Keiner ist wie Er
„Meine Mama hat gesagt, wenn ich will, kann ich alles werden.“ Mit diesem neuen Liedchen auf den Lippen kam meine siebenjährige Tochter kürzlich fröhlich trällernd nach Hause. Klingt plausibel für unsere modernen Ohren, nicht wahr? Ein selbstbestimmtes Leben, grenzenlose Möglichkeiten. Wir müssen nur wollen! Aber entspricht das wirklich der Realität? Können wir wirklich ALLES sein und werden, was wir wollen? Sind wir in Wirklichkeit nicht doch ziemlich begrenzt? Ist diese Selbstwahrnehmung förderlich? Führt solch ein Denken zu mehr Weisheit?
Charakterstudien mit ewiger Relevanz
Die Frage „Wie kann man in Weisheit wachsen?“ beschäftigte auch Jen Wilkin in jungen Jahren. Auf der Suche nach einer Antwort stieß sie auf Psalm 111,10: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Weisheit.“ Aber wie bekommt man mehr (Ehr)furcht vor Gott? Für sie schien es am plausibelsten, sich mit dem Charakter Gottes zu beschäftigen. Daher geht es in ihrem Buch Keiner ist wie Er um zehn Wesenszüge Gottes. Klingt etwas abgedroschen? Immerhin können doch die meisten von uns zentrale Eigenschaften Gottes zuverlässig abspulen: Gott ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig, … Um es für alle kurz zu machen, die – wie auch ich – von Buchrezensionen oft nur die ersten Zeilen überfliegen: Nein, das Buch ist überraschend aktuell und erstaunlich lebensnah. Der Grundtenor lautet: Gott ist einzigartig! Wir sind nicht Gott. Und das ist gut so!
In zehn Kapiteln geht die Autorin auf je eine Eigenschaft Gottes ein, die ausschließlich er besitzt und die wir Menschen niemals für uns beanspruchen können – auch wenn wir das gern würden. Denn nur Gott ist unendlich, unbegreiflich, selbstexistent, selbstgenügsam, ewig, unwandelbar, allgegenwärtig, allwissend, allmächtig und souverän. Ihr Ziel ist es, dass wir ihn als „den Größeren“ erkennen. Dann beginnen wir, über ihn zu staunen, ihm zu vertrauen und ihm mit Ehrfurcht zu begegnen. Wir wachsen in Weisheit. Ehrlich und humorvoll zeigt Wilkin anhand vieler Beispiele auf, wie wir im Alltag jedoch oft versuchen, göttliche Eigenschaften für uns in Anspruch zu nehmen, welche Folgen das hat und wie befreiend es ist, diese Illusion loszulassen.
Grenzgänger zwischen Anbetung und Anmaßung
Im ersten Kapitel „Unendlich – der grenzenlose Gott“ legt die Autorin die Grundlage für den Rest des Buches. Sie erklärt ausführlich, inwiefern nur Gott unbegrenzt ist:
„Der Gott der Bibel ist unendlich – unermesslich, nicht zählbar, unfassbar, ungebunden, ohne jegliche Einschränkung. … Wir können ihn nicht kontrollieren, und wir können uns niemals mit ihm vergleichen. … Wer hat alles gemessen? Gott. Wer hat Gott gemessen? Niemand. … Gott hat keinen, der sich mit ihm messen könnte. … Er setzt auch die Grenzen, an die sich Seine Schöpfung zu halten hat.“ (S. 21–22)
Allerdings sind wir Menschen seit jeher „Grenzgänger“ und „Grenzverletzer“ (S. 25). Wir streben eher nach Unbegrenztheit und Konkurrenz mit Gott, anstatt ihn widerzuspiegeln und ihn anzubeten. Statt ihm in den Eigenschaften ähnlicher zu werden, die wir als seine Ebenbilder mit ihm teilen und in denen wir wachsen sollen (etwa Liebe, Gnade und Weisheit), streben wir lieber nach den Eigenschaften, die ihm allein vorbehalten sind. Das äußert sich beispielsweise darin, dass wir von Natur aus eher überlegen, wie wir grenzenlose Macht über unsere Mitmenschen ausüben können, anstatt zu fragen, wie wir unseren Mitmenschen grenzenlose Liebe entgegenbringen können. Dabei ist unsere Begrenztheit etwas von Gott Gewolltes: „Unsere Grenzen lehren uns die Furcht des Herrn. Sie sind Erinnerungshilfen, die uns vor dem Irrtum bewahren, wir könnten Gott gleich werden“ (S. 29).
Der Fels in der Brandung
In einem weiteren Kapitel beschäftigt sie sich mit der Unwandelbarkeit Gottes. Er verändert sich nicht, er ist ewig gleichbleibend. Allein in den Psalmen wird Gott zwanzig Mal als unser „Fels“ beschrieben – ein Bild dafür, dass er ewig beständig und unfähig zu jeder Art der Veränderung ist. Welch ein Trost. „Es ist für uns absolut notwendig, dass Gott immer derselbe bleibt – unsere große Hoffnung auf Errettung liegt darin, dass Er genau so bleibt, wie Er sagt, dass Er ist, und genau das tut, was Er gesagt hat, dass Er tun werde“ (S. 114). Im Gegensatz dazu sind wir veränderliche Geschöpfe, die mit ständigen Veränderungen zurechtkommen müssen: Unsere Körper, die Lebensumstände und auch Beziehungen sind konstant im Wandel. Die einzige Sicherheit ist Gott, der sich nicht verändert. Aber worin zeigt sich, dass wir gern für uns oder andere Unwandelbarkeit beanspruchen?
