Wie frei sind wir wirklich?
Als ich das Buch von Dominic Smart in die Hand nahm, war einer meiner ersten Gedanken: Das ist für mich eigentlich kein aktuelles Thema. In der Auseinandersetzung mit meiner geistlichen Biographie war Gesetzlichkeit schon mal ein größerer Punkt. Das ist nun aber schon lange her und galt für mich als überwunden. Natürlich ist Gesetzlichkeit ein Unding, aber zum Glück nicht mehr mein Problem.
Zwei falsche Wege
Der Autor fängt jedoch mit zwei Fallbeispielen an – und diese haben mich gepackt! Da ist zunächst einmal Abi, eine junge Frau aus einem Gemeindekontext, der für mich sofort offensichtlich gesetzlich war: Es gibt in ihrer Gemeinde viele Regeln, der Älteste redet unter vier Augen eindringlich auf sie ein, andere Christen werden als ungeistlich bezeichnet und am Ende flüchtet Abi in eine Ehe mit einem ungläubigen Mann. Das hatte ich ungefähr so erwartet. Das zweite Fallbeispiel hat mich hingegen überrascht: Dort ging es um Menschen, die Abis Gemeinde verlassen hatten, um ebendiese Gesetzlichkeit hinter sich zu lassen und eine Gemeinde zu gründen, die nun in Freiheit leben sollte. In dieser Gemeinde findet Mark zum Glauben. Im Laufe der Jahre begegnet er jedoch Mustern der Gesetzlichkeit in einem ganz anderen Gewand. Dort wird man kritisch gesehen, wenn man beim Singen nicht die Hände hebt und mit Leuten verkehrt, die nicht zur eigenen Gemeinde gehören. Hier wurde ich hellhörig, denn dem Autor geht es offensichtlich nicht um eine Gesetzlichkeit in den Kategorien konservativ gegen modern. Ihm geht es um eine Gesetzlichkeit, die tief in den Knochen steckt und sich auf subtile Weise den unterschiedlichen Gemeindeformen anpasst, sie durchdringt und vergiftet.
Ich möchte schon an dieser Stelle kurz auf den Autor eingehen. Dominic Smart war Pastor in Schottland und hatte 2002 auf der Keswick-Konferenz einen Vortrag zum selben Thema gehalten. Dieser hatte eine derart tiefe Wirkung auf die Zuhörer, dass er das Gesagte später in Buchform aufschrieb. Seine Beobachtungen der Gemeindelandschaft haben ihm immer wieder neu die Aktualität dieses Themas vor Augen geführt. Als seine Krebserkrankung immer weiter voranschritt und absehbar war, dass er bald sterben würde, überarbeitete er das Buch neu. Sein Vorwort dazu schrieb er einen Monat vor seinem Tod. Es war ihm ein großes Anliegen, die zerstörerische Wirkung von Gesetzlichkeit auszuleuchten und Christen wirksame Mittel aus der Bibel an die Hand zu geben, um die Kraft des Evangeliums im Leben zu entfalten:
„Wenn dieses Buch irgendjemandem hilft, sich aus den Schlingen und Schmerzen der Gesetzlichkeit zu befreien und sich mehr an Gott zu erfreuen, dann freue ich mich und gebe dem Gott, der uns alle geschaffen hat, gerne die Ehre.“ (S. 11)
Der Kern der Gesetzlichkeit
Was ist Gesetzlichkeit? „Bei der Gesetzlichkeit geht es nicht [!] um Regeln, Grenzen oder Traditionen in unseren Gemeinden oder in unserem persönlichen Leben“ (S. 21). Das wird einige sicher überraschen, die genau das für eine treffende Beschreibung der Gesetzlichkeit halten. Für Smart ist „die Gesetzlichkeit ein Weg, sich selbst für Gott annehmbar zu machen und es zu bleiben“ (S. 29). In neun Kapiteln leuchtet Smart nun den Charakter der Gesetzlichkeit und ihre Auswirkungen aus und zeigt schonungslos ihre todbringende Wirkung auf Christen und Gemeinden auf.
Gesetzlichkeit wirkt heute so überzeugend, weil wir wie die Christen damals nicht möchten, „dass die Sünde über uns herrscht. Wir wollen Gott nicht betrüben und wir wollen nicht von seinem Weg abkommen. Um größere Sünden zu vermeiden, fügen wir Gottes Wort also Regeln hinzu … und machen den schmalen Pfad noch schmaler“ (S. 33). Nach Smart „sind es oft die wohlmeinenden, eifrigen und gewissenhaften Menschen mit einem hohen Bewusstsein für Sünde, die am anfälligsten für Gesetzlichkeit sind“ (S. 33).
