Behinderungen in der Gemeinde Jesu

Artikel von Boris Giesbrecht
2. Dezember 2025 — 11 Min Lesedauer

Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2023 rund 9,3 % der Menschen in Deutschland schwerbehindert[1] – darunter viele mit chronischen Erkrankungen. Wer selbst nicht betroffen ist, kennt meist jemanden mit einer bleibenden Krankheit oder Beeinträchtigung. Trotz dieser hohen Zahl sind Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft und in Gemeinden oft kaum sichtbar. Woran mag das liegen?

Behinderung wahrnehmen: Eine realistische Perspektive

Die gesellschaftliche Haltung gegenüber Schwäche macht es den Betroffenen nicht einfach. Während viele ihre inneren Kämpfe verbergen können, ist das für Menschen mit sichtbaren Beeinträchtigungen kaum möglich. Diese Sichtbarkeit ist oft mit Scham behaftet, sodass sich Betroffene und ihre Familien lieber zurückziehen, um Vorurteilen und Verurteilungen zu entgehen. Gleichzeitig herrscht im Umgang mit Menschen mit Behinderungen oft Unsicherheit. Missverständnisse führen nicht selten zu unbeabsichtigter Ausgrenzung. Körperliche Einschränkungen werden mitunter fälschlicherweise mit geistigen Beeinträchtigungen gleichgesetzt – eine verletzende Erfahrung für viele. Außenstehende sind unsicher, wie sie über eine beeinträchtigte Person sprechen oder mit ihr interagieren sollen. Diesen unangenehmen Situationen geht man dann lieber aus dem Weg.

Das führt dazu, dass „Außenstehende“ kaum einen realistischen Einblick in das Leben von Betroffenen erhalten. Dabei kann je nach Art und Grad der Behinderung der Alltag kaum allein zu bewältigen sein. Während manche Einschränkungen, wie eine Querschnittslähmung, vor allem die Mobilität betreffen, beeinflussen andere – etwa chronische Schmerzen oder Depressionen – die Belastbarkeit und emotionale Stabilität. Geistige Erkrankungen wiederum zeigen sich auf ganz eigene Weise. Jede Behinderung ist individuell und kaum vergleichbar. Und so sind auch die Herausforderungen für Betroffene und ihre Familien vielfältig: Häufige Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, komplexe Medikamentenpläne und hoher Pflegeaufwand sind nur einige davon. Hinzu kommen organisatorischer Stress, Versicherungsfragen und finanzielle Sorgen. Die ständige Betreuung, oft rund um die Uhr, zehrt an den Kräften. Der Verlust von Fähigkeiten und damit verbundene Einschränkungen sind schwer zu verarbeiten – sowohl körperlich als auch emotional. Auch innerhalb der Familie kann es zu Spannungen kommen: Beziehungen werden auf die Probe gestellt, Geschwister fühlen sich vernachlässigt, und Betroffene ziehen sich zurück, um niemandem zur Last zu fallen. Hinzu kommen Ängste vor einer ungewissen Zukunft oder dem Tod – Aspekte, die bei vielen Erkrankungen unausweichlich sind.

Wenn die Situationen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen in den Gemeinden nicht bekannt sind, führt dies leider manchmal dazu, dass betroffene Familien keine tiefere Gemeinschaft mit anderen Betroffenen erleben – unabhängig von deren Glaubensüberzeugungen. Dabei wird leicht übersehen: Früher oder später wird fast jeder mit Einschränkungen konfrontiert – sei es durch Krankheit, Unfall oder das Alter. Umso wichtiger ist es, eine biblische Perspektive auf Krankheit und Behinderung zu entwickeln – sowohl für den eigenen Umgang damit als auch für den Blick auf andere.

