Die Theologie der Scholastiker

Artikel von Carl R. Trueman
6. Januar 2026 — 10 Min Lesedauer

Historischer Hintergrund

Es gibt eine lange Tradition, den Begriff „Scholastik“ abwertend zu verwenden, um eine rationalistische, abstrakte, triviale, pedantische oder obskure Theologie zu beschreiben. Man sollte jedoch solch rhetorische Verwendung des Begriffs nicht mit seiner ursprünglichen Bedeutung verwechseln, oder ihn gar implizit als Bezeichnung für gewisse theologische oder philosophische Überzeugungen verwenden. Denn eigentlich bezieht sich „Scholastik“ auf die Form, anstatt auf konkrete Inhalte.

Im eigentlichen Wortsinn bedeutet Scholastik „schulisch“ oder „von der Schule“ und bezeichnet die Art und Weise, wie Theologie an mittelalterlichen Universitäten gelehrt und bis zum Beginn der Aufklärung mit ihrer Umgestaltung von Pädagogik und Lehrplänen vermittelt wurde.

Es gibt Hinweise darauf, dass an manchen Kathedralen bereits im 6. Jahrhundert Schulen entstanden, an denen der Klerus unterrichtet wurde. Unter Karl dem Großen im 8. Jahrhundert verfestigte sich diese Art geistlicher Bildung. In den folgenden Jahrhunderten waren Domschulen und Klöster die Kernstätten theologischer Bildung – obgleich es auch immer wieder unabhängige, charismatische Personen gab, die ebenfalls als Lehrer der Theologie auftragen. Petrus Abaelard ist vielleicht der Bekannteste von ihnen.

Auf dem mittelalterlichen Studienplan standen zunächst die sieben freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie), nach denen man ein Studium einer der drei höheren Disziplinen antreten konnte: Recht, Medizin und Theologie. Grundlage für ein theologisches Studium war also ein vorheriges Studium der freien Künste. Auch war die Theologie eine einheitliche Disziplin, und nicht eine Anzahl Unterdisziplinen, wie es an den Universitäten heute der Fall ist. Sie stellte also sowohl die Krönung allen menschlichen Wissens dar als auch ein einheitliches Glaubenssystem, das auf Bibelexegese beruhte und systematisch erfasst werden konnte. Letztere Annahme bestand mindestens seit Origenes im 3. Jahrhundert, dessen Werk De principiis wohl die erste systematische Theologie war. Dieses Buch war von großer Bedeutung für den Aufstieg der mittelalterlichen Theologie, wie sie in scholastischen Systemen zum Ausdruck kam.

Diese allgemeinen Annahmen über die Natur des Wissens und der Wahrheit führten zu einer besonderen Form der Pädagogik. In Petrus Abaelards (ca. 1079–1142) umstrittenen Werk Sic et Non (wörtlich „Ja und Nein“) wird Theologie auf dialektische Weise dargestellt, indem scheinbar widersprüchliche Ansichten zu einer Reihe theologischer Themen einander gegenübergestellt werden. Abaelard wollte damit zweifellos herausfordern. Die Tatsache, dass verschiedene theologische Autoritäten unterschiedlicher Meinung waren, verdeutlichte, dass es einer Methode bedurfte, um solche Widersprüche aufzulösen. Dies sollte ein Schlüsselelement der Lehrmethode der Scholastiker werden.

Ein weiterer Faktor für die Entwicklung der Scholastik war die mittelalterliche Buchproduktion. Bis zur Einführung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im 15. Jahrhundert war es unmöglich, Bücher in Massenproduktion herzustellen, und sie waren sehr teuer. Daher wurden Kompendien erstellt, die wichtige Zitate bedeutender Denker enthielten und als autoritativ galten. Das bei weitem wichtigste Kompendium war das von Petrus Lombardus (ca. 1096–1160) erstellte Buch der Sentenzen, eine thematisch geordnete Sammlung von Bibelstellen und Zitaten früherer Kirchenväter. Obwohl das Werk selbst nicht dialektisch aufgebaut war, wurde es zum wichtigsten Lehrbuch der Theologie im mittelalterlichen Unterricht. Um als Theologie an einer mittelalterlichen Universität zu lehren, musste man sowohl Vorlesungen über die Bücher der Bibel als auch über Lombards Sentenzen halten.

Scholastik im Mittelalter

Wie oben erwähnt, bezieht sich Scholastik auf die pädagogische Methode, die an der mittelalterlichen Universität angewendet wurde. Der Kern der scholastischen Methode war das vom Professor geleitete Gespräch, das über eine strittige Frage geführt wurde. Dabei handelte es sich um Fragen, über die die Experten offenbar unterschiedliche Meinungen hatten. Zum Beispiel: Existiert Gott? Dann wurden Argumente für und gegen die Existenz Gottes aufgeführt, bis der Professor eine endgültige Antwort gab und dann die Schwächen und Fehler der aufgeführten Argumente oder Missverständnisse und fehlerhafte Anwendungen von zitierten Autoritäten aufzeigte. Oft (wie in Thomas von Aquins Summa Theologiae) basierte das Argument für die eine Seite auf Logik und wurde ausführlich dargelegt, während das Argument für die andere Seite lediglich ein Zitat einer bestimmten Autorität war. Die Fragen waren miteinander verbunden und fügten sich in eine Gesamtstruktur ein, die eine kohärente christliche Theologie konstituierte, anstatt nur isolierte Aussagen zu einzelnen Lehren zu treffen.

