Luthers „drei Lichter“
Vor 500 Jahren erschien Martin Luthers Vom unfreien Willen
Die Ablasspredigten des Dominikanermönchs Johann Tetzel waren bekanntlich der Funke, der die Reformation in Deutschland auslöste. Martin Luther, Augustinermönch, Pfarrer und Theologieprofessor in Wittenberg, erhob direkt Einspruch gegen das Geschacher mit dem Seelenheil. Zum theologischen Kern des Ringens um die Erneuerung der Kirche arbeiteten sich die Reformatoren wie Luther aber eher nach und nach vor. Hier sind seine Thesen zur Heidelberger Disputation aus dem Frühjahr 1518 und natürlich die Hauptschriften aus dem Jahr 1520 zu nennen.
Zu einem gewissen Abschluss kam die frühe Phase der Auseinandersetzung mit der römisch-katholischen Kirche und Theologie in Luthers lateinischem Werk De servo arbitrio (dt. „Vom unfreien Willen“), das im Dezember 1525 erschien – vor genau fünfhundert Jahren. Der Reformator reagierte damit auf De libero arbitrio diatribe sive collatio (dt. kurz „Vom freien Willen“). Das deutlich kürzere Werk aus der Feder des damals hoch angesehenen Gelehrten und schon zu Lebzeiten berühmten Humanisten Erasmus von Rotterdam war im Vorjahr gedruckt worden.
Luther stellt Erasmus gegenüber fest, dass es beim unfreien Willen um den „Kern der Sache“ (d.h. der Debatte um die Erneuerung der Kirche) geht. Im Unterschied dazu sind all die „Fragen über das Papsttum, das Fegefeuer, den Ablass ... mehr Lappalien als wirkliche Probleme“. Siegfried Kettling (1937–2024) schreibt: „Wohlgemerkt: Wo es um die Grundfrage der Reformation geht – nämlich um die Rechtfertigung des Sünders vor Gott – , da sind Ablaß oder Papsttum nichts als ‚Lappalien‘, ‚unnützes Zeug‘.“[1]
Der Streit der beiden Autoren berührte das Wesen der Gnade und das Vermögen des Menschen im Hinblick auf das Heil. Es ging um das „ABC des Glaubens“, so Kettling, der den Theologen H. J. Iwand (1899–1960) zitiert: „Wer diese Schrift nicht aus der Hand legt mit der Erkenntnis, daß die evangelische Theologie mit dieser Lehre vom unfreien Willen steht und fällt, der hat sie umsonst gelesen.“[2]
Tot in Sünden oder nur schwer erkrankt?
Kettling fasst die unterschiedlichen Positionen von Erasmus und Luther gut zusammen:
„Für Erasmus ist der Mensch wohl schwer erkrankt; er liegt am Boden, aber in seiner Substanz ist er doch so robust und vital, daß man ihm mit Hilfe guter Ärzte (zu denen sicher auch Jesus Christus gehört) und starker Medizin (wobei gewiß das Bibelwort nicht fehlen darf) wieder zu seinem aufrechten Gang, dem Zeichen seiner Würde, verhelfen kann. Für Luther ist der Mensch ‚tot in Sünden‘, keine Zelle ist mehr zu reanimieren; da hilft nur noch Totenauferweckung, eben Christus allein! Solus Christus! Für Erasmus ist die Burg – Mensch genannt – wohl weitgehend vom Feind erobert, aber im Bergfried, im innersten Refugium, brennt noch das Lämplein der Freiheit. Wird von dort innen der Ausbruch gewagt und kommen von außen Hilfstruppen dazu, dann ist die Rettung gewiß. Dieser noch glühende Funke im Personenkern, – eben das ist der freie Wille; die Hilfstruppen wären die hinzukommende göttliche Gnade. Für Luther ist gerade das innerste Zentrum (‚Herz‘, ‚Gewissen‘) längst vom Feind erobert, ja zur Kommandozentrale des Satans umfunktioniert. Gerade in seiner Personmitte ist der Mensch versklavt, vom ‚arg bösen Feind‘ geradezu ‚besessen‘ – eben dies meint das Stichwort unfreier Wille.“[3]
In der dreibändigen lateinisch-deutschen Studienausgabe Martin Luther[4] nimmt Luthers Werk in Band 1 in den beiden Sprachen zusammen stolze 440 Seiten ein. Das macht es zu einer der ausführlichsten Schriften des Reformators. Allein der Umfang zeigt, wie ernst Luther diese Diskussion nahm. Neben seinen Katechismen aus dem Jahr 1529 zählte er Vom unfreien Willen zu seinen wichtigsten Werken.
