Ich denke, also glaube ich?

Rezension von Simon Hamalega
29. August 2025 — 9 Min Lesedauer

„Schatz, das war echt ein Gewinn.“ Das waren die ersten Worte an meine Frau, nachdem ich die letzte von 231 Seiten gelesen und das Buch Ich denke, also glaube ich? zur Seite gelegt hatte. Es ist die deutsche Übersetzung des englischen Originals Sanity of Belief. Der Autor ist der britisch-australische Theologe und Anwalt Simon Edwards, der am Oxford Centre for Christian Apologetics lehrt, aber auch weltweit Vorträge auf Konferenzen, in Universitäten und Gemeinden hält.

Sein Buch ist christliche Apologetik pur (die Verteidigung und Begründung des Glaubens), ganz in der Tradition des Narnia-Schöpfers C.S. Lewis, der oft zitiert wird. Es richtet sich an Christen, deren Glauben gefestigt wird und die Hilfe an die Hand bekommen, die sie an diskussionsträchtigen Abenden mit ungläubigen Freunden am Esstisch unterstützt. Doch auch für suchende Leser ist es hervorragend geeignet:

„Man kann also davon ausgehen, dass ein vernünftiger Glaube in der Lage ist, die Realität in ihrer ganzen Fülle zu erfassen – ihre naturwissenschaftlichen genauso ihre menschlichen Aspekte –, ohne dass dafür der Verstand an der Garderobe abgegeben werden müsste. … [S]ozusagen ein Glaube, der Sinn ergibt, sowohl für Kopf als auch für das Herz … Hält der christliche Glaube diesem Test stand? Dieses Buch wurde geschrieben, um das herauszufinden.“ (S. 17)

Worum es geht

Um das in die Tat umzusetzen, teilt Edwards sein Werk in zwei große Teile: 1. Was ist wesentlich? und 2. Welche Hinweise gibt es? Im ersten Teil zeigt er, was das Christentum zu den Themen im Leben zu sagen hat, die wirklich wichtig sind: Sinn, Wert, Tugend, Wahrheit, Liebe und Leid. Er führt aus, wie wir in Jesus Antwort und Erfüllung für diese fundamentalen Dinge finden. In der zweiten Hälfte geht er der Frage nach, woher wir wissen können, dass das alles wahr ist, wobei der Jurist Simon Edwards noch stärker hervortritt. Nach einer kurzen Einleitung zum denkenden Glauben befasst er sich mit den Hinweisen außerhalb unserer Selbst: Naturwissenschaft, Kosmos, DNA. Dann kommt er zu den inneren Hinweisen und damit zur objektiven Moral. Bevor er mit seinem persönlichen Fazit schließt, schreibt er im Kapitel „Historische Beweise“ über Jesus selbst – sein Leben, seinen Tod und vor allem über die klaren Hinweise darauf, dass Jesus tatsächlich auferstanden ist.

Unsere Welt steckt voller Logik. Simon Edwards fragt: Passt der Glaube an den Gott der Bibel in diese so logische Welt? Auf der Reise zur Beantwortung dieser bekannten Frage hat er es geschafft, sowohl mein Gehirn als auch mein Herz abzuholen. Er geht davon aus, dass Wahrheit objektiv erkennbar ist und sich in der Person von Jesus offenbart hat. Das Buch stellt Jesus als Schlüsselfigur für die Sinnfrage ins Zentrum, wofür er historische, philosophische und biblische Belege heranzieht. Dabei wählt er keine akademische Sprache, sondern eine verständliche und zugängliche. Gerade bei so einem Buch, in dem es auch viel um Aspekte aus der Natur- und Geisteswissenschaft geht, finde ich das besonders bemerkenswert. Das hat das Lesen sehr angenehm gemacht, zumal Edwards einen warmherzigen Schreibstil pflegt, was sich z.B. auch in den persönlichen Einblicken in sein Leben zeigt.

