Knowing Christ

Rezension von Hanniel Strebel
31. Mai 2016 — 4 Min Lesedauer

Mark Jones, Knowing Christ, Edinburgh: The Banner of Truth Trust, 2015.

Ich habe schon manches Buch über Pädagogik, Erziehung oder geschichtliche Zusammenhänge gelesen. In der Theologie interessieren mich Bücher zur Ethik oder zur Apologetik. Doch wie oft setzen wir uns mit dem auseinander, der uns gemacht hat? Der Startschuss für eine eingehende Beschäftigung fiel erst vor wenigen Jahren – nach dem Theologiestudium! Auftakt und Türöffner war der Longseller von J. I. Packer „Gott erkennen“ („Knowing God“). Packer hat eindrücklich dargestellt, wie wichtig es ist, sich mit Gott auseinanderzusetzen, um unser Leben zu gestalten. Es hat mich nicht erstaunt zu erfahren, dass der ursprüngliche Anstoß zu „Knowing Christ“ ebenfalls von diesem Buch ausging. Wir werden in der Bibel aufgefordert „in der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus“ zu wachsen (2Pet 3,18). Nur: Wie kommen wir diesem Auftrag nach? Wir sind es gewohnt, uns mit uns selbst und unserem Wohlergehen auseinanderzusetzen. Christus spielt ehrlicherweise in unserem Leben oft die Existenz eines Zulieferers für unser Glück. Doch wie kann es geschehen, dass er unser Glück selbst wird? Eine nahe liegende Antwort lautet: Setzen wir uns gezielt und vertieft mit dem auseinander, was in seinem Wort von ihm offenbart wird!

Der Autor Mark Jones ist Co-Autor von „Puritan Theology“, einem über 1000-seitigen Werk mit knapp 60 Kapiteln zur weit verzweigten Theologie der Puritaner. Neben dem tiefen Graben und Eintauchen in die Bibel – es sind Hunderte von sorgfältig gewählten Schriftbezügen eingeflossen – hinterlegt Jones die Gedankengänge mit treffenden Zitaten der Puritaner und der Kirchenväter. Er versteht die Studie in einer Mischung von theologischer Exploration und erbaulicher Literatur. Das Buch wird von diesem doppelten Anliegen getragen. Oft genug fehlt entweder das eine oder das andere! In 27 Kapitel, in Einheiten zu acht bis zwölf Seiten portioniert. Der Kerngedanke wird gleich zu Beginn des Kapitels angekündigt und in den letzten Zeilen prägnant zusammengefasst. Der Inhalt ist demnach didaktisch sauber aufbereitet.

Durch die Entfaltung von 30 Aspekten, ausgehend vom ewigen Bund des dreieinigen Gottes, der Menschwerdung, Gottheit und Menschheit Christi, dem Heiligen Geist als ständigem Begleiter während seines ganzen Lebens auf der Erde, seines Glaubens, der Bandbreite seiner Emotionen, seines Wachstums, seines Studiums des Alten Testaments, den Gebeten, der Sündlosigkeit, den Versuchung, der Demütigung hin zur Verwandlung, den Wundern, den sieben letzten Worten am Kreuz, seinem Tod und der Auferstehung, seiner Erhöhung und seinem Einsatz für sein Volk, den Ämtern als Priester, Prophet und König bis zum kommenden Zorn wird ein umfassendes Panorama entfaltet. Dies trägt dazu bei, die vielen Jesus-Bilder, die wir aufgebaut haben und die in vielen Gemeinden landläufig gepflegt werden, zu hinterfragen und einige mit biblischeren zu ersetzen.

Drei Dinge haben mich besonders beschäftigt: Die konsequent christologische Auslegung des Alten Testaments, insbesondere der Psalmen. Jones spricht nicht darüber, sondern praktiziert es gleich. Zweitens sind es Aspekte über Person, Leben und Werk von Christus, die ich bisher noch nie überhaupt oder genügend beachtet habe. Ich wurde angeleitet, über die Tiefe des Gotteszorns nachzudenken, über die Auferstehung, die von Christus selbst mit-initiiert wurde (vgl. Joh 10,18). Ich habe mir noch kaum Gedanken gemacht, welche Wichtigkeit dem Eintreten Christi für sein Volk zukommt, ebenso wenig der Gemeinschaft des Heiligen Geistes für den Dienst des Gottesohnes. Ich hatte bisher noch nie bedacht, dass Christus als Mensch das Alte Testament gelesen hat. Oder wie er nach seiner Menschwerdung dauernd gedemütigt wurde; wie ihn das Gebet bis zum Schluss begleitete. Drittens wurde ich mir der wunderbaren Tatsache der Einheit mit Christus verstärkt bewusst. Wir haben von uns aus nichts vorzuweisen, außer dass wir ihm gehören (4). Nicht er ist in erster Linie für uns in die Welt gekommen, sondern wir sind ursächlich für ihn in der Welt (9).

Jones wertet den Hunger, tiefer in die Geheimnisse des Christus – soweit sie offenbart sind – einzudringen nicht als Anmaßung, sondern als gesundes Anzeichen (177). Der Autor vergisst nicht, in jedem Kapitel die Brücke zu uns zu schlagen. Wir können Christus nicht ohne sein Volk haben. Damit steht er in gut reformatorischer und puritanischer Tradition. Analog den Formulierungen des Heidelberger Katechismus „was nützt es uns…“, stellt er die Bedeutung der einzelnen Aspekte von Christus für uns heraus. Dabei hat er uns Menschen nicht als Konsumenten im Fokus, sondern als dankbare Empfänger unverdienter und unerwarteter Zuwendungen und einer zuverlässigen Hoffnung. Christus ist unser Vorbild. So fehlt es uns Christen z. B. an gerechtem Zorn (71). Oder haben wir schon bedacht, dass es angesichts der Demütigung Christi keine Situation geben kann, die zu erniedrigend für uns wäre (159)?

Hanniel Strebel hat an der Fachhochschule Betriebswirtschaft studiert und arbeitet in der betrieblichen Erwachsenenbildung. Nebenberuflich studierte er Theologie (MTh, USA) und promovierte über die Theologie des Lernens bei Herman Bavinck (PhD, USA). Er und seine Frau haben fünf Söhne. Hanniel bloggt unter www.hanniel.ch.