6 Gründe, weshalb wir das Prinzip der Auslegungspredigt nicht abschaffen sollten

Artikel von D.A. Carson
5. November 2013 — 8 min Lesedauer

Der puritanische Theologe William Perkins beschrieb einmal vier Grundsätze des Predigens:

  1. Der Text muss deutlich aus den kanonischen Schriften vorgelesen werden.
  2. Die Schrift muss mit der Schrift selbst ausgelegt und verständlich gemacht werden.
  3. Die wichtigen Lehrpunkte der Predigt müssen aus der natürlichen Lesart des Textes entnommen werden.
  4. Und sofern man dazu fähig ist, sollten aus diesen Lehren praktische und verständliche Anwendungen für das Leben abgeleitet werden.

Diese Beschreibung offenbart eine erfrischend simple Wahrheit. Unser Ziel als Prediger ist nicht, die größten Gelehrten unserer Zeit zu werden, noch unsere Zuhörer zu amüsieren oder ihnen zu geben, was sie hören wollen, ja es ist nicht einmal unser Ziel, große Gemeinden zu gründen.

Das Ziel eines Predigers ist es, die Lehren der Heilige Schrift verständlich auszulegen und sie so in den Zusammenhang mit anderen Textstellen zu setzen, dass der Zuhörer ihre Bedeutung besser versteht und sie auf sein eigenes Leben anwenden kann, damit er dadurch belehrt, überführt, zurechtgewiesen und erzogen wird. Wie könnte dieses Ziel besser erreicht werden als durch das Prinzip der Auslegungspredigt?

Vorteile von textauslegenden Predigten

Manche von uns benutzen den Begriff Auslegungspredigt für alle Arten von bibeltreuer Verkündigung. Ich jedoch unterscheide die Auslegungspredigt von Themen- oder Textpredigten1 und anderen Methoden, weil eine Textauslegung von ihrem Bibeltext bestimmt wird. Die Auslegungspredigt entspringt direkt und nachvollziehbar ihrer zugrundeliegenden Textpassage.

Es gibt eine Fülle von Gründen, warum die Auslegungspredigt es verdient, die primäre Methode unserer Verkündigung zu sein.

  1. Sie ist die Methode, die uns am ehesten davor bewahrt, von der Heiligen Schrift abzuweichen. Zum Beispiel kann man in einer Predigt über das Thema „Selbstannahme“ sicherlich wertvolle Gedanken aus dem Wort Gottes schöpfen. Aber selbst, wenn man dabei vollkommen wahre Inhalte widergibt, ist man doch leicht dazu geneigt, diese von der eigentlichen Kernbotschaft der Bibel isoliert zu betrachten. Die Auslegungspredigt hilft uns im Gegensatz dazu, das Hauptthema der Schrift im Blick zu behalten.
  2. Sie erklärt den Zuhörern, wie sie selbst ihre Bibeln recht studieren können. Besonders bei langen Textabschnitten verhilft die Auslegungspredigt dem Zuhörer dabei, die Passage Schritt für Schritt zu durchdenken, zu verstehen und somit Gottes Wort auf das eigene Leben anzuwenden.
  3. Sie erfüllt den Prediger mit Zuversicht und verleiht seiner Botschaft Autorität. Wer treu im Umgang mit dem Bibeltext ist, kann sich sicher sein, dass seine Botschaft wirklich die Botschaft Gottes ist. Es ist gleichgültig, wie die aktuelle Gemeindesituation auch sein mag, ob sie wächst und die Menschen einen mögen. Wer die Schrift auslegt, weiß, dass er Gottes Wort verkündigt. Was für eine befreiende Nachricht!
  4. Sie bietet eine lebensnahe Botschaft, ohne sich vom Aufschrei nach praktischer Relevanz diktieren zu lassen. Jede gute Predigt schafft die Brücke zum Leben und das ist in unserer Generation sicher von besonderer Wichtigkeit, doch die Auslegungspredigt hält gleichsam auch die Ewigkeit im Blick und konfrontiert uns mit der gleichen.
  5. Sie fordert den Prediger dazu heraus, auch die ernsthaften Fragen anzugehen. Als Auslegungsprediger arbeitet man sich Text für Text voran, bis man irgendwann zu Stellen gelangt, die Scheidung, Homosexualität oder die Rolle der Frau in der Gemeinde thematisieren und man sich diesen Herausforderungen folglich stellen muss.
  6. Das Prinzip der Auslegungspredigt befähigt den Prediger dazu, systematisch den ganzen Ratschluss Gottes zu entfalten. In den letzten 15 Jahren seines Lebens legte Johannes Calvin 1. und 5. Mose, Richter, Hiob, die Psalmen, die Bücher Samuel, 1. Könige, die großen und kleinen Propheten, die Evangelien in Form einer Evangelienharmonie, die Apostelgeschichte, die Korintherbriefe, Galater, Epheser, die Briefe des Paulus, die Thessalonicher und die Pastoralbriefe aus. Ich möchte hierbei nicht anmerken, dass wir in gleicher Weise vorgehen müssen, doch wenn wir den ganzen Ratschluss Gottes verkündigen wollen, dann müssen wir auch durch die ganze Bibel predigen. Andere Predigtmethoden haben sicherlich auch ihre Vorzüge, doch keine von ihnen bereichert unsere Gemeinden Woche für Woche so sehr, wie die sorgfältige und treue Auslegung des Wortes Gottes.

1 Predigten, in welchen einzelne Aspekte oder Inhalte einer Perikope aufgegriffen und vom Prediger weiter entfaltet werden, ohne dabei die eigentliche Textintention der Passage darzulegen. Zum Beispiel, wenn man in einer Predigt über Markus 2,1-12 die Nächstenliebe der vier Freunde in den Fokus nimmt, oder allgemein Jesu Fähigkeit zu heilen und Sünden zu vergeben beschreibt, ohne die eigentliche Textintension darzulegen, und zwar, dass die Heilung des Gelähmten die Göttlichkeit Jesu und seine damit verbundene Autorität und Fähigkeit zur Sündenvergebung bestätigt.

D.A. Carson ist emeritierter Professor für Neues Testament an der Trinity Evangelical Divinity School in Deerfield, Illinois (USA), und Präsident der Gospel Coalition. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben und kürzlich die Zeitschrift The Enduring Authority of the Christian Scriptures herausgegeben. Er und seine Frau Joy haben zwei Kinder.