Sola Gratia – Was „Errettung allein aus Gnade“ (nicht) bedeutet (#3)

Artikel von Boris Giesbrecht
15. September 2025 — 8 Min Lesedauer

Einleitung

Wie wird ein Mensch gerettet? Kaum eine Frage ist so grundlegend – und keine so entscheidend. Die Bibel beantwortet diese Frage mit großer Klarheit: „Bei dem HERRN ist die Rettung“ (Ps 3,9Jona 2,10Apg 4,12). Doch was bedeutet das konkret und heute? Welche Folgen hat das für unser Denken über Gott, den Menschen und das Evangelium?

Einer der zentralen Grundsätze der Reformation lautet sola gratia (allein aus Gnade). Diese Formel bringt eine tiefe biblische Wahrheit zum Ausdruck: Das Heil ist ein Geschenk Gottes – unverdient, nicht käuflich.

In dieser Artikelserie wollen wir uns mit den sogenannten „Lehren der Gnade“ beschäftigen – einer biblisch fundierten Zusammenfassung zentraler Aussagen über Gottes rettendes Handeln. Diese fünf Lehren werden oft zusammengefasst unter dem Akronym TULIP (deutsch: Tulpe). Im ersten Artikel ging es um das „T“ (Total Depravity, dt. Völlige Verdorbenheit); der zweite befasste sich mit dem „U“ (Unconditional Election, dt. Bedingungslose Erwählung). Im vorliegenden Artikel geht es um das „L“, das für Limited Atonement steht.

Limited Atonement

Von allen fünf Lehren der Gnade ist diese vielleicht die am meisten missverstandene – und die am heftigsten abgelehnte. Schon der Begriff „begrenzte Sühne“ wirkt für viele wie eine Einschränkung des Wertes oder der Kraft des Kreuzes. Doch dieser Eindruck täuscht.

Warum diese Lehre oft missverstanden wird

Ein Teil des Problems liegt bereits im Begriff selbst. Das Wort „begrenzt“ kann leicht den Eindruck erwecken, als seien der Wert oder die Kraft des Todes Christi eingeschränkt – als hätte sein Opfer nicht ausgereicht oder sei unvollständig gewesen.

Leider haben auch manche Christen dieses Missverständnis ungewollt verstärkt, indem sie den Begriff „begrenzt“ zu stark betont und zu wenig erklärt haben. In vielen Ohren klingt es so, als würde man den Wert des Sühnetodes Jesu schmälern. Aus diesem Grund bevorzugen einige den Ausdruck „besondere“ oder „persönliche“ Sühne – eine Formulierung, die klarer darauf hinweist, dass es nicht um eine Einschränkung des Wertes, sondern um eine bestimmte Zielgruppe geht.

Und doch: Begrenzung ist nicht gleich Abwertung. In vielen Lebensbereichen macht Begrenzung etwas besonders wertvoll. Limitierte Produkte gewinnen gerade durch ihre Verknappung an Bedeutung und Exklusivität. Die Frage lautet also nicht: „Ist das Opfer Jesu wertvoll genug für alle?“ – sondern: „Für wen war es gedacht – und wie wirksam ist es?“

Worum es im Kern geht

Im Zentrum steht die Frage: Was war Gottes Absicht, als er Christus ans Kreuz gab? Wollte er allen Menschen die Möglichkeit zur Rettung anbieten – und ihnen den Rest überlassen? Oder wollte er konkret die Sünden seiner Auserwählten sühnen – und ihr Heil vollständig sichern? Mit anderen Worten: Hat Jesus am Kreuz potentiell für alle bezahlt – oder wirksam für einige?

Die reformierte Antwort lautet: Jesus starb stellvertretend für seine Erwählten – nicht abstrakt für alle, sondern konkret für die, die ihm der Vater gegeben hat.

Wie die Bibel die Frage beantwortet

Hier ist es hilfreich, zwischen dem Wert des Todes von Jesus und der Wirksamkeit des Todes von Jesus zu unterscheiden. Die Bibel macht klar: Während der Wert des Sühnopfers unbegrenzt ist, so ist die Wirksamkeit des Sühnopfers auf die Auserwählten beschränkt.

Der Wert des Sühneopfers Christi wäre ausreichend, um die Sünden der ganzen Menschheit zu tragen. Das zeigen Verse wie 1. Johannes 2,2:

„Er ist das Sühnopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“

Der Vers macht deutlich: Es gibt keine Begrenzung im Wert oder in der Kraft des Opfers Jesu. Wenn Gott es so gewollt hätte, hätte dieses Opfer alle Menschen gleichermaßen retten können.

Doch die Heilige Schrift betont zusätzlich: Die Wirksamkeit des Opfers ist auf die Auserwählten beschränkt. Das zeigen viele Aussagen Jesu selbst. In Johannes 10,14–15 spricht Jesus:

„Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen ... und ich lasse mein Leben für die Schafe.“

Jesus gibt sein Leben gezielt für die Seinen – nicht allgemein für alle. Oder in Johannes 17,9 stellt er klar:

„Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, welche du mir gegeben hast, weil sie dein sind.“

Hier unterscheidet Jesus zwischen der Welt und denen, die ihm der Vater gegeben hat. Eine weitere Stelle ist Epheser 5,25:

„Christus ... hat sich selbst für [die Gemeinde] hingegeben.“

Der Tod Jesu galt nicht abstrakt allen, sondern konkret seiner Braut – der Gemeinde. Auch Hebräer 9,28 macht deutlich, dass Christus nicht die Sünden aller, sondern vieler weggenommen hat – nämlich derer, die auf ihn warten.

