Die Ehe: eine biblische Betrachtung

Artikel von Christopher Ash
10. Dezember 2025 — 12 Min Lesedauer

Das Wesen der Ehe – eine Institution der Schöpfungsordnung Gottes

Wenn Menschen über Fragen rund um die Ehe und die Ethik sexueller Beziehungen diskutieren, gibt es eine grundlegende Kluft zwischen denen, die die Ehe im Wesentlichen als etwas von Gott „Gegebenes“ betrachten, und denen, die sie als kulturelles Konstrukt sehen. In Matthäus 19, wo Jesus eine Frage zum Thema Scheidung gestellt wird, beginnt er seine Antwort damit, dass er die Lehre aus 1. Mose 1 und 2 bekräftigt:

„Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang als Mann und Frau erschuf und sprach: ‚Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen; und die zwei werden ein Fleisch sein‘?“ (Mt 19,4–5; vgl. 1Mose 1,27; 2,18)

Indem Jesus uns zurück zur Schöpfung führt, bekräftigt er, was 1. Mose lehrt: dass die zweiteilige Sexualität des Menschen (als Mann und Frau geschaffen) und die Institution der Ehe eine „Gabe“ Gottes sind. Diese „Gabe“ hat eine doppelte Bedeutung: „gegeben und nicht verhandelbar“ und „als Geschenk gegeben“. Professor Oliver O’Donovan schreibt, dass die Schöpfungsordnung „im Laufe der Geschichte nicht verhandelbar“ ist und Teil dessen ist, „was weder die Schrecken des Zufalls noch die Genialität der Kunst umstürzen können. Sie definiert den Umfang unserer Freiheit und die Grenzen unserer Ängste“[1]. Die Ehe ist eine gute und solide Institution. Die menschlichen Kulturen mögen versuchen, sie neu zu erfinden oder umzugestalten, aber vor Gott steht sie als unveränderliche Grundlage des menschlichen Lebens da.

Die Ehe hat natürlich viele kulturell unterschiedliche Ausdrucksformen. Menschen gehen die Ehe durch verschiedene Bräuche ein und leben diese auf unterschiedliche Weise. Aber im Wesentlichen ist diese Institution Teil der Schöpfungsordnung. Aus diesem Grund können wir ihren Zweck und ihre Definition anhand der Bibel untersuchen[2].

Der Zweck der Ehe – Fortpflanzung, Intimität und soziale Ordnung

Es ist sowohl theologisch wichtig als auch seelsorgerlich hilfreich, folgende Frage zu stellen: „Zu welchem Zweck schuf Gott die Ehe?“. Wir beginnen normalerweise mit der Frage, welche Hoffnungen und Ambitionen ein bestimmtes Paar hat, wenn es die Ehe eingeht. Doch bevor wir dies tun, ist es grundlegend wichtig, zu fragen, warum Gott die Institution der Ehe erschuf. Die Bibel gibt drei wesentliche Antworten auf diese Frage. Bevor wir uns jedoch mit ihnen befassen, sollten wir ein übergeordnetes Thema beachten: den Dienst Gottes in seiner Welt.

In 1. Mose 2,15 heißt es: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und bewahre.“ Der Mensch ist der Gärtner. Er ist der Hüter und der Landwirt in Gottes Garten. In diesem Zusammenhang lesen wir in 1. Mose 2,18: „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die ihm entspricht!“ Eine sorgfältige Untersuchung der Heiligen Schrift bestätigt, was der Kontext hier nahelegt, nämlich dass das Problem der Einsamkeit des Mannes nicht in einer zwischenmenschlichen Einsamkeit besteht. Vielmehr ist die Aufgabe, die es zu bewältigen gilt, zu groß. Der Mann braucht weniger eine Gefährtin oder Geliebte (obwohl die Frau beides sein wird), als vielmehr eine „Helferin“, die ihm bei der Bewahrung und Bewirtschaftung des Gartens zur Seite steht[3].

Diese Erkenntnis verwandelt die Betrachtung der Ehe von einer Frage dessen, was uns gefällt oder was wir genießen, in eine Fokussierung auf das, was den Zielen Gottes dient. Paradoxerweise sind die sichersten und glücklichsten Ehen diejenigen, die über ihre eigene (oft erdrückende) Selbstbezogenheit (oder introspektives „Paarsein“) hinausblicken und sich aus Liebe zu Gott und zum Nächsten in den Dienst Gottes und anderer Menschen in Gottes Welt stellen. Unter diesen übergeordneten Begriff des Dienstes an Gott können wir die drei traditionellen biblischen „Güter“ (oder Vorteile) der Ehe einordnen: Fortpflanzung, Intimität und soziale Ordnung.

