Ein wunderbares Zeugnis der Gnade Gottes
John Newton (1725–1807)
Im Laufe seines 82-jährigen Lebens war John Newton vieles: ein verkommener Seemann, ein elender Ausgestoßener vor der Küste Westafrikas, ein Kapitän eines Sklavenschiffs, ein gut bezahlter Gezeiteninspektor in Liverpool, 43 Jahre lang ein beliebter Pastor in Olney und London, bis zum Tod seiner Ehefrau Mary 40 Jahre lang ein hingebungsvoller Ehemann, ein persönlicher Freund von William Wilberforce, John Wesley und George Whitefield – und schließlich der Autor des berühmtesten englischen Kirchenliedes Amazing Grace.
Warum interessiert mich dieser Mann? Weil es einer meiner größten Wünsche ist, dass Christen werden wie Mammutbäume – stark und beständig – und zugleich wie eine Kleewiese – zart und wohlriechend. Unerschütterlich standhaft in der „Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums“ (Phil 1,7) und dabei beständig demütig, geduldig und gnädig im Umgang mit Menschen.
Zarte Herzen, feste Wurzeln
Es scheint mir, dass wir immer von der einen oder anderen Seite vom Pferd fallen, wenn es darum geht, zugleich standhaft und sanft zu sein, beständig und liebenswürdig, mutig und barmherzig – dass wir bei der Wahrheit feige werden, wenn wir mutig sein sollten, oder dass wir streiten, wenn wir weinen sollten. Wie selten sind die Christen, die mit einem sanften Herzen sprechen und zugleich ein stahlhartes theologisches Rückgrat haben.
John Newton fand nicht immer die richtige Balance. Aber obwohl er wie jeder andere Held außer Christus auf tönernen Füßen stand, war seine große Stärke, „wahrhaftig in der Liebe“ zu sein (Eph 4,15). Er trug in seinem Herzen eine Sanftmut, die die Verlorenen liebte, die Niedergeschlagenen aufrichtete, Kinder willkommen hieß und für Feinde betete. Und seine Sanftmut hatte Wurzeln, die so stark waren wie die eines Mammutbaums.
Ich beginne mit einer kurzen Schilderung seines Lebens, denn für Newton war sein Leben das deutlichste Zeugnis für die ergreifende Barmherzigkeit Gottes, das er je gesehen hatte. Die Erinnerung an seine eigene Erlösung war eine der tiefsten Wurzeln der für ihn typischen Sanftmut. Er konnte das Wunder seiner eigenen Rettung – die reine, triumphierende Gnade – nicht fassen.
Moralischer Verfall und Elend
John Newton wurde am 24. Juli 1725 in London als Sohn einer gottesfürchtigen Mutter und eines ungläubigen Seefahrers geboren. Seine Mutter starb, als er sechs Jahre alt war. Newton, der hauptsächlich sich selbst überlassen war, wurde ein ausschweifender Seemann. Mit 18 Jahren wurde er gegen seinen Willen in den Marinedienst gepresst. Sein Freund und Biograf Richard Cecil sagte: „Die Gefährten, denen er hier begegnete, vollendeten den Verfall seiner Prinzipien“[1]. Über sich selbst schrieb Newton: „Ich war zu allem fähig. Ich hatte nicht die geringste Gottesfurcht und (soweit ich mich erinnere) auch nicht das geringste Gewissen“[2].
Als er 20 Jahre alt war, wurde er auf einer der Inseln südöstlich von Sierra Leone in Westafrika von seinem Schiff ausgesetzt und lebte etwa anderthalb Jahre lang unter erbärmlichen Bedingungen praktisch als Sklave. Die Frau seines Herrn verachtete ihn und behandelte ihn grausam. Er schrieb, dass sogar die afrikanischen Sklaven versuchten, ihm etwas von ihren eigenen mageren Rationen zuzustecken. In späteren Jahren staunte er über die scheinbar zufällige Fügung: Ein Schiff, das Rauch gesehen hatte, ging auf seiner Insel vor Anker – und ausgerechnet dessen Kapitän kannte Newtons Vater und schaffte es, ihn aus seiner Knechtschaft zu befreien. Das war im Februar 1747. Er war noch nicht ganz 21 Jahre alt, und Gott stand kurz davor, ihn zu ergreifen.