Wäre der Tod Christi lediglich ein Angebot, das nicht notwendigerweise zur Rettung führt, wäre seine Wirkung ungewiss. Um es mit einem Beispiel zu sagen: Wer die Kaution für einen Freund im Gefängnis zahlt, erwartet, dass der Freund tatsächlich freikommt. Wäre er dennoch in Haft, obwohl alles bezahlt ist, hätte das Opfer keine reale Wirkung gehabt.

Was die Lehre ablehnt

Die Lehre der wirksamen Sühne grenzt sich also klar von zwei falschen Vorstellungen ab:

  1. Der Gedanke eines erfolglosen Opfers: Wenn Christus für niemanden konkret gestorben ist, bleibt sein Tod letztlich wirkungslos. Dann wäre er ein Retter, der niemanden rettet – ein gescheiterter Erlöser.
  2. Die Vorstellung einer bloß möglichen Errettung: Wenn Jesus für alle gestorben ist, aber nur der Glaube entscheidet, wer gerettet wird, wird der Glaube zur eigentlich rettenden Kraft – und nicht das Kreuz. Doch der Glaube ist das Mittel, durch welches die Erlösung uns gehört, nicht das, was uns tatsächlich erlöst.

Der Theologe John Owen bringt es auf den Punkt: „Wenn Christus für alle Sünden gestorben ist, dann auch für den Unglauben. Dann wäre niemand verloren. Wenn er aber nicht für den Unglauben gestorben ist, hat er nicht alle Sünden getragen.“[1]

Die Lehre lehnt also nicht das freie Angebot des Evangeliums ab, sondern stellt klar, dass Christus mit seinem Tod tatsächlich erlöst hat – nicht nur hypothetisch, sondern konkret.

Manche verstehen die Lehre von der begrenzten Sühne leider falsch und ziehen daraus eine problematische Konsequenz für die Evangelisation: Sie predigen das Evangelium nur dort, wo sie bereits Hinweise auf Erwählung zu erkennen glauben. Doch damit bringen sie die Dinge in die falsche Reihenfolge – sie spannen sozusagen den Karren vor das Pferd.

Denn wenn wir in die Apostelgeschichte schauen, sehen wir genau das Gegenteil: Die Apostel predigten Jesus Christus offen und ohne Vorbehalte – unabhängig davon, wer vor ihnen stand. Sie machten keinen Unterschied zwischen den Menschen. Erst im Nachhinein zeigte sich, wer zu Gottes Erwählten gehörte – nämlich diejenigen, die glaubten (vgl. Apg 13,48).

Deshalb ist es ein Irrtum, aus der Lehre der begrenzten Sühne abzuleiten, dass das Blut Christi nur einem begrenzten Kreis verkündigt werden dürfe. Im Gegenteil: Das Evangelium muss ohne Unterschied allen Menschen weltweit verkündigt werden – selbst dann, wenn sie in diesem Moment nicht „auserwählt“ erscheinen. Der Wert des Blutes Jesu bleibt unermesslich und darf keinem Sünder vorenthalten werden. Deshalb darf die Lehre von der begrenzten Sühne nie als Grund dienen, irgendjemandem das Evangelium vorzuenthalten. Sie ist vielmehr Grund zur Zuversicht: Das Kreuz hat Kraft – und diese Kraft rettet wirklich.

Worin der Trost dieser Lehre besteht

Diese Lehre ist nicht kalt – sie ist wärmend, sichernd, tröstend: Jesus hat wirklich erlöst – nicht nur möglich gemacht. Er hat deine Schuld getragen – nicht hypothetisch, sondern tatsächlich. Sein Blut war nicht allgemein – sondern ganz konkret für dich.

Wie Spurgeon es formulierte: „Christus ist so gestorben, dass er unfehlbar das Heil einer Menge gesichert hat, die kein Mensch zählen kann ... sie werden nicht nur gerettet werden können – sie werden gerettet.“[2] Das Evangelium sagt also nicht: „Ich habe meinen Teil getan. Nun liegt es an dir.“ Sondern: „Ich wurde für eure Verfehlungen durchbohrt. Ich habe mit meinem Blut Menschen aus allen Völkern erkauft (vgl. Offb 5,9). Ich selbst habe eure Sünden getragen, damit ihr sicher für die Gerechtigkeit lebt (vgl. 1Petr 2,24).“

Gott hat also nicht nur 999 Schritte auf uns zugemacht – er hat auch sichergestellt, dass wir den letzten Schritt auf ihn zugehen werden. Gott hat durch die drei Taten der Dreieinigkeit – Erwählung, Erlösung, Berufung – ein und dieselben Menschen unfehlbar gerettet. Die alternative Sicht trennt diese Handlungen voneinander und macht den Menschen zum entscheidenden Faktor für seine Errettung.

Die Gnade, die wirklich rettet, wirkt unaufhaltsam – und genau darum geht es im nächsten Punkt.


1 John Owen, The Death of Death in the Death of Christ, Grand Rapids, MI: Christian Classics Ethereal Library 1674, S. 173–174.

2 James White, „Was Anyone Saved At The Cross?“, 08.05.1998, online unter: https://www.aomin.org/aoblog/reformed-apologetics/was-anyone-saved-at-the-cross/?utm_source=chatgpt.com (Stand: 13.09.2025).