„Du sollst nicht gewiss sein“

Artikel von Mike Ovey
29. August 2025 — 12 Min Lesedauer

„Vergib uns unsere Sünden der Gewissheit.“ Für einen Abendmahlsgottesdienst war das sicherlich ein auffälliges Gebet, und ich hatte kaum Zweifel, wer damit gemeint war. Ich war mir nicht sicher, ob ich es lustig finden oder mich angegriffen fühlen sollte.

Wie dem auch sei – es gibt etwas an diesem Satz, das mich nicht loslässt: Kann Gewissheit eine Sünde sein, und wenn ja: wann und wie? Warum empfand diese Person eine so offensichtliche Abneigung gegenüber konservativer, evangelikaler Gewissheit?

Wir müssen einige dieser Empfindungen entschlüsseln, denn der Apostel Paulus weist uns klar an, bei der Verkündigung des Evangeliums auf schändliche, hinterhältige Methoden zu verzichten (vgl. 2Kor 4,1–5). Lügen und Täuschungen gehören beispielsweise ganz sicher zu solchen Methoden, weshalb wir uns davon fernhalten müssen. Aber wenn Gewissheit ebenso schändlich oder unangemessen ist, dann sollten wir sie unbedingt auch ablehnen.

Gewissheit, Extremismus und Fundamentalismus

Warum könnte jemand Vorbehalte gegenüber einer „Haltung der Gewissheit“ haben, die Evangelikale und andere Christen typischerweise an den Tag legen, wenn sie über Jesus und die Lehren der Bibel sprechen? Es gibt Menschen (innerhalb und außerhalb der Kirche), die auf die Gefahren des Extremismus in einer Sache hinweisen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es ein echtes Anliegen, zu verstehen, was den Totalitarismus in seinen faschistischen Formen möglich gemacht hatte. Dies führte – angestoßen durch Denker wie T.W. Adorno – zu Debatten über die sog. „autoritäre Persönlichkeit“. Ab den 1960er-Jahren wurde klar, dass religiöser Extremismus keine Sache der Vergangenheit und die Untersuchung des religiösen Fundamentalismus eine Frage von echter politischer Bedeutung war.

Man braucht nicht extra zu erwähnen, dass die Anschläge vom 11. September in New York oder vom 7. Juli in London weitere tiefe Unsicherheit darüber auslösten, wohin bestimmte Gewissheiten führen können. Wohl oder übel: Religiöse Gewissheit wird mit Extremismus und „Fundamentalismus“ (dem roten Tuch der Feuilleton-Kolumnisten) in Verbindung gebracht.

„Fundamentalismus“ kann jedoch im heutigen Diskurs ein sehr missverstandenes Wort sein. Man denke daran, dass das fundamentalism project – das sich in den 1980er- und 1990er-Jahren jahrelang mit der Erforschung der Muster des „Fundamentalismus“ befasste – sich von einer engen Verbindung zwischen Gewissheit und der Art von Fundamentalismus, die zu den Anschlägen vom 11. September führte oder die wir in Sekten beobachten können, distanzierte. Das Ergebnis war vielmehr, dass wir uns einen Fundamentalisten als einen Menschen vorstellen sollten, der auf einer Liste von bestimmten Merkmalen mehrere Punkte erfüllt.

Es ist eine ziemlich lange Liste. Die Merkmale sind:

  1. Eine Reaktivität auf die Marginalisierung der Religion und insbesondere die Säkularisierung
  2. Eine fundamentalistische Selektivität hinsichtlich der Auswahl von Teilen der eigenen religiösen oder ideologischen Tradition
  3. Ein moralischer Dualismus, der die Welt in Kategorien von schwarz und weiß einteilt
  4. Ein Absolutismus und eine Irrtumslosigkeit in Bezug auf die Grundlagen, welche auch immer das sein mögen
  5. Ein Millennialismus und Messianismus, wonach die Geschichte mit dem Sieg der Gläubigen endet
  6. Eine auserwählte Mitgliedschaft
  7. Eine scharfe Trennung zwischen Erlösten und Sündern
  8. Eine autoritäre Organisation der Bewegung ohne loyale Opposition, aber oft mit einem charismatischen Führer
  9. Innerhalb der Gruppendynamik wird der Gläubige, was seine Zeit, seinen Raum und seine Güter betrifft, als Gruppenressource betrachtet

Es gibt hier mehrere interessante Punkte. Erstens: Die Liste enthält wirklich eine ganze Menge, und man könnte (ironischerweise) argumentieren, dass säkulare Organisationen die Merkmale 3, 4, 5 und 7 erfüllen, vielleicht sogar 1, 2 und 8. Zweitens fällt einem Christen der bemerkenswerte Mangel an Nächstenliebe oder Mitgefühl für die Sünder auf, die nicht zu den „Auserwählten“ gehören.

