Welt der neutestamentlichen Gemeinden wie z.B. die in Philippi oder Korinth. Nach vorhergehender qualifizierter Recherche gelingt es Miller, die jeweiligen Gemeinden lebhaft darzustellen. So bekommt der Leser nebenbei viele nützliche Informationen mit auf den Weg.

Außerdem schafft Miller es, seine persönlichen Erlebnisse in einer Art zu integrieren, welche die Gedankengänge unterstreicht, ohne dabei ins Storytelling abzudriften. Auch bezeugen diese Erlebnisberichte, dass der Autor den im Buch zugrundeliegenden Gedanken selbst mehrfach und manchmal auch schmerzlich durchlebt hat. Dies verleiht den Argumenten besondere Aussagekraft und dem Werk als Ganzem eine beeindruckende Authentizität.

Die zahlreichen Grafiken und Zeichnungen, welche der Autor mit in den Text einfügt, zählen ebenfalls zu den Stärken des Buches. Sie verdeutlichen die zuvor geschilderten Gedankengänge. Besonders visuell orientierte Leser können sich dadurch die Gedanken „vor Augen führen“.

Der Abschluss des Buches ist ebenfalls zu würdigen. Die Reflexionsfragen helfen dem Leser dabei, sich die Inhalte des Werkes noch einmal zu vergegenwärtigen. Der Epilog, ein Nachruf auf Millers Tochter Ashley, die während der Fertigstellung des Werkes verstarb, gibt dem Buch noch einmal eine persönliche Note. Er macht deutlich, dass die J-Kurve auch bedeutet, dass manche Träne erst im Himmel abgewischt werden wird.

Dogmatische Unschärfen und stilistische Schwächen

Der Schreibstil des Autors erinnert an einen lebendig gehaltenen Vortrag. Das hat Vor- und Nachteile. Zum einen hält es sogar die Aufmerksamkeit des nicht geübten Lesers aufrecht. Zum anderen bringt es mit sich, dass einige Gedanken nicht präzise formuliert sind. Das gibt Raum für Missverständnisse. Der wohlwollende Leser weiß meistens, was der Autor meint. Doch der sorgfältige, genaue Leser kann manchmal im Unklaren darüber bleiben, was genau das Argument ist. Stellenweise kann das zu offenbleibenden Fragen führen. Das ist z.B. in Kapitel 8 und 9 der Fall. Miller argumentiert, dass die J-Kurve zwar zum Heiligungsprozess des Gläubigen gehört, aber a) nicht mit der Rechtfertigung durch Glauben zu verwechseln ist, aber b) auch nicht ohne Rechtfertigung durch Glauben funktioniert. Er macht deutlich, dass die ausgelebte J-Kurve nicht zur Werksgerechtigkeit führen darf. Das ist zunächst unmissverständlich. Verwirrend ist dabei aber, dass der Autor an dieser Stelle die Zwei-Naturen-Lehre Jesu als Argument anführt. So wie die menschliche und göttliche Natur Jesu Christi nicht getrennt, vermischt oder umgekehrt werden darf, so dürfe der rechtfertigende Glaube mit der J-Kurve nicht getrennt, vermischt oder umgekehrt werden (vgl. S. 88–89). Aus dogmatischer Perspektive ist nicht nachvollziehbar, inwiefern dieser Vergleich an dieser Stelle hilfreich ist. Somit kann der einfache Sprachstil auch problematisch sein. Unpräzise Formulierungen werfen Fragen auf, die offenbleiben oder zu Missverständnissen führen können.

Eine lohnende Entdeckung für jeden Nachfolger

Das Buch J-Kurve füllt eine Lücke im Angebot der geistlichen Literatur zum Thema Nachfolge. Da es leicht zu lesen ist, ist es auch jedem Wenigleser wärmstens empfohlen. Es eignet sich zum Selbststudium oder als Studienmaterial einer Kleingruppe. Die zusätzlichen Ergänzungsmaterialien geben Möglichkeiten zur Vertiefung. Auch empfiehlt es sich für jede Gemeinde- und Privatbibliothek eines Jesusnachfolgers. Möge Millers Werk das Verständnis und die Bereitschaft zur Anteilhabe an Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen stärken.

Buch

Paul E. Miller, J-Kurve: Im Alltag mit Jesus sterben und auferstehen, München: Precept Ministries International, 2025, 327 Seiten, EUR 24,95.

Heinrich Kehler ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er hat am Southwestern Baptist Theological Seminary in Fort Worth, TX Theologie studiert und promoviert. Seit 2013 steht er im pastoralen Dienst der EFB-Porta in Porta Westfalica.