Dostojewski vs. Übermensch

Warum Nietzsche uns nicht weiterhilft

Artikel von Louis Markos
2. Mai 2016 — 14 min Lesedauer

Anderthalb Jahrhunderte sind vergangen, seitdem der große russische Romanautor Fjodor Dostojewski die Welt mit Schuld und Sühne beschenkte (1866). Für einen Roman ist Schuld und Sühne weder eine spannende noch eine besonders erfreuliche Lektüre. Er hat, so könnte man sagen, ein „Happy End“, zu dem aber ein äußert schmerzhafter Weg führt. Sogar die Auflösung ist schmerzhaft. Er ist schließlich ein russischer Roman.

Der Protagonist, Raskolnikow, ist ein armer, melancholischer Student, der viel zu viel Zeit damit verbringt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Er hadert mit seiner Umwelt und betrachtet sich als überragenden Menschen, der nicht an die ethischen Fragen der gemeinen Herde gebunden sein sollte. Er habe das Zeug, ein großer Mann, ein Wohltäter, ein charismatischer Anführer zu sein.

Schuld und Sühne wird zu Recht wegen seines psychologischen Tiefgangs und seines Realismus gerühmt, hat aber eine weitere Besonderheit, die ihn zur Pflichtlektüre macht, insbesondere für Christen, die sich über die verheerenden Auswirkungen des moralischen Relativismus auf die moderne Welt Sorgen machen. Genauso wie sich Alfred Lord Tennyson in seinem Heldengedicht In Memoriam (1850 veröffentlicht, doch zum größten Teil in den 1830er Jahren verfasst) mit den Implikationen der Darwinischen natürlichen Auslese rang, und zwar mehr als zehn Jahre vor der Veröffentlichung von Die Entstehung der Arten (1859), so deckte Dostojewski in Schuld und Sühne das Gefährliche und Wahnhafte an Nietzsches Theorie des Übermenschen auf – ganze 20 Jahre bevor Nietzsche diese Figur der Welt in Also sprach Zarathustra (1883) vorstellte.Davon überzeugt, dass er über den Gesetzen Gottes und der Menschen steht, ermordet Raskolnikow auf brutale Weise eine Pfandleiherin und deren Schwester, vorgeblich, um ihr Geld zu stehlen, letztlich aber, weil sein Gefühl ihm sagt, er habe das Recht dazu. Zum Schluss erkennt er jedoch, dass er sein Gewissen nicht so leicht täuschen kann. Er gesteht die Tat und wird nach Sibirien ins Exil geschickt, wo er aber in der Gesellschaft der heiligmäßigen Sonja Frieden und Vergebung findet.

Nietzsches Übermensch

Nietzsche zufolge ist der Übermensch eine Person, die in sich selbst den Mut findet, die Ketten der Mittelklassemoral – der uns von der Religion aufgedrückten moralischen und ethischen Normen – abzuschütteln. Während Marx die Religion als “Opium des Volkes” abtat, sah sie Nietzsche als Sklavenethos, als ein Werkzeug, das von schwachen Menschen zur Beherrschung der Starken eingesetzt wird.

Der Übermensch, durch religiöse Kodizes und Aberglaube unbeeindruckt, erhebt sich über solche von Menschen gemachten Einengungen – geht über Gut und Böse hinaus –, um seinem Machtwillen Geltung zu verschaffen. Nur ein Individuum, das sich von diesen Einengungen befreit, kann die Gesellschaft einer herrlichen Zukunft entgegenführen. Obwohl es nicht ganz fair wäre, Nietzsche die Schuld für Hitlers Verbrechen zuzuweisen, haben seine Theorien totalitären Führern jeder politischen Couleur eine mehr als ausreichende Rechtfertigung dafür geliefert, ihre ungerechten Taten als Werkzeuge zum zivilisatorischen Fortschritt zu bemänteln.

Mit Raskolnikow stellt uns Dostojewski einen Möchtegern-Übermenschen à la Nietzsche vor, einen, der nicht glaubt, dass die Regeln für ihn gelten, auch wenn er mit Sicherheit von anderen erwartet, dass sie sie befolgen. Dass er das Bedürfnis verspürt, vor sich selbst seine Taten zu rechtfertigen, beweist, dass er ein ethisches Wesen ist, für das die Ansprüche der Moral verbindlich sind. Mag er sich über einer gesetzlichen Strafe erhaben sehen, kann er seinem eigenen inneren Richter doch nicht entkommen: dem Gewissen, das Gott in uns alle eingepflanzt hat. Raskolnikow weiß, dass er ein Verbrechen begangen hat – und das Wissen um dieses Verbrechen setzt die Existenz einer übernatürlichen Norm voraus, die weder relativ noch von Menschen gemacht ist.