Auch antike heidnische Philosophen, insbesondere Aristoteles, aber auch Platon, Cicero und andere, wurden häufig von scholastischen Denkern herangezogen. Dies bedeutete keineswegs, dass die Scholastik von heidnischer Philosophie angetrieben war oder dass alle Scholastiker einem einzigen metaphysischen Ansatz vertraten.

Erstens war das Lehren strittiger Fragen nicht die einzige Betätigung mittelalterlicher Theologen, sondern sie gaben auch Unterricht in der Bibelauslegung. Zweitens waren Meinungsverschiedenheiten bezüglich metaphysischer Fragen typisch für die mittelalterliche Theologie. Es gab in etwa Differenzen über Nominalismus und Realismus sowie über die Metaphysik des Seins, insbesondere in Bezug auf die Art und Weise, wie Sprache sowohl auf Gott als auch auf Geschöpfe angewendet werden konnte. Drittens gab es trotz häufiger Verallgemeinerungen späterer Generationen (ab Luther) über den unglücklichen Einfluss des Schreckgespenstes namens „Aristotelismus” auf die scholastische Theologie im Mittelalter keine einheitliche Form der „aristotelischen” Metaphysik, sondern nur eine breite Sammlung von Kommentarüberlieferungen zum aristotelischen Korpus, der in eklektischer Weise auf die christliche Theologie angewandt werden konnte. Die Vorstellung, dass Scholastik gleichbedeutend mit Aristotelismus und Rationalismus ist, ist sowohl historisch als auch inhaltlich unhaltbar. Die Scholastiker waren der Idee verpflichtet, dass die Wahrheit letztlich eine kohärente, metaphysische Einheit ist, die für die Universität an sich grundlegend war, die eine Vielzahl von Disziplinen als Teil eines Ganzen miteinander verbinden wollte.

Von den mittelalterlichen scholastischen Theologen waren Alexander von Hales (ca. 1185–1245), Albertus Magnus (gest. 1280), Bonaventura (1221–74), Thomas von Aquin (1225–1274), Duns Scotus (ca. 1266–1308), Wilhelm von Ockham (ca. 1287–1347) und Gabriel Biel (ca. 1420–95) die Wichtigsten. Von diesen erwies sich Thomas von Aquin als der bedeutendste für den späteren Katholizismus.

Renaissance und Reformation

Mit der breiten kulturellen Wiederentdeckung des antiken Wissens in der Renaissance und der zunehmenden Bedeutung von klassischer Rhetorik als Methode wahrer Wissenschaft wurden die mittelalterliche scholastische Methode und Theologie zunehmend zu einem Gegenstand des Spottes und der Verachtung unter den Literaten, die später als Humanisten bezeichnet wurden. Der Aufstieg der Sprachwissenschaften und die zunehmende Verfügbarkeit vollständiger Texte der Antike und der Kirchenväter verbreiteten die Ansicht, dass das mittelalterliche Denken, insbesondere in seiner scholastischen Form, für Obskurantismus und Pedanterie stand.

Die Reformation bestärkte diese Verunglimpfung der Scholastik. Luther lehnte sie als aristotelisch, von der Bibelexegese abgewichen und mit Irrlehren verbunden ab. Luther und die anderen Reformatoren, die ähnlichen rhetorische Wege einschlugen, lagen allerdings falsch. Die Scholastik war eine Methode und hatte über eine grundlegende Annahme über die Einheit der Wahrheit hinaus wenig intrinsischen metaphysischen oder theologischen Inhalt; und ihre Vertreter waren nach den Maßstäben ihrer Zeit allesamt versierte Bibelexegeten, auch wenn sie keinen Zugang zu den textlichen und sprachlichen Hilfsmitteln hatten, über die die Humanisten und Reformatoren verfügten. Tatsächlich standen Humanismus und Scholastik keineswegs im Gegensatz, sondern gehörten zu völlig unterschiedlichen Diskursbereichen. Der Humanismus war ein literarisch-kulturelles Projekt, während die Scholastik eine pädagogische Lehrmethode war. Man konnte ohne Weiteres sowohl Humanist als auch scholastischer Theologe sein, wie das Beispiel des Dichters und Dialektikers Theodor Beza deutlich macht.