Der wertvolle Sturm auf hoher See
Das Schiff war über ein Jahr lang auf See unterwegs. Dann, am 21. März 1748, auf der Heimreise nach England im Nordatlantik, griff Gott ein, um den „afrikanischen Gotteslästerer“ zu retten.
Newton erwachte bei einem heftigen Sturm, als seine Kabine sich mit Wasser zu füllen begann. Man teilte ihn den Pumpen zu, und er hörte sich selbst sagen: „Wenn das nichts nützt, dann möge der Herr uns gnädig sein“[3]. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass er das Bedürfnis nach Gnade zum Ausdruck brachte. Er bediente die Pumpen von drei Uhr morgens bis mittags, schlief eine Stunde lang und übernahm dann das Ruder, um das Schiff bis Mitternacht zu steuern. Am Steuerrad hatte er Zeit, über sein Leben und seinen geistlichen Zustand nachzudenken.
Am nächsten Abend gegen 18 Uhr schien es, als gäbe es Hoffnung. „Ich hatte den Eindruck, dass sich die Hand Gottes zu unseren Gunsten zeigte. Ich begann zu beten: Ich konnte das Gebet des Glaubens nicht hervorbringen; ich konnte mich nicht einem versöhnten Gott nahen und ihn Vater nennen. ... Die trostlosen Prinzipien des Unglaubens waren tief in mir verankert. ... Die große Frage war nun, wie ich Glauben erlangen konnte“[4].
Vom Sklavenhändler zum Prediger
In den folgenden sechs Jahren hatte Newton, wie er später sagte, keinen „christlichen Freund oder gläubigen Geistlichen, der mir Rat geben konnte“. Er wurde Kapitän eines Sklavenschiffs und fuhr bis Dezember 1749 zur See. In seinen späteren Jahren empfand er tiefe Reue über seine Beteiligung am Sklavenhandel und schloss sich William Wilberforce in dessen Kampf gegen den Sklavenhandel an. Dreißig Jahre nachdem er die Seefahrt aufgegeben hatte, schrieb er einen Aufsatz mit dem Titel „Gedanken zum afrikanischen Sklavenhandel“, der mit einem Verweis auf „einen Handel, der so ungerecht, so grausam, so unterdrückerisch und so zerstörerisch ist wie der afrikanische Sklavenhandel!“ endete.[5]
1764 nahm Newton die Berufung zum Pastor der anglikanischen Gemeinde in Olney an und diente dort fast sechzehn Jahre lang. Im Alter von 54 Jahren nahm er die Berufung nach St. Mary Woolnoth in London an, wo er am 8. Dezember 1779 seinen Dienst begann, den er 27 Jahre lang ausübte. Seine Augen und Ohren ließen immer mehr nach, und sein guter Freund Richard Cecil schlug ihm vor, mit 80 Jahren mit dem Predigen aufzuhören, worauf Newton antwortete: „Was! Soll der alte afrikanische Gotteslästerer aufhören, solange er noch sprechen kann?“[6].
John und Mary hatten keine eigenen Kinder, adoptierten jedoch zwei Nichten. Als Mary starb, 17 Jahre vor seinem eigenen Tod, lebte er bei der Familie einer dieser Nichten, die sich um ihn kümmerte, als wäre er ihr eigener Vater. Newton starb am 21. Dezember 1807 im Alter von 82 Jahren.
Newtons Sanftmut
Wenden wir uns nun John Newtons Sanftmut zu, die sich zuerst in der spontanen Liebe zeigte, die er für nahezu jeden Menschen empfand, dem er begegnete. Laut Cecil „konnte Mr. Newton nicht länger leben, als er lieben konnte“[7]. Seine Liebe zu den Menschen kennzeichnete sein ganzes Leben. Er liebte verlorene Menschen, und er liebte seine eigene Herde Erlöster.
