Sein Gebet speiste 10.000 Waisenkinder
George Müller (1805–1898)
George Müller baute in seinem Leben fünf große Waisenhäuser und kümmerte sich um 10.024 Kinder. Als er 1834 seine Arbeit in England begann, gab es im ganzen Land nur 3.600 Unterkunftsplätze. Doppelt so viele Waisenkinder unter dem Alter von acht Jahren befanden sich zu dieser Zeit im Gefängnis. Bereits fünfzig Jahre nach dem Beginn von Müllers Dienst wurden allein in England mindestens 100.000 Waisen versorgt.[1] Man kann sagen, dass eine der größten Auswirkungen von Müllers Arbeit darin bestand, andere Menschen zu inspirieren.
Müller erbat von Gott Millionen an Euro (in der heutigen Währung) für die Waisenkinder, ohne jemals einen Menschen direkt nach Geld zu fragen. Er vertraute schlicht darauf, dass Gott es anderen auf das Herz legen würde, ihm zukommen zu lassen, was er brauchte. Deshalb bezog er in den letzten 68 Jahren seines Dienstes niemals ein festes Einkommen. Er nahm nie einen Kredit oder Schulden auf, und trotzdem mussten weder er noch die Waisen je an Hunger leiden.
Aktiv bis zum Ende
Im Zeitraum von 1830 bis 1898 tat er all dies, während er gleichzeitig dreimal in der Woche, also mindestens 10.000 Mal, predigte. Im Alter zwischen 70 und 87 erfüllte sich für siebzehn Jahre sein Lebenstraum, als Missionar tätig zu sein. Er bereiste 42 Länder, predigte durchschnittlich einmal am Tag und erreichte ungefähr drei Millionen Menschen.
Mit 87 beendete er im Jahre 1892 seine Reisen und setzte sich fortan bis zu seinem Tod im März 1898 in seiner Kirche als Prediger und in der Arbeit an der „Scripture Knowledge Institution“ ein. An einem Mittwochabend – es war der 9. März 1898 – leitete er noch ein Gebetstreffen. Am nächsten Tag, als man ihm morgens einen Tee bringen wollte, beantwortete niemand das Klopfen an seiner Tür. Er wurde tot auf dem Boden neben seinem Bett aufgefunden.
In Bristol, wo er 66 Jahre lang gedient hatte, fand am nächsten Montag die Beerdigung statt.
„Zehntausende Menschen nahmen voller Hochachtung an der einfach gehaltenen Trauerprozession teil. Männer verließen ihre Werkstätten und Büros. Frauen kamen aus ihren vornehmen Häusern oder bescheidenen Küchen. Ein jeder wünschte, diesem Mann den letzten Respekt zu erweisen.“
Eintausend Kinder versammelten sich für einen Gottesdienst im dritten Waisenhaus. Sie hatten nun „zum zweiten Mal einen ‚Vater‘ verloren.“[2]
Mary und Susannah
Müller war zweimal verheiratet. Mary Groves wurde seine Frau, als er 25 Jahre alt war; Susannah Sangar, als er 66 war. Mary gebar ihm vier Kinder, von denen zwei tot geboren wurden. Einer ihrer Söhne, Elijah, starb bereits nach einem Jahr. Ihre Tochter Lydia heiratete James Wright, der nach Müllers Tod dessen Position als Institutionsleiter übernahm. Allerdings starb Lydia 1890 im Alter von 57 Jahren. Fünf Jahre später verlor Müller auch seine zweite Frau, drei Jahre vor seinem eigenen Tod. Er überlebte also seine Familie und blieb allein mit seinem Erretter, seiner Gemeinde und zweitausend Kindern.
Als Müller Marys Diagnose des Rheumafiebers erhielt, war sein „Herz kurz davor, aufgrund meiner tiefen Liebe zu brechen“.[3] Derjenige, der zehntausende Gebetserhörungen für die Unterstützung der Waisen erlebt hatte, bekam nicht, worum er dieses Mal bat. Oder doch?
