Nützt es mir, wenn ich die Zukunft kenne?

Artikel von Jen Wilkin
31. Dezember 2025 — 4 Min Lesedauer
„Sorgt euch um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.“ (Phil 4,6)

Der oben aufgeführte Vers gehört zu den meistzitierten Bibelstellen. In Anlehnung an die Worte Jesu, sich nicht um den morgigen Tag zu sorgen (vgl. Mt 6,34), bietet er uns ein Gegenmittel, um mit unserer Angst richtig umzugehen: das Gebet.

Und was könnte einfacher sein? Unsere aktuelle Lage verursacht Angst und wir können den Weg vor uns nicht sehen, also neigen wir unser Haupt und bitten um Hilfe.

Unsere Bitten verraten jedoch viel über unser Selbstverständnis, über Angst im Allgemeinen und auch über Gott. Wenn wir nicht genau darauf achten, welche Art von Bitten Paulus bei seiner Ermahnung im Sinn hat, können Gebete in Momenten der Angst tatsächlich zu noch größerer Angst führen.

Ja, wir machen uns Sorgen um unsere Zukunft und fragen uns, was wir unternehmen sollen, wenn Schwierigkeiten in unseren Freundschaften, Finanzen und Familien auftreten. Wenn wir nur etwas mehr darüber wüssten, was als Nächstes kommt, könnten wir sicherlich unsere Ängste ablegen und eine proaktive Haltung einnehmen. Und natürlich könnten wir gelassen bleiben und Gott vertrauen!

Wir bringen unsere Bitten vor Gott: „Herr, bitte zeige mir, was ich als Nächstes tun soll. Schenke Licht für den morgigen Tag.“

Wir meinen, wir würden einer klaren göttlichen Anweisung unbedingt und absolut folgen – wenn wir sie denn bekämen. Die Geschichte von Mose am brennenden Dornbusch belehrt uns jedoch eines Besseren. Gott selbst gibt Mose den Auftrag, nach Ägypten zu gehen und sein Volk zu befreien. Das Ergebnis? Extreme Angst, Widerwille gegenüber dem Auftrag, eine Identitätskrise. Die klaren Worte des Herrn brachten Mose weder Zuversicht noch Frieden.

Wir meinen, wir hätten Frieden, wenn Gott uns nur ein sicheres Zeichen gäbe. Die Geschichte von Gideon belehrt uns jedoch eines Besseren. Seine Bitten, Gott möge doch beweisen, dass er tun wird, was er bereits versprochen hat, entehren den Gott, dem er seine Bitten vorträgt. Indem er ein Wollvlies auslegt, stellt er den Herrn, seinen Gott, auf die Probe. Die auf seine Forderung hin vollbrachten Wunderzeichen führen in ihm weder zu Entschlossenheit noch zu tatkräftigem Handeln.

Wir meinen, wir würden das Wissen darüber, was morgen passieren wird, klug nutzen, um weise Entscheidungen zu treffen. Die Geschichte von Petrus, der seinen Herrn verleugnete, belehrt uns jedoch eines Besseren. Jesus sagt ihm ausdrücklich, dass seine Angst ihn in unmittelbarer Zukunft zur Sünde verleiten wird – was ihn nicht dazu bringt, seinen Kurs zu ändern. Petrus’ Wissen um die Zukunft führt nicht zu einer Kurskorrektur, sondern verurteilt ihn schlussendlich. Vorherwissen führte bei Petrus weder zu Reue noch zu Demut.

Es ist eine Sache, Gott zu sagen, dass wir uns Sorgen um die Zukunft machen; eine andere, ihn zu bitten, uns die Zukunft zu offenbaren. Ersteres ist ein Bekenntnis, Letzteres eine Bitte. Sowohl Bekenntnisse als auch Bitten sind Facetten des Gebets, aber während unsere Bekenntnisse von Sorgen oder Sünden Gott immer wohlgefällig sind, gilt das nicht für alle unsere ängstlichen Bitten.

Wann immer wir Gott um sicheres Wissen über unsere Zukunft bitten, sollten wir vorsichtig sein. Dieses Wissen gehört zu den geheimen und verborgenen Dingen Gottes (vgl. 5Mose 29,28). Diejenigen, die das Gebet als Kristallkugel benutzen wollen, vergessen ihre Berufung, im Glauben und nicht im Schauen zu wandeln, und sie vergessen das Segenswort Christi: „Glückselig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh 20,29).

Hat Gott seinen Dienern zu verschiedenen Zeiten klare, konkrete Anweisungen gegeben? Ja. In der Bibel finden wir diese Berichte, aber sie werden dort nicht als die Norm präsentiert. Und außerdem bringen diese Offenbarungen, wie wir gesehen haben, nicht unbedingt den Frieden, den wir uns von ihnen erhoffen.

Denk daran, dass in Hebräer 11 nicht steht, dass Abel, Henoch, Abraham, Isaak, Jakob und die übrigen dieser großen Schar mit vollkommener Klarheit und Zuversicht wandelten; sie wandelten im Glauben. Zweifellos hatten sie viele Ängste und ihre Sicht war getrübt. Aber ihr Gott war treu und ist es bis heute.

Welche Bitten sollten wir also vor Gott bringen, wenn wir ängstlich und voller Sorge sind? Dass er unseren Glauben stärkt (vgl. Lk 17,5), uns Vertrauen lehrt (vgl. Ps 71), uns Weisheit schenkt (vgl. Jak 1,5), uns hilft, unsere sorgenvollen Gedanken gefangen zu nehmen unter den Gehorsam Christi (vgl. 2Kor 10,5), uns heute mit dem täglichen Brot seiner Gegenwart versorgt (vgl. Mt 6,11) und uns an seine Treue gegenüber uns und allen Generationen erinnert (vgl. Ps 119,90).

Diese Bitten werden erhört mit dem „Friede[n] Gottes, der allen Verstand übersteigt“ (Phil 4,7). Nicht der unsichere Friede, zu wissen, was die Zukunft bringt, sondern der vollkommene Friede, in dem einen zu ruhen, der die Zukunft kennt und in der Hand hält.