Behinderung einordnen: Eine biblische Perspektive

Die Bibel erwähnt an verschiedenen Stellen Menschen mit bleibenden Beeinträchtigungen. Isaak erblindete im Alter (vgl. 1Mose 27,1), Jakob hinkte nach seinem Kampf mit Gott (vgl. 1Mose 32,25–32), Leprakranke mussten isoliert leben (vgl. 3Mose 13–14), und Mephiboschet war nach einem Unfall gelähmt (vgl. 2Sam 4,4). Auch im Neuen Testament begegnen wir Menschen mit körperlichen Einschränkungen: Jesus heilte Blinde, Lahme, Stumme und Aussätzige (vgl. u.a. Mt 9,27–31; Mk 1,40–45; Joh 5,1–9), und selbst Paulus lebte mit einer dauerhaften Beeinträchtigung (vgl. 2Kor 12,7–10).

Psalm 139,14 macht die wunderbare Aussage: „Ich danke dir, dass ich erstaunlich und wunderbar gemacht bin.“ Diese Wahrheit gilt für jeden Menschen, unabhängig davon, ob jemand mit Down-Syndrom oder mit der üblichen Anzahl von Chromosomen geboren wurde. Und doch scheinen auf den ersten Blick die biblischen Vorschriften zum Umgang mit körperlichen Einschränkungen diskriminierend zu sein, da diese nicht als Priester am Altar dienen durften (vgl. 3Mose 21,16–23). Doch der Hintergrund liegt in der symbolischen Reinheit des priesterlichen Dienstes: Die äußere Makellosigkeit der Priester sollte Gottes Vollkommenheit widerspiegeln und auf das zukünftige makellose Opfer Jesu Christi hinweisen.[2] Entscheidend ist jedoch, dass diese Vorschrift nichts über den Wert oder die Würde eines Menschen mit Behinderung aussagt. Priester mit Beeinträchtigungen durften weiterhin vom heiligen Brot essen – ein Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur priesterlichen Gemeinschaft.

Im Neuen Testament wird endgültig klar: Durch Jesu Opfer haben alle Gläubigen, unabhängig von körperlichen Merkmalen, uneingeschränkten Zugang zu Gott. Schließlich ist jeder Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen (vgl. 1Mose 1,27–28). Allerdings sind seit dem Sündenfall Tod, Krankheit und Behinderung Teil dieser gefallenen Welt (vgl. 1Mose 3,16–19; Röm 5,12). Die gesamte Schöpfung leidet unter den Folgen der Sünde (vgl. Röm 8,20–22). Jesus selbst machte deutlich, dass nicht jede Krankheit mit persönlicher Schuld zusammenhängt (vgl. Joh 9,1–3). Als seine Jünger ihn fragten, warum ein Mann blind geboren wurde, erklärte er, dass es nicht an der Sünde seiner Eltern oder seiner eigenen Schuld lag, sondern dass sich an ihm Gottes Werke offenbaren sollten. Der Umgang von Jesus mit Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung war von Mitgefühl gekennzeichnet. Ja, unsere Gesellschaft misst Menschen oft an Leistung, Schönheit und Erfolg. Doch Gott achtet besonders auf die Schwachen, Verlorenen und Ausgegrenzten – auf Lahme, Witwen und Waisen. Während wir in der Gemeinde oft Menschen in den Vordergrund stellen, die mit ihren Talenten und ihrer Ausstrahlung beeindrucken, lädt Gott bewusst „die Armen, die Verkrüppelten, die Blinden und die Lahmen“ an seinen Tisch ein (vgl. Lk 14,21). Er beruft Aussätzige als seine Boten. Viele von ihnen heilte er, um deutlich zu machen, dass das Reich Gottes angebrochen ist. Die Bibel endet mit einer gewaltigen Hoffnung auf eine Welt ohne Leid. Offenbarung 21,4 verheißt: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz.“ Behinderungen erinnern daran, dass diese Welt nicht das endgültige Zuhause ist. Sie verweisen auf die kommende neue Schöpfung – eine Zukunft, in der gebrochene Körper wiederhergestellt sind und jene, die einst nicht laufen konnten, vor dem Herrn springen werden.

Wie aber kann diese biblische Perspektive in unserem Miteinander sichtbar werden?

