Jesus – der Weg, die Wahrheit und das Leben?
Vor einigen Jahren bekam ich mit, wie eine führende akademische Persönlichkeit auf ihrem Campus für ein tolerantes Umfeld plädierte. Anschließend fügte sie hinzu, dass ihre Universität Intoleranz nicht tolerieren würde. Die Ironie dieser Aussage ist nicht zu übersehen. So widersprüchlich sie ist – sie spiegelt den Geist unserer Zeit wider: Wir leben in einem Zeitalter, das sich der „Toleranz“ rühmt. Damit einher geht eine heftige Abneigung gegen jeglichen Anspruch auf Exklusivität. Das gilt besonders, wenn Christen exklusive Aussagen über Christus und das Heil machen.
Die Bibel ist jedoch voller exklusiver Ansprüche. Der Gegensatz von Leben und Tod bildet ein Grundmuster des christlichen Glaubens. Der Weg des Lebens und der Weg des Todes ziehen sich durch die Bibel, veranschaulicht an Stellen wie Kains Opfer des Unglaubens im Gegensatz zu Abels Opfer des Glaubens und der Gegenüberstellung von Esau und Jakob. Jesus selbst formulierte dieses Prinzip von Leben und Tod als den engen und breiten Weg – der eine führt zum Leben, der andere ins Verderben (vgl. Mt 7,13–14). Der schmale Weg wird in Jesus Christus personifiziert, der sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Diese exklusive Aussage findet sich nicht nur in der Bibel, sondern auch in den frühen kirchlichen Schriften wie der Didache (2. Jh. n. Chr.), in den historischen Glaubensbekenntnissen und in der Verkündigung der Kirche bis heute.
Aber inwiefern ist Jesus „der Weg und die Wahrheit und das Leben“? Darauf gibt es zwei Antworten – eine objektive und eine subjektive –, die untrennbar miteinander verbunden sind. Objektiv gesehen ist nur er der Weg, die Wahrheit und das Leben, weil er der inkarnierte Gott ist. Subjektiv wird sein Heil dem einzelnen Menschen durch den Glauben zuteil – durch Vertrauen auf ihn und auf das, was er getan hat.
Objektiv betrachtet ist Jesus in seiner Person und seinem Werk „der Weg“, weil er Gott ist. Diese Behauptung sorgte bei den jüdischen Führern seiner Zeit für Empörung. Das „Ich bin“ war ein klarer Anspruch auf Göttlichkeit, und sie verstanden sehr wohl, was er damit sagte (vgl. Joh 10,30–33). Er ist aber auch der Weg, weil er nicht nur Gott, sondern auch Mensch ist. Er nahm Fleisch an und wurde der Ausweg aus dem Schlamassel, in das Adam uns gebracht hat (vgl. Röm 5). Der Weg der Gerechtigkeit und Heiligkeit, den Adam nicht befolgte, wurde von Jesus vollkommen erfüllt. Weil er von einer Frau geboren wurde (vgl. Gal 4,4), konnte er Adams Platz einnehmen. Weil er Gott war, konnte sein vollkommenes Opfer die Sünden vieler tragen (vgl. Jes 53,12; 1Petr 2,24). In ihm kann der Mensch mit Gott versöhnt werden (vgl. Röm 5,11; 1Kor 5,18–21). Nur der Gott-Mensch kann der Weg sein.
Objektiv gesehen ist er auch „die Wahrheit“. Im selben Evangelium hören wir Jesus sagen, dass sein Wort die Quelle der Wahrheit ist (vgl. Joh 8,31–32). Diese Wahrheit befreit von der Knechtschaft der Sünde (vgl. Joh 8,34–35). „Wenn euch nun der Sohn frei machen wird, so seid ihr wirklich frei“ (Joh 8,36). Man könnte fragen: Ist es nicht sein Wort, das frei macht? Doch Wort und Wahrheit lassen sich nicht vom lebendigen Wort und Geber der Wahrheit trennen. Die gleiche Personifizierung des Wortes findet sich in Hebräer 4,12–13. Jesus ist die Wahrheit, weil er der lebendige und wahre Gott ist (vgl. Jer 10,10).
Das bringt uns zu dem exklusiven Anspruch Christi, „das Leben“ zu sein. Gleich zu Beginn der Bibel sehen wir den Gott, der spricht, woraufhin alles Leben entsteht. Entsprechend heißt es über Christus: „Denn in ihm ist alles erschaffen worden … und alles hat seinen Bestand in ihm“ (Kol 1,16–17). Er ist der Schöpfer. Zugleich ist er auch der Erlöser, der durch sein Opfer eine neue Schöpfung hervorbringt. Wenn Christus durch sein Wort alles ins Dasein rufen konnte, dann kann er – das fleischgewordene Wort – auch ewiges Leben schenken.
Die Psalmen bezeugen dieselbe Wahrheit: Der Weg des Lebens liegt in Gottes Gegenwart (vgl. Ps 16,11). Seine Wahrheit ist „Rat“ (Ps 16,7), und das Leben wird als Zuflucht bei Gott beschrieben, die bewahrt (vgl. Ps 16,1). In Psalm 119 ist der Herr nicht nur das Licht, das den Weg erhellt, sondern auch das Wort, das dem Weg Sinn verleiht. Tatsächlich ist er selbst der Weg.
Objektiv ist Jesus Christus „der Weg, die Wahrheit und das Leben“, weil er der inkarnierte Gott ist. Doch damit ist noch nicht beantwortet, wie er das für uns persönlich wird. Inwiefern ist „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ für uns bedeutungsvoll und lebensverändernd? Wie wird diese Wahrheit zu unserer persönlichen Wirklichkeit und bleibt nicht nur eine historische Tatsache? Die Antwort ist aus Gnade, durch Glauben, in Christus allein. Er wird durch den Glauben unser Weg zum Vater. Seine Wahrheit ist durch den Glauben unsere Wahrheit. Sein Leben, ja das Leben in Überfluss (vgl. Joh 10,10), wird unser Leben – durch den Glauben. Er ist all das für den Sünder, der Ihm vertraut. „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden“ (Apg 16,31). Er ist kein ferner Gott, sondern „Gott mit uns“ durch den Glauben.
Wir leben in einer Welt voller Zweifel, Orientierungslosigkeit und Sinnkrisen. Die Kirche jedoch antwortet mit Hoffnung. Objektiv gesehen ist Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben, weil er Gott selbst ist. Nur Gott kann all das sein. Durch die Gabe des Glaubens wird Jesus auch für uns persönlich der Weg und die Wahrheit und das Leben. Dieser Glaube bringt uns in die Vereinigung mit Christus, der uns mit dem Vater versöhnt. Das ist die absolute Wahrheit, die alle, die in Christus sind, mit Gewissheit genießen können.