Fortpflanzung

In 1. Mose 1,27–28 wird die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau unmittelbar mit dem Segen verbunden, dass wir fruchtbar sein, uns vermehren, die Erde füllen, sie uns untertan machen und über sie herrschen sollen. Das heißt: Die erste Art und Weise, wie die Ehe zum Dienst an Gott führt, ist durch die Zeugung und dann die gottesfürchtige Erziehung von Kindern. Kinder sind ein Segen Gottes. Nicht jedes Ehepaar erhält diesen Segen. Wenn dies nicht der Fall ist, ist das ein Grund zur Traurigkeit. Eine Ehe ist auch ohne Kinder immer noch eine Ehe und kann Gott zutiefst ehren. Aber wir sollen die Zeugung von Kindern als einen kostbaren und opferreichen Segen schätzen. Unser Gebet ist, dass Kinder „in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ (Eph 6,4) aufwachsen und – um es mit den Worten von 1. Mose 2 zu sagen – zu Mitgärtnern vor Gott werden, die sich um seine Welt kümmern.

Intimität

Sexuelles Verlangen und Lust innerhalb der Ehe werden in der Heiligen Schrift auf wunderbare Weise hervorgehoben (vgl. z.B. Spr 5,18–19; Hld). Die Güte der Ehe zu leugnen, hieße, sich auf die Seite der Schlange im Garten Eden zu stellen, als sie die Güte Gottes infrage stellte (vgl. 1Mose 3,1; 1Tim 4,1–5).

Die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wird als Ehe dargestellt, in der der Herr der Ehemann und das Volk Gottes seine Braut ist (vgl. z.B. Jes 62,5). Im Neuen Testament erhält dieses Thema eine neue Bedeutung als Ehe zwischen Christus, dem Bräutigam, und der Gemeinde Christi, seiner Braut (vgl. z.B. Eph 5,22–33).

Die sexuelle Intimität innerhalb der Ehe zielt darauf ab, Gott zu dienen, indem sie eine Beziehung von Lust und Treue aufbaut und dadurch Gott ehrt. Diese Intimität spiegelt die eschatologische Intimität wider, die die gesamte Gemeinde Christi mit Christus, ihrem Bräutigam, genießen wird. Man kann sich kaum eine höhere Berufung für Paare vorstellen, die eine Ehe eingehen[4].

Soziale Ordnung

Die Bibel ist sich der Kraft des sexuellen Verlangens sowohl bei Männern als auch bei Frauen (mit all ihren Unterschieden) bewusst und weiß um die Möglichkeiten von Chaos und Unordnung, die entstehen können, wenn diese Begierden nicht in Gottes geordneter Weise ausgelebt werden. Das Verbot des Ehebruchs im siebten Gebot (vgl. 2Mose 20,14) bildet die Spitze des Eisbergs der alt- und neutestamentlichen Lehre, die jede Art von Unzucht verbietet. Jede sexuelle Intimität, die außerhalb der durch den Bund geschlossenen Bindung zwischen einem Mann und einer Frau in der Ehe stattfindet, fällt unter die biblische Definition von Unzucht. Die Bibel schützt die „Nacktheit“ (sexuelle Nacktheit im Kontext sexueller Erregung) und verbietet damit Pornographie, Vergewaltigung, den Missbrauch von Frauen, Sex zwischen einem Mann und einem Mann, zwischen einem Mann und vielen Frauen, zwischen einer Frau und einer Frau, zwischen einer Frau und vielen Männern sowie zwischen Menschen und Tieren.

Diese Grenze des sexuellen Ausdrucks ist ein guter und notwendiger Schutz der sexuellen Ordnung in jeder Gesellschaft. Wenn sie überschritten wird, insbesondere wenn sie von einer ganzen Kultur überschritten wird, entsteht sexuelles Chaos, und ganze Leben werden schwer beschädigt.