„Ich war zufrieden“
Am Tag des Herrn, dem 6. Februar 1870 um 16:20 Uhr, starb seine Frau. „Ich fiel auf die Knie und dankte Gott für ihre Erlösung, dafür, dass er sie zu sich geholt hatte, und ich bat den Herrn, uns zu helfen und zu versorgen.“[4] Er erinnerte sich später, wie er in diesen Stunden durch Psalm 84,12 gestärkt wurde: „Denn Gott, der HERR, ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Herrlichkeit, wer in Lauterkeit wandelt, dem versagt er nichts Gutes.“ Hier sehen wir den Schlüssel zu seiner Lebenseinstellung:
„Aus mir selbst heraus bin ich ein armer, wertloser Sünder, aber ich wurde durch das Blut Christi gerettet; und ich lebe nicht in der Sünde; ich wandle in Lauterkeit vor Gott. Folglich wird meine liebenswerte Frau, wenn es wirklich gut für mich ist, wieder gesund werden, so krank sie auch ist. Gott wird sie wieder aufrichten. Wenn sie sich jedoch nicht wieder erholt, dann wäre das auch nicht gut für mich. So ruhte mein Herz in Frieden. Ich habe Frieden mit Gott. All das resultiert, wie ich es schon oft gesagt habe, daraus, Gott beim Wort zu nehmen, also zu glauben, was er sagt.“[5]
Diese Liste an unerschütterlichen Überzeugungen und Erfahrungen war für Müllers bemerkenswertes Leben entscheidend:
- „Aus mir selbst heraus bin ich ein armer, wertloser Sünder.“
- „Ich wurde durch das Blut Christi gerettet.“
- „Ich lebe nicht in der Sünde.“
- „Gott ist der Herrscher über das Leben und den Tod. Wenn es für sie und für mich gut ist, wird sie wieder gesund werden. Wenn es das nicht ist, wird sie es nicht.“
- „Mein Herz ruht in Frieden.“
- „Ich habe Frieden mit Gott.“
All dies geht darauf zurück, dass er Gott beim Wort nahm. Darin siehst du das innerste Wesen George Müllers und den Schlüssel zum Verständnis seines Lebens. Er besteht aus dem Wort Gottes – darin, die eigene Sünde aufzudecken, Gottes Souveränität, Güte und Versprechen zu offenbaren und Frieden für seine Seele zu finden. „Ich habe Frieden mit Gott.“
Glaube: Gabe oder Gnade?
Wurden seine Gebete für Mary erhört? Um zu verstehen, wie Müller selbst diese Frage beantworten würde, müssen wir uns die Art und Weise anschauen, wie er zwischen der außergewöhnlichen Gabe des Glaubens und der gewöhnlicheren Gnade des Glaubens differenzierte. Wenn Menschen ihn verehrten, bestand er hartnäckig darauf, dass er nicht die Gabe des Glaubens besitze, nur weil er für seine eigenen Nöte und die der Waisen betete und daraufhin auf bemerkenswerte Weise das nötige Geld bei ihnen ankam.
Es gab einen Grund dafür, warum er dahingehend so unnachgiebig war: Sein gesamtes Leben war bewusst darauf ausgerichtet, Christen darin zu ermutigen, sich vertrauensvoll von Gott versorgen zu lassen. Das galt insbesondere für die Art und Weise, wie er die Waisen durch Glauben und Gebet unterstützte, ohne jemand anderen als Gott um Geld zu bitten. Wir werden Müllers Leidenschaft für den Dienst an den Waisen nie verstehen, wenn wir die Versorgung der Waisen nicht als diesem Ziel untergeordnet ansehen.
„Die drei Hauptgründe zur Gründung eines Waisenhauses sind: (1) Die Verherrlichung Gottes, sollte es ihm gefallen, mir die Mittel dazu zu geben. Zu zeigen, dass es nicht vergeblich ist, auf ihn zu vertrauen, und den Glauben seiner Kinder zu stärken. (2) Das geistliche Wohlergehen der Kinder, die Vater und Mutter verloren haben. (3)Das physische Wohlergehen dieser Kinder.“[6]
Das war die große Leidenschaft und das vereinende Ziel seines Dienstes: Das eigene Leben und sein Dienst soll zum Zeugnis dafür werden, dass Gott real ist, dass er vertrauenswürdig ist und Gebet beantwortet. Müller baute die Waisenhäuser, um Christen zu helfen, Gott zu vertrauen. Er sagte es immer und immer wieder.
Gott beim Wort nehmen
Jetzt sehen wir, warum er so überzeugt war, dass sein Glaube nicht aus der Gabe des Glaubens resultiert, die in 1. Korinther 12,9 erwähnt wird und die nur manche erhalten, sondern aus der Gnade des Glaubens, die alle Christen in Anspruch nehmen sollten. Wenn Christen einfach sagen: „Müller ist eine Klasse für sich. Er hat die Gabe des Glaubens“, sind wir alle aus der Verantwortung gezogen. Sein Leben bietet dann nicht länger einen Anreiz und eine Inspiration für unser eigenes Verhalten. Das sagt Müller selbst:
„Der Unterschied zwischen der Gabe des Glaubens und der Gnade des Glaubens erscheint mir dieser zu sein: Laut der Gabe des Glaubens bin ich befähigt, etwas zu tun oder zu glauben, dass etwas geschehen wird. Tue oder glaube ich es nicht, wäre das keine Sünde. Laut der Gnade des Glaubens bin ich befähigt, etwas zu tun oder zu glauben, und stütze mich dabei auf das Wort Gottes. Dementsprechend wäre die Verweigerung der Tat oder des Glaubens Sünde. Zum Beispiel wäre die Gabe des Glaubens nötig, um zu glauben, dass eine kranke Person wieder gesund werden wird, auch wenn es menschlich gesehen unmöglich ist. In dieser Angelegenheit liegt kein explizites Versprechen vor. Die Gnade des Glaubens ist nötig, um zu glauben, dass der Herr mich mit allem Lebensnotwendigen versorgen wird, wenn ich zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit trachte. Das hat Gott explizit versprochen (vgl. Mt 6, 33).“[7]
Müller dachte nicht, dass er eine biblische Grundlage dafür hatte, sicher zu sein, dass Gott seine Frau Mary verschonen würde. In ein paar Situationen seines Lebens erhielt er, wie er selbst zugibt, „etwas wie die Gabe (nicht Gnade) des Glaubens, damit er bedingungslos fragen und nach einer Antwort suchen konnte“. Diese seltene Gabe hatte er in Marys Fall jedoch nicht.[8] Also betete er für ihre Heilung – unter der Bedingung, dass es gut für sie sein und zu Gottes Ehre geschehen müsse.
