Die vergessenen Evangelisten

Die Gemeinde zur Alltagsevangelisation mobilisieren

Artikel von Michael Ruamthong
19. November 2025 — 6 Min Lesedauer

In vielen treuen Gemeinden geschieht etwas Besorgniserregendes. Das Evangelium wird von der Kanzel verkündet. Gebete werden vor Gott gebracht. Missionsreisen werden in Budgets und Terminkalender eingeplant. Und doch gelingt es vielen Gemeindemitgliedern Woche für Woche nicht, den Verlorenen das Evangelium weiterzusagen.

Der Grund dafür ist in der Regel nicht mangelnder Glaube an Evangelisation. Ich würde sogar wetten, dass die meisten Gemeindemitglieder ernsthaft wollen, dass ihre Freunde und Nachbarn Christus kennenlernen. Wenn es aber darum geht, über den Glauben zu reden, fallen sie in Schockstarre.

Was hält sie zurück? Hier sind ein paar der häufigsten Hindernisse:

  • Furcht vor Zurückweisung oder unangenehmen Momenten. Viele haben Sorge, dass es ihren Beziehungen schadet, wenn sie in Unterhaltungen auf Jesus zu sprechen kommen.
  • Unsicherheit darüber, was man sagen soll. Viele fühlen sich schlecht ausgerüstet und nicht ausreichend qualifiziert, um das Evangelium klar zu erklären – insbesondere dann, wenn die Person mit einer schwierigen Rückfrage reagiert.
  • Ein Mangel an Dringlichkeit oder Zielgerichtetheit. Evangelisation kann leicht in den Hintergrund geraten, wenn es im Leben stressig wird.
  • Ein zu volles Gemeindeleben. Ironischerweise können unsere Gemeinden manchmal ein so volles Programm mit an sich guten Dingen haben – Bibelstunden, Veranstaltungen, Versammlungen –, dass den Mitgliedern kaum noch Raum bleibt für tiefergehende Beziehungen mit Ungläubigen.

Das sind alles echte Herausforderungen, aber sie sind nicht unüberwindbar. Vielmehr ist die Ortsgemeinde in einzigartiger Weise durch Gott dazu ins Leben gerufen, Gläubigen dabei zu helfen, im Mut, in Klarheit und in der Hingabe für die Weitergabe des Evangeliums zu wachsen. Pastoren spielen eine außerordentlich wichtige Rolle dabei, eine Kultur der alltäglichen Evangelisation in ihren Gemeinden zu prägen.

Hier sind vier Wege, wie Pastoren ihre Gemeinde für die treue und fruchtbare Verkündigung von Christus zurüsten können.

1. Lehre klar und regelmäßig

Wenn wir wollen, dass unsere Gemeindemitglieder das Evangelium weitergeben, müssen wir ihnen helfen, es zu kennen und innig zu lieben. Das beginnt mit klarer, regelmäßiger Lehre.

  • Predige das Evangelium häufig. Jede Predigt sollte auf die eine oder andere Art den Gläubigen helfen, die Gute Nachricht von Christi Tod und Auferstehung zu verinnerlichen. Setze nicht voraus, dass deine Gemeinde genug vom Evangelium hat. Die meisten sind darin noch Lernende, in seinem Licht zu wandeln und es überhaupt in Worte fassen zu können.
  • Lehre eine Theologie der Evangelisation. Was ist Evangelisation? Warum ist sie wichtig? Wer ist dafür verantwortlich? Ein starkes biblisches Fundament befeuert Überzeugungen. Zeige deiner Gemeinde auf, dass Evangelisation kein Ruf für einige wenige Begabte ist, sondern ein ganz gewöhnlicher Teil treuer Nachfolge (vgl. Mt 28,18–20; 2Kor 5,20).

Wiederholungen sind hier der Schlüssel. Eine Gemeinde, die oft über Evangelisation redet – biblisch, freudig und klar –, wird sehen, dass ihre Mitgleider mit größerem Vertrauen hinausgehen werden.

2. Sei ein Vorbild

Menschen lernen durch Zuschauen mehr als durch Zuhören. Wenn Pastoren also wollen, dass ihre Gemeindemitglieder evangelisieren, dann müssen sie es selbst vorleben.