„Jeder, der ... die Liebe Christi gekostet und aus eigener Erfahrung die Notwendigkeit und den Wert der Erlösung erkannt hat, ist befähigt – ja, er ist verpflichtet –, seine Mitmenschen zu lieben. Er liebt sie auf den ersten Blick.“[8]
Der Ausdruck „auf den ersten Blick“ sticht in diesem Zitat besonders hervor. Newtons erster Reflex war, verlorene Menschen zu lieben.
Auch in seiner Liebe zu Kindern zeigte Newton ein klares Zeichen christusähnlicher Zärtlichkeit. „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehrt ihnen nicht“ (Mk 10,14) ist das Kennzeichen der Sanftmut, das Jesus trug. Als Newton nach Olney kam, begann er als Erstes damit, donnerstagnachmittags Treffen für Kinder zu veranstalten. Er traf sich persönlich mit ihnen, gab ihnen Aufgaben und sprach mit ihnen über die Bibel. Einmal sagte er: „Ich schätze, dass etwa 200 regelmäßig kommen“[9].
Die vielleicht bemerkenswerteste Begebenheit von Newtons Sanftmut war seine Fürsorge für William Cowper, den psychisch kranken Dichter und Kirchenliederschreiber, der zwölf der 16 Jahre, die Newton in Olney diente, dort lebte. Newton nahm Cowper zunächst für fünf Monate in seinem Haus auf, später dann für 14 Monate, als der Dichter so depressiv war, dass er kaum noch allein zurechtkam. Cecil sagte, dass Newtons Haus sein ganzes Leben lang „ein Zufluchtsort für Verzweifelte und Leidende“ gewesen sei.[10]
Was hätten die meisten von uns mit einem depressiven Menschen gemacht, der kaum noch sein Haus verlassen konnte? William Jay fasste Newtons Reaktion so zusammen: „Er hatte ein äußerst mitfühlendes Gemüt und betrachtete die Depression und Verzweiflung seines Freundes stets als körperliches Leiden, für dessen Heilung er betete, ohne jedoch jemals mit ihm darüber zu diskutieren oder zu streiten“.[11]
Woher kam diese Sanftmut? Worin lagen die Wurzeln dieser Geduld, Barmherzigkeit und Liebe?
Arzt in Bedlam
Nur wenige Dinge machen einen Menschen sanfter, als viel in der Gegenwart von Leid und Tod zu sein. „Mein Studium“, sagte Newton, „bestand, ähnlich wie das eines Chirurgen, hauptsächlich darin, durch das Krankenhaus zu gehen“[12]. Seine biblische Einschätzung des Elends, das er sah: Ein Teil davon kann in diesem Leben beseitigt werden, aber nicht viel. Er würde sein Leben dafür einsetzen, so viel Erleichterung und Frieden für Zeit und Ewigkeit zu bringen, wie er nur konnte. Doch unheilbares Leid wie Cowpers psychische Erkrankung ließ ihn nicht verhärten oder zynisch werden.
„Ich bemühe mich, durch die Welt zu gehen wie ein Arzt durch Bedlam [die berühmte Irrenanstalt]: Die Patienten machen Lärm, belästigen ihn mit Unverfrorenheit und behindern ihn bei seiner Arbeit, und doch tut er sein Bestes und schafft es so, vorwärts zu kommen“[13]. Mit anderen Worten: Seine sanfte Geduld und Beharrlichkeit im Umgang mit schwierigen Menschen entsprangen zum Teil einer sehr nüchternen und realistischen Sichtweise dessen, was man von dieser Welt erwarten kann. Das Leben ist hart und Gott ist gut.
Dieser nüchterne Realismus hinsichtlich dessen, was wir von dieser gefallenen Welt erwarten können, ist ein entscheidender Grund für die gewohnte Sanftmut im Leben von John Newton.
Erretteter Sünder
Newton führte seine Sanftmut mehr als alles andere auf seine eigene Errettung zurück. Bis zu seinem Tod hörte er nie auf, darüber zu staunen, dass, wie er im Alter von 72 Jahren sagte, „ein solcher Elender nicht nur verschont und begnadigt wurde, sondern sogar die Ehre erhielt, dein Evangelium zu predigen, das er zuvor geschmäht und abgelehnt hatte ... Das ist wirklich wunderbar! Je mehr du mich erhöht hast, desto mehr sollte ich mich selbst erniedrigen“[14].