Der Protestantismus nach der Reformation

Im späten 16. und 17. Jahrhundert eignete sich der Protestantismus die scholastische Methode für seine eigenen Zwecke an. Dafür waren vier Faktoren ausschlaggebend. Erstens hatte sich der Protestantismus im universitären Kontext etabliert. Das bedeutete, dass theologische Lehrpläne entwickelt werden mussten, die eine Verbindung zu den anderen Universitätsdisziplinen herstellten. Zweitens zwangen die polemische Raffinesse des wiederauflebenden römischen Katholizismus und die Herausforderung durch die antimetaphysischen Sozinianer die protestantischen Theologen dazu, sich mit denselben metaphysischen Fragen auseinanderzusetzen und auf die etablierten metaphysischen Quellen der mittelalterlichen Scholastik zurückzugreifen. Da die protestantischen Reformatoren innerhalb derselben breiten metaphysischen Parameter wie die des Mittelalters operierten, war dies unvermeidlich. Der Protestantismus wollte seine Theologie ausarbeiten und verteidigen und sie gleichzeitig in den etablierten Wissensrahmen integrieren. Drittens enthielten die Bibliotheken der Universitäten, die protestantisch wurden, weiterhin bedeutende Werke mittelalterlicher Theologie, auf die sich Professoren stützten. Viertens war die scholastische Methode der Disputation eine bemerkenswert effektive Form der Pädagogik, und die Reformation stellte dafür auch keine Herausforderung dar.

Infolgedessen tauchten die scholastische Methode und ein Großteil der im Mittelalter entwickelten Terminologie in der protestantischen Orthodoxie wieder auf, sowohl in ihrer lutherischen als auch in ihrer reformierten Strömung. Gute Beispiele unter den Lutheranern sind Johann Gerhard (1582–1637), Abraham Calovius (1612–86) und Johannes Andreas Quenstedt (1617–88); unter den Reformierten Gisbertus Voetius (1589–1676), John Owen (1616–83) und Francois Turrettini (1623–87). Es kam jedoch vor, dass die Protestanten weiterhin die antischolastische Rhetorik der Renaissance benutzten, obwohl sie scholastische Methoden anwendeten: Samuel Rutherford beispielsweise konnte „Stecknadelkopf-Scholastiker” scharf kritisieren, während er gleichzeitig ein Werk mit dem Titel Dispotatio scholastica de providentia verfasste.

Die Scholastik in der Moderne

Obwohl die scholastische Methode an den Universitäten durch die Denkweisen der Aufklärung verdrängt wurde, starb sie nicht vollständig aus. Im römischen Katholizismus blieb der Dominikanerorden der Theologie und Methode des Thomas von Aquin treu, während unter den Protestanten der bemerkenswerte und vielseitige reformierte Baptist John Gill (1697–1771) 1767 ein ausgeklügeltes scholastisches System namens A Body of Doctrinal Divinity (dt. Ein Werk der göttlichen Lehre) schuf. Doch der Aufstieg der Bibelwissenschaft als eigenständiger Zweig der Theologie und der biblischen Theologie unter Lehrern wie John Philip Gabler (1753–1826) trug zur Fragmentierung der theologischen Disziplin und zur Untergrabung des scholastischen Projekts bei. Selbst innerhalb orthodox-protestantischer Kreise führten das Misstrauen gegenüber der systematischen Theologie und die Betonung der Bibelwissenschaft dazu, dass der klassische dogmatische Ansatz, für den die scholastische Methode so gut geeignet war, an den Rand gedrängt wurde.

In den letzten Jahren war jedoch sowohl im römischen Katholizismus als auch im Protestantismus ein wiederauflebendes Interesse an der traditionellen Metaphysik, an der Aneignung der historischen christlichen Tradition und an der Integration der christlichen Theologie in ein umfassenderes Weltverständnis zu beobachten, dass zu einer Wiederbelebung der Scholastik beiträgt. Historiker zeigen die positive Beziehung zwischen der mittelalterlichen Theologie und dem Protestantismus nach der Reformation auf, und Systematiker lernen die umfassende Herangehensweise an die Theologie schätzen, die die mittelalterliche scholastische Methode verkörpert. So haben unter den Katholiken die Werke von Reginald Garrigou-Lagrange (1877–1964) und den zeitgenössischen Theologen Thomas Weinandy und Thomas Joseph White dazu beigetragen, das Interesse sowohl an der scholastischen Methode als auch an der Theologie wiederzubeleben.

Im Protestantismus hat die Reformed Catholicity-Bewegung von Scott R. Swain und Michael Allen dazu geführt, dass man sich erneut darüber Gedanken macht, wie theologische, exegetische und metaphysische Anliegen vereint werden können, wie es in der mittelalterlichen Scholastik angestrebt wurde.

Literaturhinweise

  • Thomas Aquin, Summa Theologiae, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1985. (Es handelt sich um eine gekürzte Ausgabe der Summa.)
  • Ulrich G. Leinsle, Einführung in die scholastische Theologie, Paderborn 1995.
  • Ryan McGraw, Reformed Scholasticism: Recovering the Tools of Reformed Theology, T&T Clark 2019.
  • Willem J. Van Asselt, Introduction to Reformed Scholasticism, Reformation Heritage 2011.
  • Heinrich Schmid, Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche, Erlangen 1843.