Lies ganze Bücher, nicht KI- Zusammenfassungen

Artikel von Brett McCracken
29. Dezember 2025 — 7 Min Lesedauer

Der Autor Packy McCormick teilte kürzlich auf X (ehemals Twitter) einen viralen Post, in dem er folgenden „Profi-Tipp“ gab: „Man kann im Grunde mehr als 100 Bücher pro Tag lesen, indem man ChatGPT bittet, sie zusammenzufassen.“¹

Er meinte das nicht ernst – es war nur ein Witz, der eine Diskussion anregen sollte. Er traf aber einen Nerv, weil es etwas zu sein schien, wofür sich Leute bald ernsthaft einsetzen würden – wenn sie es nicht schon taten. Wahrscheinlicher ist es aber, dass die Praxis ein unausgesprochenes Tabu wird, das Menschen dennoch anwenden – um als belesen oder informiert zu wirken –, ohne gern zuzugeben, wie sie es tun.

Wenn SparkNotes (eine Lern-App für Zusammenfassungen von Texten) für Studenten meiner Generation als Abkürzung (um das Lesen eines Buches zu umgehen) attraktiv war – dann wird „KI-Buchzusammenfassung“ in Zukunft sicherlich eine echte Versuchung sein. Es wird schwer sein, einem Trick zu widerstehen, der die Vorteile des Lesens eines Buches (nämlich die „Schlüsselerkenntnisse“) verspricht und bei dem man sich den enormen Zeitaufwand spart, Hunderte von Seiten zu lesen. Das Leben ist hektisch, Zeit ist knapp und es gibt weit mehr großartige Bücher da draußen, als wir jemals tatsächlich lesen könnten. Warum also noch Bücher „lesen“, wenn man sich doch auf die Synthesefähigkeiten der KI stützen und so effizienter Wissen erlangen kann?

Weil es ein schlechter Tausch ist. Es ist, als würde man ein Festmahl gegen Fast Food eintauschen.

Die Freude (und Mühe) des Prozesses umgehen

Folgende Vergleiche zeigen uns den Irrweg auf, sollte man sich für eine KI-Zusammenfassung anstelle des tatsächlichen Lesens eines Buches entscheiden. Es ist, als würde man …

  • ein 10-Gänge-Menü eines Sterne-Restaurants pürieren und in einem Schluck hinunterstürzen.
  • eine Wikipedia-Handlungszusammenfassung eines Christopher-Nolan-Films lesen, anstatt den Film im IMAX-Kino zu sehen.
  • durch TV-Episoden mit doppelter Geschwindigkeit rasen, nur um zum Ende zu kommen und zu sehen, was passiert.
  • Paris auf Google Maps erkunden, anstatt einen Spaziergang durch die echten Straßen zu machen.²

Es ist leicht nachzuvollziehen, warum technologische „Tricks“ verlockend sind. Sie versprechen, Mühsal zu verringern: Mühsal des Wartens, Mühsal des Prozesses, Mühsal von Grenzen, sowie die Mühsal unkontrollierbarer Umgebungen und unvorhersehbarer Ergebnisse.

Die Verlockung von Abkürzungen

Abkürzungen haben Menschen schon seit dem Garten Eden gereizt, als Adam und Eva Gottes Weisheit erlangen wollten – jedoch nicht zu Gottes Bedingungen oder in seinem Zeitplan. Die moderne Technologie verleiht dem uralten Streben nach Grenzenlosigkeit, Optimierung und Effizienz (was Jacques Ellul als „Technik“³ bezeichnete) eine neue Durchschlagskraft.

Meine Frau ist schwanger, und deshalb habe ich über Gottes Gnaden-Design der Schwangerschaft als einen 9,5-monatigen Prozess nachgedacht. Es ist eine lange Prozedur, die für Frauen ohne Zweifel schmerzhaft lang erscheint. Wäre es nicht einfacher, wenn wir Babys einfach so bekämen wie ein Paar Socken bei Amazon Prime? Wenn man ein Baby „bestellen“ und per Lieferung am nächsten Tag erhalten könnte, wäre das nicht vorzuziehen gegenüber dem qualvoll langen, riskanten Prozess der Schwangerschaft? Die meisten von uns würden zustimmen, dass das furchtbar wäre. Technologen arbeiten aber hart daran, Gottes scheinbar ineffizientes Design für die Entstehung von Babys⁴ zu „überwinden“. Paare, die ein von einer Leihmutter ausgetragenes Baby⁵ kaufen, nutzen bereits „Technik“, indem sie das Unmögliche, eigene Kinder zu gebären, unverfroren herausfordern.

Unser Fleisch ist ständig von Abkürzungen versucht: den Prozess zu umgehen, um direkt zum gewünschten Ergebnis zu gelangen. Aber der Prozess ist wichtig. Schnell-reich-werden-Projekte, Glücksspiel, Diätwahn, „Wundermittel“ und andere Abkürzungs-Versuchungen gehen größtenteils nach hinten los.

