Herzlich willkommen!
Besuchern in der Gemeinde mit offenem Herzen begegnen
Es geschieht jeden Sonntag: Ich sehe sie hereinkommen und sehe ihnen an, dass sie neu sind. Sie wissen nicht, wo sich was befindet oder wen man um Hilfe bitten muss. Sie schauen sich um und suchen – aber ihre Suche nach dem Hauptsaal, dem Kindergottesdienst oder der Toilette verbirgt ihr tiefer liegendes geistiges Verlangen danach, gekannt und geliebt zu werden, sprich: dazuzugehören. Gott erschuf uns, damit wir uns nach dem sehnen, wofür wir gemacht wurden – und Gott ehrende menschliche Beziehungen stehen im Mittelpunkt seiner Absicht für uns.
Doch manche Gottesdienstbesucher finden nicht so leicht Gläubige, die ihnen mit offenem Herzen begegnen oder echtes Interesse an ihnen zeigen. Möglicherweise werden sie vom Begrüßungsteam willkommen geheißen, und doch erfüllt eine kurze Begrüßung nicht das Bedürfnis nach Beziehung, nach dem sich einsame, ausgegrenzte Menschen sehnen. Es ist durchaus möglich, dass man eine lokale evangelikale Gemeinde besucht und sich sogar dort engagiert, ohne Beziehungen aufzubauen, die über eine bloße Bekanntschaft hinausgehen.
Jesus sagte, dass die radikale Liebe zueinander seine Jünger von anderen unterscheiden würde (vgl. Joh 13,35). Die Urgemeinde war der Welt ein Dorn im Auge, weil ihre herzliche Gastfreundschaft im Gegensatz zur damaligen Kultur stand und sich insbesondere auf die Ausgegrenzten, Waisen und Ausgestoßenen ausrichtete. Diese alte Prägung ist auch heute noch im Evangelium enthalten. Es sollte uns daher beunruhigen, wenn die Verlorenen und Einsamen, die in unsere Gottesdienste kommen, übersehen werden.
Das Missionsfeld direkt vor unserer Haustür
Im Evangelium Jesu erkennen wir, dass Gottes Herz Menschen willkommen heißt – immer mehr von ihnen, Millionen und Abermillionen. Paulus macht das gastfreundliche Herz Christi zur Grundlage seiner Ermahnung in Römer 15,7:
„Darum nehmt einander an, gleichwie auch Christus euch angenommen hat, zur Ehre Gottes!“
Diese christliche Annahme ist mehr als nur ein Gruß; sie beinhaltet auch eine Offenheit in den Beziehungen und ein weites Herz. Sie gibt anderen einen Ort, an den sie gehören, so wie Christus einen Raum für uns bereitet hat. Wir waren geistig isoliert und brachten nichts als unsere Sünden in die Beziehung ein. Doch die göttliche Gastfreundschaft, vermählt mit der göttlichen Gnade, bereitete einen Platz für uns in seiner Familie, seinem Himmel und seinem Herzen.
Unsere Welt hat diese christusgleiche Aufnahme bitter nötig. Wir leben in einer Gesellschaft tiefster Einsamkeit, und jeder, der mit Christen zum Gottesdienst zusammenkommt, wünscht sich eine authentische Verbindung zu anderen. Wer wird ihnen sein Herz öffnen – und so Gottes Herz offenbaren? Das ist Teil der Mission der örtlichen Gemeinde.
Heilige Unzufriedenheit
Ein mir sehr nahestehender Christ gestand seiner Ehefrau einmal, dass er kein Interesse an weiteren Freundschaften habe. Warum? Die, die er hatte, waren ihm genug (obwohl man sie an einer Hand abzählen konnte). Ich kann eine ähnliche Tendenz erkennen, wenn wir uns jeden Sonntag immer wieder derselben Gruppe von Freunden zuwenden. Natürlich schätzen und pflegen wir diese fest verankerten Freundschaften, doch mein Aufruf geht darüber hinaus. Ich mahne zu einer heiligen Unzufriedenheit, die sich über diejenigen hinaus erstreckt, die wir bereits kennen. Wir müssen die Einsamen unter uns willkommen heißen.
Der Mangel an Gastfreundschaft in unserer Gesellschaft insgesamt hat zur Folge, dass man schon mit wenig viel erreichen kann. Meine Familie überrascht zum Beispiel gern Gäste in unserer Gemeinde. Wenn meine Frau und ich neue Leute kennenlernen, laden wir sie oft zu einer anstehenden Pizzaparty oder zum Mittagessen nach dem Gottesdienst zu uns nach Hause ein. Oft können sie ihre Überraschung nicht verbergen. „Wer – wir? Jetzt gleich?“ Sie lächeln. Und die meisten von ihnen treffen wir dann in unserem nächsten Glaubenskurs wieder. Unerwartete Gastfreundschaft signalisiert Akzeptanz.
Grundsätzlich liegt die Verantwortung für den Aufbau von Beziehungen bei der bereits vorhandenen Gemeinde. Das solltest du ernst nehmen. Und denk daran: Du musst kein geistlicher Superstar sein, um wie Christus willkommen zu heißen. Wenn du deine Menschlichkeit und Gottes Gnade trotz deiner Fehler teilst, wenn du mit deiner Schwäche und Gottes Gnade vorangehst, wird dein Leben voll von Freunden sein.
