Der andere Spurgeon
Kümmerst du dich gern um andere Menschen, siehst dich aber nicht immer in der Lage, dich in die Situation deines Gegenübers hineinzufühlen, um sie besser zu verstehen? Das kenne ich gut. Je länger ich mit Jesus unterwegs bin und Menschen in der Seelsorge begleite, desto stärker wächst in mir das Bedürfnis, leidenden Menschen auf einer Ebene zu begegnen, die wirklich Bedeutung hat.
Ich bin daher sehr dankbar für dieses Buch von Zack Eswine – es ist ein wirklicher Schatz! Wer lernen möchte, wie man Menschen, die unter Depressionen leiden, bedeutsam begegnen kann, dem empfehle ich dieses Buch wärmstens.
Ein kurzer Überblick
Es ist wichtig, zu wissen, dass Der andere Spurgeon kein Lehrbuch zum Thema Depression ist. Das Buch wirkt vielmehr wie der Versuch, Menschen mit Depressionen in kleinen Schritten Mut zuzusprechen und zugleich jene, die nicht betroffen sind, für einen sensibleren Umgang mit Leidenden zu gewinnen. Der Autor erklärt:
„Ich schreibe dieses Buch in der von Gebeten begleiteten Hoffnung, dass einige wenige Kleinigkeiten auch dich nähren werden, während Jesus dich durchträgt. … Es soll nämlich eine handgeschriebene Notiz eines Mitmenschen sein, der dir Genesungswünsche zukommen lässt. Solche Anmerkungen, aus denen nichts als Gnade spricht, habe auch ich dringend nötig.“
Eswine lädt den Leser ein, das Thema Depression am Beispiel des bekannten englischen Predigers Charles Haddon Spurgeon besser verstehen zu lernen. Charles Spurgeon sprach sehr offen über sein Leiden, was ihn zu einem greifbaren Beispiel macht.
Das Buch ist in drei Teile unterteilt. Im ersten Teil versucht der Autor zu erklären, was Depressionen sind und wie sie das Leben des Menschen berühren. Immer wieder werden konkrete Beispiele aus Spurgeons Leben herangezogen, um verschiedene Aspekte zu verdeutlichen.
Im zweiten Teil geht es darum, diejenigen anzusprechen, die sich als Hilfeleistende sehen. Hier wird der Leser gut abgeholt und eingeladen, sich in die Thematik des Leidens hineinzudenken. Der Autor möchte dabei seinen Lesern ans Herz legen, sich mehr als Wegbegleiter zu verstehen und weniger als Lehrer, da Leidende eher Zuneigung benötigen als Unterweisung – oder genauer: zuerst Zuneigung und danach Unterweisung.
Der dritte Teil wendet sich mehr den Leidenden zu. Es scheint wie ein Versuch, Aspekte aus Teil 2 umzusetzen und sie praktisch werden zu lassen. Zugleich fühlt sich Teil drei wie eine sehr einfühlsame, pastorale Begegnung mit einem Leidenden an, dem nach dem gesetzten Ziel des Autors immer wieder Häppchen der Ermutigung an die Hand gegeben werden.
Eine differenzierte Perspektive
Wie schon erwähnt ist dieses Buch kein „erschöpfendes Werk oder als eine prosaische Abhandlung über Depression aufzufassen“ (S. 20), sondern eher eine Einladung, die Thematik aus der Sicht der leidenden Person besser zu verstehen.
Der Schreibstil ist simpel, greifbar und erlaubt dem Leser einen tiefen Einblick in menschliche Leiden. Der Autor versteht es, die Situationen, in denen sich Menschen mit Depressionen befinden, so zu veranschaulichen, dass der Leser eine differenziertere Perspektive zum Thema gewinnt. Es geht plötzlich nicht mehr um die von außen sichtbaren und oft auf Unverständnis stoßenden Verhaltensweisen einer depressiven Person. Man wird buchstäblich mit hineingezogen:
„Wie beispielsweise die Angehörigen einer Familie, die ihren Urlaub in den Bergen verbrachten und dabei zuschauten, wie einer von ihnen ausrutschte und auf die Felsen stürzte – wobei doch alles hätte schön und erholsam sein sollen. … Die Lunge füllt sich mit Fragen. In seelischer Hinsicht keuchen wir nur noch. Wir sind wie betäubt, und Gefühllosigkeit überkommt uns. … so etwas sollte dort eigentlich nicht passieren.“ (S. 17)
Es geht dabei aber nicht nur um die Tragik oder die Traurigkeit von Situationen, die uns zu einer gewissen Verzweiflung und Trauer bringen. Vielmehr stellt der Autor dar, dass es gewisse Auslöser gibt, die es uns als Menschen erschweren, mit dem umzugehen, was im Leben passiert. Aus Gründen, die wir nicht verstehen, finden wir uns manchmal an Orten wieder, die uns zu zerreißen scheinen. Dabei geht es aber primär um den inneren Menschen. Das einleitende Zitat zu Kapitel zwei verdeutlicht dies:
„Das Gemüt kann in viel größere Tiefen hinabsinken als der Körper; ihm öffnen sich bodenlose Abgründe. Das Fleisch vermag nur eine gewisse Anzahl Wunden zu ertragen, nicht mehr; aber die Seele kann aus zehntausend Wunden bluten und stündlich aufs Neue den Tod schmecken.“ (S. 21)
Im ersten Teil des Buches wird auch deutlich, dass es verschiedene Auslöser für Depressionen gibt, die wir unterschiedlich einordnen sollten, wenn es darum geht, angemessene Lösungen zu finden.