Smart zeigt die vielschichtigen Probleme auf, die die Gesetzlichkeit mit sich bringt. Die Gesetzlichkeit ist nutzlos, denn sie kann nicht mit Sünde umgehen. Das Gesetz, auf das sie sich bezieht, kann das Herz nicht erreichen, den Versucher nicht aufhalten und keine Vergebung erwirken. Gesetzlichkeit versperrt den Weg zu Gott und verdirbt das Gebet. Gesetzlichkeit muss zur Selbstgerechtigkeit führen, und diese bewirkt, dass man im Gebet nicht mehr ehrlich mit Gott reden kann. Eine intime und vertraute Beziehung zu Gott wird durch sie verhindert. In den Gebetstreffen führt Gesetzlichkeit dazu, dass sie stille und sensible Menschen einschüchtert, weil Schmerz, Unwissenheit und Schwäche in den Gebeten nicht vorkommen dürfen.
Ein paradoxes Gegenmittel
Auch das Mittel gegen Gesetzlichkeit könnte einige Leser überraschen, denn Smart zeigt auf, dass – ähnlich wie Gesetzlichkeit nicht einfach das Vorhandensein von Regeln ist – auch der Weg aus der Gesetzlichkeit nicht einfach Gesetzlosigkeit ist. Für ihn geht es auch nicht darum, eine geringere Sicht auf Sünde zu haben, sondern das intuitive Gegenteil. Für Smart ist eine Ursache für Gesetzlichkeit eine zu oberflächliche Sicht auf die Sünde, die zu dem widersinnigen Ansatz führt, sie mit eigener Gerechtigkeit bekämpfen zu wollen. Um Gesetzlichkeit zu bekämpfen, braucht es hingegen eine tiefere Sicht auf Sünde und eine größere Ehrfurcht vor dem heiligen Gott.
Als Beispiel führt er die Scheidungspraxis zur Zeit Jesu an. Die Pharisäer waren anerkanntermaßen die Menschen, die dem Gesetz am nächsten zu sein schienen. Um sich von der eigenen Frau scheiden zu lassen, reichte es aber, „das richtige Formular“ auszufüllen. Man konnte sich scheiden lassen, weil sie den Kuchen anbrennen ließ oder nicht mehr so hübsch aussah wie früher. Dabei spielte es keine Rolle, dass der Mann sie nicht geschätzt und geehrt hatte, wie er es hätte tun sollen, und dass er sie verletzt und entehrt hatte. Man konnte sich gegen sie und Gott versündigen – Hauptsache, man füllt „das richtige Formular“ aus. Dieses Denken liegt jeder Gesetzlichkeit zugrunde, indem sie auf die äußeren Dinge achtet und nicht auf die inneren.
Äußerlichkeiten
Heute wird diese Spannung in Äußerlichkeiten wie etwa der Kleidung sichtbar. Smart:
„Ich kleide mich so [für den Gottesdienst], dass ich Gottes Zustimmung bekomme und mein Singen und Anbeten akzeptabler werden. Aber vielleicht hege ich auch lieblose oder gar Mordgedanken über meinen Nachbarn, dessen Hund die halbe Nacht durchgebellt hat“ (S. 70).
Man fühlt sich dabei aber heilig und gerecht, was von einer sehr geringen Sicht auf den heiligen Gott zeugt. Wenn Sünde durch Einhalten von Regeln bekämpft werden kann, dann habe ich die Größe und Macht der Sünde überhaupt nicht verstanden. Wenn mein äußeres Erscheinungsbild Gott beeindrucken soll, dann habe ich von der Heiligkeit Gottes nichts verstanden. Erst die Erkenntnis eines wahrhaft heiligen Gottes und einer Übermacht der Sünde lässt jedes Vertrauen in die eigene Gerechtigkeit fahren und setzt die Hoffnung nur auf Christus.
Gesetzlichkeit wird zu einem falschen Evangelium, „weil es die Gnade Gottes durch die Kombination aus Gnade und Werke ersetzt“ (S. 78). Was immer man in gesetzlichem Denken zu Gott bringen mag – es zeigt, dass Gottes Werk ungenügend war. Das ist angesichts des Opfers Jesu ein furchtbarer Hohn! Während das wahre Evangelium „Hoffnungslosen Hoffnung gibt, den Niedergeschlagenen Freude, den Ziellosen einen Sinn“ (S. 75), wird das falsche Evangelium der Gesetzlichkeit „zu einer Faust gegen den Sünder“ (S. 89).