Sein Hauptanliegen bestand jedoch darin, dass sie in Gottes Frieden sind, unabhängig davon, was Gott tun würde. Gott beantwortete das Gebet, indem er Müller half, zu glauben, was in Psalm 84,12 steht: „[Er] versagt … nichts Gutes.“ Gott enthielt ihm nichts Gutes vor und er war zufrieden mit Gottes Willen. All dies, sagt er, „resultiert … daraus, Gott beim Wort zu nehmen, also zu glauben, was er sagt“.[9]
O, wie er liebt!
Das Ziel seines Lebens war es, Gott zu verherrlichen, indem er Menschen half, Gott beim Wort zu nehmen. Um das zu erreichen, füllte er sein Herz mit Gottes Wort. Einmal sagte er, er habe die Bibel fünf oder zehnmal so oft gelesen wie jedes andere Buch. Sein Ziel war es, in dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus Gott zu erkennen, damit er das Glück seiner Seele in Gott allein finde. Aufgrund des tiefen Friedens, den er in Gott hatte, wurde Müller von den Ängsten und Begierden der Welt befreit.
In dieser Freiheit der Liebe wählte er für seinen Dienst eine Strategie, welche die Realität Gottes, seine Vertrauenswürdigkeit und seine Schönheit verdeutlichen sollte. In eigenen Worten beschreibt er, sein Leben wurde ein „sichtbarer Beweis der unveränderlichen Treue des Herrn“.[10]
Müller wurde durch sein außergewöhnliches Leben getragen von der tiefen Überzeugung, dass Gott über das menschliche Herz herrscht und es lenken kann, wohin er will. Gott herrscht über Leben und Tod. Er ist ein guter Herrscher und enthält denen nichts Gutes vor, die in Lauterkeit wandeln. Im letzten Stadium der Krankheit seiner Frau stärkten Müller die Worte einer Hymne:
„Er bewahrt uns – schönster Segen – Führt uns auf des Lebens Wegen Seiner Herrlichkeit entgegen O, wie er liebt!“[11]
Wirst nicht auch du diesen Schritt wagen?
Ich werde Müller die Schlussworte überlassen, in denen er uns ermahnt und bittet, ihn auf dem Weg des radikalen, fröhlichen Glaubens zu begleiten:
„Mein lieber gläubiger Leser, wirst nicht auch du diesen Schritt wagen? Wirst du nicht für dich selbst erkennen, … wie kostbar und glückbringend es ist, alle seine Sorgen, Lasten und Bedürfnisse auf Gott zu werfen? Diese Option ist für dich genauso offen wie für mich. … Jeder ist eingeladen und geboten, dem Herrn von ganzem Herzen zu vertrauen, alle Lasten auf ihn zu werfen und ihn in der Not anzurufen. Wirst du das nicht tun, mein lieber Bruder in Christus? Ich ersehne, dass du es tust. Ich wünsche mir, dass du den Segen erkennst, der auf dieser Herzenseinstellung liegt, in welcher du trotz schwieriger Umstände voller Frieden sein kannst, weil du weißt, dass der lebendige Gott, dein Vater im Himmel, für dich sorgt.“[12]
1 Vgl. Arthur Tappan Pierson, George Müller of Bristol, Legare Street Press, 2022, S. 274.
2 Tappan Pierson, George Müller of Bristol, S. 285–286.
3 George Müller, A Narrative of Some of the Lord’s Dealings with George Müller, Bd. 2, Berlin: Anson Street Press, 2025, S. 398.
4 Ebd., S. 400.
5 Ebd., S. 745.
6 George Müller, A Narrative of Some of the Lord’s Dealings with George Müller, Bd. 1, Berlin: Anson Street Press, S. 103.
7 Ebd., S. 65.
8 George Müller, A Narrative of Some of the Lord’s Dealings with George Müller, Bd. 1, S. 65.
9 Müller, A Narrative of Some of the Lord’s Dealings with George Müller, Bd. 2, S. 745.
10 Müller, A Narrative of Some of the Lord’s Dealings with George Müller, Bd. 1, S. 105.
11 Julius Charles Grimmell, „Einen nennt mein Herz vor allen“, in: Die Weckstimme: Eine Sammlung geistlicher Lieder für jugendliche Sänger, London: Forgotten Books, 2017, S. 32.
12 Müller, A Narrative of Some of the Lord’s Dealings with George Müller, Bd. 1, S. 521.