Gott schätzt und würdigt den Prozess. Er macht es uns selbst vor. Er hätte mit den Fingern schnippen und die Welt in einer Millisekunde erschaffen können. Stattdessen nahm er sich sieben Tage Zeit. Jesu Methode der Jüngerschaft (bei Petrus zum Beispiel) sowie seine bevorzugte Art des Lehrens durch Fragen aufwerfende Gleichnisse zeigen, dass er geduldigen Prozess und Glauben über „Schlüsselerkenntnisse“ und sofortige Ergebnisse stellt. Effizienz und optimierte Zeit scheinen nicht Gottes höchste Priorität zu sein. Also sollten sie es bei uns auch nicht sein.

Der Wert des Lesens

Wenn der Hauptwert des Bücherlesens nur „praktische Erkenntnisse“ oder „angeeignetes Wissen“ wäre, dann könnten KI-Zusammenfassungen wahrscheinlich den Zweck erfüllen. Aber der Akt des Lesens hat einen immensen Wert, den wir zu verlieren riskieren, wenn wir die KI für uns lesen lassen. Bedenke nur einige Vorteile:

  • Wenn wir einem Buch über einen langen Zeitraum unsere Aufmerksamkeit schenken, hilft uns das, tiefer und schärfer über ein bestimmtes Thema nachzudenken oder das Verständnis für andere Perspektiven oder Lebenserfahrungen zu vertiefen.
  • Lesen trainiert unsere kritische Denkfähigkeit. Die mit Lesen verbrachte Zeit ist wie die Zeit im Fitnessstudio. Je mehr wir es tun, desto (geistig oder körperlich) beweglicher werden wir.
  • Lesen hilft uns, die Kunst des Zuhörens und der Demut zu entwickeln. Still zu sitzen und aktiv der Perspektive oder Argumentation eines anderen zu folgen, ohne unsere eigene Meinung einzubringen oder mitten im „Gespräch“ abzubrechen, ist eine wertvolle Übung in einer Welt, die zunehmend die Fähigkeit – oder die Bereitschaft – verliert, andere zu hören.

Als „Kinder des Wortes“  haben Christen einen weiteren Grund, für das Lesen zu kämpfen: Gott hat sich in geschriebenen Worten offenbart. Wenn die nächste Generation das Lesen an KI auslagert und dabei die Fähigkeit verliert, lange Texte zu entschlüsseln, was wird das für ihr biblisches Leseverständnis und geistliches Wachstum bedeuten?

Ein gehaltvolles Andachtsleben erfordert, Zeit in Gottes Wort zu verbringen, nicht bloß die KI zu bitten, es für uns zusammenzufassen. Ein „biblischer“ Christ zu sein, bedeutet nicht nur, Brocken von biblischem Wissen im Kopf gespeichert zu haben. Es bedeutet, regelmäßig in die Seiten der Schrift einzutauchen, sie gewohnheitsmäßig aufzusaugen, sie begierig zu verschlingen und ihre Wahrheiten zu genießen – die süßer sind als Honig (vgl. Ps 119,103).

KI mag unseren Verstand ansprechen können, indem sie biblische Ideen für uns synthetisiert und zusammenfasst. Sie kann aber nicht unser Herz ansprechen, indem sie uns dazu bringt, Gottes Wort zu lieben. Unsere Zuneigungen und Vorlieben werden mit der Zeit geschult, und zwar im Prozess des Eintauchens in die süßen Reichtümer des Wortes Gottes. Gott will uns in der Schrift nicht nur ein paar Ideen mitteilen. Er will Gemeinschaft mit uns haben, während wir ihm unsere ungeteilte und begierige Aufmerksamkeit schenken. Wir trainieren unser Herz und unseren Verstand darin, diese Art von Gemeinschaft mit Gottes Buch zu erleben, indem wir so oft wie möglich auch mit anderen Büchern üben.

Also: Weg mit den KI-Zusammenfassungen und her mit den Büchern!


1Packy M. [@packyM] (17. Juli 2025): „…“ [Tweet]. X, online unter: https://x.com/packyM/status/1941581399351288033 (Stand: 20.11.2025).

2Alan Noble [@TheAlanNoble], „Lab-grown sperm and eggs will be just a few years away“ [Tweet], X, 17. Juli 2025, online unter: https://x.com/TheAlanNoble/status/1941677814035464295 (Stand: 20.11.2025).

3Noah Senthil, „Resist Paganism. Embrace Inefficiency. Give Thanks.“, The Gospel Coalition, 27. November 2024, online unter: https://www.thegospelcoalition.org/article/resist-paganism-give-thanks/ (Stand: 20.11.2025).

4Hannah Devlin, „Lab-grown sperm and eggs just a few years away, scientists say“, The Guardian, 5. Juli 2025, online unter: https://www.theguardian.com/science/2025/jul/05/lab-grown-sperm-and-eggs-scientists-reproduction (Stand: 20.11.2025).

5Noah Senthil, „Should Christians Practice Surrogacy?“, The Gospel Coalition, online unter: https://www.thegospelcoalition.org/article/should-christians-practice-surrogacy/ (Stand: 20.11.2025).