Nicht durch Macht, sondern durch Liebe

2. Könige 6,8–23

Artikel von Timon Kubsch
26. November 2025 — 10 Min Lesedauer

Eine der Geschichten im Alten Testament, die mich am meisten beeindruckt, findet sich in 2. Könige 6,8–23. Das Volk Israel war in großer Not: Die Aramäer drohten, in das Land einzufallen und es zu erobern. Doch dann lesen wir davon, wie der unsichtbare Gott der Bibel sein Volk auf ganz überraschende Weise beschützt. Gott gebraucht keine große Armee, um sein Volk zu verteidigen, sondern einen einzelnen gottesfürchtigen Mann. Und Gott vernichtet seine Feinde nicht mit Gewalt, sondern gewinnt sie mit Liebe.

Diese Geschichte zeigt uns, wie Gott auch heute noch in dieser Welt und in unserem Leben wirkt, obwohl wir ihn nicht sehen. Wie er uns schwache Christen gebraucht, um Großes zu tun, und wie er Hass mit Liebe besiegt. Ultimativ weist sie uns aber auf denjenigen hin, der uns den Charakter und die gewinnende Liebe Gottes noch viel eindrücklicher offenbart hat: Jesus Christus.

Die große Bedrohung und Gottes Mittel zur Rettung

Krieg ist eine bittere Realität. Nicht nur heute, sondern auch vor tausenden Jahren. Die Aramäer (heutiges Syrien) fielen damals in das Nordreich Israel ein, um es zu erobern. Sie waren militärisch weit überlegen, hatten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite und versuchten daher, die kleinere Armee Israels zügig zur Schlacht zu zwingen, um sie zu besiegen und anschließend das Land ohne Widerstand einnehmen zu können. Es sollte ein schneller und überwältigender Sieg werden. Eigentlich konnte nichts schiefgehen.

Doch es gab eine Komponente, die sie nicht bedacht hatten: Obwohl das Volk Israel unter König Joram, dem Sohn Ahabs und Isebels, ziemlich schwach und gottlos war, war es Gott eben doch nicht los. Gott hielt treu zu den Menschen, mit denen er seinen Bund geschlossen hatte. Und Gott beschützte sie. Aber nicht durch militärische Kraft, sondern durch einen einzelnen gottesfürchtigen Mann: den Propheten Elisa. Gott offenbarte Elisa jedes Mal, wo die Aramäer angreifen würden, sodass König Joram ausweichen, Zeit gewinnen und eine stärkere Armee mustern konnte. „Dies geschah nicht bloß einmal oder zweimal“ (2Kön 6,10), sondern so oft, dass der König von Aram richtig unruhig wurde. Für ihn gab es nur eine Erklärung für dieses Phänomen: Es muss einen Maulwurf geben! Irgendjemand verrät seine Pläne an Israel. Doch einer seiner Diener wusste besser Bescheid: „Nicht doch, mein Herr und König; sondern Elisa, der Prophet in Israel, verrät dem König von Israel alles, was du in deiner Schlafkammer redest! (Vers 12). Und so plante der König von Aram nun, zuerst Elisa loszuwerden, und schickte seine Armee zu dessen Wohnort nach Dotan.

Es ist bemerkenswert: Die beste Verteidigung war nicht die israelitische Armee, sondern der Geist Gottes, der in einem gottesfürchtigen Mann wirkte. Israel hält stand, nicht aufgrund eigener Stärke – sie waren schwach – sondern aufgrund der Stärke Gottes.

Das ist tatsächlich ein Muster bei Gott. Er wirkt gern in unserer Schwachheit, denn dann zeigt sich seine Macht umso deutlicher (vgl. 2Kor 12,10). Den Königen von Israel war sogar verboten worden, viele Pferde und Streitwagen zu besitzen, damit sie nicht auf ihre militärische Macht vertrauten, sondern auf Gott (vgl. 5Mose 17,14 ff.). In Sacharja 4,6 wird dieses Muster schön ausgedrückt: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist!, spricht der HERR der Heerscharen.“

Warum ist das wichtig zu verstehen? Als Christen erleben auch wir viele Kämpfe und Probleme. Es gibt Mächte und Gewalten, die Jesu Gemeinde vernichten wollen. Es gibt Sünde, die uns lockt. Es gibt Beziehungsprobleme und Sorgen im persönlichen Leben. Aber allzu oft meinen wir, wir bräuchten einfach mehr irdische Mittel, um diese Probleme lösen zu können: mehr Geld, bessere Kommunikationsmethoden, mehr Charisma oder bessere Pläne. Obwohl diese Dinge hilfreich sind, werden wir aber scheitern, wenn wir allein darauf vertrauen. „Gott widersteht den Hochmütigen; den Demütigen aber gibt er Gnade“ (1Petr 5,5).