„Die Traurigkeit und Frustration, die wir empfinden, wenn sich etwas verändert, von dem wir glaubten, es sei unveränderlich, offenbart unsere Neigung, das, was nur für Gott gilt, Menschen, Besitztümern oder Umständen zuzuschreiben, die nicht Er Selbst sind, oder zu erwarten, dass irdische Dinge himmlisch seien. … In Wahrheit erkläre ich vorübergehenden, sich verändernden Dingen: Ihr müsst für mich Gott sein! Bitte bleibt so, wie ihr seid!“ (S. 117)
Ebenso reagieren wir – konfrontiert mit eigenem Fehlverhalten – mit: „Ich kann mich nicht ändern.“ Unwandelbar. Das ist eine Lüge. Die Wahrheit ist:
„Der einzig Unveränderliche zerstört für immer den Mythos der Unwandelbarkeit des Menschen, indem Er das einst steinerne Herz in ein fleischernes Herz umwandelt, indem Er Sehnsüchte, die früher nur auf Selbstverherrlichung ausgerichtet waren, in solche umwandelt, die ihn verherrlichen wollen.“ (S. 118)
Lebensnahe Theologie statt trockener Lehre
Ein weiteres Buch über die Eigenschaften Gottes? Anfänglich war ich etwas skeptisch. Es gibt doch bereits zahlreiche Veröffentlichungen namhafter Autoren wie R.C. Sproul, A.W. Tozer oder J.I. Packer zu diesem Thema. Lohnt es sich daher, ein weiteres Buch zu lesen? Worin liegt der Mehrwert? Die Lektüre stellte sich jedoch als positive Überraschung für meinen – zugegebenermaßen – etwas kritischen Geist heraus. Ich hatte eine trockene, theologische Abhandlung erwartet, musste dann aber feststellen, dass der Inhalt mehr mit meinem Leben zu tun hatte, als ich zunächst gedacht oder mir vielleicht auch gewünscht hätte.
Die Stärke des Buches liegt darin, dass Wilkin nicht bei einer theoretischen Beschreibung der Eigenschaften Gottes stehen bleibt, sondern aufzeigt, wie wir Menschen uns vormachen, diese Eigenschaften ebenfalls zu besitzen. So hatte ich das Thema bisher noch nie betrachtet. Sie entlarvt unser menschliches Denken, das immer wieder versucht, sich mit Gott gleichzusetzen. Der Leser wird nicht mit der Aufgabe allein gelassen, selbst zu klären, was die Eigenschaften Gottes nun mit seinem Leben zu tun haben könnten, denn die Autorin zieht mutig Schlussfolgerungen und nennt viele praxisrelevante Beispiele. Das Buch ist ein starker Appell, umzudenken und Gott als den anzuerkennen, der er ist: einzigartig und anbetungswürdig! Damit ist es eine erfrischende Abwechslung im Dschungel der christlichen Ratgeberliteratur. Ein Plädoyer für Wachstum in Weisheit durch Gotteserkenntnis und einem veränderten Selbstverständnis anstelle von Selbstoptimierung in drei Schritten. Ein Ansatz, der nicht gerade unserem gesellschaftlichen Mainstream entspricht und daher etwas Mut vonseiten des Lesers erfordert, einen ehrlichen Blick in den Spiegel zu wagen.
Wilkins’ Schreibstil ist locker, persönlich und leicht verständlich. Ihre Beispiele zeugen von tiefer Lebenserfahrung und einer realistischen, nüchternen, aber nicht destruktiven Sicht auf den Menschen. Ihre humorvolle Art, typische Denkmuster aufzudecken, hat mich mehr als einmal zum Lachen gebracht, und immer wieder musste ich mir eingestehen: „Genauso ist es!“ Jedes Kapitel endet mit einer Auflistung passender Bibelstellen, Reflexionsfragen, Anregungen zum Gebet und einem passenden Lied. Daher bietet sich eine Verwendung in Frauenkreisen, Buchgruppen oder einer persönlichen Andacht an. Ein Buch, ursprünglich geschrieben für Frauen und optisch liebevoll und ansprechend gestaltet für das weibliche Auge, aber inhaltlich genauso lesenswert für Männer. Trotz einiger sprachlicher und stilistischer Schwächen im deutschen Text ist es aufgrund des tiefgründigen Inhalts auf alle Fälle empfehlenswert.
Von der Selbstüberschätzung zur Gottesfurcht
„Meine Mama hat gesagt, wenn ich will, kann ich alles werden.“ Ja, vermutlich wird meine Tochter einen Beruf wählen können, der ihr entspricht. Ja, glücklicherweise haben wir heute mehr Möglichkeiten, in unseren Begabungen zu leben, und sind weniger geknebelt durch starre Rollenzuschreibungen und vorgegebene Lebensentwürfe als vergangene Generationen. Aber wir können nicht alles sein und werden, was wir wollen. Wir sind nicht Gott. Sich das ins Bewusstsein zu rufen, ist elementar – für mich, meine Tochter und alle, die in der Weisheit wachsen möchten, denn: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Weisheit.“
Buch
Jen Wilkin, Keiner ist wie Er: Wie man eine gottesfürchtige Frau wird, Reichshof: Voice of Hope, 2024, 220 Seiten, 24,90 EUR.