So wie Schmerz signalisiert, dass in unserem Körper etwas nicht in Ordnung ist, so weist ein Schuldgefühl darauf hin, dass in unserer Seele etwas nicht stimmt. Auch beim Versuch, sich sein Übermenschentum einzureden, ist Raskolnikow von Gefühlen der Schuld und der Reue durchsetzt. Ein heutiger Therapeut, der Anhänger der Freud’schen Lehre ist, würde ihm wahrscheinlich sagen, dass seine Schuldgefühle das Problem sind. Aber das sind sie nicht. Gerade die Realität seiner Schuld ist die Tatsache, die beweist, dass der moralische Relativismus, der Irrglaube, dass der Mensch in einer Welt jenseits von Gut und Böse leben, wählen und gedeihen kann, eine Lüge ist.

Ideen mit Folgen

Für mich ist es klar, dass der Romanschreiber Dostojewski es als Teil seiner Mission sah, vor der satanischen Versuchung dessen zu warnen, was später unter dem Namen Nietzsches Übermensch bekannt werden sollte. Ich sage, dass es klar ist, weil Dostojewski 13 Jahre nach Schuld und Sühne mit Die Brüder Karamasow begann, einem Meisterwerk, das den Übermenschen auf eine Art und Weise widerlegt, mit der jede philosophische oder theologische Abhandlung überfordert wäre.

Fjodor Karamasow, ein verkommener und raffgieriger Tor, ist Vater von drei Söhnen, die die physische, die intellektuelle bzw. die spirituelle Seite des Menschen verkörpern: Dmitri, ein leidenschaftlicher, impulsiver Soldat; Iwan, ein übermäßig rational denkender Intellektueller, der den Glauben an Christus ablehnt; und Aljoscha, ein heiligmäßiger Mönch, der versucht, seinem gepeinigten Vater und seinen Brüdern beizustehen.

Im Laufe der Romanhandlung wird Fjodor umgebracht, und der Verdacht trifft den hitzköpfigen Dmitri. Schließlich erfahren wir jedoch, dass Fjodor nicht von einem seiner ehelichen Söhne umgebracht wurde, sondern von seinem einzigen unehelichen Sohn, dem Bastarden Smerdjakow. Diese Enthüllung ist für jeden eine Überraschung, den Leser eingeschlossen, aber für niemanden mehr als für Iwan.

Seit vielen Jahren nämlich ist der groteske Smerdjakow Jünger des Nihilisten Iwan. Iwan hat ihn gelehrt, dass es Gerechtigkeit oder Wahrheit in der Welt weder gibt noch geben kann; ja, da Gott tot ist, ist alles erlaubt. Für Iwan ist Nietzsches Sicht der Moral als rein relativ und von Menschen gemacht nicht viel mehr als ein intellektuelles Spiel. Allerdings verspürt er Angst darüber, sieht aber keine Notwendigkeit, seine akademischen Theorien in die Tat umzusetzen.

Ganz anders Smerdjakow. Dieser vergöttert seinen Halbbruder, nimmt Iwans Worte als reine Wahrheit an und konstruiert darum herum eine eigene verdrehte Weltsicht. Wenn Iwan Recht hat und die Moral rein relativ ist, warum sollte sich Smerdjakow dann nicht genauso benehmen wie Raskolnikow in Schuld und Sühne? Das heißt: warum sollte er nicht ein Verbrechen rein um des Verbrechens willen begehen? Wenn er durch keinen moralischen oder ethischen Kodex gebunden ist, was soll ihn daran hindern, seinen verhassten Vater zu töten?

Beim Lesen von Die Brüder Karamasow wird der moderne Nietzscheaner wohl den Schluss ziehen, dass Smerdjakow Iwans Nihilismus entstellt und pervertiert hat, und sich damit trösten. Aber so nimmt Iwan Smerdjakows stolzes, reueloses Geständnis, wie und warum er seinen Vater getötet hat, nicht auf. Iwan erkennt, dass seine Theorien nicht bloß fehlerhaft, sondern falsch, böse und inhärent destruktiv sind.

Dostojewski zwingt Iwan, den Früchten seines Glaubens ins Auge zu sehen, zu erkennen, wie ein wahrer Übermensch aussieht – nicht schön, tragisch und edel (wie Napoleon in seinem Exil), sondern niedrig, gemein und grotesk. Aufgrund dieser Selbsterkenntnis schwört Iwan seinem Atheismus ab und wird Anhänger des Gottes, den er einmal abgelehnt hatte. Ideen haben anscheinend doch Folgen.

Nicht gegen Täuschungen gefeit

Unser Zeitalter mag sich als radikal demokratisch empfinden, aber wir sind nicht gegen die Täuschungen des rhetorischen Betrugs und der utopischen Versprechen des Übermenschen gefeit. Mehr noch: wir sind auch nicht dagegen gefeit, selbst welche zu werden. Seien wir also vorsichtig, und achten wir auf die Warnungen von Dostojewski, der hellsichtig genug war, die Gefahren hinter einer Theorie zu erkennen, die Nietzsche bald darlegen sollte.

Aus jedem von uns versucht ein selbstzufriedener, kleinlicher, nachtragender Raskolnikow oder Smerdjakow herauszubrechen.