Drittens (und das ist wichtig für unser Anliegen) wird hier Gewissheit als Kriterium in Bezug auf einige, nicht aber in Bezug auf alle Merkmale hervorgehoben. Sie ist relevant bei den Grundlagen der Religion oder Ideologie, dem Verlauf der Geschichte sowie der Trennung zwischen denen, die dazugehören, und denen, die draußen sind. Aber Gewissheit an sich führt nicht automatisch zum Fundamentalismus.

In gewisser Hinsicht ist diese Beobachtung nicht sehr originell. Ich glaube jedoch nicht, dass wir deshalb einfach aufatmen und die Vorbehalte unserer Kultur getrost hinter uns lassen können, denn mit einigen dieser Merkmale des Fundamentalismus befindet sich Gewissheit tatsächlich im völligen Einklang. Das wiederum legt nahe, dass Gewissheit nicht notwendigerweise eine Tugend ist.

Überzeugungsbasierte (auf Gewissheiten gründende) Politik ist nicht automatisch etwas Gutes: Man denke nur an die Überzeugungen, die in der alten Apartheidpolitik Südafrikas zum Ausdruck kamen. Auch überzeugungsbasierte Religion ist nicht unbedingt etwas Gutes: Ich täte unter Umständen gut daran, mich weniger von der Gewissheit, Leidenschaft und Überzeugung beeindrucken zu lassen, mit der ein Mitchrist etwas sagt, und mir stattdessen stärker bewusst zu machen, dass Befürchtungen hinsichtlich des Fundamentalismus nicht immer unbegründet sind.

Gewissheit und Arroganz?

Allerdings haben wir bislang nicht über die echten, theologischen Bedenken nachgedacht, die hinter dem Ausdruck „Sünden der Gewissheit“ stehen. Ich glaube nicht, dass die Person, die dieses Gebet gesprochen hat, einfach nur für eine multikulturelle Demokratie argumentieren wollte. Vielmehr glaube ich, dass das Wort „Sünde“ mit einer echten theologischen Absicht verwendet wurde: Gewissheit wurde in irgendeiner Weise mit einer Sünde gegen Gott in Verbindung gebracht. Was könnten Gründe dafür sein?

Zunächst einmal kann hier tatsächlich eine berechtigte Sorge um die Ehre und Herrlichkeit Gottes zum Ausdruck kommen. In all seiner Vollkommenheit ist Gott unendlich, und die Worte und Beschreibungen, die wir von ihm haben, reichen nicht aus, um ihn vollständig zu erfassen. In Psalm 131,1 spricht David von Dingen, die ihm zu groß und zu wunderbar sind. Daraus entsteht für David (und uns) das Bedürfnis, sich vor einem hochmütigen Herzen und stolzen Augen zu hüten. Wenn Gott in dieser Weise groß ist, dann erscheint die Vorstellung, „gewiss“ zu sein, dass er dieses oder jenes ist, vermessen.

Ein Evangelikaler wird natürlich scharf unterscheiden wollen zwischen den Worten der Bibel und anderen (menschlichen) Worten. In Bezug auf diese anderen Worte ist die Angst vor Anmaßung und Arroganz berechtigt. Aber bei den Worten der Bibel liegt die Sache anders – nicht deshalb, weil ihnen eine menschliche Dimension fehlen würde, sondern weil sie eine beglaubigte göttliche Dimension haben, die letztlich durch den Verweis auf Jesus selbst verifiziert wird.