Im Grunde genommen entsteht diese Art von Verbindung, die tiefe Art von Beziehung, nach der sich isolierte Menschen sehnen, nicht nur bei einem Sonntagsgottesdienst. Versuche also, kreative Möglichkeiten zu entdecken, um unter der Woche Raum dafür zu schaffen. Ziehe in Betracht, Ereignisse in deinen Kalender einzutragen, zu denen du leicht weitere Leute einladen kannst, wie das Fußballspiel deines Kindes oder sogar deine Sportroutine. Meine Frau ist bereits viele Kilometer mit Frauen gelaufen, die sie zuvor kaum kannte. Am Ende hat sich eine blühende Freundschaft aufgebaut.
Christusgleiche Neugier
Wenn du denkst, dass dieser Aufruf zur Gastfreundschaft eine neue Gemeindeordnung voraussetzt, dann verfehlst du das Thema. Die Fürsorge für die Ausgegrenzten und Einsamen stirbt in einem Komitee. Wahre Willkommenskultur fließt ganz natürlich aus dem Herzen der Gemeindeglieder, die anderen gegenüber sanftmütig sind, da Gottes Herz uns gegenüber (erstaunlicherweise!) sanftmütig ist.
Wie könnte diese Willkommenshaltung aussehen? Sie ähnelt Jesus, der sich an einen Brunnen lehnt und über soziale und ethnische Grenzen hinweg fragt: „Wer bist du und was suchst du?“ Sie ähnelt Jesus, der an einem Baum stehen bleibt und sich selbst beim Zöllner, der darauf sitzt, zum Essen einlädt. Sie ähnelt Jesus, der Nikodemus in der Nacht zu einem geistlichen Gespräch empfängt. Wir sollten das nicht vortäuschen, aber wir können unsere Fehler eingestehen, unsere Bedürfnisse zugeben und Gott darum bitten, unsere Herzen für andere zu öffnen.
Der Aufruf zur Freundlichkeit und Annahme bedeutet nicht, dass jedes Gemeindeglied unverzüglich gesellig werden muss. Wir können die Liebe Christi als ein Leib nachahmen, wenn jedes Glied richtig funktioniert. Wir haben unterschiedliche Gaben und befinden uns in unterschiedlichen Lebensabschnitten. Eine junge Familie mit kleinen Kindern hat wahrscheinlich weniger Kapazitäten als Ledige oder Paare mit erwachsenen Kindern. Doch wir können uns alle in dieser einladenden Liebe üben und danach streben, mit der Zeit darin zu wachsen.
Letztlich verpasst ein verschlossenes Herz etwas. Menschen können faszinierend sein. In meiner Rolle als Pastor lerne ich Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen sozialen Schichten kennen. Ich kann dir viele fesselnde Geschichten von Menschen erzählen, die sich hinter einer Fassade der scheinbaren Normalität verbergen. Bleib neugierig auf andere. Gib echte Fürsorge und Liebe, wie Jesus es tat, und du wirst andere Menschen anziehen, wie Jesus es tat. In gewisser Weise spiegelt das Interesse der Menschen an uns unser Interesse an ihnen wider.
Ein Wort an die Neuen und Ausgegrenzten
Ich schließe mit einem Wort an die Neuen und (noch) Ausgegrenzten. Ich fühle mit euch. Neu sein ist schwer. Noch schwerer ist es, wenn man nicht neu ist und sich trotzdem in der Gemeinde ausgegrenzt fühlt. Doch was können relativ neue Leute in einer neuen Gemeinde tun?
Als Erstes solltest du deine Erwartungen überprüfen. Wir alle fühlen die tiefe Kluft zwischen dem, wie eine Gemeinde sein sollte, und dem, wie sie tatsächlich ist. Eine Gemeinde sollte einladend und freundlich sein. Manchmal ist sie das nicht. Warum? Zum Teil, weil viele Gemeindeglieder dieselbe Furcht und Schüchternheit fühlen, die du wohl auch empfindest. Natürlich haben manche extrovertierte Menschen damit überhaupt kein Problem, aber die meisten Leute schon. Statt also eine neue Gemeinde daran zu messen, wie viele Leute deine Freunde sein wollen, miss sie lieber an den Begegnungen (auch wenn es nur wenige sind) mit wirklich christusgleichen Menschen. Achte mehr auf Qualität als auf Quantität.
Die Pastoren werden dich wohl mehrmals nach deinem Namen fragen müssen, da nur sehr wenige Leute ein perfektes Gedächtnis haben. Du wirst wahrscheinlich einige beobachten, die abweisend sind oder einfach an dir vorbeilaufen (oder noch Schlimmeres). Warum? Weil jede örtliche Gemeinde eine Gemeinschaft von Leuten ist, die sich in einem Entwicklungsprozess befinden. Wenn du ihnen Gnade erweist, zeigt das nicht nur dein fundiertes Verständnis des Evangeliums, sondern auch die Herzenshaltung, die neue und bedeutungsvolle Beziehungen willkommen heißt. Gnade lädt zu Gnade ein, die die Neuen, die Alten, und die Einsamen so dringend brauchen.