Mit Blindheit geschlagen
Luthers Schrift berührt zahlreiche theologische Einzelthemen. Angestoßen durch Bemerkungen von Erasmus macht der Reformator wegweisende Ausführungen zur Hermeneutik, wenn er die Klarheit bzw. Unklarheit der Heiligen Schrift darlegt. Oft geht es natürlich auch um die Gotteslehre. Prägend wurde etwa Luthers Unterscheidung zwischen dem gepredigten und dem verborgenen Gott.
Im Zentrum seines Werkes über den unfreien Willen steht aber sicher die theologische Anthropologie, die Frage nach dem Wesen und den Fähigkeiten des Menschen. Der gefallene Mensch müsse erkennen, so Luther, „dass sein Heil gänzlich außerhalb seiner eigenen Kräfte, Absichten, Bemühungen und seines eigenen Willens, seiner Werke liegt“. Luther geht es darum, den Menschen das „Vertrauen auf sich selbst“ auszutreiben. Der Sünder muss als Täuschung begreifen, „dass er auch nur ein klein wenig zu seinem Heil beitragen kann“. So wird er „vollständig gedemütigt“.
Diese demütige Selbsterkenntnis fasst Luther in seinem Kleinen Katechismus gut in Worte: „Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann“ (Zweites Hauptstück, Dritter Artikel). Ziel des Satans ist dagegen, dass die Menschen „ihr Elend nicht erkennen“. Sie sind daher „nicht nur gefesselt, elend, gefangen, krank und tot“, sondern zu allem Elend auch noch mit Blindheit geschlagen, sodass sie glauben, sie seien „frei, selig, erlöst, mächtig, gesund und lebendig“. Die Tragik ist, dass gerade die „höchsten und hervorragendsten Kräfte“ des Menschen – nämlich die Vernunft und der Wille – dieser Selbsttäuschung unterliegen.
Gern zitiert wird Luthers Beispiel des Zugtiers:
„Wenn Gott darauf sitzt, will und geht es, wohin Gott will … Wenn Satan darauf sitzt, will und geht es, wohin Satan will. Und es liegt nicht an seinem Willensvermögen, zu einem von beiden Reitern zu laufen oder ihn zu suchen. Vielmehr streiten die Reiter selbst darum, es in Besitz zu nehmen und in Besitz zu behalten.“
Der „Stärkere“, der das Zugtier in Besitz nimmt, ist Gott selbst. Es ist „allein der Geist in uns, der uns ohne uns neu schafft und uns neu Geschaffene erhält“. Christen sind „Knechte und Gefangene durch seinen Geist“, oder positiv formuliert im Kleinen Katechismus: Zwar kann ich aus eigener Willenskraft nicht glauben, doch „der Heilige Geist [also Gott selbst] hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten“.
Luther nahm durchaus wahr, dass Erasmus „dem freien Willen möglichst wenig zubilligen“ wollte. Dennoch lehre der Humanist, „dass wir mit diesem sehr Wenigen Gerechtigkeit und Gnade erlangen können“. Derjenige, der sich „bemüht hat“, wird gerechtfertigt, wer sich aber nicht bemüht, wird von Gott „im Stich gelassen“. Natürlich sah Erasmus die Gnade als notwendig an. Luther ging es aber um das sola gratia – um die Errettung aus Gnade allein: „Mit dem Lobpreis der Gnade und der Predigt der Hilfe der Gnade wird zugleich die Unfähigkeit des freien Willensvermögens gepredigt.“ Wer „das freie Willensvermögen als wahr behauptet“, sei hingegen ein „Verleugner Christi“, so der Reformator streng. „Denn wenn ich durch mein Bemühen die Gnade Gottes erlange, was bedarf es dann der Gnade Christi für den Empfang meiner Gnade?“
Es ist, so Luther, der Unglaube, „der in der Burg des Willens und der Vernunft sitzt und regiert“. Der sündige, gottlose Mensch aber „kommt nicht, auch dann nicht, wenn er das Wort hört, es sei denn, der Vater zieht und lehrt inwendig, und das tut er, indem er den Geist schenkt“. Im Gegensatz dazu hatte sich Erasmus von diesen biblisch gut begründeten Wahrheiten weit entfernt und versuchte in seinem Werk eine Quadratur des Kreises. Doch die Gnade eines souveränen Gottes und der absolut freie Wille des Menschen lassen sich eben nicht zusammenbringen.