Zum einen gibt es Lebensumstände, die uns dermaßen herausfordern, dass wir überfordert sind und verzweifelt versuchen, Dinge richtig einzuordnen. Die Umstände sind dabei natürlich genauso unterschiedlich, wie die Menschen, die diese Umstände erleben. Der Autor hebt diesbezüglich hervor, dass speziell die geistliche Ebene in Bezug auf eine Depression entweder eine zusätzliche Last sein kann oder auch ein unabhängiges Problem. So bekommt der Leser eine differenziertere Perspektive zu einem komplexen Thema.
Eswine schreibt hinsichtlich Spurgeons Perspektive zu den geistlichen, körperlichen und auf die Umstände bezogenen Aspekten von Depression folgendes:
„Jemand, der an einer biologisch bedingten Depression leidet, muss sich auch gleichzeitig der großen Herausforderung geistlicher Realitäten stellen. Doch eine Person könnte unter Umständen sogar an einer geistlichen Depression leiden, obwohl diese weder mit Lebensumständen noch mit einer biologischen Veranlagung zu tun hat.“ (S. 42)
Da die weltliche Perspektive auf psychische Gesundheit – geprägt von der Weltanschauung, die ihr zugrunde liegt – den geistlichen Aspekt häufig ausklammert, ist es umso entscheidender, dass sowohl Leidende als auch ihre Begleiter die Zusammenhänge zwischen Umständen, Körper und Geist bewusst wahrnehmen. Das Buch gibt dem Leser hierzu reichlich Impulse zur Reflexion.
Eine reichgefüllte Schatzkammer
Der mittlere Teil des Buches ist eine wahre Fundgrube für diejenigen, denen es am Herzen liegt, depressive Menschen auf heilsame Weise zu begleiten. Weil ich das Buch zuerst selbst auf Englisch gelesen habe und Kapitel 6 mich sehr bewegt hat, war ich von der Übersetzung der Kapitelüberschrift zu „Begrifflichkeiten für unsere Betrübnis“ jedoch etwas enttäuscht. Selbst innerhalb des Kapitels wird „language“ (dt. „Sprache“) überwiegend als „Begrifflichkeit“ übersetzt. Wortwörtlich steht im Original die Überschrift „Eine Sprache für unsere Trauer“. Ich finde den Gedanken einer „Sprache“ gegenüber einer „Begrifflichkeit“ so viel treffender, weil der Autor damit ein bestimmtes Ziel zu verfolgen scheint. Mehr als nur „treffende Worte“ zu finden, lädt uns der Autor ein, eine „Sprache zu lernen“, die es uns ermöglicht, wirklich in die Welt des Leidenden einzutauchen. Dies wird in folgendem Zitat noch deutlicher:
„Im Gegensatz dazu verlässt sich die realistische Hoffnung auf die Verwendung von Metaphern. Mit ihnen schaffen wir eine Poesie der Betrübnis, ein Wörterbuch der Traurigkeit. … Unser Wortschatz [im Original nicht „vocabulary“, sondern „language“], den wir hinsichtlich der Dunkelheit gebrauchen, erweist sich zunehmend als hilfreich. Unsere Fähigkeit, einen Menschen in unserem Umfeld zu lieben, vertieft sich.“ (S. 75 f.)
Doch trotz dieser Umstände ist dieses Buch reich an wertvollen Impulsen für Leidende und Helfer. Zwei weitere Anregungen, die ich kurz nennen möchte, stammen aus Kapitel 7. Zum einen wird uns der Begriff „Wirklichkeitsklang“ vorgestellt. Eswine führt Spurgeons Gedanken zusammen, indem er schreibt, „die Erlösung und die Rettung, die solche Prediger und Seelsorger den Leidenden vorstellen, ‚muss in einer ebenso starken Form‘ dargeboten werden, ‚wie sie das Elend für uns hatte‘, wenn die Botschaft ‚wirksam werden soll‘“ (S. 82). Zu lernen, wie sich meine Worte in den Ohren des Leidenden anhören, ist also wichtig.
Zum anderen spricht Eswine vom „Zerbrechen der Bedeutung“. Wenn die Dinge, die einst im Leben Halt boten, aus irgendwelchen Gründen auf einmal zu wanken beginnen, ist es nicht allzu verwunderlich, dass Menschen unsicher, ängstlich und verzweifelt werden.
„In diesem Zustand verschwören sich sowohl die Welt da draußen als auch die Welt da drinnen auf elende Weise miteinander, um der Hoffnung den Todesstoß zu versetzen. Der Boden wird uns unter den Füßen weggezogen, während gleichzeitig das Dach über uns zusammenbricht. Wir befinden uns im freien Fall, ohne dass irgendein Landeplatz in Sicht ist. Wenn die realistische Hoffnung aufgibt, geben auch wir auf.“ (S. 84)
Ich denke, der aufmerksame Leser wird in diesem Buch reich beschenkt werden.
Eine barmherzige Wegbegleitung
Auch der letzte Teil des Buches hat es in sich. Wir finden hier eine barmherzige Wegbegleitung für Leidende. Man spürt, dass der Autor auch selbst dunkle Tage erlebt hat und weiß, was helfen kann und was wahrscheinlich eher nicht. Durch seine Feinfühligkeit, auch komplexe Themen wie Suizid aufzugreifen, zeigt der Autor, wie wichtig es ist, unter Depressionen leidenden Menschen mit Sorgfalt zu begegnen. Eswine zeigt, dass Barmherzigkeit und Geduld uns bessere Helfer auf dem Weg mit Leidenden sein werden als weise, belehrende Worte.
Buch
Zack Eswine, Der andere Spurgeon: Depressionen und deren Bewältigung am Beispiel des bekannten Predigers, Bielefeld: CLV, 2024, 160 Seiten, 9,90 EUR.