Natürlich halte ich diese evangelikale Unterscheidung zwischen den Worten des biblischen Kanons und allen anderen menschlichen Worten für richtig. Ich möchte jedoch zugestehen, dass es gefährlich leicht ist, die Worte Gottes mit meinen eigenen Worten zu verwechseln, insbesondere wenn es Worte sind, die ich über das Wort Gottes sage (wie es sowohl bei den Predigten evangelikaler Geistlicher als auch den Büchern evangelikaler Theologen schließlich der Fall sein muss).

Tatsächlich ist es nicht nur gefährlich leicht, die Worte Gottes mit meinen Worten zu verwechseln, es ist auch gefährlich verlockend. Natürlich möchten wir, dass die Menschen von dem, was wir sagen, überzeugt sind. Wir halten es für richtig, sonst würden wir es nicht sagen oder schreiben. Es kann sich als attraktive Abkürzung herausstellen, zu implizieren, dass zwischen unseren Worten und den Worten Gottes kein wirklicher Unterschied besteht.

Wir müssen uns im Klaren darüber sein, was das bedeuten kann. Es besteht nicht nur die Gefahr, dass wir Gott Dinge zuschreiben, die das Ergebnis begrenzter und fehlbarer menschlicher Spekulationen sind, sondern auch die Gefahr, dass wir unsere Worte anderen mit einer Gewissheit vermitteln, die eigentlich nur den Worten Gottes zusteht. Damit spielen wir uns ihnen gegenüber als Herren auf. Das verstößt gegen die gebührende Liebe zu Gott und zum Nächsten.

An dieser Stelle bezieht sich die Warnung derer, die von den Sünden der Gewissheit sprechen, auf den Stolz – insbesondere den Stolz des Intellekts und der Macht.

Ungewissheit und Arroganz?

Nichtsdestotrotz möchte der Evangelikale den Ball auch zurückspielen und denjenigen eine Frage stellen, die in Gewissheit einen sündigen Ausdruck von Stolz und Arroganz sehen: Kann sich hinter Ungewissheit auch Sünde verstecken?

Auf den ersten Blick erscheint diese Frage seltsam, da wir es gewohnt sind, Ungewissheit mit Demut in Verbindung zu bringen. Das Argument lautet, dass es demütig ist, sich in Bezug auf Gott nicht eindeutig oder bestimmt zu äußern. Da Gott ein unendliches Wesen ist, besteht unsere einzige Gewissheit darin, dass wir nicht in der Lage sind, wahrhaftig von ihm zu sprechen.

In ähnlicher Weise kann es bescheiden wirken, sich nicht zu eindeutig darüber zu äußern, was eine bestimmte Bibelstelle wirklich bedeutet. Die Wahrheit oder eindeutige Bedeutung der Bibel sei zu ungewiss, als dass wir irgendetwas ausschließen könnten. Auf diese Weise kann Ungewissheit einen modischen Appeal bekommen: Sie ist etwas, das für die begriffsstutzigen Verfechter der Gewissheit zu subtil ist, um es zu begreifen. Ungewissheit wird zum Markenzeichen.

Aber schmückt diese Art von Ungewissheit, mit der wir uns zur Schau stellen, auch Gott? Ich fürchte, dass sie das nicht tut. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zuallererst unterscheidet sich Gott von Götzen dadurch, dass er spricht. Götzen sind stumm und haben nichts zu sagen, aber Gott spricht, und seine Worte verkünden die Zukunft (vgl. Jes 45,21; Jer 10,5). Das bedeutet, dass man Gott, wenn man ihn wie einen Gott behandelt, der nicht sprechen kann, auf die Ebene eines Götzen herabwürdigt. Die Vorstellung, Gott könne nichts sagen (oder jedenfalls nichts, was mit Sicherheit verstanden werden könne), degradiert ihn zu einem Götzen. Das mag nicht die offene Absicht sein, aber es sieht ganz danach aus, als wäre dies das Resultat.

Nun könnte man darauf antworten, dass dies ein Zirkelschluss ist: Man stützt sich auf etwas, was in der Bibel steht, um etwas Bestimmtes über den Gott zu behaupten, der die Bibel inspiriert hat. An dieser Stelle sollte man jedoch nicht vergessen, dass ein Zirkelschluss durchaus wahr sein kann. Technisch gesehen befasst sich Zirkularität mit der Gültigkeit eines Arguments, nicht mit der Wahrheit seiner Schlussfolgerung. Noch wichtiger ist, dass diese Vorstellung der Ungewissheit in Bezug auf Gott in einer Hinsicht tatsächlich Gewissheit bietet: Sie besagt, dass wir sicher sein können, dass wir nicht sicher sein können. Es gibt etwas, von dem wir wissen, dass Gott es nicht ist, nämlich ein kompetenter Kommunikator.

