Acht wesentliche Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten
Fragt man heute einen überzeugten Protestanten, was die größte Gefahr für das rechtgläubige Christentum darstellt, nennt dieser vielleicht kulturelle Feindseligkeiten, die sexuelle Revolution oder den Nominalismus in unseren Kirchen. Hätte man einem Protestanten vor hundert Jahren dieselbe Frage gestellt, hätte er ganz sicher die römisch-katholische Kirche erwähnt. Bis vor nicht allzu langer Zeit waren Protestanten und Katholiken, wenn sie auch keine Feinde waren, doch Angehörige gegensätzlicher Lager.
Heute ist die Diskrepanz zwischen diesen beiden Lagern größtenteils verschwunden. Die Annäherung zwischen Protestanten und Katholiken war weitgehend positiv: Protestanten und Katholiken kämpfen an derselben Front, wenn es darum geht, ungeborenes Leben zu schützen, die Ehe zu wahren und für Religionsfreiheit einzutreten. In einer Zeit, in der die Bedeutung der Lehre gering geachtet wird, haben evangelikale Protestanten theologisch oft mehr mit frommen, in der historischen Orthodoxie verwurzelten Katholiken gemeinsam als mit liberalen Mitgliedern ihrer eigenen Konfession. Ich persönlich habe immer wieder von katholischen Autoren wie G. K. Chesterton, Richard John Neuhaus und Robert George profitiert.
Und doch sind die theologischen Unterschiede zwischen Protestanten und Katholiken immer noch groß und an manchen Stellen sehr tief. Es ist wichtig, mit einigen Hauptthemen vertraut zu sein, die uns zu Recht trennen, damit wir nicht glauben, alle theologischen Hügel seien eingeebnet und alle dogmatischen Täler zu einer Ebene geworden.
Daher wollen wir uns mit acht zentralen Themen beschäftigen, die Katholiken und Protestanten nach wie vor trennen. Natürlich gibt es Katholiken, die nicht glauben (oder wissen), was die römisch-katholische Kirche offiziell lehrt. Wenn wir jedoch versuchen, die offiziellen kirchlichen Lehren zu verstehen, können wir uns ein gutes Bild davon machen, woran Katholiken glauben sollen und inwiefern sich diese Lehren von den traditionellen protestantischen Überzeugungen unterscheiden.
Die Kirche
Seit dem II. Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche ihre Stellung gegenüber den Protestanten gelockert und nennt sie „entfremdete Brüder“. Um jedoch ein vollständiges Mitglied der Kirche zu sein, muss man in das römisch-katholische System der Sakramente und Ordnungen eingebunden und der Autorität des Papstes unterstellt sein. „Jene werden der Gemeinschaft der Kirche voll eingegliedert, die … ihre ganze Ordnung und alle in ihr eingerichteten Mittel zum Heil annehmen und sich in ihrem sichtbaren Gefüge mit Christus, der sie durch den Papst und die Bischöfe leitet, verbinden, nämlich durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft.“[1]
Außerdem gilt der Papst als unfehlbar, wenn er ex cathedra (vom Lehrstuhl aus) spricht, d. h., wenn er offizielle lehrmäßige Entscheidungen verkündet.
Die katholische Kirche kennt zudem sieben Sakramente anstatt zwei – die Eucharistie (bzw. das Abendmahl) und Taufe wie die Protestanten, darüber hinaus die Buße, Weihe, Ehe, Firmung und Letzte Ölung.
Heilige Schrift
Der Kanon der Katholiken ist größer. Er enthält zu den 66 Büchern der protestantischen Bibel zusätzlich die Apokryphen mit Büchern wie Tobit, Judith, 1. und 2. Makkabäer, Sirach und Baruch. Die katholische Lehre misst der Tradition mehr Bedeutung zu als die protestantische. Gewiss leiden viele Evangelikale darunter, dass sie die Tradition und Weisheit der Vergangenheit ignorieren. Doch die katholische Theologie geht über das bloße Respektieren der Vergangenheit hinaus – sie sakralisiert sie. „Daher sind beide [Heilige Schrift und Tradition] mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit und der gleichen Ehrfurcht anzunehmen und zu verehren.“[2]
Ebenso besitzt das kirchliche Lehramt die Autorität, endgültige Auslegungen festzulegen: „‚Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes authentisch auszulegen, ist allein dem lebendigen Lehramt der Kirche‘ - das heißt den Bischöfen in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri, dem Bischof von Rom - ‚anvertraut‘“[3]. Die Frage der Autorität ist nach wie vor die größte praktische Trennlinie zwischen Protestanten und Katholiken.
Abendmahl
Die Messe (der Gottesdienst) ist zentral für den katholischen Glauben. Hier steht die Feier der Eucharistie im Mittelpunkt. Katholiken glauben, dass Brot und Wein wirklich in Leib und Blut Christi verwandelt werden. Diese Verwandlung wird auch Transsubstantiation genannt.
Die Elemente Brot und Wein werden als Opfer der Kirche und als Opfer des Werkes Christi am Kreuz dargebracht. Hier geht es nicht nur um das Gedächtnis des Opfers Christi, sondern um dasselbe sühnende Werk: „Das Opfer Christi und das Opfer der Eucharistie sind ein einziges Opfer: ‚Denn die Opfergabe ist ein und dieselbe; derselbe, der sich selbst damals am Kreuze opferte, opfert jetzt durch den Dienst der Priester … dieses Opfer [ist] wahrhaft ein Sühneopfer.‘“[4]
Taufe
Katholiken lehren, dass „die Rechtfertigung … durch die Taufe, das Sakrament des Glaubens, gewährt“[5] wird. Das Wasser der Taufe wäscht die Erbsünde weg und verbindet mit Christus. Die Taufe ist nach katholischem Verständnis somit nicht einfach ein Zeichen und Siegel der Gnade, sondern verleiht tatsächlich selbst die rettende Gnade.