Was das Buch so hervorragend macht

Er hat mich als Leser abgeholt und es mir schwer gemacht, sein Buch aus der Hand zu legen. Das ist ihm bei mir auch dadurch gelungen, dass er viele Beispiele und Illustrationen gebraucht, um komplexere Sachverhalte greifbar und alltagsnah zu machen. So führt er etwa in dem Kapitel über den Wert des Menschen aus, wie unsere digitale Welt von einer sogenannten „Statusangst“ geprägt ist. Wir wollen „Jemand“ sein, nicht „Niemand“. Die Welt der sozialen Medien befeuert beispielsweise den Konkurrenzkampf, „Jemand“ zu sein. Er illustriert das mit der Regel im Supermarkt für die Platzierungen der Produkte im Regal: „Augenhöhe ist Kaufhöhe“:

„Stellen wir uns also einmal vor, was mit menschlichen Beziehungen passiert, wenn jeder mit jedem um den umkämpften Platz im Regal konkurriert, den begehrten Platz, an dem wir von anderen gesehen, anerkannt, geschätzt und ausgewählt werden. Wir neigen dazu, uns selbst und andere, wie Objekte zu behandeln und uns miteinander zu vergleichen und uns gegenseitig zu bewerten, so wie wir Produkte auf dem Markt bewerten.“ (S. 48)

Edwards geht auf die zunehmende „Verobjektivierung“ des Menschen ein und führt dem Leser dann die biblische Sichtweise vor Augen. Dabei geht er darauf ein, dass es Jesus vor allem um die Seele des Menschen geht, die für die Ewigkeit und auf Gott hin geschaffen wurde. Dinge wie Geld, Ruhm und Erfolg können uns nicht erfüllen, denn sie sind „nicht in der Lage, uns das zu geben, wonach sich unsere Seele zutiefst sehnt: gesehen, gekannt und geliebt zu werden … für immer“ (S. 54).

Wie der Autor die Frage nach dem Leid behandelt

Edwards wagt sich ebenfalls an das heiße Thema „Leid“ heran. Er greift jene Frage auf, die nach wie vor eine der meistgestellten Fragen von Atheisten an Christen ist: „Wenn es einen liebenden Gott gibt, wie kann er dann so viel Leid zulassen?“ Der Autor weist darauf hin, dass auch Menschen der Bibel – wie die Schwestern von Lazarus, Maria und Marta – diese Frage kannten (vgl. Joh 11,32–37). Dabei geht er auf die Einfühlsamkeit Jesu und später darauf ein, dass erfahrenes Leid in der Tat positive Auswirkungen auf den Charakter der Leidenden haben kann, was in unserer westlichen Welt meist nicht beachtet wird.

Spannend fand ich, dass er die Antworten auf das Leid in der Welt, welche die verschiedenen Religionen anbieten (Hinduismus, Buddhismus, Islam und dann auch den Atheismus), miteinander vergleicht und das Evangelium als einzigartige Antwort darstellt: Das Christentum ist deshalb so hervorstechend, weil hier der lebendige Gott durch seinen Sohn auf die Welt kommt und selbst mehr leidet als jedes seiner Geschöpfe vor und nach ihm. Das heißt nicht, dass immer eine Antwort auf Leiden gegeben wird, aber eins ist sicher: Angesichts des Kreuzes und des Evangeliums ist offenkundig, dass Gott seine leidenden Kinder liebt.

Tim Keller drückte es so ähnlich in seinem Buch Warum Gott? aus. Gott verfolgt seine souveränen Ziele mit seinen Kindern, auch durchs Leid hindurch. Das zeigt Edwards anhand der Erfahrung mit seiner kleinen Tochter Grace. Als sie achtzehn Monate alt war, sollte sie geimpft werden. Es zerriss ihm das Herz, dem Blick seiner Tochter standzuhalten und in ihrem Tränen-verschmierten Gesicht zu lesen: „Warum Papa? Ich weiß doch, dass du mich liebst, warum lässt du das zu?“ Grace war in einem Alter, in dem sie eine Erklärung nicht verstanden hätte, wenngleich es natürlich gute Gründe für die Impfung gab. „Ihr Vertrauen war kein unvernünftiges Vertrauen. Es war kein blindes Vertrauen. Es war ein Vertrauen, das darauf beruhte, dass ich ihr meine Liebe vom ersten Tag ihres Lebens bewiesen hatte“ (S. 137). Leid wird nicht leichter, wenn wir Gott in atheistischer Manier loswerden.