Wir wissen aber auch, dass ein Großteil der menschlichen Kommunikation (nicht zu 100 Prozent, aber dennoch ein Großteil) ihren Zweck erfüllt: Ich kann bei Pizza Hut die richtige Pizza bestellen, und in vielen meiner Gespräche mit Nichtchristen geht es nicht darum, dass sie mich nicht verstehen, sondern dass sie mir nicht zustimmen. Es ist (gelinde gesagt) seltsam, zu glauben, Gott könne etwas nicht, was seine menschlichen Geschöpfe können, nämlich menschliche Sprache für eine effektive Kommunikation verwenden. Das führt erneut zu der Frage, ob er wirklich vollkommen ist – oder sich vielleicht doch gar nicht so sehr von den Götzen unterscheidet?

Zweitens ist der biblische Gott nicht nur ein Gott, der spricht, sondern der auch Verheißungen gibt. Insbesondere hat er mir Dinge über meine Zukunft verheißen und darüber, wie ich ewiges Leben erlangen kann. Wenn ich mir meiner ewigen Bestimmung oder der Richtigkeit meiner Handlungen allein aufgrund meiner eigenen Spekulationen sicher bin, dann sieht eher das nach Arroganz und Anmaßung aus.

Wenn ich mich andererseits weigere, an eine Verheißung zu glauben, die Gott selbst gibt, dann liegt darin etwas Anmaßendes. Wenn er eine Verheißung gibt, auf die sich die Menschen verlassen sollen, und die Menschen sich dann umdrehen und sagen, dass seine Verheißungen nicht zuverlässig sind, dann lehnen sie ab, was Gott ihnen in den Verheißungen sagt. Das ist eine Art, Gott nicht zu glauben und ihm zu misstrauen.

An dieser Stelle können wir erkennen, dass Ungewissheit manchmal ein Ausdruck von Misstrauen und mangelnder Abhängigkeit von Gott ist. Natürlich sind Menschen manchmal nicht vertrauenswürdig, sodass Unsicherheit hinsichtlich ihrer Worte und Versprechen durchaus berechtigt ist. Aber der biblische Gott ist jemand, dessen Wort das bewirkt, was er beabsichtigt, und der nicht lügen kann (vgl. Tit 1,2). Das Problem radikaler Ungewissheit besteht darin, dass sie uns davon abhält, Gott zu vertrauen.

Aus geistlicher Perspektive ist dies äußerst gefährlich: Es entehrt Gott und verleitet uns dazu, uns auf uns selbst oder unsere Götzen zu verlassen. Leider ist dies auch äußerst verlockend, denn ich ziehe es vielleicht vor, mich auf mich selbst zu verlassen (mit all der Kontrolle und Selbstbehauptung, die Selbstvertrauen mit sich bringt) anstatt Gott zu vertrauen (mit der Demut und Abhängigkeit, die ein solches Vertrauen mit sich bringt).

Drittens verleitet mich radikale Ungewissheit dazu, an Jesus zu zweifeln: Sie lässt mich daran zweifeln, dass er ein vollkommener Gott ist, der Mensch geworden ist und behauptet, mir Dinge – insbesondere den Namen seines Vaters (vgl. Joh 17,6) – offenbart zu haben. Er hat uns vielleicht nicht alle Dinge im Himmel und auf Erden offenbart, aber er behauptet, offenbart zu haben, wer Gott ist.

Ist es eine Sünde, Gewissheit über Jesus zu haben? Definitiv nicht. Ist es eine Sünde, sich dafür zu entscheiden, hinsichtlich seiner Person, seiner Worte und seines Willens in Ungewissheit zu verharren? Ganz bestimmt. Natürlich kann Gewissheit an sich eine Sünde sein. Aber das gilt auch für vorsätzliche Ungewissheit. Das ist eine ebenso reale und – so fürchte ich – größere Gefahr.