Die Definition der Ehe

Die Ehe ist eine freiwillige sexuelle und öffentliche soziale Bindung zwischen einem Mann und einer Frau aus unterschiedlichen Familien. Diese Bindung ist nach dem Vorbild der Bindung Gottes mit seinem Volk (seiner Braut) und Christi mit seiner Gemeinde gestaltet. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Verbindung ist Gottes Aufruf zu lebenslanger ausschließlicher sexueller Treue[5].

Wir können die Definition der Bibel anhand der folgenden Elemente zusammenfassen:

Einverständnis

Die Ehe ist eine freiwillige Bindung. Die Bibel verurteilt Vergewaltigung und Zwangsheirat (vgl. z.B. 2Sam 13,14). Ein Mann und eine Frau müssen ihr Einverständnis geben, um zu heiraten. Mit diesem Einverständnis erklären sie sich bereit, dem anderen alles zu geben, was sie als sexuelle Wesen ausmacht (vgl. 1Kor 7,2–4). Dieses Einverständnis sollte mit einem Bewusstsein für das Wesen der Institution gegeben werden, die beide eingehen.

Öffentlich

Die Ehe ist eine öffentliche Bindung. Während die Intimität privat ist und auch privat bleiben muss, ist das Wesen dieser Bindung öffentlich. Der Mann und die Frau versprechen vor Zeugen, dass sie einander treu bleiben werden, bis einer von ihnen stirbt.

Unverheiratete Lebensgemeinschaften unterliegen einer Unklarheit darüber, worauf sich Mann und Frau genau geeinigt haben. Oftmals gibt es unterschiedliche Auffassungen zwischen den beiden. Wenn jedoch ein Mann und eine Frau heiraten, besteht keine solche Unsicherheit. Beide haben öffentlich vor der größeren Gemeinschaft, in der sie leben, ihre lebenslange Treue versprochen. In einer gesunden Gesellschaft bedeutet dies, dass ein Ehepaar gesellschaftliche Unterstützung erhält. Ein Ehemann oder eine Ehefrau, die eine Ehe brechen, müssen dafür einen sozialen Preis zahlen.

Heterosexuell

Die Ehe ist eine Bindung zwischen einem Mann und einer Frau. So hat Gott die Menschheit geschaffen. Eine Gesellschaft mag eine Beziehung zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts als „Ehe“ bezeichnen, aber in den Augen Gottes ist dies niemals der Fall.

Monogam

Die Ehe ist eine Bindung zwischen einem Mann und einer Frau. Polygamie wird im Alten Testament erwähnt, aber niemals befürwortet. Jesus bekräftigt ausdrücklich die Ordnung aus 1. Mose, wonach ein Mann und eine Frau eine Einheit bilden (vgl. z.B. Mt 19,5–6: „So sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch“).

Aus unterschiedlichen Familien

Die Bibel verurteilt durchweg Inzest, also sexuelle Intimität zwischen Personen, die zu eng miteinander verwandt sind, sei es durch das Blut (Verwandtschaft) oder durch Heirat (Wahlverwandtschaft). 3. Mose 18 ist der klarste und ausführlichste Text des Alten Bundes, der sich mit dieser Frage befasst. 1. Korinther 5 verurteilt die sexuelle Beziehung eines Mannes zu seiner Stiefmutter.

Auch unter Christen herrschte nicht immer Einigkeit darüber, welche Gründe hinter dem Inzestverbot stehen und wo genau die Grenzen des Inzests gezogen werden sollten. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass der Grund dafür darin liegt, den Familienkreis vor den zerstörerischen Verwirrungen zu schützen, die entstehen, wenn jemand einen nahen Verwandten (außer dem Ehepartner) als potentiellen Sexualpartner in Betracht zieht. Wenn diese Begründung zutrifft, dann hängt das genaue Ausmaß der Inzestverbote möglicherweise davon ab, was in einer bestimmten Kultur als „enge Familie“ gilt[6].

Das Muster von Christus mit seiner Gemeinde

Drei Passagen im Neuen Testament richten sich ausdrücklich an Ehemänner und Ehefrauen: Epheser 5,22–33; Kolosser 3,18–19 und 1. Petrus 3,1–7. Darin wird gelehrt, dass Ehemänner eine aufopferungsvolle Führungsrolle übernehmen und Ehefrauen eine Haltung der gottesfürchtigen Unterordnung gegenüber ihren Ehemännern einnehmen sollen. Ein solches Muster wird in weiten Teilen der heutigen Kultur und in einigen Gemeinden weitgehend verhöhnt und abgelehnt.