Was mich beeindruckt und was zu kurz kommt

Im zweiten Teil des Buches belegt Edwards die Begründung für die Existenz Gottes, die im ersten Teil eher geisteswissenschaftlich war, nun auch mit naturwissenschaftlichen Argumenten. Etwa, dass die Informationen, die unsere DNA enthält (das menschliche Genom ist über 3,5 Milliarden Buchstaben lang), auf eine Intelligenz dahinter hinweist. Er nennt dies die „Sprache Gottes“ (S. 165).

Was mir leider ein wenig zu kurz kommt, ist sein Zeugnis über die rein rationale Ebene hinaus. Er betont, dass es sein „intellektueller Schluss war, dass das Christentum wahr ist“ (S. 36), aber wie sah es bei ihm mit seiner Bekehrung konkret aus? Welche Rolle spielt hierbei die Buße und Umkehr? Zusammenhängend damit wird das biblische Menschenbild eher schwach vermittelt – etwa, dass das menschliche Denken verdorben ist (vgl. Röm 1,21–23). Er gebraucht an einer Stelle das berühmte Zitat von Augustinus: „Du hast uns zu dir hin geschaffen, oh Herr, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir“ (S. 223). Das ist absolut richtig! Nur führt er aus, dass Jesus uns niemals mit Gewalt dazu bringen würde, zu ihm zu kommen, denn dann wäre unser Herz noch immer unruhig, weil wir keine Ruhe finden, sondern Widerstand leisten. Aber ist nicht gerade dieser Widerstand meinerseits der Schrei nach der souveränen Gnade, die diesen bricht („Gewalt“ ist nicht der Begriff, der hier theologisch und philologisch passt)? Gerade so einer starken Gnade bedarf ich doch.

Edwards beschreibt an einer Stelle den Übergang vom alten zum neuen Leben, indem er auf das „begreifen“ eingeht: begreifen, dass ich von meinem Schöpfer bereits gesehen, erkannt, geschätzt und auserwählt bin, doch leider finde ich hier nichts von Umkehr und der Notwendigkeit, meine Sünde zu bekennen. An manchen Stellen im Buch hat man den Eindruck, dass der Vernunft zu viel Vertrauen eingeräumt wird. Es ist schließlich allein der vertrauende und auf Christus ausgeworfene Glaube, der rettet, auch wenn es ganz vernünftige Gründe gibt, diesem Christus zu vertrauen. In seinem Fazit schreibt Edwards:

„Im Gegensatz zum Reduktionismus des Atheismus (menschliche Erfahrungen wie Sinn, Moral, Freundschaft oder Liebe werden auf ‚nichts‘ reduziert) geht [das Christentum] aber davon aus, dass menschliches Leben mehr ist als diese Dinge [Physik und Chemie]. So wie Kunst mehr ist als Farbkleckse auf einer Leinwand und Musik mehr als eine Kombination von Tönen. Das Christentum besagt, dass ein menschliches Leben mehr ist als die Summe seiner physischen Teile. Die Neuen Atheisten mögen weiterhin über die Vorstellung des Übernatürlichen lachen. Ihre Welt ist, wie Daniel Dennett mit abfälligem Seitenblick auf die theistische Weltsicht feststellt, eine Welt ohne ‚Spuk‘. Doch so ist sie auch eine Welt ohne Seele.“ (S. 213)

Mein Fazit ist: Edwards hat effektiv zusammengefasst, weshalb diese Welt eben keine Welt ohne Seele ist, und anhand welcher Indizien wir das erkennen können. Es ist ein verständliches, kulturrelevantes Buch, welches mir als Christ gerade für Gespräche mit Jesus-fernen Menschen im postmodernen Kontext hilfreiche Werkzeuge an die Hand gibt. Auch wenn das Buch etwas einseitig stark auf Sinn, Identität und die Sehnsucht des Menschen eingeht und dabei weniger über Sünde, Rechtfertigung und Gnade spricht (was sicher auch nicht Hauptabsicht des Buches ist), stimme ich einer Pressestimme zum Buch voll zu: „Der Mix aus kristallklarer analytischer Logik sowie persönlicher und leichtfüßiger Erzählweise machen das Lesen zu einem Genuss.“ Oder in meinen Worten: „Schatz, das war echt ein Gewinn.“

Buch

Simon Edwards, Ich denke, also glaube ich?, Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, 2024, 240 Seiten, 20 EUR.