Newton drückte diese Gedanken in seinem berühmten Kirchenlied Amazing Grace aus:
O Gnade Gottes, wunderbar, hast du errettet mich! Verloren war ich ganz und gar, nun frei und selig ich.
Die Wirkung dieses Staunens ist Sanftmut anderen gegenüber. Der „Elende“, der durch Gnade gerettet wurde, „glaubt und spürt seine eigene Schwäche und Unwürdigkeit und lebt aus der Gnade und vergebenden Liebe seines Herrn. Das verleiht ihm eine gewohnte Sanftmut und Freundlichkeit des Geistes. Demütig aus dem Bewusstsein der ihm selbst zuteil gewordenen großen Vergebung, fällt es ihm leicht, anderen zu vergeben“[15].
Freudige, dankbare Demut und Gebrochenheit als geretteter „Elender“ waren wahrscheinlich die wichtigste Wurzel für Newtons gewohnte Sanftmut anderen Menschen gegenüber.
Friedlich unter Gottes Vorsehung
Um Liebe und Sanftmut zu bewahren, die mehr über die Bedürfnisse des anderen nachdenkt als über unser eigenes Wohlbefinden, müssen wir eine unerschütterliche Hoffnung haben, dass das Leid unseres Lebens zu unserem ewigen Besten dienen wird. Andernfalls werden wir nachgeben, uns taub stellen gegenüber den Bedürfnissen anderer und sagen: „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ (1Kor 15,32). Newton fand diesen Frieden und dieses Vertrauen in der allumfassenden Vorsehung Gottes über Gut und Böse. Er beschreibt seine eigene Erfahrung, indem er den Gläubigen beschreibt:
„Sein Glaube gibt ihm Halt in allen Prüfungen, indem er ihm versichert, dass alles unter der Führung seines Herrn geschieht, dass Züchtigungen ein Zeichen seiner Liebe sind, dass die Dauer, das Ausmaß und die Häufigkeit seiner Leiden von unendlicher Weisheit beschlossen und zu seinem ewigen Besten bestimmt sind und dass ihm Gnade und Kraft zuteil werden, gemäß seinem Tag.“[16]
Dieses unerschütterliche Vertrauen darauf, dass die allumfassende Vorsehung Gottes jede Erfahrung zu seinem Besten wenden würde, gab Newton Halt, Kraft und Zuversicht, sodass er sein Leben nicht mit Murren verbrachte, sondern sang: „Doch hat die Gnade mich bewahrt und bringt mich sicher heim.“[17]
1 John Newton, The Works of John Newton, Bd. 1, Edinburg: Banner of Truth 1985, S. 9.
2 Ebd., Bd. 1, S. 12.
3 Ebd., Bd. 1, S. 26.
4 Ebd., Bd. 1, S. 28.
5 Ebd., Bd. 6, S. 123.
6 Ebd., Bd. 1, S. 88.
7 Ebd., Bd. 1, S. 95.
8 Ebd., Bd. 5, S. 132.
9 Richard Cecil und Marylynn Rouse, John Newton, Christian Focus 2001, S. 143.
10 John Newton, The Works of John Newton, Bd. 1, Edinburgh: Banner of Truth 1985, S. 95.
11 Richard Cecil und Marylynn Rouse, John Newton, Christian Focus 2001, S. 41.
12 John Newton, The Works of John Newton, Bd. 1, Edinburgh: Banner of Truth 1985, S. 100.
13 Richard Cecil und Marylynn Rouse, John Newton, Christian Focus 2001, S. 103.
14 John Newton, The Works of John Newton, Bd. 1, Edinburgh: Banner of Truth 1985, S. 86.
15 Ebd., Bd. 6, S. 70.
16 Ebd., Bd. 6, S. 169.
17 Die gängige dt. Übersetzung des Originals lautet eigentlich: „Doch hat die Gnade mich bewahrt, die Ehre Gott gebührt“.