Das Predigeramt aus Sicht eines Puritaners

Rezension von Jason Hood
20. Juni 2016 — 7 Min Lesedauer

Das Buch The Reformed Pastor (dt. Das Predigtamt eines Puritaners) hat mit dem Wort „reformiert“, wie wir es heutzutage für gewöhnlich verwenden, nichts zu tun. Auch mit dem Wort „Pastor“, wie dieses Wort heute meistens gebraucht wird, hat es nichts zu tun. In diesem berühmten puritanischen Werk des anglikanischen Pfarrers Richard Baxter aus dem 17. Jahrhundert geht es nicht um Pastoren, die den Fünf-Punkte-Calvinismus und die reformierte Soteriologie hochhalten. Die Theologie Baxters ist in Wahrheit von den meisten Ausprägungen der reformierten Orthodoxie mehrere Schritte weit entfernt. Baxter passt auch ebenso wenig zum kontemplativen Modell nach Eugene Peterson, zur „flatternden Masse der Verfügbarkeit“ (eine Anspielung von Stanley Hauerwas), die britische Pfarrer in Dramen der BBC an den Tag legen. Auch zu dem in großen amerikanischen Gemeinden weit verbreiteten Geschäftsführer-Modell passt er nicht.

Worum ging es dem Puritaner damals?

Baxter beschreibt eine ganz andere Aufgabe. Er misst sich und seine Zeitgenossen mit dem Maßstab von Apg 20,28 als Leitlinie: „So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat“. Hier im Überblick einige Kennzeichen dieses Buches, die ihm zum Range eines Klassikers und Lehrtextes verholfen haben.

Baxter lässt sich weit besser lesen als viele seiner und unserer Zeitgenossen. Wenn Sie zu der Sorte von Menschen gehören, die „ein Buch solange durchnehmen, bis sie ein inspirierendes oder brutales Zitat finden“, dann wird Ihnen The Reformed Pastor gefallen. Wenn Sie zu denen gehören, die eine eingehende und lebhafte Untersuchung eines wichtigen Themas schätzen, die Kritik voraussieht und reichlich logisch argumentiert, werden Sie es lieben. Erwarten Sie aber keine humorvollen Anekdoten: „Von allem Predigen der Welt (sofern es keine offensichtlichen Lügen spricht) hasse ich die Art des Predigens, die dazu neigt, die Hörer zum Lachen zu bringen oder aus ihren Gemütern den Leichtsinn hervorzukitzeln oder so auf sie zu wirken, wie vormals es Bühnenstücke taten, statt ihnen eine heilige Ehrfurcht vor dem Namen Gottes einzuflößen.“ Wie er predigte, so schrieb er auch.

In Einklang mit den ersten Worten von Apg 20,28, „Habt acht auf euch selbst“, fängt das Buch nicht bei den allgemeinen Pflichten der Aufgabe an, sondern bei der Selbstaufsicht des Pfarrers: sich das Evangelium ins Herz einzuhämmern, die Sünde zu hassen und die häufigen Fallen des Dienstes zu meiden. Denn „was kann das Volk schneller in Verderben und Unglück treiben als die Verdorbenheit ihrer Führer?“

Baxter nimmt den größten Teil seines Buches dazu her, die Transformation der pastoralen und der gemeindlichen Praxis zu befürworten. Gott legt er folgende hypothetische Zeile in den Mund: „Was ist Reformation denn anderes als das Lehren und aufdringliche Überzeugen der Sünder, meinen Christus und meine Gnade so anzunehmen, wie sie ihnen angeboten werden, sowie das Führen meiner Gemeinde gemäß meinem Wort?“ Zu Baxters Zeit nämlich war die Aufgabe des Pastors durch Gier, Selbstsucht, Bequemlichkeit, Nachlässigkeit und die Heraustrennung des Klerus aus dem Leben der Herde kompromittiert. The Reformed Pastor erinnert uns daran, dass Reformation und Transformation mehr erfordern als die Bereinigung der Lehre: Wenn Sie die Ekklesiologie und den pastoralen Dienst nicht verändern, verändern Sie die Gemeinde nicht.

Baxters Modell betont den persönlichen Dienst, angefangen bei Vätern und Familien und beim Besuchen von Menschen dort, wo sie sind. Man kann fairerweise sagen, für Baxter ist ein Pastor, der nicht in den Häusern und im Leben der Menschen präsent ist, kein Pastor. Zudem ist das dringendste Bedürfnis und die wirksamste Tätigkeit nicht das Predigen, so lebensnotwendig es auch ist, sondern die Seelsorge und die Katechese auf persönlicher Ebene. Der Einsatz der Religion (einschließlich des intensiven Nachfragens, ob das Evangelium im Herzen des Gemeindeglieds lebt, und der Betonung des häuslichen Gebets), und der Katechese mag repressiv erscheinen. Aber die neuesten Scheidungszahlen, die Unterstützung für den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Trump und andere auffällige Indikatoren verraten, dass der regelmäßige Gottesdienstbesuch, das Familiengebet und andere Aktivitäten dieser Art viel bessere Prüfungen und Bollwerke als ein bloßes Bekenntnis sind. Es ist fast so, als ob unsere Gewohnheiten unsere Herzen enthüllen.