Smart beschreibt am Anfang des Buches, dass er die Gesetzlichkeit für eine derart tiefgreifende „Krankheit“ hält, dass eine Heilung kaum möglich erscheint. Nur mit beharrlicher Konsequenz kann sie mehr und mehr aus dem Denken und Handeln herausgedrängt werden.
Durchbruch durch die Wolkendecke
Es ist wie ein Durchbruch durch eine schwere Wolkendecke, wenn Smart in der Mitte des Buches auf die Gnade zu sprechen kommt. Sehr treffend schreibt er:
„Schon wenn ich das Wort ‚Gnade‘ schreibe, geht in meiner Seele die Sonne auf. Es ist anstrengend, über die Welt der Gesetzlichkeit zu schreiben. Es bedeutet, wieder in diese Welt einzutauchen, die ich einst von innen her kannte. Ich hatte vergessen, wie durchdringend der Smog der Gesetzlichkeit ist.“ (S. 92)
Er führt weiter aus: „Welche Hoffnung hat das Gejammer der Gesetzlichkeit angesichts der dröhnenden Herrlichkeit der Gnade Gottes?“ (S. 92). Er hat recht! Die Auswirkungen der Gnade auf die Gefühle und das Denken wirken befreiend. Die Erneuerung, Rechtfertigung und Heiligung in der Gnade sind kraftvolle Mittel gegen die Gesetzlichkeit.
Der noch schmalere Weg
Das Thema Heiligung ist dabei für „die Gesetzlichen die stärkste Bastion“ (S. 108), denn hier ist tatsächlich die Mitwirkung des Gläubigen gefragt. Scheint es hier nicht angemessen, der Heiligung mit einigen gut überlegten Regeln nachzuhelfen? Nachdem Smart den Unterschied zwischen Stand und Zustand der Heiligung hervorragend erläutert, warnt er vor einer gesetzlichen Heiligung. Heiligkeit hat nie mit Verhaltensnormen einer sozialen Gruppe zu tun, sondern bezieht sich allein auf Christus:
„Manche stellen daher die Heiligkeit Luthers in Frage, weil er gerne Bier trank! Oder die von Calvin, weil er am Sonntag Boccia spielte. Oder die von Gitty da hinten in der dritten Reihe, weil sie ihrer Tochter erlaubt hat, zwei Ohrringe in einem Ohr zu tragen; oder von Natty dort drüben, der nicht immer freudig und siegreich in seinem christlichen Leben zu sein scheint und diesen Sommer nicht an einer Missionsfreizeit teilgenommen hat; oder von Ralf, der hinterher draußen eine raucht.“ (S. 114)
Heiligung bedeutet nicht, den schmalen Weg noch schmaler zu machen. Gottes Werk der Heiligung bewirkt vielmehr, dass der Horizont des Herzens weit gemacht wird für Menschen, die Gnade brauchen von Menschen, die Gnade empfangen haben. Und um die Mittel gegen die Gesetzlichkeit vollständig darzustellen, darf Folgendes nicht ungesagt bleiben: Da Gesetzlichkeit letztlich Sünde ist, ist die Buße ein notwendiges Handeln, das vor Gott getan werden muss.
Im Käfig
Smart lässt keine Gelegenheit aus, um aufzuzeigen, welch zerstörerische Wirkung die Gesetzlichkeit auf die Beziehung zu Gott hat, aber auch auf die eigene Seele und die Beziehung zu anderen Menschen.
Auf eine beklemmende Weise beschreibt Smart die Freudlosigkeit gesetzlicher Gemeinden.
„Gesetzliche Gemeinschaften sind die traurigsten Orte der Welt. … Egal um welchen Bibeltext es geht, er sagt immer das Gleiche. Diese Botschaft ist tödlich. Schon wieder eine Tracht Prügel von der Kanzel herab! Eine weitere Tracht Prügel von den Ältesten! Ich habe schon wieder versagt“ (S. 85).
Gesetzlichkeit vergiftet das Klima der Gemeinde und führt dazu, dass Menschen einander „beißen“ und „auffressen“ wie bei den Galatern (vgl. Gal 5,15). Doch der Gemeinde soll es gut gehen. Wenn Menschen sich schon um das Wohl ihrer Kinder kümmern und es ihnen wichtig ist, wie es ihren Kindern geht, sollte Gott nicht ebenfalls wollen, dass es seinen Kindern emotional, psychisch und geistlich gut geht?