  • Rede über deine Bemühungen – über Erfolge und Fehlschläge. Erzähle von den Unterhaltungen, die du mit deinem Friseur, einem Kellner oder Nachbarn hattest – nicht um anzugeben, sondern um dem Evangelisieren das Geheimnisvolle zu nehmen. Zeige, was es heißt, treu zu sein, auch wenn es sich merkwürdig anfühlt oder keine Frucht trägt.
  • Binde andere Mitglieder in deine Bemühungen ein. Wenn du dich zum Mittagessen mit einem nichtchristlichen Freund triffst, überlege, ob du noch ein Gemeindemitglied mitbringst. Wenn du außerhalb der Gemeinde unterwegs bist, mache es dir zur Angewohnheit, z.B. die Bedienung im Restaurant zu fragen, ob es etwas gibt, wofür du für sie beten kannst. Lade Geschwister dazu ein, dir zuzuschauen, von dir zu lernen und mit dir zusammenzuarbeiten.

Vorleben ermutigt andere, sich auch zu trauen. Es hilft Mitgliedern zu realisieren, dass Evangelisation nicht nur eine Sache für Pastoren ist. Sie denken sich dann vielleicht: „Das könnte ich auch.“

3. Leite praktisch an

Für die Evangelisation braucht man kein Theologiestudium, aber man sollte sich darauf vorbereiten. Viele Christen würden das Evangelium öfter teilen, wenn sie nur ein paar Hilfsmittel hätten.

  • Lehre einfache Methoden. Zu erklären, wie man kurz sein Zeugnis teilt, eine einfache Zusammenfassung des Evangeliums gibt oder welche Fragen ein Gespräch ermöglichen, kann sehr hilfreich sein.
  • Halte kurze Seminare. Erwäge, ein Seminar zum Thema Evangelisation oder einen jährlich wiederholten Gemeindeabend anzubieten. Nutze Material wie Christsein entdecken oder Zwei Lebenswege, um Klarheit und Vertrauen zu schaffen.
  • Lehre deine Gemeinde, aufmerksam zuzuhören. Zeige ihnen, wie sie gute Fragen stellen, liebevoll zuhören und mit Gnade und Wahrheit antworten können. Evangelisation dreht sich nicht nur um das Verkündigen, sondern auch darum, das Gegenüber zu verstehen.

Das Ziel ist nicht, Experten auszubilden, sondern gewöhnliche Gläubige zu alltäglicher Treue zuzurüsten.

4. Feiert die Treue, nicht nur die Frucht

Ein Weg, wie Gemeinden Evangelisation untergraben, ist durch das alleinige Herausstellen der Frucht. Wir erzählen gerne von den Bekehrungen (Preist den Herrn dafür!), aber selten wird von den dutzenden Unterhaltungen gesprochen, die zu keinem Ergebnis geführt haben – bisher zumindest nicht.

  • Teilt Geschichten der Treue. Lade Mitglieder ein, von Gesprächen mit Nicht-Christen zu erzählen, selbst wenn das Gegenüber nicht aufnahmebereit war. Diese Berichte können andere zum Ausprobieren ermutigen.
  • Betone Gottes Rolle in der Errettung. Erinnere deine Gemeinde häufig daran, dass wir pflanzen und bewässern, aber Gott das Wachstum schenkt (vgl. 1Kor 3,6–7). Das befreit von Druck und Stolz.
  • Schaffe eine Kultur des Gehorsams. Sobald Evangelisieren – unabhängig vom Ergebnis – ein normaler Teil der christlichen Treue geworden ist, geschieht Wachstum in Mut und Konsistenz.

Evangelisation ist für die ganze Gemeinde

Evangelisation sollte kein seltenes Ereignis sein oder ausschließlich eine Aufgabe der Hauptamtlichen. Sie ist ein essentielles Merkmal einer gesunden Gemeinde. Und dieses Merkmal wird von der Kanzel, im Seminarraum, beim Kaffee und durch die gewöhnliche Treue sowohl der Pastoren als auch der Gemeindemitglieder geprägt.

Wenn Pastoren klar verkündigen, persönlich vorleben, praktisch anleiten und Treue feiern, dann können sie eine Gemeinde formen, in der Evangelisation kein besonderer Ruf für die Mutigen ist, sondern ein natürlicher Aspekt eines Lebens mit Jesus.

Das wird die vergessenen Evangelisten mobilisieren. Nicht durch ein schlechtes Gewissen oder irgendwelche Tricks, sondern dadurch, dass gewöhnlichen Gemeindegliedern geholfen wird, zu verstehen, dass Gott selbst jemanden wie mich gebrauchen kann.