Bei der Untersuchung dieser Frage sollten wir mit dem Begriff „Ordnung“ oder „Anordnung“ (griech. taxis) beginnen, von dem sich das Wort „Unterordnung“ ableitet. Im Neuen Testament wird dieser Begriff verwendet für (1) die Unterordnung aller Dinge unter Gott und Christus (vgl. z.B. Eph 1,22), (2) die Unterordnung Christi unter Gott (vgl. 1Kor 15,24–28), (3) die Unterordnung des Gläubigen unter Gott (vgl. z.B. Jak. 4,7), (4) die Unterordnung des Gläubigen unter die staatlichen Autoritäten (vgl. z.B. Röm 13,1–7), (5) die Unterordnung der Sklaven unter ihre Herren (vgl. z.B. Tit 2,9), (6) die Unterordnung der Gemeindemitglieder unter ihre Leiter (vgl. z.B. Hebr 13,17), (7) die Unterordnung der Kinder unter ihre Eltern (vgl. z.B. Eph 6,1) und (8) die Unterordnung der Frauen unter ihre Männer (vgl. z.B. Eph 5,24). Die Unterordnung der Sklaven unter ihre Herren ist in dieser Liste ein Sonderfall, da sie keine theologische Grundlage in der Schöpfung hat und die Bibel die Institution der Sklaverei sogar radikal in Frage stellt.

Die Unterordnung einer Ehefrau muss freiwillig erfolgen und Ausdruck ihrer göttlichen Unterordnung unter Gott sein. Die Leitung des Ehemannes soll eine aufopferungsvolle Leitung sein, die sich an der Liebe Christi zu seiner Gemeinde orientiert. Im besten Fall ist dieses Muster wunderschön und lebensspendend. Es kann untergraben werden (1) durch einen tyrannischen Ehemann, (2) durch eine Ehefrau, die es versäumt, ihrem Ehemann eine Partnerin zu sein, sondern einfach nur passiv ist, (3) durch eine rebellische Ehefrau und (4) durch einen Ehemann, der sich seiner Verantwortung entzieht.

Lebenslange Treue

Treue oder treue Liebe muss das Kernelement einer Ehebeziehung sein. In der Ehe geht es nicht in erster Linie um unsere Gefühle (die kommen und gehen), sondern darum, ein Versprechen zu halten. Die Heilige Schrift spricht von der Ehe als einem Bund, dessen Zeuge Gott ist (vgl. z.B. Mal 2,14). Wenn ein Mann und eine Frau heiraten (unabhängig davon, ob sie gläubig sind oder nicht), werden sie von Gott vereint (vgl. z.B. Mk 10,8–9). Weder einer der Ehepartner noch eine andere Person darf trennen, was Gott vereint hat.

Zusammenfassung: Die Ehe und die Gnade Gottes

Das Evangelium Jesu bietet Gnade für sexuelle Verfehlungen. Im Anschluss an eine Liste, die sich insbesondere auf sexuelle Sünden konzentriert, schreibt Paulus: „Und solche sind etliche von euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus und in dem Geist unseres Gottes!“ (1Kor 6,11). Wir alle sind durch sexuelle Sünden gezeichnet, sei es durch unsere eigenen, durch das, was wir gedacht, gesehen, gelesen oder getan haben. Im Evangelium finden wir Vergebung und die Freude, reingewaschen zu sein. Voller Freude können wir anderen die Reinigung anbieten, die wir selbst in Christus gefunden haben.

Buchempfehlungen


1 Oliver O’Donovan, Resurrection and Moral Order, 2. Auflage, Grand Rapids: William B. Eerdmans Publishing Company, 1994, S. 61.

2 Vgl. Geoffrey W. Bromiley, God and Marriage, Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans-Lightning Source, 1980.

3 Vgl. Kapitel 7 in Christopher Ash, Marriage: Sex in the Service of God, Vancouver: Regent College Publishing, 2005.

4 Vgl. Timothy und Kathy Keller, Ehe – Gottes Idee für das größte Versprechen des Lebens, Gießen: Brunnen, 2023.

5 Vgl. Kapitel 11–15 in Ash, Marriage.

6 Vgl. Ash, Marriage, S. 266–271.