Ist Erasmus’ Werk von einem Hin und Her und angestrengter, aber erfolgloser Kompromisssuche gekennzeichnet, so besticht Luthers Vom unfreien Willen bis heute durch seine Klarheit und eine große Antithese: Es gibt zwei Reiter oder „zwei Reiche in der Welt“, „die miteinander im heftigsten Widerstreit liegen“: das des Widersachers und das Reich Christi. „In dieses werden wir versetzt, nicht durch unsere Kraft, sondern durch die Gnade Gottes, mit der wir befreit werden.“
„Ein ähnliches Wunder“
Trotz des manchmal polemischen Tons (der damals aber üblich war) bemüht sich Luther im ganzen Werk um eine biblische wie auch rationale Argumentation. Er betont z.B., dass es einen Unterschied zwischen Zwang und Notwendigkeit gibt. Ähnlich wie Augustinus legt er dar, dass der gefallene, unerlöste Mensch in seiner Sünde gefangen ist und daher notwendig sündigt. Er kann sich allein also nicht von diesem falschen Weg entfernen. Das bedeutet aber nicht, dass er zur Sünde gezwungen wäre. Jede einzelne böse Tat geschieht aus freien Stücken, ist also gewollt. Das Böse, so Luther, wird „willentlich und liebend gern“ getan, solange der Mensch nicht von der Gnade befreit wird.
Auch wenn Luther also häufig gut differenziert und ausführlich argumentiert, war sein Werk damals, im 16. Jahrhundert, provozierend und wirkt heute nicht selten noch verstörender. Oft will man als Leser mit dem Verstand widersprechen, oder es fühlt sich so an, als ob alles in unserem Kopf durcheinandergeht und wir schlussendlich doch nichts mehr verstehen.
Luther besaß zweifellos ein gutes theologisches und seelsorgerliches Gespür. Deshalb stellt er am Ende des Buches vermutlich sehr bewusst als Verstehenshilfe eine Art Gleichnis vor, nämlich die drei Lichter: „Das Licht der Natur, das Licht der Gnade, das Licht der Herrlichkeit.“
Das Licht der Natur hilft uns, die gewöhnlichen Phänomene der Welt zu verstehen. Im Grunde geht es hier um den Verstand, die sinnliche Wahrnehmung und die Natur- und Ingenieurswissenschaften. Sie erklären uns die allermeisten komplexen Erscheinungen wie Verbrennungsmotoren und elektrischen Strom, In-vitro-Fertilisation und Gentherapie, Raketenantrieb und Mobilfunknetze. Zur Orientierung in unserer geschaffenen Welt ist dieses Licht äußerst nützlich und meistens auch ausreichend.
Manchmal stößt dieses Licht jedoch an seine Grenzen und kann bestimmte Fragen nicht klären. Luther nennt ein Beispiel: „Ist es nicht nach dem Urteil aller höchst ungerecht, dass die Bösen vom Schicksal begünstigt und die Guten heimgesucht werden?“ Manche biblischen Bücher wie die Psalmen werfen diese Frage ja auf.