Gott will und braucht keine großen Armeen, um Feinde zu besiegen. Gott benötigt auch keine perfekten Redner auf den Kanzeln, keine vollkommene Gemeinde, um auf ihn hinzuweisen, keine Superstars, um den Glauben attraktiv zu machen. Gott benutzt viel lieber dich! Gott wirkt gern dort, wo einfache und schwache Menschen auf ihn vertrauen.

Ist das nicht unglaublich? Gerade da, wo wir unsere Schwachheit anerkennen, will Gott seine Stärke zeigen. Das darf dir Hoffnung machen. Es ist nicht so wichtig, wie viel oder wenig Kraft du hast, wenn du dein Problem dem abgeben kannst, der allmächtig ist und der sich liebend gern deiner annimmt. Israel hält also stand – nicht aufgrund eigener Stärke, sondern aufgrund von Gottesfurcht. Doch die Geschichte geht weiter.

Gott offenbart sein unsichtbares Wirken

Die Aramäer ziehen also nach Dotan, um Elisa gefangen zu nehmen, damit er ihre Pläne nicht weiter durchkreuzen kann. Als ein Diener von Elisa morgens aufsteht und vielleicht gerade den Toilettengang hinter sich bringen will, wird der schlimmste Albtraum wahr: Die ganze Stadt ist umringt von Feinden. Es ist fast schon ironisch. Elisa wusste immer im Vorfeld, wo die Aramäer angreifen würden. Aber jetzt scheint es, als ob er überrumpelt wurde. Hat er das nicht kommen sehen?

Der Diener weckt Elisa voller Verzweiflung. Er rechnet mit dem sicheren Tod. Doch Elisa antwortet ihm in 2. Könige 6,16–17:

„Er sprach: Fürchte dich nicht! Denn die, welche bei uns sind, sind zahlreicher als die, welche bei ihnen sind! Und Elisa betete und sprach: HERR, öffne ihm doch die Augen, damit er sieht! Da öffnete der HERR dem Knecht die Augen, sodass er sah. Und siehe, der Berg war voll feuriger Rosse und Streitwagen rings um Elisa her.“

Der HERR hat seine Heerscharen geschickt, um die Seinen zu beschützen.

Ich kann mich so gut in diesem namenlosen Diener wiederfinden. Ich bin ehrlich: So oft stehe ich vor Problemen in meinem Leben und weiß nicht weiter. Ich verzweifle daran. Ich habe das Gefühl, der Feind oder die Sünde in meinem Fleisch ist zu stark. Und oftmals scheint Gott so fern. Ich spüre ihn nicht. Ich sehe nicht, dass er etwas verändert oder tut. Und dann bekomme ich Angst und Sorgen. Kennst du das? Gott scheint so fern, die Probleme so groß. Aber Gott ist nicht fern! Gott ist da und er wirkt denen, die ihn lieben, alles zum Besten (vgl. Röm 8,28), auch wenn wir ihn nicht sehen.

Wenn wir diese Perspektive und Zusage Gottes annehmen, verändert das alles! Es verändert, wie wir mit Sorgen und Ängsten umgehen. Es schenkt uns einen Frieden, der nicht von dieser Welt ist. Das durfte auch Elisas Diener erleben. Die Situation damals hatte sich ja nicht verändert. Die Feinde waren immer noch da, sie griffen sogar die Stadt an. Und doch hat sich für den Diener alles geändert, denn er weiß nun: Die Feinde sind zahlreich und stark, aber der allmächtige Gott ist auf meiner Seite. Frei nach Römer 8,31: Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein?

Aber jetzt halte dich fest! Die Geschichte nimmt noch einmal eine überraschende Wendung. Und daran sehen wir: Gott handelt nicht nur im Verborgenen, er handelt auch oft ganz anders, als wir erwarten würden.