Maria
Entsprechend der römisch-katholischen Lehre ist Maria nicht nur die Mutter von Jesus, sondern auch die Mutter der Kirche. Sie hatte keine Erbsünde (unbefleckte Empfängnis) und wurde nach Vollendung des irdischen Lebenslaufs „mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht“[6] (Himmelfahrt). Sie tritt betend für die Kirche ein, um „uns die Gaben des ewigen Heils zu verschaffen“[7] und ist „uns in der Ordnung der Gnade Mutter.“[8]
Maria war mehr als nur die gläubige Mutter Jesu: „Die selige Jungfrau [wird] in der Kirche unter den Titeln der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen.“[9]
Fegefeuer
Katholiken lehren auch, dass diejenigen, die in der Gnade Gottes sterben, aber noch nicht völlig rein sind, sich zwar des ewigen Lebens sicher sein können, aber eine Reinigung durch das Fegefeuer durchlaufen müssen. Aufgrund von diesem Zwischenzustand hat die römisch-katholische Kirche die Lehre vom Gebet für die Toten eingeführt. „Die Kirche empfiehlt auch Almosen, Ablässe und Bußwerke zugunsten der Verstorbenen.“[10]
Im Hinblick auf die Erlösung von Menschen, die das Evangelium nicht gehört haben, bekennt sich der Katholische Katechismus zum Inklusivismus: „Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott jedoch aufrichtigen Herzens sucht und seinen durch den Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in den Taten zu erfüllen versucht, kann das ewige Heil erlangen.“[11]
Verdienst
Es ist nicht richtig, zu behaupten: „Katholiken lehren, dass man sich das Heil verdienen kann.“ Das mögen zwar viele Katholiken glauben, doch die offizielle Lehrmeinung ist differenzierter, wenn auch immer noch weit entfernt vom reformatorischen Verständnis des sola gratia. Der Katechismus fasst zusammen: „Da in der Ordnung der Gnade das erste Handeln Gott zukommt, kann niemand die erste Gnade verdienen, aus der die Bekehrung, die Vergebung und die Rechtfertigung hervorgehen. Erst vom Heiligen Geist und der Liebe dazu angetrieben, können wir uns selbst und anderen die Gnaden verdienen, die zu unserer Heiligung, zum Wachstum der Gnade und der Liebe sowie zum Erlangen des ewigen Lebens beitragen.“[12]
Rechtfertigung
Die katholische Lehre lehnt das protestantische Verständnis der zugerechneten Gerechtigkeit ab. Die Frage lautet: Ist die Gerechtigkeit, durch die uns vergeben wird und wir mit Gott versöhnt werden, eine in uns wirkende Gerechtigkeit oder eine uns angerechnete Gerechtigkeit? Katholiken vertreten Ersteres, Protestanten Letzteres. Der katholischen Lehre zufolge geht es bei der Rechtfertigung um mehr, als dass uns Gott aufgrund des Werkes Christi für gerecht erklärt. Rechtfertigung ist hier auch eine Erneuerung des inneren Menschen und die Versöhnung mit Gott. Natürlich sind das gute Dinge, aber der Katholizismus behauptet, diese seien in und durch Rechtfertigung zu erreichen und nicht durch Glauben allein.
Das Konzil von Trient, das im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation stattfand, hält fest: „Wer sagt, die Menschen würden entweder allein durch die Anrechnung der Gerechtigkeit Christi oder allein durch die Vergebung der Sünden ohne die Gnade und Liebe gerechtfertigt, die in ihren Herzen durch den Heiligen Geist ausgegossen wird und ihnen einwohnt; oder auch, die Gnade, durch die wir gerechtfertigt werden, sei nur die Gunst Gottes: der sei mit dem Anathema [Kirchenbann] belegt.“ Zwar mögen einzelne Protestanten und Katholiken daran arbeiten, eine gemeinsame Grundlage in der Frage der Rechtfertigung zu finden, doch steht die offizielle Lehre der römisch-katholischen Kirche nach wie vor jeder Vorstellung einer durch den Glauben allein zugerechneten Gerechtigkeit entgegen.
Fazit
Sollten Katholiken und Protestanten einander anständig und respektvoll behandeln? Natürlich. Werden wir in wichtigen moralischen und sozialen Fragen zusammenarbeiten? Oft. Kann man wiedergeborene Christen finden, die in katholischen Kirchen Gottesdienst feiern? Da bin ich mir sicher. Aber sind dogmatische Unterschiede zwischen Protestanten und Katholiken deshalb vernachlässigbar? Kaum. Sie bestehen nach wie vor und spielen immer noch eine Rolle.
„Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit.“ (Joh 17,17)
1 Römisch-katholische Kirche, Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), Vatikanstadt: Libreria Editrice Vaticana, 1997, Art. 837.
2 KKK 82
3 KKK 85
4 KKK 1367
5 KKK 1992
6 KKK 966
7 KKK 969
8 KKK 968
9 KKK 969
10 KKK 1032
11 KKK 847
12 KKK 2010
13 Konzil von Trient, Dekret über die Rechtfertigung, 6. Sitzung, 13. Januar 1547, Kan. 11.