The Reformed Pastor legt eine beinahe rücksichtslose Leidenschaft für einen gründlichen christlichen Dienst an den Tag. Hier ein Beispiel: „Ist es nicht vernünftiger, das eigene Fleisch und deine Familie Entbehrungen auszusetzen, dann eine Aufgabe zu übernehmen, die du nicht erfüllen kannst, und die Seelen so vieler deiner Schafe zu vernachlässigen? . . . Ich weiß, dass das, was ich sage, manchen hart vorkommen wird, aber für mich steht es außer Frage, dass es deine Pflicht ist, wenn du nur hundert Pfund im Jahr hast, von einem Teil davon zu leben und den Rest einem kompetenten Assistenten zu überlassen, statt dass die Herde, der du vorstehst, vernachlässigt wird.“ Nachdem er eine Vielzahl von Einwänden mit vernichtenden rhetorischen Fragen behandelt hat, rammt er das Messer voll hinein: „Wenn du immer noch sagst, dass du nicht mit so wenig leben kannst, wie es die armen Leute tun, frage ich weiter: Können deine Gemeindeglieder die Verdammnis besser ertragen, als du Not und Armut?“ Er dreht das Messer in unserer Seite noch einige Zeilen lang weiter herum, als ob er die Widerspenstigen durch Folter dazu bringen könnte, ihm in diesem Punkt Recht zu geben.

Baxter verwendet einen bedeutenden Teil jedes Kapitels dazu, Motive anzusprechen, die das Erreichen pastoraler Ziele unterstützen könnten. Er ist allerdings nicht gerade ein Ausbund von Positivität und seine „Motive“ würden unsere evangeliumszentrierten Prüfungen nicht bestehen: „Wir haben die niedere Veranlagung, Menschen zu gefallen, damit wir ihre Liebe nicht verlieren – was Menschen verderben und sie leise in die Hölle gehen lässt – und damit wir sie nicht zornig machen darüber, dass wir ihr Heil gesucht haben.“ Er lädt mit weiterer „Motivation“ nach, indem er unsere Fleischlichkeit, Glaubensschwäche sowie „Unbeholfenheit und mangelnde Eignung für diese Aufgabe“ anprangert. Dabei hat er noch gar nicht damit angefangen, die Schwierigkeiten zu erklären, die es bei denen gibt, denen wir dienen. Es verblüfft Baxter, wenn wir die Herausforderungen und die erforderliche Strenge der Aufgabe schier überwältigend finden: „Schwierigkeiten müssen bei einer notwendigen Aufgabe zu größerem Fleiß anspornen.“ Klar, Richard. Wenn du das sagst.

J. I. Packer war übrigens von dem Buch so beeindruckt, dass er dazu eine Einleitung schrieb.

Das Evangelium und der evangelische Pastor heute

Da ich selbst Pastor mit Mängeln genug bin, empfinde ich Baxters Strenge, Disziplin und Leidenschaft meist als erdrückend. Es ist selbstverständlich ein wertvolles Werk und verdient den klassischen Titel durchaus. Heutige Pastoren stehen ständig in der Versuchung, etwas anderes zu tun als im kleinen, örtlich begrenzten, katechetischen, fokussierten, persönlichen Dienst aufzugehen, den Baxter so stark hervorhebt. „Baxterit“ zu sein, heißt jedoch, sich fortwährend zu zerstören im Versuch, einem unerreichbaren Standard gerecht zu werden.
Das Evangelium ruft uns dazu auf, unsere Mängel einzugestehen. Baxters Strenge sollte uns dahin bringen, die lebenswichtige und lebensspendende Disziplin zu üben, unsere pastoralen Fehler zum Kreuz zu tragen, um dort in Gottes Gnade Vergebung und Ruhe zu finden. Und da auch die kraftvollste Ausübung des pastoralen Dienstes uns nicht rechtfertigen kann, tragen wir nicht bloß unser Versagen zur Waschung im Blut Jesu. Wir tragen auch unsere Erfolge dahin, unsere Strenge und jede verborgene Spur von Selbstrechtfertigung.
Eine Gemeinde, die dieses kostbare Blut empfängt, ist sicher große Bemühungen unsererseits wert. Ein Buch so ernst wie dieses steht im krassen Kontrast zur Frivolität, zu beruflichen Irrungen und zu alten wie neuen Versuchungen. Und: Ein Evangelium mit Gnade genug, erbärmliche Pastoren zu erretten, kann uns auch zu einem großartigen und demütigen Dienst anfeuern, ob wir die Höhen Baxters je erklimmen oder nicht.

Das Buch von Richard Baxter ist in deutscher Sprache erschienen als: Das Predigtamt eines Puritaners, 3L Verlag, 2012, 160 S.

Jason Hood ist Pastor der North Shore Fellowship in Chattanooga, Tennessee (USA). Davor war er Dozent für Neues Testament am Bostoner Campus des Gordon-Conwell Theological Seminary. Er lebt mit seiner Familie in Boston.