The Faith of Christopher Hitchens

Rezension von Brian Mattson
27. Mai 2016 — 7 Min Lesedauer

Larry Alex Taunton, The Faith of Christopher Hitchens: The Restless Soul of the World's Most Notorious Atheist,  Nelsonword Pub Group, 2016, 224 S., ca. 14,00 Euro.

Eine der Schwierigkeiten bei der Rezension von Larry Alex Tauntons neuem Buch „Der Glaube des Christopher Hitchens: Die ruhelose Seele des weltbekannten Atheisten“ ist die Bestimmung eines Genres. Obwohl der Klappentext das Buch in die Kategorie Biografie/Autobiografie/Religiös einordnet, habe ich mich entschlossen, es einer althergebrachten amerikanischen Erzähltradition zuzuordnen: Dem Road-Trip.

Natürlich ist das Buch noch viel mehr als das. Es ist gleichermaßen intellektuelle Biografie, psychologische Analyse, Soziologie, Philosophie und Theologie, Diskussion und Debatte. Taunton verwebt all diese Elemente zu einer Geschichte über eine unglaublich ungewöhnliche Freundschaft, die ihren Höhepunkt in zwei einprägsamen Reisen erreicht.

Hitchens war ein überragender Intellektueller, der insbesondere für seinen glühenden Hass auf Religionen bekannt war. Er war, wie Taunton es ausdrückt, der Staatsfeind Nummer Eins in den Köpfen vieler Christen. Und das ist gut verständlich, berücksichtigt man seinen Ruf als scharfzüngiger Diskussionspartner, der es genoss, seine Gegner zu erniedrigen. Viel weniger bekannt ist, dass er tiefe persönliche Beziehungen zu einigen evangelikalen Christen, darunter auch Taunton, aufbaute. Dies tat er nicht zufällig, sondern aktiv und absichtlich.

Eine merkwürdige Freundschaft

Der Leser mag dem Buch zunächst recht skeptisch gegenüberstehen. Bücher, in denen anscheinend mit Enthüllungen aus der Privatsphäre öffentlicher Personen Profit geschlagen werden soll, wirken schnell unschicklich. Auch Taunton, der Gründer und Leiter der Fixed Point Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der öffentlichen Verteidigung des Christentums verschrieben hat, war sich dieser Problematik anfangs bewusst und teilte die Bedenken. Tatsächlich hatte er keinerlei Ambitionen, dieses Buch zu verfassen, bis er von seinem Herausgeber davon überzeugt wurde, dass seine Beziehung zu Hitchens, für viele Anlass zu „endloser Faszination“, einer Erläuterung würdig war.

Das Buch beschreibt eine Freundschaft zwischen zwei Personen mit völlig gegensätzlichem Glauben – ein Thema, das heute aufgrund der offensichtlichen Polarisation sehr aktuell ist. Taunton behandelt den Vertraulichkeitsaspekt mit größter Vorsicht. Viele persönliche Details aus Hitchens Leben werden nicht angesprochen, insbesondere solche, die auch seine Frau und seine Kinder betreffen. Immer, wenn er nicht aus erster Hand berichten kann (etwa aus Gesprächen), hält sich Taunton an offizielle Aufzeichnungen, beispielsweise an Zeitschriftenartikel, Zeitungsberichte oder Hitchens Autobiografie.

Viele haben angemerkt, dass Hitchens ein Mann voller Widersprüche war. Taunton fasst dies folgendermaßen zusammen: „Ein Marxist, der in jungen Jahren nach der Akzeptanz der sozialen Elite strebte; ein Pazifist, der das Militär verehrte; Ein Held der Linken, der trotzdem Abtreibungen verurteilte, den Krieg gegen den Terror guthieß und nach dem elften September so etwas wie ein Neokonservativer war.“

Hitchens selbst betonte wiederholt, wie er schon in jungen Jahren gelernt hatte, zwei verschiedene Sichten nebeneinander bestehen zu lassen. Es gab einen beabsichtigten Unterschied zwischen Hitchens öffentlichem und privatem Leben, und Taunton war es in besonderem Ausmaß vergönnt, in Hitchens letzten Jahren diese private Seite kennenzulernen. Er entdeckte etwas Bemerkenswertes: Der Mann, der sich nach dem elften September öffentlich und medienwirksam vom linken Flügel distanzierte, war auch persönlich hin- und hergerissen und erwog einen noch viel drastischeren Lagerwechsel. Um in dieser Zeit klar zu navigieren und die Kosten richtig abzuschätzen, suchte er sich Hilfe bei einem Evangelikalen aus dem Herzen des Bible Belt.

Hitchens Fans werden eben diese Enthüllung vielleicht als schockierend empfinden, aber Taunton passt keineswegs in das Bild eines ignoranten bibelgläubigen Fundamentalisten. Als Gründer der Fixed Point Foundation konnte er den Respekt vieler führender Denker erlangen, mit denen er Debatten organisiert und moderiert hatte: Richard Dawkins, John Lennox, David Berlinski, Michael Schermer und natürlich Hitchens selbst. In Taunton hatte Hitchens einen Freund gefunden, der zudem auch ein begabter Apologet auf höchstem Niveau war.

Fünf Beobachtungen

Ohne zu viel vom Inhalt preiszugeben, möchte ich fünf Beobachtungen darlegen, um den Appetit anzuregen.