Behinderung begegnen: Die zwischenmenschliche Perspektive

Der erste Schritt im Umgang mit Menschen mit Behinderungen ist, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Betroffene und ihre Familien stehen vor vielen Herausforderungen – körperlich, emotional und organisatorisch. Sie brauchen keine Mitleidsbekundungen, sondern echte Unterstützung im Alltag. Dazu gehören regelmäßige Besuche, Fahrdienste zu Gottesdiensten oder Arztterminen oder die kurzfristige Übernahme der Betreuung, damit Angehörige sich eine Auszeit nehmen und selbst geistlich auftanken können. Ein guter Anfang ist es, als „Außenstehender“ mutig auf betroffene Familien zuzugehen und zu fragen, wie man ihnen den Besuch des Gottesdienstes, das Gemeindeleben oder den Familienalltag erleichtern kann. Hier ist Offenheit von beiden Seiten gefragt.

Doch die zwischenmenschliche Perspektive geht über praktische Hilfe hinaus. Betroffene wollen auf Augenhöhe angesprochen werden – ohne Mitleid, aber mit echter Anteilnahme. Manchmal ist Zuhören wichtiger als vorschnelle Ratschläge. Die größte Herausforderung in zwischenmenschlichen Begegnungen besteht nämlich darin, gesellschaftliche Barrieren zu überwinden. Menschen mit Behinderungen werden oft als „anders“ wahrgenommen, was eine unsichtbare Distanz schafft. Doch sie sind nicht grundsätzlich anders – sie teilen dieselbe Zerbrochenheit der Menschheit, die bei ihnen nur sichtbarer ist.

Joni Eareckson Tada, die seit einem Badeunfall im Alter von 17 Jahren querschnittsgelähmt ist, erzählt, dass Menschen oft für ihre Heilung beten wollen. Doch sie macht deutlich, dass diese Fixierung auf körperliche Wiederherstellung an ihrem eigentlichen Bedürfnis vorbeigeht. Jonis Antwort lautet oft:

„Würdest du bitte Gott bitten, meine verdrießliche Haltung am Morgen loszuwerden? Und meine Ungeduld, wenn mein Schreibtisch überquillt? Weißt du, ich bin ein Workaholic – kannst du dafür beten? Lass mich dir einfach all die Dinge erzählen, die in meinem Herzen noch entwurzelt, bekannt, bereut und geheilt werden müssen.“ [3]

Ein eindrucksvolles Beispiel liefert Markus 2: Einige Freunde bringen einen Gelähmten zu Jesus, in der Hoffnung auf Heilung. Doch das Erste, was Jesus tut, ist, ihm seine Sünden zu vergeben. Während die Menschen die körperliche Lähmung als sein größtes Problem sahen, erkannte Jesus sein tiefstes, ewiges Bedürfnis. Dies gilt für jeden Menschen: Die größte Not ist nicht eine körperliche Einschränkung, sondern die Versöhnung mit Gott durch Jesu vergebende Gnade. Menschen mit Behinderungen haben – wie alle anderen – tiefere, geistliche Bedürfnisse, die über körperliche Heilung hinausgehen. Der medizinische Fortschritt hat viele Erleichterungen gebracht, aber auch die Illusion verstärkt, dass das Hauptproblem eines Menschen mit Behinderung seine „Reparatur“ sei. Unsere Gesellschaft neigt dazu, Menschen mit Behinderungen entweder zu bemitleiden oder zu idealisieren – als „unschuldige Engel“ oder „heilige Unwissende“. Doch sie brauchen weder Mitleid noch Verklärung, sondern echte Gemeinschaft. Nicht nur freundliche Gesten, sondern auch die Wahrheit über die Hoffnung auf ewiges Leben, die allein in Christus zu finden ist.

Wie kann die Gemeinde dazu beitragen?