Diese vermeintliche Ungerechtigkeit Gottes wird, so Luther, „ganz leicht aufgehoben durch das Licht des Evangeliums und die Erkenntnis der Gnade. Durch sie werden wir gelehrt, dass die Gottlosen zwar körperlich blühen, an der Seele aber zugrunde gehen … Und die kurze Lösung dieser unlösbaren Frage besteht in einem einzigen kleinen Wort, nämlich: Es gibt ein Leben nach diesem Leben, in dem alles, was hier nicht bestraft und belohnt wird, dort bestraft und belohnt werden wird. Denn dieses Leben ist nichts als ein Vorlauf oder vielmehr: ein Anfang des zukünftigen Lebens.“
Im Licht der Natur sind technische und naturwissenschaftliche Rätsel (meist) lösbar. In diesem Licht ist es aber „unlösbar, dies sei gerecht, dass der Gute heimgesucht wird und der Böse es gut hat. Aber dies löst das Licht der Gnade.“ Das Licht des Evangeliums oder der Gnade leuchtet nur den gläubigen Christen. Sie können daher zu einem befriedigenden Verständnis mancher schwieriger ethischer und geistlicher Probleme kommen.
Das Licht der Gnade stößt aber auch auf Grenzen. Uns Christen versetzt, so Luther, „in Unruhe, dass es schwierig ist, die Güte und Gerechtigkeit Gottes zu verteidigen“. Gott verurteilt „Gottlose, die in Gottlosigkeit geboren werden“ und notwendig sündigen und die er nicht zum Heil erwählt, zur ewigen Verdammnis. Wie kann das sein? Ist ein solches Urteil nicht ungerecht, wenn der Mensch nicht anders kann? Auch wenn der Sünder nicht zur Sünde gezwungen wird – wie kann er für willentliche Sünde verantwortlich gemacht werden, wenn er keinen freien Willen in geistlichen Dingen besitzt?
Der Reformator gesteht zu: „Im Licht der Gnade ist es unlösbar, wie Gott den verdammt, der aus seinen eigenen Kräften nicht anderes kann als zu sündigen und schuldig zu sein.“ Aber wenn nun das Licht der Gnade „so leicht eine im Licht der Vernunft unlösbare Frage löst“, dürfen wir darauf vertrauen, dass „dann auch das Licht der Herrlichkeit die Frage so leicht wie nur möglich lösen“ wird können – auch wenn sie im Licht des Wortes und der Gnade noch unlösbar ist.
Erkenntnis der geschaffenen Welt beruht auf Gottes allgemeiner Offenbarung in der Natur. Gottes Offenbarung in seinem Wort, der Bibel, zielt auf Erkenntnis des Evangeliums ab. Gottes Offenbarung ist aber begrenzt; Christen erhalten aus den beiden Lichtquellen (oder nach Francis Bacon den beiden „Büchern“) so viele Antworten, wie zu einem guten und gottgefälligen Leben hier auf Erden nötig ist. Nicht wenige Fragen bleiben in dieser Welt aber unbeantwortet.
Erst das Licht der Herrlichkeit „wird zeigen“, dass Gott, dessen Gerechtigkeit uns bisher unbegreiflich erschien, auch im Hinblick auf Erwählung und Verdammnis „von einer ganz und gar gerechten und ganz offenkundigen Gerechtigkeit ist“. Dies können wir „einstweilen nur glauben“. Wir werden aber „ermahnt und gefestigt durch das Beispiel des Lichts der Gnade, das ein ähnliches Wunder beim natürlichen Licht vollbringt“.
1 Siegfried Kettling, Typisch evangelisch: Grundbegriffe des Glaubens, Giessen/Basel, Wuppertal: Brunnen/R. Brockhaus, 1992, S. 83.
2 Siegfried Kettling, Typisch evangelisch: Grundbegriffe des Glaubens, Giessen/Basel, Wuppertal: Brunnen/R. Brockhaus, 1992, S. 84.
3 Siegfried Kettling, Typisch evangelisch: Grundbegriffe des Glaubens, Giessen/Basel, Wuppertal: Brunnen/R. Brockhaus, 1992, S. 88–89.
4 Die in diesem Artikel zitierten Stellen stammen aus: Martin Luther, „Vom unfreien Willensvermögen“, in: Der Mensch Vor Gott: Deutsche Texte, Wilfried Härle, Johannes Schilling u. Günther Wartenberg (Hrsg.), Bd. 1, Martin Luther: Lateinisch-Deutsche Studienausgabe, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2016, S. 219 ff.