Erstens ist das Portrait, das Taunton von Hitchens bis zurück in dessen Jugend zeichnet, frei von karikativen Elementen. Taunton schafft es im rechten Maß, Hitchens zu charakterisieren. Seinen Sarkasmus, seine Scharfsinnigkeit, seinen Humor und seine Arroganz stellt er so gut dar, dass man am Ende der Lektüre das Gefühl hat, ihn wirklich zu kennen. Nichts erscheint falsch oder überzogen. Es handelt sich um eine ehrliche und anregende Betrachtung.

Zweitens offenbart „Der Glaube des Christopher Hitchens“ eine oftmals vergessene Wahrheit: Unglaube ist - wenn überhaupt - nur sehr selten eine rein intellektuelle Angelegenheit. Hitchens war in seiner Jugend von vielen Faktoren beeinflusst, wovon ein nicht unerheblicher der Besuch eines englischen Internats war, in dem er unter hartem Regime verlogene Selbstgerechtigkeit und billige Lehre anerzogen bekam. Er war kaum echtem und gesundem Christentum ausgesetzt - falls man in diesem Kontext überhaupt von „Christentum“ sprechen kann. Hitchens komplizierte und von Verachtung und mangelndem Respekt geprägte Beziehung zu seinem Vater, die Verwöhnung durch seine Mutter und seine Begabung in der Rhetorik führten zu einer krankhaften Arroganz in jungem Alter. Das alles ist eine gute Erinnerung daran, dass niemand allein durch Abwägen intellektueller Argumente zu einem atheistischen Weltbild gelangt. 

Drittens war Hitchens durch den elften September tief erschüttert, denn er sah sich plötzlich mit absolut Bösem konfrontiert und konnte nicht länger den liberalen Standpunkt vertreten, dass alles durch die Umstände, in denen sich die Übeltäter befinden, entschuldigt werden könnte. Während er weiterhin das „Problem des Bösen“ als Waffe gegen das Christentum einsetzte, musste er – wie Taunton klar darstellt - feststellen, dass dieses Schwert zweischneidig war und insbesondere für seinen Atheismus ein schwerwiegendes Problem darstellte. Beobachter merkten häufig an, dass er üblicherweise das Problem von moralischen Normen in einem atheistischen Universum umging. Das tat er mit voller Absicht.

Viertens sollte man Bibelkenntnis bei seinem Gegenüber nicht voraussetzen, selbst wenn es sich dabei um einen der bedeutendsten Intellektuellen der Welt handelt. Hitchens Vertrautheit mit der Bibel war erschreckend oberflächlich. Aber anstatt ihn deshalb zu verspotten, zu beschimpfen oder bloßzustellen, lud Taunton Hitchens ein, mit ihm gemeinsam die Bibel zu studieren.

Fünftens ist Tauntons Buch eine Erinnerung daran, dass es bei Apologetik nicht darum geht, in einer Diskussion zu triumphieren, sondern vielmehr darum, Menschen zu gewinnen. Am Ende sprach Taunton geradeheraus das Thema Buße und Vertrauen in Jesus auf eine sehr ernüchternde und ergreifende Art an und machte sich damit angreifbar. Der Hitchens, den man in der Öffentlichkeit wahrnahm und von dem man in dieser Situation Hohn und Spott erwarten würde, hätte diese Bemühung als Beleidigung auffassen können. Doch durch die Freundschaft und das Vertrauen zwischen den beiden wurde ein Kontext geschaffen, in dem der echte Hitchens dies offenbar sogar schätzen konnte.

Eine fesselnde Geschichte

Das insgesamt Geniale an diesem Buch ist die Tatsache, dass es eine Geschichte erzählt. Eine unheimlich fesselnde Geschichte, die einen zwingt, weiterzulesen und das Buch bis zum Schluss nicht aus der Hand zu legen. Es mag zwar viel intellektuell anregenden Stoff enthalten, aber letztlich geht es um zwei Freunde, die sich gegenseitig sehr respektierten: Den verhärteten Atheisten und den leidenschaftlichen Evangelisten.

Nachdem Hitchens die Diagnose Speiseröhrenkrebs bekommen hatte, die sein Todesurteil bedeutete, unternahm er zwei private Reisen mit Taunton: eine durch das Shenandoah Valley und eine weitere durch Montana und den Yellowstone Nationalpark. Der Zweck dieser Reisen war das gemeinsame Studium des Johannesevangeliums. Tauntons Erzählungen von diesen Reisen sind zeitweise urkomisch (der waschechte Südstaatenevangelikale fährt, während der kampferprobte Atheist mit offener Bibel, einem Glas Whisky und einer Zigarette auf dem Beifahrersitz sitzt), zeitweise voller Spannung und oftmals tief bewegend.

Wenn man auf der Suche nach einer melodramatischen Bekehrungsgeschichte oder einem Handbuch zur Apologetik ist, wird man hier nicht fündig. Sollte man aber nach einer großartigen Demonstration von Nächstenliebe, Freundschaft und Evangelisation Ausschau halten, so liegt man mit diesem Buch goldrichtig.

Mit seiner einzigartigen Kombination aus erstklassiger Erzählkunst, Intellekt und Leidenschaft verdient „Der Glaube des Christopher Hitchens“ schon jetzt den Status eines Klassikers.