Behinderung wertschätzen: Die gemeindliche Perspektive

Ein wesentlicher Teil des gemeindlichen Dienstes an Menschen mit Behinderungen besteht darin, Barrieren abzubauen – sowohl physische als auch soziale. Dazu gehören bauliche Maßnahmen wie Rampen, breite Türen, gut sichtbare Beschilderungen und barrierefreie Toiletten. Ohne solche Vorkehrungen bleibt vielen der Zugang zu Gottesdiensten erschwert oder sogar verwehrt. Auch Gebärdendolmetscher für Gehörlose, leicht verständliche Predigten sowie reservierte Sitzplätze für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen tragen dazu bei, eine wirklich inklusive Gemeinschaft zu schaffen.

Doch es geht um weit mehr als Zugänglichkeit. Menschen mit Behinderungen und ihre Familien wünschen sich nicht nur räumliche Akzeptanz, sondern auch persönlich wahrgenommen zu werden. Die Gemeinde sollte sich bewusst fragen: Wie können wir Menschen mit körperlicher oder geistiger Einschränkung integrieren? Unsicherheit führt manchmal dazu, dass Betroffene ungefragt übergangen werden. Während z.B. alle Kinder der Gemeinde den Glaubensgrundkurs abschließen, bleibt das geistig beeinträchtige Kind einfach unerwähnt, das verletzt. Diese Fragen sollten nicht ausgesessen werden – sie brauchen offene Gespräche und ein sensibles, wertschätzendes Miteinander. Nichts verletzt mehr als das Gefühl, übersehen zu werden.

Aber Menschen mit Behinderungen sind nicht nur Empfänger von Fürsorge, sondern wertvolle Mitglieder der Gemeinde mit einzigartigen Gaben. Jesus begegnete ihnen nicht bloß als Bedürftigen, sondern als vollwertige Teilhaber am Reich Gottes. Jeder hat eine Rolle im Leib Christi – auch diejenigen, die in den Augen der Welt als „schwächer“ erscheinen. Paulus betont: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit“ (1Kor 12,26).

Eine Person mit geistiger Einschränkung mag aus weltlicher Sicht wenig beitragen. Doch gerade diese Menschen erinnern uns daran, dass diese Welt nicht unser endgültiges Zuhause ist. Ihre Lebensrealität spiegelt die Sehnsucht der ganzen Schöpfung nach Erlösung wider – nach einer Welt, in der alles wiederhergestellt ist.

Unsere westliche Gesellschaft vermittelt oft, dass es im Leben vor allem darum geht, Schmerz und Leid zu vermeiden. Doch sowohl die Bibel als auch die Erfahrung zeigen, dass tiefes Wachstum und starker Glaube oft durch Prüfungen entstehen. In diesem Sinne sind Menschen mit Behinderungen oft unsere größten Lehrer.[4]

Fazit

Behinderung ist kein Randthema – sie betrifft uns alle, sei es direkt oder indirekt. Die Gemeinde sollte nicht nur Barrieren abbauen, sondern echte Gemeinschaft leben. Denn letztlich erinnern uns körperliche Begrenzungen an unsere tiefste Sehnsucht nach Erlösung – auf die endgültige Wiederherstellung in Gottes neuer Welt. Lassen wir uns also ermutigen, aktiv auf betroffene Familien zuzugehen und sie in unsere Gemeinschaft einzuladen – mit offenen Herzen und offenen Türen.


1„7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland“, Statistisches Bundesamt, 19.10.2024, online unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/07/PD24_281_227.html (Stand: 01.12.2025).

2Ros Bayes, „Was sagt die Bibel zum Thema Behinderung?“, Evangelium21, 01.12.2023, online unter: https://www.evangelium21.net/media/4085/was-sagt-die-bibel-zum-thema-behinderung (Stand: 01.12.2025).

3Joni Eareckson Tada, „A Deeper Healing“, Grace To You, 16.10.2013, online unter: https://www.gty.org/library/sermons-library/TM13-2/a-deeper-healing-joni-eareckson-tada (Stand: 01.12.2025).

4 Eine hilfreiche Ressource bei der Beschäftigung mit der Frage der Behinderung ist das Buch von Michael S. Beates, Disability and the Gospel, Wheaton: Crossway, 2012.