Gott besiegt den Hass mit Liebe

Eigentlich würden wir denken, dass Gottes Engelsheere die Aramäer jetzt besiegen würden. Aber das geschieht nicht. Stattdessen geht Elisa den angreifenden Feinden entgegen, bittet Gott, sie blind zu machen, und führt sie dann nach Samaria in einen Hinterhalt. Eine gewisse Ironie: Der Diener bekommt die Augen für Gottes unsichtbares Wirken geöffnet, die mächtigen Feinde werden hingegen blind für das Offensichtliche. Diejenigen, die einen Hinterhalt legen wollten, werden selbst in einen Hinterhalt geführt.

König Joram von Israel kann sein Glück kaum fassen. Er umzingelt die Feinde und will sie nun mit seiner Armee vernichten. Doch was antwortet der Prophet Elisa im Auftrag Gottes? „Du sollst sie nicht schlagen! … Setze ihnen Brot und Wasser vor, dass sie essen und trinken und zu ihrem Herrn ziehen!“ (2Kön 6,22).

Bitte was? Das ist jetzt die zweite Gelegenheit, die Aramäer vernichtend zu schlagen, aber sie werden nicht nur ein zweites Mal verschont – ihnen wird sogar ein Festmahl zubereitet und sie dürfen nach Hause zurückkehren. Wieso? Das macht doch keinen Sinn! Doch, bei Gott schon. Wir werden hier Zeuge von Gottes Charakter. Gott hat keinen Gefallen am Tod des Gottlosen (vgl. Hes 33,11). Er könnte seine Feinde jederzeit vernichten, aber er will sie gewinnen! Gott beantwortet Hass mit Liebe. Er lässt ein Festmahl für die Aramäer ausrichten. Und diese Liebe führt dazu, dass sie nicht länger Feinde sind. „Von da an kamen die Streifscharen der Aramäer nicht mehr in das Land Israel“ (2Kön 6,23). Es ist diese verblüffende und völlig unverdiente Gnade Gottes, die einen Menschen für immer verändert und die Gott so gern schenkt, dass er sie nicht nur den Aramäern, sondern allen Menschen erweisen möchte.

Gott offenbart seine Liebe der ganzen Welt

Dieses unerwartete Ende der Geschichte in Samaria erinnert uns daran, dass auch wir, wie die Aramäer, eigentlich den Tod verdient hätten, dass Gott uns aber begnadigt hat, weil Jesus Christus, der Sohn Gottes, unsere Strafe auf sich genommen hat (vgl. Röm 5,8). Auch er ging (wie Elisa) den Soldaten entgegen, die ihn gefangen nehmen und töten wollten. Anders als Elisa, führte er sie jedoch nicht in einen Hinterhalt, sondern ging freiwillig in die Falle und ließ es zu, hingerichtet zu werden. Dort am Kreuz von Golgatha, richtete Jesus ein Festmahl aus mit seinem Leib und seinem Blut, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht mehr als sein Feind in den Tod, sondern als sein Kind ins Leben gehen kann.

Jesus ist der Christus! Er ist Gott, Mensch geworden. Er ist der König, der seine Feinde nicht mit militärischer Stärke besiegt, sondern mit Liebe. Auch wenn er in den Himmel aufgefahren ist zum Vater, um auf seinem Thron Platz zu nehmen, so ist der doch im Heiligen Geist allezeit bei uns – alle Tage bis an der Welt Ende. Er regiert, er wirkt auf der ganzen Welt, er lebt in uns, auch wenn wir ihn nicht sehen. Er ist es, der zu dir sagt: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir“ (Jes 41,10).

In diesem Wissen dürfen wir ruhen und zugleich mutig unseren Auftrag ausführen, den Menschen die Liebe Gottes in Wort und Tat weiterzugeben. Dann dürfen wir erleben, wie diese Liebe Feinde Gottes so verblüfft und bewegt, dass sie ihre Waffen niederlegen, zu ihm umkehren und Kinder Gottes werden. Wir dürfen erleben, wie Beziehungen heilen und Sünde zugedeckt wird. Das ist die Waffe Jesu, die auch wir tragen dürfen. Eine Waffe, wie sie in dieser Welt nicht zu finden ist. Eine, die den größten Hass, ja sogar Kriege besiegen kann: Liebe.