Smart warnt auch, dass Gesetzlichkeit die Menschen in der Gemeinde prägt, besonders die Kinder. „Gesetzlichkeit lehrt unsere Kinder die falschen Lektionen“ und „dass ein Handeln gegen die Zwänge der Gemeinschaft gleichbedeutend mit einer Handlung gegen Gott selbst sei“ (S. 149). Wenn sie dann die Regeln der Gemeinschaft brechen, „werden sie mit dem geistlichen Vorwurf der Rebellion konfrontiert“ (S. 149). Das nachfolgende Zitat hat gesessen: „Wenn du ein Kind in einen Käfig mit religiösen Regeln einsperrst, hast du den Teenager verloren.“ Und jetzt kommt’s: „Selbst wenn er im Käfig bleibt“ (S. 149). Das sind starke Worte. Das sind warnende Worte. Eltern sollten sie vor dem Herrn zu Herzen nehmen!
Zum Schluss fragt Smart: „Was für ein Mensch willst du sein, wenn du alt bist?“ (S. 157). Gesetzlichkeit hinterlässt tiefe Spuren in der Persönlichkeit. Da ist der Verzweifelte, der in der immer größer werdenden Zahl von Regeln nicht in Gott ruhen kann, die Gnade nicht genießt und in einer Furcht vor Gott zurückbleibt. Oder der Stolze, der seine eigenen Maßstäbe gut eingehalten hat und nun auf all diejenigen herabschaut, die es im Leben nicht gepackt haben. Da ist der Richter, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Fehlverhalten anderer zu unterbinden. Und der Heuchler, der einen frommen Schein wahrt, während er „in Wahrheit ein grausamer Ehemann, eine tyrannische Mutter, ein lausiger Angestellter, ein Perverser“ (S. 168) sein kann. Durch Gesetzlichkeit werden wir zu Menschen, die keinen Hohepriester für sich brauchen und nie von ihren inneren Verletzungen geheilt werden und sich nicht geliebt fühlen.
Lebendige Sprache
Das Buch liest sich sehr frisch und kurzweilig. Man merkt von der ersten Seite an, dass es dem Autor nicht um eine akademische Abhandlung über Gesetzlichkeit geht. Hier redet ein Mann, der mit Nachdruck alle Register zieht, um den Leser für die Gnade des Evangeliums zu gewinnen. Kampfeslustig und mit kraftvoll gezeichneten Bildern malt er die scheußliche Fratze der Gesetzlichkeit in schillernden Farben, aber er kann ebenso die Gnade mit so schönen Bildern ausmalen, dass man sich wünschte, er würde nur darüber schreiben. Es ist erfreulich zu sehen, dass das Evangelium in Smarts Darstellung nicht nur der Anfang des christlichen Lebens ist, sondern auch das Element, das es trägt und nährt. Die Übersetzung ist so gelungen, dass man nicht merkt, dass es eine Übersetzung ist. Vielen Dank an den Verlag, der das Buch dem deutschen Leser verfügbar macht!
Unbequeme Wahrheit
Gesetzlichkeit ist falsch und trostlos. Häufig wird als Gegenmaßnahme versucht, die gesetzliche Trostlosigkeit mit einer Aufhebung von Gesetzen zu beseitigen. Smart macht es anders. Auch er sieht eine gesetzlose Trostlosigkeit, aber sein Mittel ist nicht weniger Wort Gottes, sondern mehr. Mich beeindruckt, dass das Gegenmittel kein überzeichneter Begriff von Freiheit oder eine lasche Theologie ist. Ganz im Gegenteil: Smart benutzt konsequent biblische Lehre, aber auf eine so lebendige Art und Weise, dass sie leicht angenommen werden kann, um mit ihrer Kraft sowohl gegen Gesetzlichkeit als auch gegen Gesetzlosigkeit zu kämpfen.
Was ich mich gefragt habe: Wird das Buch die rechten Leser finden? Die einen werden vom Titel her schon eine Abneigung gegen das Buch entwickeln, weil sie es von vornherein als Angriff auf ihre Frömmigkeit sehen werden. Andere werden das Buch in die Hand nehmen und denken, dass es ausgezeichnet für andere geeignet wäre, aber nicht für sie selbst. Das habe ich auch gedacht, aber mir ist so einige Male ein „Autsch“ herausgerutscht, weil es mich in meiner Denkweise getroffen hat. Beide Gruppen wären überrascht, wenn sie sich der Botschaft dieses Buches, der Analyse und den biblischen Antworten stellen würden. Es wäre ein Gewinn mit großer Auswirkung.
Buch
Dominic Smart, Wie frei sind wir wirklich? Im Spagat zwischen Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit, Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft, 2025, 140 Seiten, 8,90 EUR.
Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.